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Religiöse Feiertage

So gelingt die Verständigung zwischen Christentum und Islam

Toleranz und Akzeptanz: An einer Bonner Grundschule begehen christliche und muslimische Kinder gemeinsam religiöse Feiertage. Die katholische Einrichtung gilt als Musterbeispiel erfolgreicher Integration.

Religiöse Feiertage: So gelingt die Verständigung zwischen Christentum und Islam Mädchen ohne Kopftuch dürfen nach Vorgaben des Berliner Senats nicht unter Druck gesetzt werden © iStockphoto.com/pixdeluxe

Kaum 10 Minuten Fußweg sind es von der Katholischen Grundschule am Domhof in Bonn-Mehlem bis zur Al-Hudda-Moschee. Während die Gründer dieses Gotteshauses, ultrakonservative Salafisten, im Frühjahr 2012 in der Bonner Innenstadt den Koran verteilten und sich eine Straßenschlacht mit Polizisten und Anhängern der rechtsextremen Partei Pro-NWR lieferten, gilt die Mehlemer Grundschule am Domhof als Musterbeispiel friedlicher Nachbarschaft zwischen Christen und Muslimen. In Mehlem haben rund 30 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund, die meisten von ihnen im arabischen Raum. Deren Kinder und die der deutschstämmigen Einwohner des Bezirks gleich zu behandeln,  dieses Prinzip verteidigte Annie Kawka-Wegmann, Lehrerin und ehemalige Schulleiterin der „KGS am Domhof“, von Anfang an.

Bloß, dass dies bei der überzeugten Christin keine leeren Worte waren: Sie führte muslimischen Religionsunterricht und deutsch-arabische Klassen ein. Wo andere Schulen aus Rücksicht auf muslimische Kinder Klassenarbeiten verlegen oder diese vom Unterricht befreien, feiern in Mehlem christliche und muslimische Kinder gemeinsam Weihnachten und auch den höchsten islamischen Feiertag: Das Opferfest wird im Gedenken an den Propheten Abraham gefeiert, der bereit war, seinen Sohn Ismail Gott zu opfern. Im islamischen Mondkalender beginnt es jeweils am 10. Tag des letzten (12.) Monats, dem Monat der Pilgerreise nach Mekka. In unserem Sonnenkalender verschiebt sich das Opferfest von Jahr zu Jahr auf ein anderes Datum.

Bei der Feier in Bonn tauschen die Kinder Geschenke aus, etwa Bücher oder CDs. In der Aula singen die arabischen Kinder Lieder. „Als das Opferfest zum ersten Mal begangen wurde, standen die Eltern Schlange vor meiner Tür und wollten sich beschweren“, erinnert sich Kawka-Wegmann. Mit den Ängsten der christlichen Eltern musste sie sich als Schulleiterin ebenso auseinandersetzen wie mit denen der muslimischen. Dass beide Seiten inzwischen Vertrauen zu der Schule entwickelt haben, ist auch eine Frage des religiösen Respekts: „Bei uns hängen überall Kruzifixe und auch arabische Kalligrafien. Aber nie im gleichen Raum“, sagt die Lehrerin. Die Maxime der KGS am Domhof: Religiöse Identitäten bleiben getrennt.   

Lösungen finden statt Probleme suchen

Um die Hemmschwelle für muslimische Kinder zu nehmen, wird zum Beispiel der Pfingstgottesdienst nicht in der Kirche, sondern auf dem Schulhof gehalten. Lieder und Gebete werden von den christlichen und muslimischen Religionslehrern gemeinsam ausgesucht. Dabei achten sie streng darauf, dass die Texte keine Seite kompromittieren. Muslime sehen zum Beispiel Jesus als Propheten. Ein Lied, in dem von „Gottes Sohn“ die Rede ist, scheidet für sie aus. Dagegen kann „Wenn zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind“ von allen gesungen werden. Die Mehlemer Grundschüler feiern so gleich mehrere christliche Feiertage gemeinsam.

Doch bewirkt so viel Gewicht auf Religion nicht auch Konflikte zwischen den Kulturen? Die Handreichung „Islam und Schule“ des Berliner Senats ermahnt Christen und Muslime etwa zu gegenseitiger Toleranz. Kopftuchträgerinnen dürften nicht verspottet werden, Mädchen, die kein Kopftuch tragen, nicht unter Druck gesetzt werden. Und kann religiöse Toleranz nicht auch bedeuten, dass etwa muslimische Mädchen vom Schwimmunterricht befreit werden und vom Erwerb dieser Kompetenz damit ausgeschlossen sind?  

„Es geht nicht um Schwimmen oder nicht Schwimmen, sondern um Schwimmen, in welcher Form?“, sagt Kawka-Wegmann. Zwei muslimische Mädchen seien im Pyjama ans Wasserbecken gekommen, bevor sie sich arm- und beinlange Badeanzüge schneidern ließen. Die üblichen „Reizthemen“ wie die Teilnahme muslimischer Mädchen am Schullandheim oder das Mitmachen beim Sankt Martinszug und Laternenbasteln gehörten der Vergangenheit an, sagt die ehemalige Schulleiterin.

Ausgezeichnetes Konzept

Toleranz lernen Kinder beider Religionen an der bekenntnisorientierten, katholischen Schule sowieso: Die Vermittlung von Werten wird hochgehalten, religiöse und ethische Fragen beschränken sich nicht nur auf den Religionsunterricht. „Viele Konflikte entstehen durch Religionen. Unsere Kinder lernen den Islam kennen und das Christentum. Das ist eine große Chance, Vorurteile abzubauen“, freut sich Kawka-Wegmann. Der Erfolg scheint den von der Schule eingeschlagenen Weg zu bestätigen: 2011 erhielt die damalige Schulleiterin den Bonner Integrationspreis, unter anderem für die an ihrer Schule überdurchschnittlich hohe Übergangsquote von Kindern mit Migrationshintergrund auf das Gymnasium.

Angelika Calmez

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