Fach/Thema/Bereich wählen
Inklusion

Barrierefreiheit inklusive: Lern-Software und Lern-Apps

Inklusion bedeutet, Schüler mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen individuell zu fördern und zu unterstützen. Eine ziemliche Herausforderung für alle Lehrer. Lern-Software und Lern-Apps unterstützen bei einem barrierefreien inklusiven Unterricht.

Inklusion: Barrierefreiheit inklusive: Lern-Software und Lern-Apps Lern-Apps auf dem Tablett können dabei helfen, dass jedes Kind seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert wird © WavebreakMediaMicro - Fotolia.com

„An unserer (...) Grundschule ist es für alle Kollegen normal, dass Kinder verschieden sind“, sagt Claudia von Zmuda in einem Artikel über inklusiven Unterricht von SPIEGEL ONLINE: Manche der 23 Schüler in ihrer jahrgangsgemischten Klasse arbeiten an grundlegenden Fähigkeiten wie Schneiden mit der Schere, andere konnten schon vor ihrer Einschulung lesen und schreiben. Die Lehrkräfte achten deshalb darauf, „dass jedes Kind das passende Lernmaterial erhält, sodass es selbstständig in seinem eigenen Tempo daran arbeiten kann.“

Je unterschiedlicher die Lernvoraussetzungen und Förderbedarfe der Schüler sind, desto aufwendiger ist es für die Lehrkraft, individualisierte Arbeitsmaterialien für den gemeinsamen Unterricht zu erstellen. Hinzu kommt noch, dass Schüler mit unterschiedlichen Sinnes-, Körper- und Lernbehinderungen oft speziellen Unterstützungsbedarf haben und besonders viel Zeit beanspruchen. In dieser Situation sind barrierefreie Lernsoftware- und Lern-App-Lösungen äußerst hilfreich.
Doch worauf sollte man bei der Entscheidung für Hard- und Software oder für Lern-Apps achten? Wo informieren sich Lehrkräfte am besten über die verschiedenen Möglichkeiten? Diese Fragen beantwortet der folgende Beitrag.

Digitale Medien schaffen die Basis für Teilhabe

Softwareprogramme und Apps für den inklusiven Unterricht lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Die einen unterstützen die Schüler beim individualisierten Lernen, zum Beispiel durch Aufgaben verschiedener Schwierigkeitsgrade. Die anderen bei der Kompensation von Behinderungen, worin Susanne Böhmig (Link s. o.) die „größte Chance“ digitaler Medien sieht: So können beispielsweise Schüler mit motorischen Behinderungen tippen, eine Spracherkennungsfunktion nutzen oder mit einer speziellen Maus die Bildschirmtastatur bedienen. Das alles wäre mit Stift und Papier nicht möglich. Damit gleichen die digitalen Hilfsmittel die Ausgangsbedingungen der Schüler innerhalb der inklusiven Lerngruppe aus und verbessern so die Voraussetzungen für die gleichberechtigte Teilhabe aller Kinder im inklusiven Unterricht.

Software für PC und Laptop oder Tablet-App?

„Laptops sind teurer, aber komfortabler zum Schreiben“, schreiben die Experten der „Stiftung barrierefrei kommunizieren!“ auf der Website der Organisation. Zudem gebe es für Laptop und PC mehr unterstützende Computertechnologien. Zwar sei auch die entsprechende Software meist kostspieliger, verfüge jedoch „eher über eine Hilfsmittel-Nummer — als Voraussetzung für eine Kostenübernahme durch Kostenträger wie Krankenkassen“.

Weiterführende Hinweise:

Die Website rehadat-hilfsmittel.de informiert systematisch und umfänglich über Apps, die Menschen mit Behinderung das Leben leichter machen.

Eine „Best-of-Apps“-Liste für Schulen und andere Einrichtungen mit Kurzbeschreibung und Preisen von Sven Reinhard, Nina Fröhlich und weiteren Autoren steht hier zum Download.

Das Arbeitsheft „medienkompetent teilhaben — Materialien für eine inklusive Medienpädagogik“ kann gegen eine geringe Schutzgebühr hier bestellt werden. Es bietet konkrete Hilfestellungen für die Praxis, Hintergrund- und Fachinformationen zum Thema inklusive Medienpädagogik. Mit dabei ist eine Begleit-CD mit einer Auswahl freier unterstützender Software und barrierefreien Computerspiele.

Andreas Breuer, Medienberater für Schulen in Essen und Mühlheim an der Ruhr, stellt auf seiner Website „subjektive Empfehlungen“ für Lern-Apps zusammen. Strukturiert nach Fächern und Themen sowie mit Hinweisen auf die Zielgruppe (Deutsch als Zweitsprache, Inklusion), die Kosten und das Betriebssystem.

Zum Diversity Tag 2017 veranstaltete die „Stiftung barrierefrei kommunizieren!“ einen Workshop über barrierefreie (Lern-)Software und Apps für inklusives Lernen. Auf der Website der Organisation findet sich eine kommentierte Linkliste mit den Medien-Tipps des Workshops.

Tablets hingegen seien günstiger, leichter zu bedienen und zu transportieren, und dann ist da natürlich auch noch der „‚Coolness-Faktor‘, der zu einer hohen Akzeptanz führt“. Hinzu kommt, dass es „viele günstige Apps gibt“ (ebd.).

Auch die individuellen Bedarfe des Lernenden spielen bei der Wahl der Hardware eine Rolle: Menschen mit schweren Behinderungen, etwa starken motorischen Einschränkungen, fahren mit PC, Laptop oder Mac besser, „da hierfür mehr und spezialisierte Eingabehilfen zur Verfügung stehen“, schreibt Carola Werning in Teil 1 ihrer dreiteiligen Artikelserie über barrierefreie Lernsoftware und Apps für inklusives Lernen.

Für Tablets gebe es zwar „sehr viele Apps für die verschiedensten Bedarfe“, doch sei „nicht jede App (...) ausgereift und stabil“. Ein weiterer Nachteil der Tablets: Sie brauchen eine gute Internetverbindung, und die fehlt in vielen Schulen. 

Lern-Apps sollten flexibel einstellbar sein

Nur wenige Lern-Apps sind für Schüler mit Sinnes-, Körper- und Lerneinschränkungen geeignet. Was macht eine gute barrierefreie Lern-App aus? Sie „muss einen großen Bereich haben, wo man Einstellungen individuell verändern kann“, sagt Susanne Böhmig, Vorstandsmitglied der "Stiftung barrierefrei kommunizieren!" im Interview mit Theresa Samuells. So seien etwa Apps mit Musik im Hintergrund für manche Schüler „die Hölle“. Zudem sollte die vorgesehene Zeit für die Lösung einer Aufgabe regelbar sein, sodass auch motorisch eingeschränkte Kinder und Jugendliche in ihrem eigenen Tempo arbeiten können. Weitere sinnvolle Optionen wären zum Beispiel, Farbeinstellungen, Untertitel- und Vergrößerungsoption sowie die Möglichkeit, Texte nachsprechen zu können. Lern-Apps für den gemeinsamen Unterricht sollten auch keine Werbung enthalten, das lenkt Schüler mit Konzentrationsschwierigkeiten zu stark ab.

Kompass im App- und Software-Dschungel

In der Datenbank der „Stiftung barrierefrei kommunizieren!“ orientiert sich der Nutzer mit wenigen Klicks über „unterstützende Computertechnologien für Menschen mit Behinderung: Einfach die Art der Beeinträchtigung auswählen, etwa „Lernschwierigkeiten“ und die „Kompetenzen“, die vermittelt werden sollen, zum Beispiel „Lesen“, und schon bietet die Website eine Liste mit den passenden Tools plus Produktbeschreibung mit Kostenhinweis (Freeware oder kostenpflichtig).

Für Lehrkräfte empfiehlt sich die Lektüre eines Artikels von Carola Werning, die die wichtigsten Empfehlungen in ihrer oben bereits erwähnten Artikelserie erläutert.

Teil 2 ihrer Artikelserie greift speziell die Möglichkeiten für Schüler heraus, die

  • nicht mit dem Stift schreiben können,
  • Lese- und Schreibschwierigkeiten haben und
  • starke motorische Einschränkungen zeigen.

Lehrkräfte erfahren, wie sich Arbeitsblätter erstellen lassen, die Schüler digital bearbeiten können (Multitext) und womit sich ein Arbeitsblatt abfotografieren und direkt am Touchscreen bearbeiten lässt (SnapType). Für Kinder mit Seh- und Leseschwierigkeiten kann der Text sogar vorgelesen werden (Claro PDF), und verschiedene bewährte Software-Lösungen unterstützen LRS-Schüler mit unterschiedlichen Features beim Schreiben- und Lesen-Lernen.

Apps für Lesen, Schreiben und Rechnen

Hier ist es für Lehrkräfte aufgrund der Vielzahl der mehr oder minder guten Angebote schwierig, die Spreu vom Weizen zu trennen. Carola Werning stellt im dritten Teil ihrer Artikelserie erprobte Lösungen in Wort und Bild vor: Mit Quizmaker erstellen Lehrkräfte z. B. in kürzester Zeit „ganz individuelle“ Lern-Quiz, mit denen sie ihre Schüler zieldifferent fördern.

Interessant ist auch die App „Inklusives Lernen: Lesen und Schreiben mit Li La Lolle”, die die Pädagogen Carsten Weißbach und Petra Matouscheck entwickelt haben. Das Tool unterstützt Kinder mit Downsyndrom über das frühe Lesenlernen bei der Entwicklung der Lautsprache. Diese und weitere speziell von Förderpädagogen entwickelte Mathe- und Lern-Apps sind sicherlich hilfreich, wenn – wie viel zu oft – in Regelschulklassen kein Förderpädagoge vor Ort ist.

Während es viele Apps für die erste und zweite Klasse gibt, fehlt es noch an Lösungen für Schüler der dritten, vierten oder fünften Klasse: „Wenn’s dann komplexer wird, ist auf einmal nicht mehr so viel da“, sagt Susanne Böhmig im oben verlinkten Interview.

Lern-App erst mal testen

Für die tägliche Unterrichtsarbeit ist es sicherlich sinnvoll, ein gewisses Repertoire von Software-Lösungen und Apps im Klassenzimmer parat zu haben. Denn der Einsatz inklusiver Medien in der Schule ist „eine sehr individuelle Sache“, so Susanne Böhmig. Zuerst sollte die Lehrkraft überlegen: Was kann das Kind? Was macht es gern? Was versteht es? Was will ich ihm beibringen? Dann sollte der Lehrer testen, wie das Kind mit den Geräten und Inhalten zurechtkommt. Damit hat man dann „Erfolge oder auch nicht. Und dann muss man eben nachjustieren“, sagt Susanne Böhmig.

Martina Niekrawietz

Dazu passender Ratgeber
Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Neue Medien im Unterricht
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×