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Bilanz

Zwischen Ideal und Irrweg — Inklusion im Schulalltag

„Was mache ich nur mit diesen drei Schülern? Sie können oder wollen nicht mitmachen und lassen sich nicht in die Klasse integrieren. Es ist sehr anstrengend, mich um diese so schwierigen Schüler zu kümmern und gleichzeitig die anderen angemessen zu unterrichten.“ 

Bilanz: Zwischen Ideal und Irrweg — Inklusion im Schulalltag Ein Ideal, das sich bisher nicht durchgängig realisieren lässt: zwei Lehrer gleichzeitig in der Klasse © contrastwerkstatt - Fotolia.com

— Kommentare, die man fast täglich im Gespräch mit Lehrerkollegen hören kann. Stark belastete Lehrer, überfüllte Klassen und eine schwierige Lernausgangslage für Schüler und Lehrer. Die Inklusionsentwicklung hat, trotz Vorankündigungen, viele Kollegen überrascht, überrumpelt und nicht zuletzt auch überfordert.

„Damit alle Menschen mit ihren Stärken, Schwächen, Besonderheiten, Fähigkeiten und Bedürfnissen akzeptiert und gefördert werden, setzt sich die Aktion Mensch für Inklusion in der Bildung ein — sowohl im schulischen als auch im außerschulischen Bereich. Denn soziale Bildung beginnt bereits vor der Schulzeit in den Kindergärten. Früh wird durch Inklusion der Grundstein für spätere Erfahrungen in Schule, Ausbildung und Universität gelegt.“ Das sind wunderbare Worte, die man unbedingt bejahen und sofort umsetzen möchte. An dieser Stelle drängen sich jedoch folgende Fragen auf, bezogen auf die Ziele, die inklusive Beschulung bewirken soll:

  • Haben Jugendliche, die mit einem sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf in den Bereichen geistige Entwicklung, emotional-sozial Entwicklung oder mit dem Schwerpunkt Lernen  größere Aussichten auf einen Arbeitsplatz im freien Arbeitsmarkt, wenn sie an einer Regelschule gefördert wurden?
  • Können sie dadurch ihr eigenes Leben besser kontrollieren und geraten weniger in Abhängigkeit von anderen?
  • Können sie durch die Beschulung an einer Regelschule selbst über ihre Lebensführung entscheiden?

Diesen Fragen müssen wir uns stellen, wenn wir dem Anspruch nach einer sinnvollen inklusiven Schulbildung, die durch das UN-Menschrechtsabkommen von den Politikern gefordert wird, genügen wollen. Aber kann man alle gesellschaftlichen Forderungen auf die Schulen verteilen?

Sicher gibt es mittlerweile wunderbare Projekte, die zeigen, dass behinderte und nichtbehinderte Schüler zusammen arbeiten und unterrichtet werden können. Man findet sehr gute Vorschläge zum Beispiel bei der Stiftung Bildung und Gesellschaft, die jährlich den PR1MUS-Preis für gelungene Projekte vergibt.

Im Schulalltag fehlt häufig die Zeit für spezielle Förderung

Die Projektarbeit ist, vor allem auch in den Grundschulen, äußerst wichtig und fördert viele Schlüsselkompetenzen, die die Schüler für ihr Leben brauchen. Doch der Unterrichtsalltag verlangt auch die Vermittlung des Lernstoffes unter Einhaltung des Lehrplanes (besonders in den Hauptfächern), mit dem Ziel, dass die Schüler am Ende jedes Schuljahres das Leistungsziel erreicht haben müssen. Daher fehlt oftmals die Zeit im Stundenplan, mehr Platz für den Unterricht von Kommunikation, Sozialverhalten und emotionaler Förderung einzurichten. Im besonderen Maße in der Grund-und Gesamtschule.

Lehrkräfte sind gezwungen, tagtäglich Lösungen für soziale, kulturelle, sprachliche, theoretische und praktische Probleme zu suchen und zu finden. Dabei vollbringen sie, neben der Wissensvermittlung, oftmals pädagogische Höchstleistungen.

Positive Einstellung hilft bei der Bewältigung von Problemen

Doch mit der Frage, ob man die Umsetzung der Inklusion in den Schulen als ideal oder Irrweg bewertet, kommen Pädagogen und alle anderen Fachkräfte nicht weiter. Die Inklusionsentwicklung hat uns nun mal auch in Deutschland erreicht, wenngleich sich noch Vieles im Aufbau befindet und Lehrkräfte diese schwere Aufgabe täglich meistern müssen.

Vielleicht hilft da ein wenig die Einstellung von Reinhard Stähling, die Ada Fuest zitiert: „Du gehörst hierhin, auf dich haben wir gewartet“ (Ada Fuest: Und in der Mitte das Kind - Praxiswege einer kindorientierten Grundschularbeit, Baltmannsweiler 2008, S. 203) So heißt eine Schule jedes Kind willkommen, egal aus welcher Kultur, mit welchen Problemen und Lernvoraussetzungen und mit welcher Religion – dies heißt allerdings nicht, dass der Schulalltag damit einfacher wird. Eine positive, innere Einstellung kann jedoch vieles erleichtern.

Überlastung der Klassenlehrer

An einem Beispiel einer Schule in NRW zeigt sich, wie schwierig der Alltag oft ist. In der Klasse 2 einer Grundschule, einer sogenannten Schwerpunktschule, werden 23 Kinder unterrichtet, davon fünf Schüler mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf. Eine Förderschullehrerin kann, entsprechend ihres Stundenkontingents, die Klasse mit vier Stunden pro Woche unterstützen. Innerhalb ihres Stundenplanes ist es möglich, zwei Stunden pro Woche die Schüler mit Unterstützungsbedarf (aus den Bereichen ES, LE, GG) gleichzeitig aus der Klasse zu nehmen und in einer Kleingruppe gemeinsam differenziert zu fördern. Unter anderem auch, da diese Schüler aufgrund ihrer enormen Konzentrationsschwächen und ihres Störungspotenzials in kleinen Gruppen besser arbeiten können. In den anderen zwei Stunden in der Woche kann sie im Rahmen des Klassenunterrichts spezielle, differenzierte (nach Förderbedarf getrennte) Aufgaben anbieten, um die Kinder im Mathe- oder Deutschunterricht separat zu fördern bzw. unterstützen, damit sie am Klassenunterricht mit Lehrerunterstützung teilnehmen können.

Bei 23 Wochenpflichtstunden (in NRW 2. Klasse) der Schüler bleiben noch 19 Stunden, in denen die Klassenlehrerin allein den jeweiligen Lernstoff vermitteln. Für jedes Kind mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf muss sie differenzierte Aufgaben verteilen, Lösungsstrategien für Konflikte im Unterricht finden, verschiedene Lernorte im Schulgebäude überwachen (die Kinder üben im Flur, im Nebenraum, etc.). das Stundenziel im Auge behalten, die leistungsstarken Schüler speziell fördern, Gruppen- und Partnerarbeiten anbieten, viele interessante Medien einsetzen und auf alle Befindlichkeiten der Schüler eingehen — und das in jeder Stunde. Dies ist zurzeit noch die Situation in vielen Schulen — bundesweit. Nicht zu vergessen, dass gemeinsames Lernen auch für die leistungsstarken Schüler eine Bereicherung sein muss, die ebenso spezielle Fördermaßnahmen erhalten sollten.
Die Bedingungen müssen sich verbessern

Inklusiv in einer Schule arbeiten zu können, fordert gleichzeitig, ein Repertoire an Maßnahmen, Methoden und Lösungsstrategien zu haben und zugleich auch ausreichend gutes Material, genügend Räume und vor allem Personal einsetzen zu können. Das alles wissen Lehrer längst, die versuchen, inklusiv zu unterrichten — auch ohne die dafür erforderlichen Voraussetzungen. Daher ist es besonders wichtig, mit anderen Schulen zusammenzuarbeiten, sich strukturierte Pläne und Vorhaben einzurichten, interdisziplinäre Zusammenarbeit (mit Therapiezentren, Jugendämtern, Ärzten, anderen Schulen, SPZ, etc.) voranzutreiben und vor allem Transparenz innerhalb und außerhalb der Schule zu leben.

Derzeit ist es noch schwierig, Inklusion als ideales Bildungsprinzip zu erfahren und wir Pädagogen (ver-)irren uns zum Teil noch – ziemlich alleingelassen — auf den Wegen einer erfolgreichen, inklusiven  Bildungspolitik. Doch es besteht die Hoffnung, dass Inklusion in den Schulen mit viel Unterstützung — finanziell, personell und ausbildungsmäßig — sich so weiterentwickeln kann, dass es Schüler und Lehrer gleichermaßen nach vorne bringt und die erforderlichen Leistungsziele jedes Einzelnen erreicht werden können. Denn: Gemeinsames Lernen soll allen Spaß machen. Nicht zuletzt brauchen auch die Lehrkräfte viel Unterstützung und Motivation, diese schwere Aufgabe zu meistern. Es ist noch ein weiter Weg.

Angela Hentschel

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