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Ohne Noten bewerten

Besser lernen ohne Noten?

Schulnoten werden schon lange diskutiert. Hier erfahren Sie die wichtigsten Pro- und Kontra-Argumente der aktuellen Debatte. Außerdem geben wir Ihnen sinnvolle Alternativen zu Ziffernnoten.

Ohne Noten bewerten: Besser lernen ohne Noten? Pro und Kontra zum Thema Ziffernnoten © Daniel Berkmann - stock.adobe.com

„Sind Schulnoten sinnvoll oder sollte man sie abschaffen?“ An dieser Frage scheiden sich schon die Geister, seit es Schulnoten gibt. Doch mittlerweile werden die Forderungen nach Alternativen zu Ziffernoten lauter: Differenziertes Lernen erfordert eine differenzierende Bewertung der Schülerinnen und Schüler mit ihren unterschiedlichen Lernvoraussetzungen. Und das sind Verbalbeurteilungen sinnvoller, weil sie „die individuelle Lernentwicklung stärker berücksichtigen“, wie es Redakteurin Florentine Anders in ihrem Dossier-Beitrag „Schulnoten – Ja oder Nein?“ umschreibt.
Das Deutsche Schulportal widmet dem Thema ein umfangreiches Dossier, in dem sowohl Kritiker und Kritikerinnen als auch Befürwortende von Schulnoten ihre Positionen verdeutlichen. Der folgende Beitrag bringt die wichtigsten Pro- und Kontra-Argumente der aktuellen Debatte auf den Punkt und stellt Ihnen eine Grundschule vor, die ganz wunderbar ohne Zensuren auskommt. 

Pro Schulnoten

Entschieden für die Beibehaltung von Schulnoten spricht sich der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Heinz Peter Meidinger in seinem Beitrag „Keine Angst vor Ziffernoten!“ aus. Zunächst einmal versucht er, typischen Einwänden gegen Ziffernoten den Wind aus den Segeln zu nehmen: Noten seien überbewertet, auch von Eltern, und ihre Bedeutung und Funktion werde „gnadenlos übertrieben“ [sic] und überzeichnet. Außerdem seien Schulnoten „auch nie völlig objektiv“, das könnten sie auch gar nicht, weil sie „immer unterrichtssituations- und lerngruppenbezogen“ seien und „subjektive Faktoren“ nun mal überall da eine Rolle spielten, „wo Menschen handeln“. 

Studien zeigten klar einen Zusammenhang zwischen Zeugnisnoten und tatsächlichen Leistungen: So hätten z. B. 85 Prozent der Kinder mit sehr guten Rechtschreibleistungen beim IGLU-Test in der 3./4. Klasse auch in der Schule „die Note Eins oder Zwei“. Ziffernoten gäben insgesamt schnelle Rückmeldung, wo Schülerinnen oder Schüler „bezogen auf die Klasse und auf das Verständnis einer bestimmten Lerneinheit“ stünden.

Notenangst gäbe es zwar, die meisten Kids wüssten aber „mit Noten rational, um nicht zu sagen cool“ umzugehen. Schulnoten bräuchten allerdings „eine pädagogische Einbettung“, also z. B. eine „differenzierte Rückmeldung“ darüber, wie eine „Leistung zustande gekommen ist“, ggf. begleitet von Hilfsangeboten und Hinweisen, wie sich schlechte Leistungen verbessern ließen.

Kritik von Verbalbeurteilungen

Alternative Leistungsbeurteilungen hingegen seien – ähnlich wie Arbeitszeugnisse – für Laien „schwer lesbar“: Defizite würden „eher versteckt angedeutet“, so Meidinger (ebd.). Er hält diese Form der Bewertung für keine „ehrliche Rückmeldung“, und Kinder und Eltern würden bei Berichtszeugnissen/Verbalbeurteilungen oft fragen “Was wäre das denn für eine Note?“

Auch Elke Grammersdorf, Schulleiterin der Grundschule Kaulsdorf, schwört auf Schulnoten. Und zwar schon ab der ersten Klasse. Von Verbal-Beurteilungen hält sie nicht viel: „Ein undifferenziertes Lob ist für mich nicht klar genug. Noten schaffen dagegen Orientierung“, sagt sie (vgl. auf dieser Dossier-Seite unter „Pro Schulnoten“). Ihrer Meinung nach können „Noten anspornen“, sie forderten „Leistungswillen, Anstrengungsbereitschaft“ und Disziplin.

Wie viele Gegner einer Schulnoten-freien Bewertung führt auch Elke Grammersdorf an, dass Bewertung ein fester Bestandteil „in einer Wettbewerbsgesellschaft“ sei: Wenn die Notengebung erst in der weiterführenden Schule einsetze, käme „dann das böse Erwachen“ (ebd.).

Kontra Schulnoten

„Noten sind nicht objektiv, sind nicht reliabel, sind nicht valide. Sie erzeugen etliche Beurteilungsfehler und subjektive Einschätzungen, die fehlerhaft sind“ sagt Silvia-Iris Beutel in Video „Lernen ohne Noten (1)“ auf dem YouTube-Kanal des Deutschen Schulportals. Die 5-teilige Kurz-Video-Reihe ist genauso übertitelt, wie das Buch, das die Bildungsforscherin gemeinsam mit dem Psychologen Hans Anand Pant geschrieben hat. Die beiden Autoren treten entschieden für die Abschaffung der Ziffernoten ein. Diese sind seiner Ansicht nach „bekanntermaßen (...) mit das schlechteste Instrument und Verfahren, um überhaupt“ Leistungen angemessen zu beurteilen. Die „unterschiedlichsten Leistungen innerhalb einer Klasse, von einem Schüler, von einer Schülerin, über die Zeit, zwischen Klassen, zwischen Schulen (...) ÜBERHAUPT NICHT mit der gleichen Ziffer dann (...) tatsächlich gemessen werden“ können. Hinzu kommen noch negative psychische und motivationale Folgen durch schlechte Noten, fügt Silvia-Iris Beutel hinzu. 

Doch warum gibt es sie dann bis heute in den Schulen? „Noten sind natürlich sehr einfach, sie sind verrechenbar und sie sind justiziabel“, sagt Silvia-Iris Beutel, und das sei „ein wichtiges Argument“ besonders an den Bildungsübergängen, wo ja praktisch die knappen Bildungsressourcen aufgeteilt werden. Doch dabei geht es alles andere als gerecht zu, wie Forschungen zeigen. 

Übergangsempfehlungen: soziale Diskriminierung durch Schulnoten 

„Bei Schulnoten wird immer die Herkunft mitbewertet.“ – Das ist einer der zentralen Einwände gegen Ziffer-Zensuren. Tatsächlich kommt eine Studie von Franz Baeriswyl, Kai Maaz und Ulrich Trautwein im Jahr 2012 klar zu dem Ergebnis, dass die Herkunft mitzensiert wird. Insbesondere, wenn es um Übergangsempfehlungen von der Grundschule auf die weiterführende Schule geht, sei die Gefahr von Diskriminierung von Kindern aus eher bildungsfernen Elternhäusern groß: So erteilen etwa Lehrkräfte Kindern „aus Akademikerfamilien (...) eher eine Gymnasialempfehlung“, als Kindern „aus Nicht-Akademikerfamilien, sagt der Soziologe Jörg Dollmann im Interview mit Annette Kuhn.

Bei ihrer Übergangsempfehlung berücksichtigten Lehrerinnen und Lehrer auch oft die Unterstützungsmöglichkeiten im Elternhaus, so Jörg Dollmann. Doch das resultiere „zum Teil aus einer verzerrten Wahrnehmung“. Wenn Kinder mit sozial stärkerem und solche mit schwächerem Familienhintergrund am Ende der vierten Klasse gleiche Leistungen erreichen, müssten Lehrkräfte doch eigentlich ganz andere Schlüsse ziehen: Die Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern haben es ja praktisch trotz alledem geschafft und müssten daher doch „bessere individuelle Startvoraussetzungen für eine höhere Schulart mitbringen“, schlussfolgert Dollmann überzeugend.

Fatal ist in vielen Fällen, dass die Eltern mit sozial schwächerem Hintergrund der Chancengleichheit ihrer Kinder oft noch quasi selbst den Rest geben: Erziehungsberechtigte haben ja einen gewissen Entscheidungsspielraum, der über die Übergangsempfehlung hinausgeht. Die Krux: Bildungsferne Eltern weichen bezüglich der Übergangsempfehlung oft noch weiter „nach unten“ ab, während bildungsnahe Elternhäuser häufig alles daran setzen, „um ihr Kind aufs Gymnasium zu bekommen“, so Jörg Dollmann (ebd.).

Lernen ohne Noten: An dieser Schule klappt es super!

Viele Aspiranten und Preisträger des Deutschen Schulpreises verzichten auf Ziffernoten. Eine davon ist die Waldschule in Flensburg, die den begehrten Preis 2015 erhielt. Mit dem Konzept „Mein Lernweg“ hat das Kollegium ein alternatives Instrument des Leistungs-Feedbacks in den Fächern Deutsch und Mathematik entwickelt: Jedes Kind erhält direkt nach der Einschulung ein Lernwegheft, das sie während ihrer gesamten Grundschulzeit begleitet. Das Lernwegheft enthält sowohl für Deutsch als auch für Mathe die nach Lehrplan oder Bildungsstandards zu erreichenden Kompetenzen. 

Die Arbeit mit dem Lernwegheft

Wie anders sich das Lernen mit dem Lernwegheft gestaltet, zeigt dieses Video anhand „schriftlichen Division“ in Mathematik. Das Unterrichtsthema wird dazu in ganz viele kleine Lernziele unterteilt („Ich kann Zahlen halbieren“, „Ich kann die Geteiltaufgaben aus dem kleinen 1x1 sicher und zügig lösen“, „Ich kann Geteiltaufgaben mit Zehnerzahlen lösen“ ...). Jedes Kind sieht bereits am Anfang einer Unterrichtseinheit, welche Lernfortschritte erwartet werden und kann „Schritt für Schritt kleine Erfolge erzielen“, sagt Lehrerin Christina Lüdtke. Die Kinder haben dadurch „immer einen festen Rahmen, in dem sie sich bewegen (...) in einer bestimmten vorgegebenen Zeit.“ Was schon richtig gut klappt, wird farbig ausgemalt. Wenn etwas noch nicht ganz sitzt, wird es farbig gestrichelt, und was die Kids noch gar nicht verstehen, wird mit einem farbigen Punkt gekennzeichnet. Mit diesem System ist jederzeit für alle Beteiligten ersichtlich, was ein Kind kann und was nicht. Das ist um Klassen aussagekräftiger als z. B. eine 3 in einer Klassenarbeit zur schriftlichen Division. 

Jedes Kind in seinem Tempo

Mehr und mehr übernehmen die Kinder Verantwortung für ihr Lernen. Zwar bespricht die Lehrerin noch die wichtigen Sachen, „die ganz, ganz neu sind“, erzählt sie, aber sie könne sich „immer weiter zurücknehmen“. Und weil sich dann zunehmend auch die Kinder gegenseitig helfen, gewinnt Frau Lüdtke Zeit für die Schülerinnen und Schüler, die noch am Anfang einer Lerneinheit sind „und da noch Unterstützung brauchen“ (ebd.). 

Früher hat Christina Lüdtke noch „jede Stunde gesagt, was wir grade machen“, erzählt sie. Jeden Tag mussten sich die Kinder auf eine neue Situation einstellen, sie hätten nie gewusst, was als nächstes kommt. „Und jetzt ist es aufgeschrieben“, sagt Frau Lüdtke, die Kinder wissen von vornherein, was in der nächsten Zeit kommt, und das gebe ihnen Sicherheit.

„Wir waren sehr froh, dass wir auf Noten verzichten konnten, weil wir dann den Kindern erlauben konnten, schneller zu arbeiten“, sagt Volker Masuhr, „und weil wir Kindern erlauben konnten, weniger zu arbeiten, sodass es für jeden schaffbar war“. Viele meinen, in einer Schule ohne Noten arbeiten die Kinder nicht mehr“, beobachtet der Schulleiter. Doch das sei „ein Irrglaube“. Im Gegenteil: Seine Schülerinnen und Schüler empfänden „Schule als einen Ort, wo das ein wesentlicher Punkt ist: weiter zu kommen, weiter zu lernen.“ Und Volker Masuhr fügt noch mit Nachdruck hinzu: „Die wollen das auch.“ 

Kreuzchen statt Zeugnissen

Die kompetenzorientierte Leistungsrückmeldung mit dem Lernwegheft überzeugt auch die Eltern, wie das oben verlinkte Video zeigt: In einem Dreiergespräch (etwa ab min 3:58) erläutern die Lehrerin und ein Schüler dessen Mutter, wo der Junge gerade steht. Das farbige Lernweg-System leuchtet der Mutter sofort ein. Anfangs war es für sie gewöhnungsbedürftig, nicht mitreden zu können, wenn Bekannte mit ihr über die Noten der Kinder sprechen wollten. Statt einem Zeugnis mit Noten bringt ihr Sohn eine Liste mit den Lernzielen, die während des Halbjahres zu erreichen waren, und es ist einfach nur angekreuzt, ob das jeweilige Lernziel „voll“, „teilweise“ oder „noch nicht erreicht“ wurde. Sie könne dann nur sagen „Es ist alles „supi“, die Kreuzchen sind alle ganz links an der richtigen Stelle“. Doch hätte sie einen „viel, viel“ genaueren Überblick, was ihr Sohn kann und wo seine Defizite sind. Und deshalb sei sie mittlerweile „total überzeugt“ von diesem transparenten Konzept.

Martina Niekrawietz


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