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Rassismus

Antisemitismus: wann und wie einschreiten?

Lehrer sind zu Recht schockiert, wenn in der Schule das Wort „Jude“ als Beleidigung benutzt wird. Antisemitische Kommunikation ist in keinem Fall akzeptabel. Pädagogische Reaktionen sollten aber wohl überlegt sein. Welche Gründe haben die antisemitischen Äußerungen? Wollen die Schüler tatsächlich jemanden diskriminieren oder wird unüberlegt nachgeplappert?

Rassismus: Antisemitismus: wann und wie einschreiten? Spätestens wenn antisemitische Äußerungen einen verfestigten ideologischen Hintergrund bei Schülern haben, müssen Lehrer eingreifen © iStockphoto.com/1MoreCreative

Nicht jedes auf dem Pausenhof ausgerufene „Du Jude!“ muss ein  antisemitisches Weltbild anzeigen. Akzeptabel ist der Zuruf keinesfalls, verknüpft er doch eine abwertend gemeinte, ethnische Kollektivzuschreibung mit der Idee des Jüdischen und leistet einer schleichenden Akzeptanz antisemitischer Stereotype in der Öffentlichkeit Vorschub. Häufig fällt der antisemitische Zuruf in Gruppen, in denen Benennungen wie „du Russe“, „du Schwuchtel“ zum alltäglichen Reservoir maskuliner Selbstbehauptung gehören: eine Strategie, die wegen der Differenzwahrnehmung und kollektiven Entwertung generell mit dem Schülern diskutiert werden muss.

Kommt der antisemitischen Kommunikation tatsächlich keine herausragende Bedeutung zu, scheint es wenig sinnvoll, einen pädagogischen Dialog auf das Phänomen des Antisemitismus aufzubauen. Es bietet sich vielmehr an, das Thema in eine Diskussion um aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Formen der Diskriminierung einzubetten. Die Jugendlichen sollten dazu befähigt werden, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und sich selbst zu reflektieren. Das bedeutet auch, ihren eigenen Diskriminierungserfahrungen Raum zu geben.

Bildungsarbeit und Fortbildung sind notwendig

Anders verhält es sich, wenn gewollter oder ungewollter Antisemitismus tatsächlich als Bestandteil einer verfestigten und weitgehend geschlossenen Ideologie sichtbar wird oder antisemitische Meinungsäußerungen provoziert. Diese Situation erfordert besondere pädagogische Bildungsarbeit, die auf den entsprechenden Kontext zugeschnitten sind: Treten die antisemitischen Meinungen innerhalb eines rechtsextremen, islamistischen oder nationalistischen Weltbilds auf? Sind judenfeindliche Positionen eingebunden in antiimperialistische oder israelkritische Positionen? Sind sie Bestandteil einer unspezifischen, generellen Fremdenfeindlichkeit?

Links zum Thema:

Was sind die Herausforderungen einer Pädagogik gegen Antisemitismus? Informationen dazu sind auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung einsehbar.

Rechtsextreme, antisemitische Inhalte werden etwa über Musik oder durch das Internet verbreitet. Häufige Vektoren für Antisemitismus sind auch Kritik an Israel und das Thema Nahostkonflikt, aber auch Kritik an der Globalisierung oder an der Erinnerung an den Holocaust. Wie man Antisemitismus erkennt, beschreibt zum Beispiel die Historikerin Juliane Wetzel, Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung.

Für die konkrete Bildungsarbeit gegen Antisemitismus empfehlen Experten unbedingt, sich fortzubilden. Aber auch nicht explizit qualifizierte Lehrkräfte sind angehalten, auf antisemitische Äußerungen zu reagieren. Dafür geben die Diskriminierungsforscher Albert Scherr und Barbara Schäuble in ihrer Publikation für die Amadeu-Antoinio-Stiftung einige Empfehlungen: Antisemitische Äußerungen können den Wunsch erzeugen, dagegen anzukämpfen, ihre Träger als Antisemiten zu entlarven. Es ist aber gerade eine moralisierende, konfrontative Vorgehensweise, die mögliche Lernprozesse verhindert, betonen Scherr und Schäuble. Ihnen zufolge sollte jedes Kind im Dialog die Chance bekommen, seine bewusste oder unbewusste antisemitische Meinung zu ändern.

Prinzipien zur pädagogischen Intervention

Für die pädagogische Intervention empfehlen die Wissenschaftler einige Prinzipien, hier in einer Auswahl und verkürzt wiedergegeben:

1. Antisemitismus nicht als Eigenschaft, sondern als Lerngegenstand betrachten: Jugendliche nicht als (potenzielle) Antisemiten adressieren, sondern prinzipielle Bereitschaft und das Interesse unterstellen, Antisemitismus abzulehnen

2. Antisemitismus für Jugendliche als Vorurteil/Ideologie erkennbar machen

3. Dialogische Prozesse nicht mit ergebnisoffenem „anything goes“ verwechseln. Alle Meinungen und Positionen prinzipiell zulassen, gleichzeitig deutlich machen, welche Verhaltensweisen, Sichtweisen und Bewertungen nicht akzeptiert werden können - selbst wenn sie als vermeintlich logische Konsequenz vor dem eigenen Erfahrungshintergrund erscheinen

4. Antisemitismus nicht primär historisch und moralisch diskutieren, sondern aktuelle politische Fragen in den Vordergrund stellen

5. Antisemitismus ist keine Reaktion auf Verhaltensweisen von Juden. Deshalb beim Thema nicht die vermeintlichen Eigenschaften von Juden ins Zentrum stellen, sondern antisemitische Ideologien und die Gründe derer, die sie vertreten

Angelika Calmez


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