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Schüler/-innen fair bewerten

Notengebung – durch Corona ein noch unbeliebteres Thema

Schüler und Schülerinnen bewerten, ist von je her ein unbeliebtes Thema. Corona bringt hier ganz neue Herausforderungen mit sich. Welche Möglichkeiten dennoch bestehen, beschreibt dieser Artikel.

Schüler/-innen fair bewerten: Notengebung – durch Corona ein noch unbeliebteres Thema Schüler/-innen trotz Corona fair bewerten © contrastwerkstatt - stock.adobe.com

Corona hat die Notengebung nicht einfacher gemacht. Als im Schuljahr 2019-20 das erste Mal der Schulbetrieb von der Pandemie betroffen war, hat die Politik einfache Wege gewählt. Kein Kind ist sitzengeblieben. Damit waren die Sorgen und Ängste aller erst einmal beiseite gewischt. Als die Pandemie jedoch leider nicht vorüberging, sondern die Schulen im letzten Schuljahr noch heftiger getroffen hat, da konnte man kein zweites Mal die Schülerschaft weiterwinken.

Nun lag das Problem bei den Kolleginnen und Kollegen. Und das wird uns auch in den nächsten Schuljahren vermutlich weiterhin beschäftigen.

Normalerweise war die Notengebung ja „ganz einfach“. Man hat die schriftlichen Arbeiten gehabt und dann noch die mündlichen Leistungen. Schon im Normalbetrieb tun sich Schwierigkeit auf. Oftmals ist nicht klar, dass zu den mündlichen Leistungen eben auch schriftliche Abfragen wie HÜs oder schriftliche Hausaufgaben gehören. Was aber tut man, wenn man keine schriftlichen Leistungen vorliegen hat und auch die Schülerinnen und Schüler oftmals nicht in Präsenz, sondern nur in Videokonferenzen gesehen hat?

Diagnose und Bildungsprogramme

Die Ausgangslage ist momentan folgende: Wir treffen nach den Sommerferien auf Lernende, die im letzten Schuljahr teilweise 6 Monate nicht in der Schule waren. Die Lernausgangslage und der Entwicklungsstand sind für die Lehrenden teilweise unklar oder müssen, wenn man eine Lerngruppe übernimmt, erst einmal neu ermittelt werden. Hier ist das diagnostische Können der Lehrerinnen und Lehrer gefragt. Teilweise bieten Verlage gute Tools für die Diagnose an, welche auch online bearbeitet werden können. Das, was unsere Profession jedoch ausmacht, nämlich die Diagnose durch Beobachtung, ist in der Pandemie schwer wie nie geworden. Jedoch bedeutet es für den Start in das neue Schuljahr: Genau hinschauen, wo die Schülerinnen und Schüler stehen, um ggf. direkt entgegensteuern, bzw. individuell fördern zu können. Einige Bundesländer, wie Hessen beispielsweise, haben in bestimmten Jahrgangsstufen die Stundentafel verändert, sodass nun in der Grundschule teilweise eine zusätzliche Stunde Deutsch gegeben wird. Bildungsprogramme werden von den Bundesländern aufgerufen und propagiert. Schöne Ideen, doch woher sollen die Fachkräfte dafür kommen? Diese können nur unterstützend tätig sein, die schwierige Hauptaufgabe, nämlich zu sehen, wo die Lernenden stehen – das muss den Lehrkräften überlassen bleiben.

Viele leben in der Hoffnung, dass das nächste Schuljahr ein „normales“ werden wird. Wird es jedoch wieder Schuljahre geben, in denen alle Lernenden immer und vollständig anwesend sein werden oder werden wir uns an Hybridmodelle gewöhnen müssen. Wenn das so ist, dann müssen wir unsere althergebrachte Notengebung überdenken. Dann können wir nicht mehr 50/50 oder 40/60 rechnen. Denn dann müssen neue Modelle her, um die Beteiligung bei Videokonferenzen und auch umfangreichere Aufgaben für den häuslichen Bereich eingerechnet werden.

  • Was mache ich aber, wenn ein sowieso schon schüchterner Lerner sich in einer Videokonferenz gar nicht mehr traut, sich zu beteiligen?
  • Gebe ich dann per se eine schlechte Note?
  • Welche Alternativen habe ich?

Hier denke ich, dass es – je nach Altersstufe der Lernenden – unterschiedliche Lösungen geben kann. Bei älteren Schülerinnen und Schülern, die schon fit im Umgang mit der digitalen Technik sind, kann man auch einige Aufgaben geben und gezielt einige auswählen, die ihre Lösungen nach kurzer Zeit hochladen müssen. Der zeitliche Umfang muss so gewählt sein, dass es keine Möglichkeit des Austauschs gibt, aber die Aufgaben müssen auch lösbar sein in dieser Zeit. Ebenso können kurze mündliche Abfragen, bei denen alle drankommen, stille Lernende locken. Wichtig ist jedoch, dass diese Modi vorher besprochen werden, damit niemand vorgeführt wird, sondern die Schülerinnen und Schüler sich vorbereiten können.

Ich biete den Lerngruppen auch immer an, mir im privaten Chat Fragen zu stellen oder etwas zum Unterricht zu sagen, wenn sie sich nicht im allgemeinen Videochat trauen. Diese Aussagen / Fragen lasse ich dann während des Gesprächs, ohne den Namen zu nennen, in die Diskussion einfließen. Somit haben auch Schüchterne die Möglichkeit sich zu beteiligen.

Schriftliche Aufgaben bewerten

Ein weiteres Problem des Distanzunterrichts sind die Erledigung schriftlicher Aufgaben. Wenn es sich um die „normalen“ Hausaufgaben oder schriftlichen Aufgaben aus dem Unterricht handelt, so werden die wenigsten Lernenden ihre Eltern bemühen, eher werden sie von Klassenkameraden oder Klassenkameradinnen abschreiben. Wenn man sich als Lehrender die Mühe macht, die Aufgaben alle durchzuschauen, fällt dies recht schnell auf. Hier ist natürlich die Korrektur der Aufgaben elementar. Wenn jedoch einige Lehrkräfte zu Recht bemängeln, dass dies aufgrund der Fülle der Klassen kaum möglich ist, so sind sicher auch Stichproben ein adäquates Mittel. Wichtig ist nur, dass den Lernenden klar ist, dass ihre Ergebnisse regelmäßig überprüft und korrigiert werden. Dies kostet viel Zeit, jedoch hat man so eine valide Datenbasis für die Notengebung.

Unterstützung zu Hause

Bei umfangreicheren Aufgaben wir Lerntagebücher, Leseportfolios oder auch Präsentationen zu diversen Themen sieht es wieder anders aus. Aber das war auch vor der Pandemie die Frage: Hat Mama / Papa hier geholfen oder hat der Lernende sich alleine mit der Aufgabe beschäftigt? Sicher ist es hier wie in vielen Bereichen des deutschen Bildungssystems: Diejenigen die keine Unterstützung zu Hause haben, sind benachteiligt. Das muss geändert werden. Auch in Zeiten, in denen die Lernenden nicht in der Schule sein können, muss eine fachliche Unterstützung gewährleistet werden. Was nutzt es uns, wenn wir Schülerinnen und Schülern über schlechte Noten attestieren, dass sie in den Zeiten der Pandemie alleine gelassen wurden? Natürlich ist der Kontakt mit den Lehrkräften über Videokonferenzen oder Anrufe wichtig, das kann jedoch den persönlichen Kontakt nicht ersetzten. Hier müssen wir besser werden, um uns dann Gedanken über eine gerechte Notengebung machen zu können.

Einige Kolleginnen und Kollegen fordern aus verschiedenen Gründen die Abschaffung von Noten. Jedoch wäre es aktuell genauso vermessen zu sagen, dass man einen wirklich validen Entwicklungsbericht schreiben könnte. Die physische Distanz zwischen Lernenden und Lehrenden ist es, die uns das Notengeben noch schwerer gemacht hat. So demotivierend die Erkenntnis auch klingt: Hier muss jeder Kollege und jede Kollegin für sich und die eigenen Lerngruppe einen fairen und sinnvollen Weg finden. Dieser Weg kann nicht sein – egal für welche Altersstufe und welchen Schulzweig – Druck über Noten zu erzeugen. Unser Weg muss sein, den Kindern und Jugendlichen ein Begleiter und Berater zu sein, der Lernwege aufzeigt und fordert und fördert und zwar so, wie jeder einzelne es benötigt. Die Leistungsschere ist im letzten Jahr sicherlich in vielen Lerngruppen noch weiter aufgegangen. Hier ist es unsere Verpflichtung durch individualisiertes Lernen diejenigen wieder an Bord zu holen, die schon scheinbar abgehängt sind.

Babett Kurzius-Beuster


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