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Spracherwerb

DaZ-Unterricht: Wenn Kinder bei Null anfangen

Wenn Kinder in die Schule kommen, die kein Deutsch sprechen, sind viele Lehrkräfte ratlos. Neue Ideen und Kooperationsbereitschaft sind gefragt, um diese Schüler zu motivieren, in die deutsche Sprache einzutauchen und sich darin langsam freizuschwimmen.

Spracherwerb: DaZ-Unterricht: Wenn Kinder bei Null anfangen Für die Schüler ist es wichtig, schnell Deutsch zu lernen, um auch aktiver Teil der Klassengemeinschaft zu werden © Rido - stock.adobe.com

„Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Kind, das kaum Deutsch spricht und versteht, hat auf einer Grundschule noch nichts zu suchen“, sagte Carsten Linnemann am 6.08.2019 im Gespräch mit der Rheinischen Post. Hier müsse „eine Vorschulpflicht greifen“, und notfalls müsse die „Einschulung auch zurückgestellt werden“. Für diese Äußerung erntete der CDU-Politiker viel Kritik. Der Hamburger Senator für Schule und Berufsbildung Ties Rabe (SPD) hält das „wirklich für groben Unfug“: „Wo sollen sie [Anm.: die Kinder] denn Deutsch lernen, wenn nicht in der Schule selbst?“, fragte er im Interview mit dem ARD-Morgenmagazin am 7.08.2019.

Doch in den meisten Grundschulen fehlt es an Ressourcen, um Kinder mit keinen oder geringen Deutschkenntnissen angemessen fördern zu können. Trotzdem sitzen die Kinder in Ihrem Unterricht, und Sie als Lehrkraft machen täglich das Beste daraus. Die folgenden Tipps und Anregungen helfen Ihnen dabei.

Bei der Sprachförderung alle Register ziehen

Hamburg ist derzeit (Stand Dezember 2019) das einzige Bundesland mit Vorschulpflicht für Kinder mit Sprachdefiziten. Doch die Sprachförderung reicht auch hier „nicht aus, um die Lücken zu schließen“, sagt Grundschullehrerin Tanja Mohr von der Hamburger Grundschule Großlohering in einem Interview auf der Website „schlaumaeuse.de“.

An ihrer Schule haben rund 85 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund und sprechen „zuhause überwiegend in ihrer Herkunftssprache“. Dazu gibt es noch „eine Vielzahl deutscher Kinder, die sich nur schlecht artikulieren können“. (ebd.) — Für die Lehrkräfte an der Schule ist das eine große Herausforderung, die sie mit viel Engagement zu meistern versuchen: Sie verankern feste Lesestunden im Stundenplan, organisieren ehrenamtliche Lesementoren und kaufen sogar auf Flohmärkten „gute Kinderbücher“ für die „Büchereien“ in ihren Klassenräumen (ebd.), die sie aus eigener Tasche bezahlen.

Bei einem kleinen Brainstorming im Kollegium lassen sich sicherlich auch viele gute Ideen für Projekte finden, bei denen die Kinder der Klasse kooperieren und gemeinsame Aufgaben lösen. Denn die deutsche Sprache erwerben Kinder am besten „auf natürlichem Weg“ durch Hören und Sprechen mit anderen Kindern. Auch das gemeinsame Lernen mit Gleichaltrigen im schulischen Ganztag ist unbedingt sinnvoll und sollte bei offenen Ganztageseinrichtungen nicht an finanziellen Hürden scheitern. Hier brauchen Eltern mit schlechten Deutschkenntnissen womöglich Beratung und Unterstützung, um Gelder bei Behörden zu beantragen. — Ein Projekt für den Elternbeirat?

Zusammenarbeit mit vorschulischen Einrichtungen und Eltern

Empfehlenswert ist zudem eine frühzeitige Kooperation mit vorschulischen Einrichtungen im Schulsprengel, denn je jünger die Kinder sind, desto leichter fällt es ihnen, eine zweite Sprache zu lernen. In der Hamburger Schule von Tanja Mohr werden die Vorschulkinder bereits in der Schule unterrichtet. Einmal pro Woche dürfen auch die Eltern oder andere Familienmitglieder mitkommen: In der ersten Stunde sehen sie sich gemeinsam mit ihren Kindern Bilderbücher an und sprechen darüber. Daran schließt sich eine Elternstunde „mit einer geschulten Sprachpädagogin“ (ebd.) an, die Fragen beantwortet und für die Eltern Materialien vorbereitet, mit denen sie ihr Kind auch zu Hause fördern können. — Was allerdings nur funktioniert, wenn die Eltern selbst genügend deutsche Sprachkenntnisse besitzen.
In der niedersächsischen Grundschule Lüne ermitteln die Deutschlehrer den individuellen Sprachlernstand jedes Kindes bei der Schulanmeldung. Falls Förderbedarf besteht, bekommen die Kinder dann im letzten Kindergartenjahr vor Schuleintritt eine vorschulische Sprachförderung durch ihre Erzieher. Diese dokumentieren die individuelle Lernentwicklung mit einem Portfolio und mit einem Beobachtungsbogen, den ihnen die Schule zur Verfügung stellt, und der sich auch in dem ausführlichen DaZ-Konzept der Grundschule in Lüne findet (S. 25). — Dieses Konzept enthält übrigens auch detaillierte Lernziele für alle Jahrgangsstufen sowie methodisch-didaktische Hinweise. Es liefert viele gute Anregungen für eine systematische Sprachförderung.

Einfache Regeln zur Sprachförderung unterstützen Lehrer wie Schüler

Manche Lehrkräfte fühlen sich verunsichert oder überfordert, wenn sie plötzlich Kinder ohne Deutschkenntnisse integrieren und sprachlich fördern müssen. Das beobachten Prof. Dr. Ute Ritterfeld und Dr. Sandra Niebuhr-Siebert von der TU Dortmund immer wieder. Mit ihren 13 goldenen Regeln zur Sprachförderung von Kindern ohne Deutschkenntnisse möchten die beiden Sprachwissenschaftlerinnen gestresste Pädagogen entlasten.

Gleich die ersten drei Regeln räumen mit den häufigsten Lehrerbefürchtungen auf und nehmen viel Druck heraus:

  • „Sie sind nicht alleine“, heißt es da, und es werden auch keine „Wunder verlangt“, sondern ein „Beitrag (...), den betroffenen Kindern zu ihrem Recht auf Schulbildung zu verhelfen“.
  • „Die Hauptarbeit leisten die Kinder.“ Die Lehrkraft unterstützt sie nur mit möglichst passenden und attraktiven Lernangeboten.
  • „Die Kinder können die deutsche Sprache lernen“, und zwar auch dann, wenn sie bereits im Schulalter sind oder wenn in der Familie gar nicht Deutsch gesprochen wird.

Weitere Regeln erläutern in einfachen Worten, wie die Kinder am besten lernen: einfach nur durch Hören und Sprechen und durch die Teilnahme am Unterricht. Dabei lernen sie dann gezielt die Wörter, die sie brauchen, um eine Aufgabe zu bewältigen.

Die Lehrkraft versucht, möglichst viele nonverbale Hilfen anzubieten: Sie zeigt auf die Dinge, über die sie spricht und nutzt „konkrete Objekte, Gesten, Bilder oder Videos“. Überhaupt heißt das „Zauberwort Immersion“, betonen die Autorinnen, denn wenn „das Kind in die deutsche Sprache eintauchen und darin baden“ kann, lernt es praktisch von selbst.

Die letzte und vielleicht wichtigste Regel lautet übrigens: „Haben Sie Geduld und Spaß!“ Denn wenn die Kinder in ihrem eigenen Tempo und ohne Druck lernen dürfen, erleben sie „den Erwerb der deutschen Sprache positiv“, und das ist die beste Motivation beim Lernen.

Martina Niekrawietz

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