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Chronische Erkrankungen

Medikamentenvergabe in der Schule durch Lehrer erlaubt?

Ob ADHS, Allergie oder Diabetes, viele Schüler sind auf Medikamente angewiesen. Kein Problem, solange sie es selbst schaffen, ihre Arzneimittel einzunehmen. Was aber, wenn nicht? Schulkrankenschwestern sind hierzulande selten und Lehrer „eigentlich“ nicht dazu befugt, Medikamente zu verabreichen.

Chronische Erkrankungen: Medikamentenvergabe in der Schule durch Lehrer erlaubt? Manche Schüler müssen regelmäßig Medikamente einnehmen. Aber was passiert, wenn sie das nicht selbst können? © Zlatan Durakovic - Fotolia.com

Der 11-jährige Leon ist Diabetiker. Er leidet unter Typ 1 der Stoffwechselerkrankung, einer Variante, die bereits im Kindesalter auftreten kann. Mindestens vier Mal täglich muss er seinen Blutzuckerspiegel kontrollieren und Insulin spritzen, damit dieser im Sollbereich bleibt. Dabei muss die Dosis exakt angepasst werden, sonst drohen gefährliche Zuckerschocks. Ingrid Müller (Name geändert), seine Klassenlehrerin, sagt: „Leon hat das Ganze im Griff. Probleme gab es — zumindest bisher — keine. Anfangs hatte ich allerdings schon ein ungutes Gefühl."

Wenn Kinder auf Medikamente angewiesen sind, kann das zahlreiche Unsicherheiten nach sich ziehen. Da Lehrer im Allgemeinen keine medizinische Ausbildung haben, sind sie grundsätzlich nicht dazu befugt, Arzneimittel zu verabreichen. Verständlich, denn viele Wirkstoffe sind nicht ganz ungefährlich. Beim eingangs erwähnten Insulin kann eine grobe Fehldosierung fatale Folgen haben. Bei ADHS-Patienten häufig zum Einsatz kommende Mittel wie Ritalin oder Medikinet enthalten Methylphenidat, ein Amphetamin-Derivat, welches der verbotenen Droge „Speed" nicht unähnlich ist. Methylphenidathaltige Medikamente fallen unter das Betäubungsmittelgesetz und sollten mit äußerster Vorsicht gehandhabt werden.

Weiterführende Links zum Thema:

Ein Musterformular für die Medikamentenabgabe hält die Unfallkasse Berlin bereit.

Das ADHS-Zentrum informiert Lehrer darüber, was speziell bei der Vergabe von methylphenidathaltigen Arzneimitteln zu beachten ist.

Wie viel ist aus Ihrem letzten Erst-Hilfe-Kurs noch hängen geblieben? Der Spiegel hält einen kurzen Test bereit, mit dem man überprüfen kann, ob man noch genug weiß, um im Ernstfall das Richtige zu tun.

Lehrer von jeder Haftung freistellen lassen

Solange ein Lehrer seinen Schüler lediglich daran erinnert, an sein Medikament zu denken, ist das unproblematisch. Ob einem Schüler bei der Einnahme auch geholfen werden darf, hängt von diversen Faktoren ab. Rechtsanwältin Dr. Nicole Koch sagt auf Nachfrage: „Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Zunächst sollte mit dem Dienstherren Rücksprache gehalten werden. Es muss ein Schreiben des behandelnden Arztes vorliegen, aus dem hervorgeht, wie das Medikament zu verabreichen ist. Außerdem müssen haftungsrechtliche Fragen geklärt werden. Die Eltern sollten die betreffenden Lehrer und den Dienstherren von jeder Haftung freistellen."

Dabei kann die Haltung der Eltern häufig zum Problem werden, weiß Dr. Nicole Koch aus ihrem Arbeitsalltag. „Viele haben zu hohe Erwartungen und unterschätzen den Aufwand, den es für Lehrer mitunter bedeuten kann, sich um einen chronisch kranken Schüler zu kümmern. In schweren Fällen muss dem Kind ein Individualbegleiter zur Seite gestellt werden oder eine Beschulung außerhalb der Regelschulen erfolgen."

Auch wenn bei einem Schüler das Risiko besteht, dass Notfallsituationen eintreten könnten, die rettende Sofortmaßnahmen erforderlich machen, sollten medizinische und haftungsrechtliche Fragen im Vorfeld geklärt werden. Der VBE (Verband Bildung
und Erziehung ) weist darauf hin, dass Lehrer grundsätzlich weder berechtigt noch verpflichtet sind, jemandem, der beispielsweise unter einem allergischen Schock leidet, ein entsprechendes Notfallmedikament zu spritzen.

Für den Notfall vorsorgen

Nichtsdestotrotz ist so etwas durchaus zulässig: „Lehrer/innen, die über die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, können sich zur Injektion im Notfall bereit erklären, müssen dieses aber in schriftlicher Form mit den Eltern bzw. Erziehungsberechtigten als „private Gefälligkeit“, die nicht Teil ihrer dienstlichen Tätigkeit ist, mit Haftungsausschluss vereinbaren.", heißt es in einem Informationsschreiben des Verbandes.

Es wird hierin ausdrücklich betont, dass das Kind sich „mit Unterstützung des Lehrers" so verhalten solle, dass Notfälle nicht eintreten. Bei „voraussehbaren Extrembedingungen" müssen entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Das hierfür ein reger Austausch mit den Eltern des betreffenden Kindes notwendig ist, liegt auf der Hand.

Jeder, der einen chronisch kranken Schüler in seiner Klasse hat, sollte abklären, unter welcher Beeinträchtigung dieser genau leidet, welche Gefahren sich dadurch ergeben und was es im Alltag zu beachten gilt. Dabei sind nicht unbedingt riesige Zugeständnisse notwendig. Ingrid Müller sagt: „Bei körperlichen Belastungen wie zum Beispiel Ausflügen, muss Leon einen zusätzlichen Blutzuckertest machen. Eventuell muss er dann etwas Traubenzucker essen. Ich achte darauf, dass immer welcher da ist."

Stefan Hirsch

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