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Ramadan

Falsche Toleranz bei Schülern mit Migrationshintergrund?

Wie geht man um mit fastenden Schülern im Ramadan, wenn deren Gesundheit leidet? Müssen oder sollten Lehrer das tolerieren? Ein paar Denkanstöße zum grundsätzlichen Umgang miteinander.

Ramadan: Falsche Toleranz bei Schülern mit Migrationshintergrund? So schön das gemeinsame Essen abends ist, für die Kinder ist die Zeit des Ramadans sehr belastend © Zurijeta/shutterstock.com

Es ist ein heißer Sommertag, Fenster und Klassenzimmertür sind weit geöffnet. Hitzefrei gibt es an diesem Vormittag nicht. Den Schülern der dritten Klasse macht die Hitze sichtlich zu schaffen. Der Lehrer schont die Kinder und hält sie dazu an, zu essen und vor allem zu trinken. Doch ein Junge schweigt und trinkt nichts, obwohl ihm der Schweiß von der Stirn läuft. „Trink etwas!“, sagt der Lehrer, doch der Junge schaut weg. Der Lehrer weiß warum: Es ist Ramadan und sein muslimischer Schüler fastet.

Eine typische Dilemma-Situation im Umgang mit muslimischen Schülern, die ein kurzer Auszug aus dem Buch „Klartext zur Integration“ des Psychologen Ahmad Mansour schildert: Einerseits möchte der Lehrer die Religionsfreiheit würdigen, sich interkulturell öffnen und die muslimischen Regeln „der anderen“ „tolerieren und akzeptieren“. Andererseits fühlt er sich für die gesundheitliche Unversehrtheit des Jungen verantwortlich. Darf er also den Jungen zum Trinken nötigen? Oder muss er es nicht sogar, um seine Aufsichtspflicht nicht zu verletzen?

Ahmad Mansour gibt — wenn naturgemäß auch nicht eindeutige, so doch richtungweisende — Antworten auf diese und ähnliche Fragen und unterstützt Lehrkräfte dabei, eine klare Haltung im Umgang mit muslimischen Schülern zu finden.

Falsche Rücksichten und Schutzimpulse

Oft ist es die Angst, islamophob, rassistisch oder diskriminierend zu wirken, die Pädagogen in die Bredouille bringt. Ahmad Mansour hält „das Beschützen von Muslimen und Menschen mit Migrationshintergrund vor jeglicher Kritik“ grundsätzlich für falsch verstandene interkulturelle Kompetenz, und er findet einen Begriff dafür: das „Kuscheltier-Phänomen“, das er so definiert: „Die einen behandeln die anderen wie Kuscheltiere, die man schützen muss.“

Eingefordert werde diese Vorgehensweise häufig auch von Trainern und Beratern, die die Probleme in den Schulen als „Reaktionen der Schüler auf Diskriminierungen“ zurückführen, so Mansour (ebd.). Doch es sei „falsche Toleranz (...), wenn wir ganz andere Maßstäbe bei der Kommunikation, bei dem Umgang mit bestimmten Minderheiten an den Tag legen, als wir das mit Deutschen tun“, betont Mansour im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Auch diese Sichtweise sei im Grunde „nichts anderes als Rassismus“ (ebd.), denn ein solcher „positiver“ Rassismus fuße auf einem Schwarz-Weiß-Weltbild, das die Menschen auf ein bestimmtes Merkmal reduziert und sie nicht als Individuum und „gleichberechtigten Teil dieser Gesellschaft“ wahrnimmt.

Mansour sagt jedoch auch klar, dass die „grundsätzlichen Motive, mit denen Diversität und Multikulturalismus verteidigt werden“, „gut und gerecht“ seien, „insbesondere dort, wo die Diskriminierung sich gegen die Religion der Fremden zu richten scheint“ (Auszug aus dem Buch, Link s. o.)

Maßstäbliche Werte: Demokratie und Grundgesetz

Mehr über die positiven Seiten des Islam zu reden, um dem negativen Bild des Islam entgegenzusteuern, wäre für Mansour allerdings auch „nur Propaganda“: „Man vergisst (...) dabei, dass dieses negative Bild entstanden ist, weil wir Probleme mit der Integration haben, weil wir Vereine und Verbände haben, die im Namen dieser Religion sprechen, die nur Forderungen stellen, die sich eigentlich am Ausland orientieren, die eigentlich auch ein Islamverständnis verbreiten, das mit dem Grundgesetz nicht immer vereinbar ist“, sagt Mansour im Interview mit dem Deutschlandfunk.
Mansour schlägt vor, das polarisierende „Wir“ und „Ihr“ zu vermeiden (ebd. im DLF), und Muslime „als gleichberechtigte, ernstzunehmende, kritikfähige Mitmenschen zu betrachten“ (Auszug aus dem Buch, Link s. o.).

Für Mansour, der sich selbst als „Grundgesetzpatriot“ bezeichnet, ist das Grundgesetz „viel wichtiger als alles andere, was die Menschen mitgebracht haben an Werten, an Kulturen und auch an Religionsverständnissen“ (ebd.). Für ihn bedeutet Teil dieser Gesellschaft zu sein, die Sprache zu beherrschen und gemeinsame Werte zu teilen. Es ist der Maßstab für das Zusammenleben und die Basis für ein „Wir-Gefühl“ (ebd.). Und: Es ist nicht verhandelbar und ohne Abstriche gültig, denn „wenn wir anfangen, jeder Minderheit Rabatte zu geben beim Thema Gleichberechtigung, beim Thema Meinungsfreiheit, beim Thema ‚die historische Verantwortung Deutschlands aufgrund ihrer Geschichte‘, dann haben wir keine Gemeinsamkeiten mehr“, so Mansour im Deutschlandfunk.

Eine gemeinsame Haltung finden

Mit Blick auf den Lehrer, der im eingangs geschilderten Fall überlegt, wie er sich gegenüber dem im Ramadan fastenden Drittklässler verhalten soll, gibt das Grundgesetz — zumindest für Nichtjuristen — keine einfachen Antworten: Wie weit darf die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit (Art. 4) gehen? Beeinträchtigt das Fasten des Drittklässlers (über dessen Alter der Leser leider nichts Genaueres erfährt) das Recht auf körperliche Unversehrtheit (Art. 2) des Kindes? (vgl. dazu die Grundrechte in Art. 1 bis 19 des Grundgesetzes). Hier sind einerseits Juristen gefragt, aber auch Schulleitung, Lehrerkollegen und letztendlich auch die Eltern.

Tatsächlich haben sich die Eltern des Jungen mit Verweis auf GG Art. 4 bei der Schulaufsichtsbehörde beschwert, der Lehrer wurde deshalb zur Rektorin gerufen, berichtet Mansour. Der Lehrer seinerseits versteht „die Welt nicht mehr“: „Eine Beschwerde (...). Darüber, dass ich das Kind vor einem Kreislaufkollaps bewahrt habe?“ — Ein handfester Konflikt, der sich — schon allein aus juristischen Gründen — ganz sicher nicht durch Verbote bzw. schulaufsichtsbehördliche Maßnahmen lösen lässt.

Wichtig und entlastend für alle Lehrer wäre es daher, wenn zumindest auf Schulebene über den Umgang mit diesem alljährlich im Ramadan wiederkehrenden Problem eine Lösung oder zumindest doch Haltung gefunden werden könnte, die Schulleitung und Kollegium geschlossen mittragen. Der unten verlinkte Beitrag „Fastende Schüler — was tun?“ unterstützt Sie und Ihr Kollegium dabei.

Martina Niekrawietz

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