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Ukraine-Krise Flüchtlinge

Bald 400.000 ukrainische Schulpflichtige: Und jetzt?

Soll man die heranwachsenden Geflüchteten ins deutsche Schulsystem integrieren oder Online-Unterricht von der Ukraine aus präferieren? Der folgende Beitrag gibt Orientierung über die ersten Entscheidungen in den Ländern.

Ukraine-Krise Flüchtlinge: Bald 400.000 ukrainische Schulpflichtige: Und jetzt? Ukraine-Krise - Flüchtlinge unterrichten © pronoia - stock.adobe.com

Yulia und Marya besuchen eigentlich die 8. Klasse in Winnyzja, südwestlich von Kiew. Doch momentan lernen sie im Esszimmer ihrer Gastfamilie in der Nähe von Böblingen. Ihre Klassenlehrerin unterrichtet sie online von der Ukraine aus. Bei Bombenalarm muss sie in den Keller, und der Unterricht pausiert so lange. Doch die beiden Mädchen sind froh, dass sie ihre Mitschüler/-innen wenigstens via Zoom sehen, schreibt Daniela Diehl in ihrem Bericht auf tagesschau.de. Denn viele der Jugendlichen in der Klasse sind jetzt in alle Winde zerstreut, „in Polen, Rumänien, Litauen“ oder eben auch in Deutschland.

Hier gebe der Online-Unterricht den ukrainischen Kindern Stabilität und Kontinuität, und sie verlieren nicht den Anschluss (ebd.), doch gleichzeitig fehlen oft die realen Kontakte mit anderen Kindern

Ukrainischer Online- oder deutscher Präsenz-Unterricht? 

„Zu Ukrainern macht uns die ukrainische Sprache, unsere Literatur, unsere Kultur, unsere Geschichte [und] unsere Traditionen“, sagte die ukrainische Generalkonsulin Iryna Tybinka in einer Rede vor der Kultusministerkonferenz im März 2022. Von Seiten der ukrainischen Behörden ist es erwünscht, dass „Vertrautes erhalten“ bleibt - die „Kontinuität des Bildungsprozesses“ und die „nationale Identität“. Man „müsse jetzt dafür sorgen, dass die Geflüchteten ihr Schuljahr abschließen und – in den höheren Klassen – ihre Abschlüsse machen könnten“, forderte sie (ebd. auf tagesschau.de). 
„Es darf da nicht um ein Entweder-oder gehen", sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Heinz-Peter Meidinger in der Süddeutschen Zeitung. Er präferiert „ein offenes Konzept, das Deutschunterricht und digitale ukrainische Lernmaterialien verbindet“ (ebd.). 

Karin Prien, die Vorsitzende der KMK (Abkürzung für Kultusministerkonferenz), will die Schülerinnen und Schüler bei der Fortsetzung ihrer „Bildungsbiografien“ nach Kräften unterstützen. Aber es bleibt wohl ein Spagat, denn „grundsätzlich“ hat laut KMK-Pressestelle „das Erlernen der deutschen Sprache und die Integration in das deutsche Schulsystem Priorität“ (im oben verlinkten Bericht auf tagesschau.de). 

Im Jahr 2015 wurden dafür vielerorts Willkommensklassen für Geflüchtete eingerichtet. Doch mit Blick auf die schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine gehen diesbezüglich die Meinungen auch hier auseinander.

Willkommensklassen ja oder nein?

Die ukrainische Generalkonsulin Iryna Tybinka lehnte in ihrer Rede vor der KMK Willkommensklassen ab. Der Grund: Es gehe lediglich „um einen vorübergehenden Aufenthalt in Deutschland“ (vgl. den oben verlinkten Bericht auf tagesschau.de).
Wenngleich Karin Prien es gutheißt, wenn ukrainische Kinder und Jugendliche „im Einzelfall Kontakt zu ihrer alten Schule“ haben und „online zusätzlich ukrainische Angebote“ wahrnehmen, erteilte sie Mitte April 2022 einem „parallelen Schulsystem für die Ukraine“ eine klare Absage: „Niemand weiß, wie lange die Menschen bleiben“, sagt sie in einem Tagesschau-Beitrag. Deshalb spricht sie sich entschieden für Integration aus und damit auch dafür, „dass die Kinder und Jugendlichen Deutsch als Bildungssprache lernen“. 

Schnelle und unbürokratische Hilfe tut not!

Die KMK erwartet bis zu 400.000 ukrainische Schülerinnen und Schüler, und schon jetzt (April 2022) sind Zehntausende in den verschiedenen Bundesländern angekommen, wie die wöchentlich aktualisierte Statistik auf der KMK-Website zeigt. Da tut schnelle Hilfe Not, besonders auch mit Blick auf Lehrkräfte, die bereits vor der Pandemie und vor Kriegsbeginn in der Ukraine an den meisten Schulen gefehlt hatten. 

Im gemeinsamen „Lübecker Beschluss“ verständigten die deutschen Ministerinnen und Minister für Bildung und Wissenschaft sich auf ein erstes, allgemein gehaltenes Statement zum Ukraine-Krieg und seinen Auswirkungen in Schule und Wissenschaft: „Die Kultusministerinnen und Kultusminister stellen sich der Verantwortung, geflüchtete Schülerinnen und Schüler unbürokratisch an den Schulen willkommen zu heißen und eine Beschulung sicherzustellen“, heißt es da lapidar. Zudem will man geflüchtete ukrainische Lehrkräfte weiterqualifizieren und ihnen „eine Beschäftigungsmöglichkeit an Schulen (...) verschaffen“ (ebd., S. 3). Wie das dann konkret an den Schulen umgesetzt wird, ist Ländersache und sehr heterogen.

Bundesländer gehen verschiedene Wege

Wie gehen die Bundesländer bei der Aufnahme von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften vor? Das Deutsche Schulportal gibt den schnellen Überblick über die aktuellen Verfahrensweisen in den einzelnen Bundesländern.

Hier erfahren Sie u. a.:

  • Wann die Schulpflicht für Kinder und Jugendlichen einsetzt,
  • in welchen Ländern bzw. für welche Schülerinnen und Schüler es Vorbereitungsklassen gibt und wie lange diese i. d. R. besucht werden sollen,
  • welche Fächer bzw. Lerninhalte in den Vorbereitungsklassen unterrichtet werden,
  • ob und in welchem Umfang „Fernunterricht nach ukrainischem Lehrplan“ vorgesehen ist, wie das z. B. in Mecklenburg-Vorpommern der Fall ist,
  • ob, wo und wie sich „schulisches Personal“ und sonstige „Helferinnen und Helfer zur Beschulung von ukrainischen Schülerinnen und Schülern“ registrieren kann, bzw.
  • wie viele Unterstützende/pädagogische Fachkräfte oder Lehrkräfte/Lehramtsstudierende bereits neu eingestellt worden sind, bzw. in naher Zukunft eingestellt werden sollen. 

Improvisieren!

Die Ereignisse überstürzen sich derzeit, und womöglich geraten Schulen und ihre Kollegien immer wieder einmal in Situationen, für die behördlicherseits keine Lösungen, Regelungen oder Ressourcen vorgesehen sind. Dann hilft nur improvisieren und vielleicht auch der eine oder andere Blick über den Tellerrand des eigenen „Landessüppchens“ auf der Länderseite des Deutschen Schulportals (ebd.): 

  • Wenn es Lehrkräften an Erfahrungen im Unterricht mit geflüchteten Kindern fehlt, gibt es vielleicht ja Online-Fortbildungen in anderen Ländern.
  • Wenn die Plätze in Vorbereitungsklassen oder die Deutsch-Lern-Angebote knapp sind, könnte man im Team mit benachbarten Schulen womöglich schulartübergreifende oder/und jahrgangsgemischte Gruppen auf die Beine stellen.
  • Wenn zu wenig pädagogisches Personal da ist, könnte man ein Tutoring- bzw. Peer-Learning-System mit älteren Schülerinnen und Schülern der eigenen oder einer benachbarten weiterführenden Schule implementieren usw.

Was den ukrainisch-sprachigen Fernunterricht anbelangt, so versuchen viele Schulen einen Kompromiss zu finden und zweigleisig zu fahren. Zum Beispiel die Fritjof-Jansen-Schule in Flensburg. Der Beitrag „DaZ & deutsch-ukrainischer Hybridunterricht flexibel gestalten“ informiert Sie über das interessante teilintegrative Konzept der Schule. – Eine gute Lösung, um Fernunterricht nach ukrainischem Lehrplan mit dem Präsenz-Unterricht in der deutschen Klasse zu vereinbaren.

Martina Niekrawietz


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