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Demokratiepädagogik

Klassensprecher wählen und Demokratie verstehen

Demokratie will gelernt werden. Bei einer Klassensprecherwahl können Grundschüler alle Grundprinzipien einer demokratischen Wahl einer Interessensvertretung kennenlernen, selbst praktizieren und dadurch besser verstehen.

Demokratiepädagogik: Klassensprecher wählen und Demokratie verstehen Die abgegebenen Stimmen für die Klassensprecherkandidaten werden an der Tafel gezählt © monropic - Fotolia.com

„Können Kinder auch Politik machen? Sie können und sie haben das Recht dazu“, so heißt es auf der Kinderwebsite „www.kindersache.de“ des Deutschen Kinderhilfswerks. Auch konkrete Vorschläge finden sich dazu: Die Kinder könnten in Kindervereinen und -parlamenten mitarbeiten oder sich als Schülervertreter für die Interessen aller Schüler einsetzen. Und sie könnten sich beim Bürgermeister beschweren, z. B. wenn der Spielplatz dreckig ist. 

Eine junge Leserin erlebt das ganz anders: Sie findet es „echt doof“, Kindervereine gebe es gar nicht in ihrer Nähe und der Bürgermeister „tut ja eh immer nur so, als würde er sich für uns Kinder interessieren, aber er macht nur ganz kurz ein Bild für die Zeitung mit uns und dann sind wir ihm wieder so egal“, schreibt sie in einem Kommentar zur Seite.

Wenngleich die direkte Umgebung der meisten Kinder erwachsenendominiert ist, so gibt es doch in der Schule immer wieder Anlässe mitzubestimmen. Zum Beispiel bei der Klassensprecherwahl, die in vielen Grundschulen als demokratisches Ritual fester Bestandteil ist. Der folgende Beitrag liefert Anregungen und Konzepte für den Unterricht, um die Schüler darauf vorzubereiten. 

Tipps zur Einführung der Klassensprecherwahl

Wie in den meisten Grundschulen wählen auch die Kinder in der Grundschule Wolperath-Schönau erstmals in der 3. Klasse. Die Autoren der Schulwebsite erklären Ablauf, Sinn und Zweck der Klassensprecherwahl kindgerecht und mit wenigen Sätzen. 

In der Ernst-Reuter-Schule in Offenbach erarbeiten die Lehrkräfte mit den Drittklässlern zuvor die demokratischen Prinzipien einer Wahl, besprechen die Aufgaben des Klassensprechers und bringen die einzelnen Schritte des Wahlvorgangs von „Wahlvorschläge an die Tafel schreiben“ bis „gewählten Klassensprechern gratulieren“ in die richtige Reihenfolge. Ein ausgearbeiteter Unterrichtsvorschlag mit Arbeitsblättern dazu findet sich im Netz. — Geschätzter Zeitaufwand dafür: ein bis zwei Schulstunden.

Möglichst viele Schüler einbeziehen

In der Rosa-Luxemburg-Grundschule in Luckau wählen die Schüler erst ab der vierten Klasse. Die einzelnen Schritte der Klassensprecherwahl werden auf der Schulwebsite ganz genau beschrieben: Zu Beginn der Wahl wird ein/e Wahlleiter/in bestimmt. „Gut eignet sich z. B. euer Klassenleiter“, heißt es da, und weiter: „Ihr müsst aber nicht eure Lehrerin oder euren Lehrer als Wahlleiter annehmen; auch jeder Schüler kann Wahlleiter sein, sofern sie oder er für kein Amt kandidiert.“ Jeder kann einen Kandidaten vorschlagen, auch sich selbst. Die Schüler dürfen sogar bestimmen, ob sie geheim oder offen wählen: Sind alle Schüler für eine offene Wahl, wird per Handzeichen abgestimmt. Im ersten Wahldurchgang werden die beiden Schüler mit den meisten Stimmen Klassensprecher. In einem zweiten Wahldurchgang werden die beiden Stellvertreter gewählt.

Insgesamt sind es also vier Kinder, die gewählt werden, und jeder Schüler kann sich für das Amt zur Verfügung stellen. Zudem können die Kinder bezüglich des Wahlablaufs Einfluss nehmen. Um die Mitbestimmungsmöglichkeiten weiter auszubauen, können dem Wahlleiter noch zwei Helfer beigestellt werden, wobei Wahlleiter und Assistenten nicht kandidieren dürfen.

Können Mädchen auch die Interessen der Jungen und Jungen die Interessen der Mädchen vertreten? Soll das Geschlecht bei der Wahl berücksichtigt werden? Auch hier könnte die Klasse mitbestimmen. In vielen Grundschulen ist aber auch eine paritätische Besetzung durch Mädchen und Jungs in der Wahlordnung vorgegeben.

Mit der Klassensprecherwahl Demokratie erklären

Das Institut für Demokratieforschung der Göttinger Universität nimmt die Klassensprecherwahl zum Anlass, „die Themen Demokratie und Politik, Mitbestimmung und Beteiligung gerade auch mit Grundschülerinnen und Grundschülern zu behandeln“ und mit den Kindern „über diese wichtigen gesellschaftlichen Fragen nachzudenken“. Die Demokratiepädagogen haben deshalb einen Unterrichtsvorschlag zu drei Themenblöcken entwickelt:

  1. Wahlen als politischer Prozess (S. 11 ff.)
  2. Vertretung als Grundelement demokratischer Politik (S. 16 ff.)
  3. Welche Aufgaben hat ein Klassensprecher? (S. 23 ff.) 

Zu jedem dieser Themen stehen direkt übernehmbare Kopiervorlagen für Arbeitsblätter zum Download. Die vorangestellten Hinweise und methodischen Anregungen informieren die Lehrkraft über Lerninhalte, Aufbau und Ablauf der Unterrichtseinheit. 

Bei der didaktischen Umsetzung orientieren sich die Autoren der Unterrichtseinheiten am „Modell des Konzeptwechsels“: Dabei soll ein Thema zunächst „aus der Ich-Perspektive der Kinder behandelt werden“. So werden sich die Schüler ihrer Erfahrungen und ihres Vorwissens bewusst, die sie dann artikulieren und begründen können. Anschließend werden die Vorstellungen der Kinder „hinterfragt (...), um einen Perspektivenwechsel vornehmen und erlernen zu können“ (S. 8).

Der Antwort auf diese Frage „Was ist eine Wahl?“ widmet sich das erste Thema der drei Unterrichtseinheiten. Zunächst gehen die Autoren des Unterrichtskonzeptes von der Lebenswelt der Kinder aus: von alltäglichen Situationen, in denen die Schüler zwischen mehreren Möglichkeiten wählen können: „Was machst du heute in deiner Freizeit?“ „Was willst du zu Mittag essen?“ usw. Die Schüler entscheiden sich und überlegen, nach welchen Kriterien sie ihre Auswahl getroffen haben. 

Anders als eine persönliche Entscheidung zwischen mehreren Alternativen beruht die politische Wahl auf einem kollektiven Entscheidungsprozess: Die Schüler überlegen in Partnerarbeit und diskutieren im Kreisgespräch, „wo Menschen Entscheidungen fällen, die alle betreffen“, wie dabei die Entscheidungsfindung abläuft (Mannschaften wählen, Lose ziehen, „Ladies first“, der Älteste entscheidet ...) und wann eine Entscheidung „gerecht“ ist.  (S. 14) 

In einem letzten Schritt geht es um „Wahlen und ihre Regeln“ gemäß Grundgesetz Art. 38,1, wonach „in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl“ gewählt wird. Anhand „lebensnaher Beispiele“ erklärt der Lehrer diese Begriffe für eine legitime Wahl. Im Stuhlkreis überlegen die Schüler, welcher dieser Wahlgrundsätze auch für die Klassensprecherwahl gelten sollte.

Vertreten und vertreten werden

In größeren Gruppen können nicht alle „unmittelbar selbst und (...) ständig“ an Entscheidungen teilhaben. Sie wählen deshalb Vertreter, die ihre Interessen vertreten. – Diese grundlegende Logik von Vertretung ist zwar „relativ komplex“, spielt aber „als Grundelement demokratischer Politik“ eine zentrale Rolle (S. 16) und steht deshalb im Mittelpunkt des zweiten Themas der Unterrichtseinheit. 

Die Kinder erhalten „Interessenkarten“ verschiedener Gruppen, zum Beispiel „Wir sind Lehrer! Unsere Interessen sind: [drei auszufüllende Textzeilen]“ oder natürlich auch „Wir sind Grundschulkinder ...“. Sie überlegen, welche Interessen die jeweiligen Gruppen haben könnten und üben dabei den Perspektivwechsel. Auch hier schlägt die Lehrkraft wieder im Unterrichtsgespräch die Brücke zur Politik: „Was wäre, wenn es eine Kinderpartei in der Politik geben würde?“ Ausformulierte, kindgerechte Impulsfragen (S. 16) helfen dabei, die „Grundlogik von Interessensvertretung“ zu vermitteln und einen „persönlichen Bezug“ herzustellen.

Zum Abschluss des Themas erleben die Kinder bei einem Rollenspiel, wie es sich anfühlt, „wenn andere für mich sprechen“ bzw. „wenn ich für andere spreche“. Dazu wird die Klasse in Interessengruppen mit Vertretern geteilt (Kinder, Lehrer ...). Die Vertreter diskutieren dann zum Beispiel darüber, was mit 5000 Euro für Anschaffungen in der Schule passieren soll. 

Aufgaben des Klassensprechers klären

Häufig wissen Kindern nicht, wofür ein Klassensprecher zuständig ist und wofür nicht. Klar sollte sein, dass „eine gewählte Person nicht alle Probleme alleine lösen kann“ und „Misskonzepte“ wie „ein Klassensprecher ist oft eine Petze“ sollten widerlegt werden, so die Göttinger Demokratiepädagogen (S. 23). 

Die Kinder kreuzen auf einem Arbeitsblatt mit mehreren Aussagen über Aufgaben eines Klassensprechers diejenigen an, die sie für zutreffend halten (S. 24). — Diese etwas trockene Aufgabe könnte auch als Klassenabstimmung gestaltet werden. Bei manchen Aufgaben auf dem Arbeitsblatt herrscht möglicherweise auch Diskussionsbedarf: Ist der Klassensprecher auch grundsätzlich für Konflikte zwischen Schülern zuständig? Gibt es vielleicht Konflikte, die eine „soziale Tragweite“ haben, wenn z. B. ein Schüler während des Unterrichts immer wieder andere stört? — Solche Fragen, die vielleicht auch erst einige Zeit nach der Wahl akut werden, sollten offen angesprochen und geklärt werden. Immer sollte dabei deutlich werden, dass alle Kinder in der Klasse für einen friedlichen Umgang miteinander verantwortlich sind.

Nicht jede Schülerin bzw. jeder Schüler eignet sich für das Amt des Klassensprechers. Welche Eigenschaften sollte ein Klassensprecher haben? Um dafür zu sensibilisieren, könnte die Lehrkraft Kurzprofile von Kindern vorbereiten, die natürlich nicht einzelnen Kindern in der Klasse zuzuordnen sein sollten. In Vierergruppen oder Partnerarbeit diskutieren die Schüler, welche Kompetenzen und Fähigkeiten ein guter Klassensprecher haben sollte und gestalten dazu ein Plakat. (Wie das aussehen könnte, zeigt die Website der Grundschule Neupotz). 

Ein demokratisches Happy End

Zum Abschluss lesen die Kinder die Geschichte „Frei — Kein guter Tag für Nick“ von Claudia Hennerkes, die einige wichtige Begriffe und Aspekte zum Thema demokratische Wahlen noch einmal aufgreift. Für Spannung sorgen eine Klasse und zwei Kandidaten für die Klassensprecherwahl mit sehr unterschiedlichen Interessen, ein Junge, der die Wahl mit allen Mitteln verhindern möchte, eine Lehrerin, die entschlossen für eine freie und geheime Wahl sorgt und ein demokratischer Kompromiss, der alle Interessen unter einen Hut bringt.

Martina Niekrawietz

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