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Kulturverständnis

Sind Sie interkulturell kompetent?

Interkulturelle Kompetenzen haben Hochkonjunktur im Bildungswesen. Dabei geht es nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um eine kritische Reflexion des eigenen Kulturverständnisses.

Kulturverständnis: Sind Sie interkulturell kompetent? Jugendliche in der Einwanderungsgesellschaft haben längst vielfältige neue Kulturen geschaffen © iStockphoto.com/CEFutcher

Trinken Sie gerne mal ein Bier? Legen Sie Wert auf Pünktlichkeit? Machen Sie gerne Bauchtanz? Falls Sie eine oder mehrere Fragen mit „Ja“ beantworten können, denken Sie einmal darüber nach, welche Einflüsse Ihre Persönlichkeit geprägt haben. Welche Werte und Normen haben Ihre Eltern Ihnen vermittelt? Vielleicht waren Popsänger oder Freunde eine Zeitlang ihre Vorbilder. Hat Ihre Religion Sie beeinflusst? Ihrer Nationalität würden Sie Ihre Vorliebe für Bier, für Bauchtanz oder ihre zeitliche Orientierung vermutlich nicht zuschreiben. – Andere Menschen aber schon. Alle drei Fragen beziehen sich nämlich auf national-kulturelle Stereotype: Dass alle Deutschen Bier trinken, glauben „die Chinesen“. „Die Italiener“ halten Deutsche für „uhren-abhängig“ und Türkinnen für Bauchtänzerinnen. Solche Vorurteile entstehen aus der Abgrenzung von Selbstbild und Fremdbild. Als erste Orientierung im Bezug auf das „Fremde“ sind Vorurteile unverzichtbar, allerdings wollen Sie mit differenzierteren Erfahrungen angereichert werden. Eine Möglichkeit bieten interkulturelle Trainings. Sollen diese keine neuen Vorurteile produzieren, kommt es dabei sehr auf einen bewusst reflektierten Kulturbegriff an.

Was ist eigentlich Kultur?

Im Alltagsverständnis werde „Kultur“ häufig als Synonym für „Land“, „Volk“ oder „Nation“ gebraucht, kritisiert Professor Rudolf Leiprecht, Sozialwissenschaftler an der Uni Oldenburg, in seinem auf der Webseite der Uni veröffentlichten Arbeitspapier „Kultur – Was ist das eigentlich?“. Kultur gelte als etwas Statisches, dass das Handeln derer, die ihr angehören, bestimme. Er betont, dass jede Kultur aus einer Vielzahl von Kulturen bestehe, Bedeutungsmuster und Zeichensysteme können dabei durchaus widersprüchlich sein. Leiprecht zufolge sind Menschen keine Marionetten einer Kultur, sondern verändern und gestalten diese. Jeder Mensch habe ein besonderes Verhältnis zu seinem kulturellen Kontext.
Das Kopftuch wird zum Beispiel von vielen Mädchen getragen, die in der Familie überhaupt nicht religiös geprägt wurden. Für sie ist es ein Zeichen von sanfter Rebellion gegen die Eltern. „Gerade in pädagogischen Arbeitsfeldern kommt es darauf an, das besondere Verhältnis der Individuen zu ihrer Geschichte, ihren Zugehörigkeiten zu möglicherweise verschiedenen kulturellen Gruppen, ihren kulturellen Hintergründen usw. ernst zu nehmen“, schreibt Leiprecht. Interkulturelle Kompetenz zu erwerben, bedeutet also nicht nur, Wissen über andere Kulturen anzuhäufen, sondern auch ein Bewusstsein für den Einzelnen in seinem kulturellen Kontext zu entwickeln, die Kultur des „Anderen“ als genauso vielfältig und prozesshaft zu begreifen wie die eigene und die gegenseitigen Befruchtungen zu erkennen.

Kulturelle Vielfalt verstehen

Jugendliche in der Einwanderungsgesellschaft haben längst neue Kulturen geschaffen, deren Merkmal die Vielfalt ist. Eine gute Übung zum Verständnis hybrider Kulturen ist es, sich die Diversität der eigenen Prägungen bewusst machen. Wer mit Jugendlichen zu tun hat, setzt dabei am besten bei den Themen an, die Jugendliche beschäftigen: Selbstbestimmung, Berufsfindung, Vorbilder. Leitfragen können sein:

Wie habe ich meine Pubertät erlebt?
Welche Vorbilder waren in meiner Jugend prägend für mich?
Welchen verschiedenen Jugend- oder Subkulturen habe ich angehört?
Wie habe ich den damaligen Zeitgeist empfunden? Als bereichernd oder bremsend?
Welche Rolle habe ich in der Familie/ in der Klasse/ im Freundeskreis gespielt?
Welche Pädagogen haben mich voran gebracht und wie haben sie das erreicht?
Warum bin ich selbst Pädagogin/Pädagoge geworden?
Welche Normen und Werte sind mir heute wichtig?
Welche Rolle habe ich wohl im Leben meiner verschiedenen Schülerinnen und Schüler?
Was möchte ich ihnen mitgeben?
 
Tipp: Wenn Sie sich zu den einzelnen Fragen Notizen machen, können Sie Ihre Sicht auf die eigene Biografie später immer wieder überprüfen und vergleichen.

Angelika Calmez


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