Fach/Thema/Bereich wählen
Deutscher Schulpreis 2019

„Lachen — leisten — lesen“ in einer Brennpunktschule

Die Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm hat 2019 den Hauptpreis beim Wettbewerb um den Titel „beste Schule Deutschlands“ bekommen. Die Brennpunktschule wurde damit zur Leuchtturmschule, die erfolgreich neue Wege geht. Nachmachen erwünscht.

Deutscher Schulpreis 2019: „Lachen — leisten — lesen“ in einer Brennpunktschule Viele Schüler nutzen den „offenen Anfang“, um am morgendlichen Tanzen teilzunehmen © highwaystarz - stock.adobe.com

Semav steht vor einer großen Tafel mit verschiedenen Projektangeboten. „Ich war im Kurs ‚Sprachen unserer Schule‘. Da hab‘ ich gemerkt, dass meine Rechtschreibung nicht so gut ist und da wollt‘ ich in den Kurs ‚Rechtschreibung‘, damit ich besser werde“, erklärt die Viertklässlerin und schiebt auf der Magnettafel kurzerhand ihr Namenskärtchen unter das Projekt „Rechtschreibung“. — Eine Schülerin, die ihre Rechtschreiblücken erkennt und sich eigenverantwortlich einen Platz im Förderunterricht sichert? Das ist an der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm ganz normal. Denn „hier lernen die Schüler selbstständig zu lernen, aber auch, dass man gemeinsam noch mehr schaffen kann“, so heißt es in dem Video „Die Schule des Jahres 2019“ auf der Website des „Deutschen Schulpreises 2019“ (im Folgenden abgekürzt mit DS-Website).

In der Brennpunktschule fehlte es in den letzten Jahren konstant an allem: an räumlichen, finanziellen und personellen Ressourcen. Und trotzdem hat sie sich zu einer der besten Schulen Deutschlands entwickelt, die im Jahr 2019 Hauptpreisträger des Deutschen Schulpreises wurde. Und auch bei den VERA-Vergleichsarbeiten lagen die Grimm-Schüler über dem landesweiten Durchschnitt.

Klare Rhythmisierung erleichtert das Lernen

Wer auf der Schulwebsite unter dem Menüpunkt „Termine“ einen Blick auf die Unterrichtszeiten wirft, sieht sofort: In dieser Schule gehen die Uhren anders: Der Vormittag unterteilt sich nicht — wie sonst oft — in fünf bis sechs Stunden im 45-Minuten-Takt, die durch zwei bis drei Pausen unterbrochen werden. Da gibt es um 7:45 Uhr den „offenen Anfang“, anschließend ab 8:00 Uhr die „nullte Stunde“, und erst um 8:15 Uhr die erste Stunde mit 45 Minuten Dauer. Die zweite Stunde ist bereits nach 30 Minuten um, dann gehen die Kinder in die halbstündige Frühstücks- und Spielpause. Danach erst folgen drei Schulstunden mit 45 Minuten, unterbrochen durch zwei fünfminütige Wechselpausen und eine Viertelstunde Spielpause.  

Wie sich diese Zeiten mit Schulleben füllen, beschreibt anschaulich die Broschüre zum Deutschen Schulpreis 2019 (S. 9 ff.): Viele Kinder nutzen den „offenen Anfang“, um am allmorgendlichen Schultanz teilzunehmen. Die Viertklässler wählen die Musik aus und alle Kinder, die Lust haben, bewegen sich dazu auf der Tanzfläche unter einer funkelnden Diskokugel. Wieder andere Schüler lassen den Tag lieber ruhig im Klassenraum angehen, das steht ihnen frei. Überhaupt hat selbstbestimmtes Lernen einen hohen Stellenwert in der GGS: In der „nullten Stunde“ ist „Lernzeit“. Dabei „beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler selbstständig mit ihren individuellen Lernzielen, die sie auf kleinen Kärtchen notiert haben“ (ebd., S. 10).

Der Unterricht gestaltet sich abwechslungsreich: Mal lernen die Kinder in unterschiedlichen Sozialformen im Klassenverband, mal in jahrgangsübergreifenden Projekten. Mal selbstbestimmt und eigenverantwortlich, mal „in stärker fremdgesteuerten Unterrichtsphasen“. (vgl. Bewerbungsschreiben für den Deutschen Schulpreis, S. 6).

Die fünfminütigen Wechselpausen zwischen den einzelnen Phasen des Schulvormittags helfen dabei, „einen möglichst großen Anteil an echter Lernzeit zu erzielen“. (ebd., S. 6) Denn nach den kurzen Bewegungspausen oder „Brain-Gym-Übungen“ und natürlich auch nach den beiden „großen“ Spielpausen ist der Kopf wieder frei und die Schüler können sich voll auf die Lerninhalte konzentrieren.

Die drei „Epochen“ des Schuljahres

Wie an vielen anderen Schulen deutschlandweit nimmt auch in der Gebrüder-Grimm-Schule die Heterogenität der Schüler „dramatisch“ zu (Bewerbungsschreiben, S. 1) — ein Spagat für die Lehrenden: Wie fördert man besondere Talente und trainiert gleichzeitig die bei vielen Kindern fehlenden basalen Kompetenzen? Nach „jahrelangem Ausprobieren verschiedener Ansätze“ (ebd.) erwies sich die Einteilung des Schuljahres in drei mehrwöchige Epochen als effektivste Lösung:

  • Während der Klassenepoche lernen die Kinder im Klassenverband. Dieser eher lehrergeleiteten Phase des Schuljahres stehen die beiden anderen Epochen gegenüber, bei denen die Schüler in Abstimmung mit den Lehrenden Kurse und Projekte auswählen und sich individuelle Schülerziele setzen.
  • In der Projektepoche werden für die 8 Klassen 12 jahrgangsübergreifende Projekte angeboten, wobei auch die Schüler über das Schülerparlament Themen einbringen können.
  • In der Kursepoche trainieren und automatisieren die Kinder die Kompetenzen, die sie für die Projektarbeit brauchen. So dient die Projektepoche einerseits besonders der Talentförderung und ist andererseits „der Ausgangspunkt für das selbstbestimmte Lernen“ (ebd.), wenn etwa — wie eingangs geschildert — Viertklässlerin Semav während der Arbeit in einem Projekt erkennt, dass Rechtschreibkompetenzen fehlen.

Kinderlehrpläne — transparent und zeitsparend

Ein „wichtiger Meilenstein im Schulentwicklungsprozess“ (Schulpreisbroschüre 2019, S. 11) sind die Kinderlehrpläne, auf die Schulleiter Frank Wagner besonders stolz ist: Sie „fassen wesentlichste Inhalte der Lehrpläne des Landes NRW kompetenzorientiert, jahrgangsübergreifend und kindersprachlich in Ich-Form zusammen“ (Bewerbungsschreiben Schulpreis, S. 1) und sind die Grundlage für das selbstständige Lernen der Kinder. Hier kann jedes Kind nachlesen, was zum Beispiel in Mathematik  in den vier Jahren Grundschulzeit Sache ist, etwa: „Ich rechne sicher“ („Zahlen und Rechnen“) oder „Ich rechne mit Längen, Gewichten, Zeit und Geld“ („Größen und Messen“) oder auch — fast schon poetisch — „Ich sehe die Welt mit Matheaugen“ („Mit Mathematik umgehen“).

Kinderlehrpläne gibt es nicht nur für die einzelnen Fächer, sondern auch für „Sozialverhalten“, „Arbeitsverhalten“ und „Methoden“. Sie schaffen Transparenz für die Lernenden und sie erleichtern den Lehrenden die Arbeit, denn sie sind die Basis für die Planung der Projekte und Kurse und für die Sortierung der Unterrichtsmaterialien „in entsprechenden Themenkisten“ (Bewerbungsschreiben, S. 2). Vor allem aber ersparen sie den Lehrkräften viel Schreibarbeit, denn: „Die Formulierungen der Kinderlehrpläne finden sich in Zeugnissen, Förderplänen und Beratungsunterlagen usw. meist wörtlich wieder.“ (ebd.) Ganz nebenbei sind dadurch Zeugnisse und Förderpläne auch für die Kinder oder für Eltern mit geringen Deutschkenntnissen ganz leicht zu verstehen. — Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Individuelle Förderung mit Lernkaleidoskop

Schulweit einheitlich strukturierte Förderpläne für alle Schüler „dienen als zentrale Diagnosedokumentation für alle an unserer Schule an Bildung beteiligten Personen“. (ebd.) Vier Kompetenzniveaus von „nicht sicher“ bis „sicher“ zum Ankreuzen, ein Feld zum Eintragen von Fördermaßnahmen, so „werden Leistungsdaten effizient erhoben“ und — mithilfe eines farbigen Hilfesystems — auch für bildungsfernere oder nicht deutschsprachige Eltern leicht verständlich.

Jedes Kind der Gebrüder-Grimm-Schule hat zudem einen eigenen differenzierten Wochenplan, den es „selbstständig und selbstorganisiert“ bearbeitet. Mit diesem sogenannten Lernzeitplan üben die Schüler, „ihre Aufgaben selbst einzuteilen, das passende Lernmaterial zu besorgen oder Arbeitspartner zu finden“ (ebd., S. 5). Die Kinder arbeiten dabei in einer „offenen und wertschätzenden Atmosphäre mit regelmäßigem Feedback durch (...) Lehrende“ — oder auch durch Mitschüler, die „für einzelne Aufgaben des Lernzeitplans als Experten eingesetzt werden“ (ebd.).

Für die individuelle Förderung ist das sogenannte „Lernkaleidoskop“ da. Dabei verlassen die Schüler den Klassenverband und arbeiten jahrgangsübergreifend an ihren individuellen Zielen. An von Lehrkräften betreuten Lerninseln mit differenzierenden Arbeitsmaterialien suchen sie sich entweder eigenständig passende Aufgaben oder sie besuchen ein angeleitetes Angebot: Diese Freiarbeitszeiten beziehungsweise wechselnden „fördernden und fordernden Kaleidoskopkurse, wie z. B. Wahrnehmungstraining, Experimentieren, Matheknobeln, Motorikförderung etc.“ (ebd., S. 3), haben ebenso einen festen Platz im Tagesablauf (3. bzw. 4. Stunde) wie die DAZ-Förderung oder das LRS-Training.

Tägliches Blitzrechnen für alle

Blitzrechnen ist mehr als ein Kopfrechentraining für die Klassen 1–2 und 3–4. Durch regelmäßiges Üben mit einem bestimmten Programm vertiefen die Schüler den Umgang mit „Zahlen und Operationen“, dem „mit Abstand“ wichtigsten Bereich, „von dem auch das Durchdringen der Bereiche ‚Größen und Messen‘ und ‚Daten, Häufigkeiten, Wahrscheinlichkeit‘ abhängig ist“, so heißt es im Schulprogramm der GGS (Blitzrechnen, S. 1).

Blitzrechnen lässt sich mit unterschiedlichen Medien trainieren: Es gibt eine Kartei mit Blitzrechenaufgaben auf Kärtchen, die in jeder Klasse eingesetzt wird. Selbstständig trainieren können die Kinder mit einer CD, die zu Beginn des Schuljahres an jeden Schüler ausgeteilt, und am Ende wieder eingesammelt wird. Mit dieser CD üben die Kinder täglich „10 bis 15 Minuten am Computer“. In der Regel zu Hause oder in der Offenen Ganztagsschule oder bei Bedarf auch an schuleigenen Rechnern.

Einmal pro Woche versammeln sich die Schüler der 2. bis 4. Klassen dann in der Aula, um den Lernfortschritt und die Automatisierung zu überprüfen. Damit das schnell und reibungslos über die Bühne geht, ist der Ablauf im Schulprogramm (S. 3 f.) minutiös geregelt: „Alle Kinder bringen ihr Lesebuch als Unterlage und einen Bleistift mit. (...) Nach einem akustischen Signal drehen die Kinder ihre Arbeitsblätter um und bearbeiten ihre Aufgaben. Nach einem weiteren akustischen Signal (nach 5 Minuten) gehen die Kinder im Klassenverband nacheinander in ihre Klassenräume zurück.“

Auch wie Kinder differenziert üben bzw. gefördert werden können, wenn sie diese Tests nicht auf Anhieb bestehen, ist detailliert beschrieben. Und wer die 10 Tests des Schuljahres bestanden hat, wird „Blitzrechenkönig/-königin“ und „namentlich in der Aula aufgeführt“ (ebd., S. 5).

Sicherheit durch feste Strukturen

Klare schuleinheitliche Strukturen und gleichbleibende Arbeitsabläufe sind im Schulprogramm verstetigt. Sie geben den Kindern Sicherheit und schaffen den Rahmen für unbeschwertes offenes Lernen. Alle Klassenräume sind gleich eingerichtet, „z. B. hinsichtlich Bestuhlung, Magnetwänden, Sitzkreisen, Lernspuren etc.“ (Bewerbungsschreiben, S. 6), sodass sich die Schüler auch bei häufigem Raumwechsel sofort zurechtfinden und wohlfühlen. In jedem Klassenraum gibt es auch die „sogenannte lila Box (...) für kleine emotionale Krisen“, die zum Beispiel „Sorgenfresser“ enthält oder „Wutkritzelbücher“ (ebd., S. 4).

Sämtliche Räumlichkeiten von Schule und offener Ganztagsschule (OGS) werden übrigens wechselseitig genutzt. So können die Kinder im Ganztag zum Beispiel auch nachmittags im Lernkaleidoskop lernen. Durch diese multifunktionale Raumnutzung sind Schule und OGS stark zusammengewachsen. — Auch hier ist es wieder gelungen, aus der (Raum-)Not eine Tugend zu machen.

Im Umgang mit Schülern mit herausforderndem Verhalten gibt es ein schulweit einheitliches Repertoire von Handlungsmöglichkeiten, das alle Lehrenden konsequent einsetzen. — Überhaupt spielt in der GGS sozial-emotionales Lernen eine zentrale Rolle.

Wertvolle Impulse für eine verstetigte Erziehungspartnerschaft mit den Eltern, Anregungen für eine erfolgreiche Umsetzung der Prinzipien der Reggio-Pädagogik auch in der Grundschule, für eine konsequente Beteiligung der Schüler an ihren eigenen Lernprozessen und an vielen bedeutsamen Schulentscheidungen — das und vieles mehr kann man entdecken, wenn man ein wenig auf der Schulwebsite stöbert. Denn die Gebrüder-Grimm-Schule ist eine Leuchtturmschule par excellence. Sie bestätigt die Überzeugung der Jury des Deutschen Schulpreises, „dass gute Schule überall — unabhängig von Rahmenbedingungen und Ausgangslage — möglich ist.“

Martina Niekrawietz

Dazu passender Ratgeber
Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Schulorganisation
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×