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Arbeitsmarkt

Unterrichten auf Zeit

Vor allem Berufseinsteiger müssen sich häufig mit befristeten Arbeitsverträgen begnügen. Das hat vielfältige Folgen. Richtig ärgerlich wird es, wenn die Beschäftigung auf Zeit zum Dauerbrenner wird, denn die Rahmenbedingungen sind alles andere als arbeitnehmerfreundlich.

Arbeitsmarkt: Unterrichten auf Zeit Engagiert, aber ohne Perspektive? Eine frustrierende Arbeitssituation für Berufseinsteiger mit befristeten Verträgen © Christian Schwier - Fotolia.com

Alle Jahre wieder: Arbeitsamt statt Urlaubsreise. Auch dieses Jahr wird zu den Sommerferien die Lehrerarbeitslosigkeit wieder sprunghaft ansteigen, so war es zumindest in den Jahren zuvor. Laut einem Bericht der Bundesagentur für Arbeit, so die Süddeutsche Zeitung, meldeten sich 2012 zu Ferienbeginn 5400 Pädagogen jobsuchend, zusätzlich zu denen, die bereits zuvor beim Arbeitsamt registriert waren.

Wochen später war der Spuk vorbei und die Quote fiel auf das alte Level zurück. Der Grund sind befristete Verträge mit angestellten Lehrkräften, welche mit dem Ferienbeginn auslaufen und erst verlängert werden, wenn ein neues Schuljahr beginnt. Besonders in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bayern ist diese umstrittene „Sparmaßnahme“ gängige Praxis. Für die Betroffenen ergibt sich dadurch eine unangenehme Situation. So bleibt in den Sommerferien das Einkommen weg, statt Urlaubs- gibt es Arbeitslosengeld, oder, wenn die zwölfmonatige Anwartschaftszeit nicht erfüllt wurde, Hartz IV.

Urlaub, Familienplanung, Krankheit — das sind Risikofaktoren

Urlaubsreisen sind so kaum möglich. Nicht bloß aus finanziellen Gründen: Gemäß § 3 Abs. 1 der Erreichbarkeitsanordnung (EAO) dürfen Arbeitslose ihren Wohnort nur mit behördlicher Zustimmung mehrtägig verlassen, ansonsten erlischt ihr Leistungsanspruch.

Links zu diesem Thema:

Die Schutzgemeinschaft SchaLL macht sich für angestellte Lehrerinnen und Lehrer stark. Hier geht es zur Internetseite.

Die Rechte befristet beschäftigter Arbeitnehmer sind im Teilzeit- und Befristungsgesetz geregelt. Hier die Rechtsnormen im Überblick.

Doch auch außerhalb der Ferien sind befristet Beschäftigte gravierend benachteiligt: Wer auf Zeit angestellt ist, muss sich ständig sorgen, ob sein Vertrag nach Ablauf verlängert wird und steht dadurch permanent auf dem Prüfstand. Langfristige Planungen sind kaum durchführbar, wenn Gedanken an die Zukunft von der Angst um den Arbeitsplatz geprägt sind. Vor allem Beschäftigte mit Kinderwunsch befinden sich in einer schwierigen Lage. Das Arbeitsverhältnis verlängert sich nicht, wenn jemand in Elternzeit geht. Die Chance einen Folgevertrag zu erhalten, ist deutlich geschmälert. Dasselbe gilt bei langfristigen Erkrankungen sowie Ausfallzeiten wegen Burnout oder psychischer Probleme. In derartigen Fällen ist die Gefahr groß das nach Auslaufen des Vertrages die Stelle anderweitig besetzt wird.

Die Arbeitsplatzsicherheit, um die Lehrer vielfach beneidet werden, besteht hier mitnichten. Auch von finanzieller Seite aus drohen Nachteile, nicht nur, weil angestellte Lehrer im Allgemeinen weniger verdienen als ihre verbeamteten Kollegen. Ein Kredit für eine Immobilienfinanzierung etwa, dürfte für „Saisonarbeiter“, wenn er überhaupt vergeben wird, vergleichsweise kostspielig sein. Auch werden in den Monaten, in denen jemand arbeitslos ist, keine Beiträge zur Rentenversicherung gezahlt, sodass Nachteile bei der Altersvorsorge entstehen.

Für Berufseinsteiger mag eine befristete Anstellung als vorläufige Lösung akzeptabel sein. Heikel sind indes sogenannte Kettenverträge, zeitlich begrenzte Beschäftigungsverhältnisse, die über viele Jahre hinweg immer wieder verlängert werden.

Recht auf unbefristete Beschäftigung — auf die Gründe kommt es an

Die allgemeine Annahme, dass jemand nach zwei Jahren automatisch ein Recht auf ein Beschäftigungsverhältnis ohne zeitliche Eingrenzung hat, ist ein verbreiteter Irrglaube. Dazu Marion Stanew von der GEW Baden-Württemberg: „Das ist nur bei kalendermäßigen Befristungen, also solchen die nicht weiter begründet sind, der Fall. Liegen Sachgründe vor, vertritt der Arbeitnehmer etwa einen Kollegen, der erkrankt oder in Elternzeit gegangen ist, gilt diese Obergrenze nicht. Allerdings kommt es vor, dass derartige Rechtfertigungen vorgeschoben werden und jemand einmal als Vertretung für den einen und das andere Mal als Vertretung für den anderen beschäftigt wird.“

Zumindest wenn ein Missbrauch dieser Regelung offensichtlich ist, kann sich eine Klage lohnen. Denn sind die Sachgründe ungültig, steht dem Betroffenen gemäß § 16 TzBfG ein unbefristeter Vertrag zu. So geschehen im Fall einer 40-jährigen Grundschullehrerin aus Hessen. Diese hatte in den 10 Jahren ihres Berufslebens 14 Jahres- und Halbjahresverträge in Folge erhalten. Sie klagte auf eine Festanstellung, das Arbeitsgericht Gießen gab ihr Recht (Aktenzeichen: 10 Ca 538/12).

Wer den Eindruck hat, rechtsmissbräuchlich immer wieder befristet eingestellt zu werden, sollte prüfen lassen, ob sich eine Klage lohnt. Ein Anwalt mit dem Tätigkeitsschwerpunkt Arbeitsrecht wäre ein geeigneter Ansprechpartner. Auch die Gewerkschaften setzen sich für die Rechte auf Zeit beschäftigter Kollegen ein. Neben bekannten Organisationen wie GEW und VBE macht sich vor allem auch die Schutzgemeinschaft SchaLL für angestellte Lehrer stark.

Für alle, die mobil und flexibel sind, kann ein Umzug — eventuell sogar in ein anderes Bundesland — eine Option sein. Noch immer herrscht in vielen Regionen Lehrermangel, unter anderem versucht eine jüngst gestartete Initiative, arbeitslose bayerische Junglehrer zum Umzug in die Hauptstadt zu motivieren. Verbeamtet wird in Berlin zwar nicht, doch wer eine unbefristete Stellen sucht, sollte hier fündig werden.

Stefan Hirsch


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