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Unterrichtsprojekt

So fördern Sie bei Schülern Empathie für Flüchtlinge

Wenn Flüchtlingskinder neu in die Klasse kommen, ist es wichtig, die Weichen für eine schnelle Integration zu stellen. Das Unterrichtsprojekt „Zuflucht gesucht“ hilft den Schülern, einfühlsam aufeinander zuzugehen.

Unterrichtsprojekt: So fördern Sie bei Schülern Empathie für Flüchtlinge Das Fremde wird vertraut, wenn Kinder und Jugendliche sich näher kennenkernen © Annett Seidler - Fotolia.com

Das Unterrichtsprojekt „Zuflucht gesucht“ beginnt mit einem „Kulturschock“: In Fünfergruppen setzen sich die Schüler an Tische, die kreisförmig im Raum verteilt sind. Der Lehrer händigt jeder Gruppe einen bzw. zwei Würfel und ein Blatt mit Spielregeln aus. — Jede Gruppe bekommt andere Regeln, doch das weiß nur der Lehrer.

Leise für sich lesen die Schüler die Spielregeln und erhalten dann die Anweisung, möglichst wortlos und ohne Diskussionen zu spielen. Während das Spiel an den verschiedenen Tischen läuft, sammelt der Lehrer die Spielregeln wieder ein. Nach ein paar Minuten fordert er die Spieler mit dem jeweils höchsten Punktestand dazu auf, zum Nachbartisch zu wechseln. Dort erwartet „die Neuen“ eine Überraschung: Diese Gruppe spielt nach ganz anderen Regeln als die vorherige. „Hautnah“ spüren die Schüler dabei, wie es ist, wenn „unsichtbarerweise und lautlos plötzlich andere Spielregeln gelten“, so heißt es in der Spielbeschreibung für Lehrer, und weiter: „Stellen Sie sich dabei auf Konflikte ein.“

Nach zwei bis drei weiteren Wechseln erfolgt die Nachbesprechung im Plenum, wobei die Beobachtungen, Erfahrungen und Gefühle der Schüler in den Fokus rücken. Ganz schnell wird klar, worum es bei diesem Spiel eigentlich geht: um Neuankömmlinge in fremden Kulturen, um den Umgang mit ihnen und um ihre Integration.

Zuflucht gesucht — ein Unterrichtsprojekt für die Klassen 3 bis 7

Damit stecken die Schüler schon mitten im Thema des Unterrichtsprojektes „Zuflucht gesucht“. Herzstück der Unterrichtseinheit sind fünf animierte Kurzfilme, in denen Flüchtlingskinder aus aller Welt von ihrem Schicksal erzählen. Die Protagonisten der 3,5- bis 5-minütigen Filmclips schildern aus ihrer Sicht die Gründe ihrer Flucht, den Verlust von Verwandten und Freunden, ihre Erlebnisse auf dem Weg nach Europa und wie sie die erste Zeit in der neuen Heimat erlebt haben, bis sie schließlich in der Schule neue Freunde gefunden haben (Integration!). „Die Sendung spricht durchweg die emotionale Ebene an“, betonen die Autoren von „Planet Schule“ in den didaktischen und methodischen Erläuterungen zum Einsatz der Materialien im Grundschulunterricht. Politische, wirtschaftliche oder religiöse Konflikte kommen in den Erzählungen der Kinder nur am Rande vor. Im Fokus des Unterrichtsvorschlages stehen „universelle Gefühle, die mit dem Thema Flucht verbunden sind und überall als unerträglich empfunden werden.“ (ebd.)

Sich in den anderen hineinversetzen

Natürlich haben die gleichaltrigen Flüchtlinge vieles erlebt, was den meisten doch sehr behüteten Kindern in Deutschland kaum passieren kann. Doch im Rahmen der Unterrichtseinheit „Zuflucht gesucht“ bekommt der Begriff „Mitfühlen“ eine ganz neue Dimension: Nachdem die Schüler die für sich genommen schon sehr berührenden Geschichten von Ali, Hamid, Juliane, Rachel und Navid gesehen haben, tauchen sie mithilfe von verschiedenen, methodisch abwechslungsreichen Übungen noch tiefer in die Erfahrungswelt der gleichaltrigen Flüchtlinge ein.

Erleben, wie schwer es ist, eine neue Sprache zu lernen

„Ich bin in die Schule gegangen und hab‘ neue Sachen gelernt, aber es war total frustrierend, weil ich die Sprache nicht konnte“, erzählt Flüchtlingskind Ali im Film. Anfangs konnte er nur „Ja“ sagen und hat sich deshalb vor seinen Mitschülern geschämt. Bei der Fremdheitssimulation „SPRACHLOS“ machen auch die deutschsprachigen Schüler diese Erfahrung: Sie versuchen, die Ländernamen der Herkunftsländer der Flüchtlingskinder in den Originalsprachen schreiben zu lernen, Eritrea auf Tigrinya und Arabisch, Iran auf Persisch, Irak auf Kurdisch etc. — Die Kinder erkennen, wie schwierig das ist, obwohl sie nur fünf Wörter in einer fremden Sprache gelernt haben. Die Flüchtlinge hingegen müssen mit einer komplett fremden Sprache, Schrift und Kultur zurechtkommen. — Im anschließenden Unterrichtsgespräch könnten Schüler und Lehrer gemeinsam überlegen, wie die deutschsprachigen Kinder ihren neuen Mitschülern beim Spracherwerb helfen können. — Übrigens eine Win-win-Situation für beide Seiten, denn das „Lernen durch Lehren“ fördert auch die Sprachentwicklung der Helfer. (vgl. dazu: Bildungsforscher Michael Becker-Mrotzek im Gespräch mit der FAZ, 10.10.2015)

Gemeinsamkeiten entdecken

Beim „Erstellen von Themenplakaten“ ordnen die Kinder Bilder mit verschiedenen Szenen aus dem Film bestimmten Gefühlen („Angst“) oder schwer zu bewältigenden Situationen („Abschied“) zu. Anschließend ergänzen die Schüler – auch die Flüchtlingskinder — auf den jeweiligen Themenplakaten eigene Erlebnisse in vergleichbaren Situationen.

Auch sonst rücken die Geschichten der Flüchtlingskinder viele Gemeinsamkeiten in den Fokus: gemeinsame Hobbys (Ali interessiert sich genauso wie seine Altersgenossen in Deutschland für Fußball und Comic-Helden), das Bedürfnis nach Sicherheit und einem ganz normalen Familienleben, und vor allem: der Wunsch, in der Schule Freunde zu finden.

Verständnis für Flucht und Traumatisierung entwickeln

Im Verlauf der Übung „Bleiben oder gehen?“ werden die in den Filmen genannten Fluchtgründe Krieg, religiöse und politische Verfolgung und Hunger „auf Deutschland projiziert“. „Kannst du dir vorstellen, dass in Deutschland Bomben fallen, dein Haus zerstört wird, Panzer herumfahren und Leute erschossen werden? Was glaubst du, würden deine Eltern dann machen?“ — Ob diese Aufgabe Dritt- und Viertklässler überfordert, ist allerdings im Einzelfall abzuwägen und im Zweifelsfall mit den Eltern abzustimmen. In jedem Fall sollten die Kinder mit dem oft angstbesetzten Thema „Krieg“ nicht — wie in der Projektübersicht vorgeschlagen — in Partner- oder Einzelarbeit alleingelassen werden.

Die Eltern einbeziehen

Gerade die jüngeren Schüler werden die Inhalte von „Zuflucht gesucht“ vermutlich nachhaltig beschäftigen. Schon allein deshalb sollte man im Vorfeld des Projektes die Eltern ins Boot holen. Hier könnte man zum Beispiel im Rahmen eines Elternabends zum Thema „Willkommenskultur für Flüchtlingskinder an unserer Schule“ die fünf Filmclips zeigen und sich mit den Erziehungsberechtigten dabei auch gleich wegen einzelner Szenen abstimmen, die bei einigen Kindern womöglich Ängste auslösen.

Vielleicht gelingt es mit diesem Elternabend auch gleich, Berührungsängste und Vorbehalte abzubauen, und die Integration der Flüchtlinge auch auf Elternebene anzustoßen: Regelmäßige gemeinsame Treffen in einem Elterncafé in der Schule, Sprachkurse von Eltern für Eltern oder die Organisation von gemeinsamen sportlichen Aktivitäten wären dazu schon ein Anfang.

Martina Niekrawietz

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