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Kindeswohlgefährdung

Verdacht auf Kindesmisshandlung: Was ist zu tun?

Wenn Kinder misshandelt werden, ist es erforderlich, sofort einzugreifen. Doch nicht immer lässt sich zweifelsfrei erkennen, ob tatsächlich eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Kinderschutzfachkräfte können dabei helfen, die Lage zu beurteilen.

Kindeswohlgefährdung: Verdacht auf Kindesmisshandlung: Was ist zu tun? Wenn Eltern ihre Kinder schlagen, gibt es dafür selten eindeutige Beweise © Gerhard Seybert - Fotolia.com

Während die anderen Kinder nach Schulschluss hektisch aus dem Klassenraum stürmten, hatte es der neunjährige Theo nie eilig, nach Hause zu kommen. Jedes Mal packte er seine Sachen im Zeitlupentempo zusammen und trottete mit gesenktem Kopf davon. Bernhard Schmidtke, Theos Klassenlehrer, war aufgefallen, dass der Drittklässler ständig blaue Flecke an Armen und Schienbeinen hatte. Darauf angesprochen, wollte der Junge nicht antworten und reagierte sichtlich erleichtert, als das Gespräch beendet war. Ein Fall von Kindesmisshandlung? „Sicher war ich mir natürlich nicht, aber Vieles sprach dafür“, sagt Schmidtke. „Klar war zumindest, dass etwas nicht stimmte.“

Wenn Eltern ihre Kinder schlagen, gibt es dafür selten eindeutige Beweise. Unzweifelhaft ist hingegen die juristische Situation: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“, heißt es seit dem Jahr 2000 in §1631 Abs. 2 BGB. Das bedeutet: Wer sein Kind schlägt, macht sich der Körperverletzung schuldig. Ausnahmen gibt es nicht.

Das gilt auch für emotionale Ausnahmesituationen, wie der Fall eines Vaters aus Berlin zeigt: Der 46jährige geriet in Panik, als seine Tochter auf dem Wochenmarkt verschwand. Aufgewühlt durch seine Angst um das Kind, ohrfeigte er die Vierjährige, als er sie wiedergefunden hatte. Ein Zeuge schritt ein und erstattete Anzeige. „Es gibt kein Züchtigungsrecht der Eltern“, betonte die Staatsanwältin später im Prozess. Der Richter sah es ebenso und verurteilte den Mann zu einer Geldstrafe von 800 Euro.

Weiterführende Links:

Die Homepage der deutschen Jugendämter bietet zahlreiche Informationen zum Thema Kindesmisshandlung. Auch Gesetze und Gerichtsurteile lassen sich dort nachlesen.

Der Deutsche Kinderschutzbund setzt sich für Gewaltprävention und Kinderrechte ein. Auf seiner Homepage informiert er über aktuelle Projekte.

Das Kinderschutzzentrum Berlin hat eine umfangreiche Broschüre zum Thema Kindeswohlgefährdung zusammengestellt.

Beurteilung der Situation oft schwierig

Hat man als Lehrer den Eindruck, dass ein Schüler misshandelt wird, ist Fingerspitzengefühl notwendig. Ob man das Gespräch mit den Eltern sucht, muss sorgsam überdacht werden. In schweren Fällen könnte sich die Situation des Kindes hierdurch noch verschlimmern.

„Bei relativer Gewissheit sollte man mit der Schulleitung sprechen. Diese setzt sich dann mit dem Jugendamt in Verbindung. Hat man lediglich ein Bauchgefühl, kann man eine Kinderschutzfachkraft anfordern, die dabei hilft, den Grad der Gefährdung einzuschätzen und gegebenenfalls ein Schutzkonzept zu erstellen. Die Kinderschutzfachkraft nimmt keinen Kontakt zu den Eltern auf. Das Kind kann anonym bleiben“, sagt Cordula Lasner-Tietze, Fachreferentin für Gewaltprävention beim Deutschen Kinderschutzbund.

Rechtsanspruch auf Beratung

Diese Möglichkeit ist relativ neu. Sie besteht erst seit der Anfang 2011 umgesetzten Reform des Bundeskinderschutzgesetzes. Eine Liste zur Kontaktaufnahme mit Kinderschutzfachkräften ist beim Jugendamt erhältlich. Lehrer und Erzieher haben inzwischen einen Rechtsanspruch auf ein Beratungsgespräch mit einer Kinderschutzfachkraft.

Oft ist es Ausdruck von Hilflosigkeit und Überforderung, wenn Eltern ihre Kinder schlagen. In solchen Fällen können die Jugendämter den Familien Hilfsangebote zur Verfügung stellen. Die gefürchtete Inobhutnahme des Kindes ist dagegen ein letztes Mittel und wird nur in schwersten Fällen vollzogen.

Bernhard Schmidtke entschloss sich, erst einmal mit Theos Eltern zu sprechen. Diese reagierten entsetzt, als ihnen der Grundschullehrer mitteilte, ihr Sohn weise Spuren von Misshandlungen auf. Es stellte sich heraus, dass eine Gruppe Jugendlicher den Neunjährigen auf seinem Heimweg regelmäßig drangsalierte. Aus Furcht hatte er niemandem davon erzählt. Nachdem dies jedoch bekannt wurde, konnte dem Jungen geholfen werden.

Stefan Hirsch

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