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Integrationspolitik

Diversität statt Integration: „Institutionen müssen sich ändern“

Kaum ein anderes politisches Thema wird so heiß diskutiert wie die Integration von Zuwanderern. Aber was man in Deutschland unter „Integration“ versteht, zielt eigentlich auf Desintegration, kritisiert der Sozialwissenschaftler Erol Yildiz. Er fordert den Umbau von Unternehmen, Schulen und Behörden nach dem Konzept der Diversität.
 

Integrationspolitik: Diversität statt Integration: „Institutionen müssen sich ändern“ Vielfalt sollte als Lernvoraussetzung betrachtet werden, meint Erol Yildiz © iStockphoto.com/CEFutcher

Migration ist keine Modeerscheinung. Ins heutige Deutschland kamen Ende des 19. Jahrhunderts die so genannten „Ruhrpolen“, in den 1960er-Jahren die „Gastarbeiter“. Wie hat Deutschland diese Menschen integriert?

Erol Yildiz: Bestimmte Gruppen, etwa die der Gastarbeiter, haben sich sozusagen „auf eigene Rechnung“ integriert. Man muss fast sagen trotz der Politik, denn historisch gesehen hat Deutschland immer eine Desintegrationspolitik betrieben.
In den klassischen Einwanderungsländern wie in Kanada oder Schweden haben Einwanderer automatisch alle Bürgerrechte bekommen und damit auch potentiell Zugang zu allen gesellschaftlichen Ressourcen. Das ist die Ebene, auf der es Sinn macht, über Integration zu sprechen.

Die Ausländerpolitik in den 1970-er Jahren zeigt doch, dass man auch in Deutschland die Notwendigkeit gesehen hat, Menschen eine Teilhabe zu schaffen.

Erol Yildiz: Die damalige Integrationspolitik suggerierte, es gehe um den Zugang der Migranten zu Ressourcen. Tatsächlich wurden die sozialen Probleme praktisch nur unter ethnischen und kulturellen Vorzeichen diskutiert. Die Defizite ausländischer Kinder hat man schon damals auf mangelnde Deutschkenntnisse oder kulturelle Eigenarten reduziert. Das Ergebnis war nicht Integration, sondern Desintegration.

Deutschland hat ja inzwischen anerkannt, dass es ein Einwanderungsland ist.

Erol Yildiz: Jedes sechste Kind mit deutscher Staatsangehörigkeit hat mindestens eine weitere Staatsangehörigkeit. Migranten und deren Nachkommen leisten wichtige ökonomische, soziale und kulturelle Beiträge. Aber diese werden in Politik und Medien kaum thematisiert. Der Ausgangspunkt der Integrationspolitik ist eine stillschweigend vorausgesetzte „einheimische Normalität“. Worin diese besteht, darüber gibt es gar keine Diskussion.

Welche Auswirkungen hat das auf die heutige Integrationspolitik?

Erol Yildiz: Schauen Sie sich doch einmal den aktuellen „Nationalen Integrationsplan“ an. Dort werden Probleme aus ethnisch-nationaler Perspektive diskutiert. Dabei geht es gar nicht um Ethnizität, sondern um Benachteiligung. Schon allein der Begriff „Migrationshintergrund“ sagt wenig über die Situation von Migranten und deren Nachkommen aus. Dass heute Migrantenkinder in den niederen Schulformen überrepräsentiert sind, zeugt von einer verfehlten Politik. Um das Problem zu lösen, brauchen wir dringend eine Umkehr der Perspektive.

Links zum Thema:

Weiterführende Informationen zum Thema bietet der Deutsche Bildungsserver.


Drückt sich eine solche Umkehr nicht etwa durch Initiativen aus, um Schülern mit Migrationshintergrund bessere Bildungschancen einzuräumen?

Erol Yildiz: Wenn man etwa durch Sprachvergleiche im Deutschunterricht die erste Sprache der Kinder zumindest symbolisch aufwertet, ist das auf alle Fälle etwas Positives. Eigentlich bräuchte das Schulsystem aber eine radikale Reform, Vielfalt sollte als Lernvoraussetzung betrachtet werden. Die Kinder dürfen nicht von vornherein in Gruppen aufgeteilt werden. Durch die - ich nenne das mal „Integrationsindustrie“ - schafft man immer neue Differenzen, die real gar nicht existieren.

Können Sie das konkretisieren?

Erol Yildiz: Wir leben in einer Welt, die immer globaler wird. Mobilität stellt eine Schlüsselqualifikation, die Menschen abverlangt wird. Daher ist Mobilität kein migrantisches Phänomen. Anstatt migrationsbedingte  Veränderungen reflexartig als Defizit wahrzunehmen, sollten die Schule und andere gesellschaftliche Institutionen sie positiv anerkennen, neue Ansätze im Umgang mit Migration und Mobilität entwickeln. Wir brauchen Bildungskonzepte, die für Veränderungen offen und sensibel sind. Schulische Bildungsnormalität sollte mit den differenzierten Alltagswirklichkeiten von Kindern korrespondieren.

Sie sprechen von Diversität oder Diversity an der Schule. Worin liegt der Unterschied zum Konzept der Integration?

Erol Yildiz: Bei der „Integration“ steht der Schüler im Mittelpunkt, der aufgrund von etwa sprachlichen Defiziten nicht in die Schule passt. Die Schule selbst bleibt unangetastet, weiter auf eine bestimmte Gruppe ausgerichtet. Bei der „Diversität“ sind es die Institutionen, die sich ändern müssen. Solche ressourcenorientierten Ansätze gibt es bisher nur punktuell.

Immerhin gehören Erwerb und Vermittlung interkultureller Kompetenzen heute zum Ausbildungsplan für Lehrer in einigen Bundesländern.

Erol Yildiz: Ach, wissen Sie: Auch der Begriff „interkulturell“ schafft künstliche Gegensätze und erzeugt künstliche Probleme. Die Lebenswirklichkeiten der betroffenen Menschen kommen in den interkulturell orientierten Konzepten kaum vor. Meistens geht es um Klischees, die man eigentlich überwinden möchte: „Wir“ Einheimischen und die „Anderen“ Migranten. Stattdessen werden solche binäre Gegensätze zementiert. Warum werden zum Beispiel keine interkulturellen Trainingsprogramme für die Migrantenbevölkerung  entwickelt?

Was schlagen Sie also vor?

Erol Yildiz: Wir sollten uns von der binären Denkweise trennen und stattdessen von Individuen mit differenzierten Lebensentwürfen ausgehen. Ohne die Anderen hätten wir weder eine Lebensgeschichte noch eine Zukunft, unsere Biografien sind in sich schon vielfältig. Wir leben von Diversität und wir leben gut damit.

Herr Yildiz, ich danke Ihnen für das Gespräch.


Erol Yildiz wurde 1960 in der Türkei geboren. Der Migrationsforscher wechselte 2008 aus dem Fachbereich Soziologie der Universität Köln zur Abteilung  für Interkulturelle Bildung der Universität Klagenfurt.

Das Interview führte Angelika Calmez.


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