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Corona-Schutzmaßnahmen

Regelbetrieb organisieren, Infektionsrisiken senken

Der schulische Regelbetrieb nach den Sommerferien ist eine Herausforderung. Wie er sich so organisieren lässt, dass das Infektionsrisiko möglichst gering gehalten wird, erfahren Sie hier.

Corona-Schutzmaßnahmen: Regelbetrieb organisieren, Infektionsrisiken senken Schule unter Corona-Vorzeichen stellt ganz neue Anforderungen an die Schüler/-innen © Raul Mellado - stock.adobe.com

Wenn die Schulen auf Beschluss der Kultusministerkonferenz nach den Sommerferien wieder ihren Regelbetrieb aufnehmen, stehen sie vor enormen Herausforderungen: Laut KMK sollen alle Schüler „nach geltender Stundentafel in den Schulen vor Ort und in ihrem Klassenverband oder in einer festen Lerngruppe unterrichtet werden“. Zudem ist sicherzustellen, dass die Jugendlichen ihre „angestrebten Abschlüsse im Schuljahr 2020/2021 erreichen können“. Lernrückstände sind „zu überwinden“. Parallel dazu soll die Digitalisierung des Lehrens und Lernens weiter vorangetrieben werden. Und das bedeutet „die für den Distanzunterricht benötigten, verlässlichen und rechtlich sicheren Kommunikationsinstrumente und Lernplattformen“ weiter auszubauen und Fortbildungen für Lehrkräfte zu gewährleisten. 

Doch wo bleibt der unbedingt doch vordringliche Infektionsschutz unter „verschärften Regelbetrieb-Bedingungen“? Den nennt der KMK-Beschluss erst als fünften Punkt seiner „To-do-Liste“: „Auch weiterhin“ seien „entsprechende Hygienemaßnahmen“ erforderlich, die „situationsadäquat“ und je nach Entwicklung des Infektionsgeschehens „anzupassen“ seien.

Der folgende Beitrag sammelt für Sie einige nützliche Links und Expertentipps, um bei der Bewältigung der Herkulesaufgabe „Regelbetrieb“ das Infektionsrisiko für alle Beteiligten möglichst gering zu halten.

Kinder weniger infektiös – richtig oder falsch?

Ein zentrales Argument für die Wiederaufnahme des Regelbetriebs in deutschen Grundschulen findet sich in einer Stellungnahme von zunächst vier, später fünf medizinischen Fachgesellschaften vom 19.05.2020. Darin empfehlen mehrere Mediziner, dass „Grundschulen (...) zeitnah – unter Berücksichtigung der regionalen Neuinfektionsrate und der vorhandenen Kapazitäten – wieder eröffnet werden“ sollten. Das sei „auf Seiten der Kinder ohne massive Einschränkungen“ möglich, wie z. B. „Kleinstgruppenbildung und Barriereschutzmaßnahmen wie Abstandswahrung und Maskentragen“ (ebd., S. 3). Ihre Einschätzung begründen die Mediziner mit mehreren Studien, die das Übertragungsrisiko durch Kinder als gering einschätzten. 

Dem widersprach jedoch das Robert-Koch-Institut (RKI) am 6.07.2020 (vgl. dazu diesen Beitrag auf der Website news4teachers): Es könne sein, dass die bisherigen Untersuchungen nur die Auswirkungen des Lockdowns beschreiben. Welche Effekte die geplanten Schulöffnungen nach den Sommerferien wirklich haben, könne daher noch nicht abgesehen werden. 

Genau einen Monat später, am 6.08.2020, warnte auch die AD-HOC-Kommission SARS-COV-2 der Gesellschaft für Virologie in ihrer Stellungnahme zur Schulöffnung nach den Sommerferien ausdrücklich „vor der Vorstellung, dass Kinder keine Rolle in der Pandemie und in der Übertragung spielen“. Bisher seien „die Infektionsraten bei Kindern und deren Rolle in der Pandemie (...) nur unvollständig durch wissenschaftliche Studien erfasst“. Neuere wissenschaftliche Veröffentlichungen deuteten sogar darauf hin, „dass die initial teilweise angenommene, minimale Rolle von Kindern in Frage gestellt werden muss“: Auch die Virologen der AD-HOC-Kommission weisen darauf hin, dass die frühen Studien dazu „unter den (Ausnahme-)Bedingungen weitgreifender kontaktreduzierender Regelungen“ während des Lockdowns oder unmittelbar danach durchgeführt wurden. Inzwischen entspreche der prozentuale Anteil von Kindern an Neuinfektionen dem Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung. 

RKI warnt: AHA-Regeln einhalten!

Am 28.07.2020 wandte sich daher RKI-Chef Wieler mit einem eindringlichen Appell an die Deutschen: In der zweiten Julihälfte seien die Zahlen besorgniserregend gestiegen, deutschlandweit entwickle sich die Pandemie rasant. Mit Blick auf den Schulstart fordert Wieler: 

  • einzelne Gruppen in den Schulen zu bilden,
  • Klassen nicht zu mischen und
  • Signale einer Erkrankung möglichst schnell zu erkennen, um dann rasch zu testen.

Wieler rät zudem grundsätzlich dringend dazu, die AHA-Regeln einzuhalten, also mindestens 1,5 m Abstand zu wahren, Hygiene-Maßnahmen durchzuführen und eine Alltagsschutzmaske zu tragen. Wenn kein Abstand eingehalten werden kann, hält Wieler auch im Freien einen Mund-Nasen-Schutz für sinnvoll.

Es ist also nach wie vor Vorsicht geboten, und auch die Entscheidung einiger Bundesländer, in den Grundschulen auf Mund-Nasen-Schutz und Abstandsregeln zu verzichten, sollte überdacht werden. Umso mehr, als die Infektionszahlen deutschlandweit derzeit (Stand August 2020) wieder signifikant ansteigen. Und in Mecklenburg Vorpommern, dem ersten Bundesland, das seine Schulen nach den Sommerferien wieder dem Regelbetrieb öffnete, mussten bereits vier Tage später zwei Schulen wegen auftretender Corona-Fälle geschlossen werden.

Individuelles Hygiene-Konzept und externe Infektionsschutzberatung

Ulrike Protzer, Virologin an der Technischen Universität München, fordert ein passgenaues Hygienekonzept für jede Schule. Wichtig sei, dass es bereits am Ende der Ferien steht, denn: „Eine Woche vor Schulbeginn ist zu spät“, so die Medizinerin auf der Website des BR

Im Idealfall solle jede Schule mit einem externen Hygienebeauftragten zusammenarbeiten, der „aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst abgestellt werden“ könnte. Als Experte wüsste er, „welche Maßnahmen man konkret braucht, wie sie umgesetzt werden, wie er Schülern hilft, mit Eltern kommuniziert und wie er Eltern unterstützen kann“. – Vermutlich wird dieser Vorschlag sich in den wenigsten Fällen umsetzen lassen, da die Gesundheitsämter aufgrund der vordringlichen Verfolgung von Infektionsketten meist selbst personell am Limit sind. Trotzdem ist es unbedingt hilfreich, wenn Schulleitung und Kollegium zumindest von Zeit zu Zeit eine kompetente Beratung in Anspruch nehmen könnten, die die Gegebenheiten vor Ort berücksichtigt.

Auch die oben verlinkte Stellungnahme der medizinischen Fachgesellschaften bezüglich der Wiederaufnahme des Regelbetriebs liefert gute Impulse für ein effizientes Hygienekonzept (S. 3 f.): 

Ein Schulbetrieb „ohne massive Einschränkungen (...) wie Abstandswahrung und Maskentragen“ für Kinder bis 10 Jahre erfordere vor allem eine nachhaltige Konstanz von Schülergruppen und die „Vermeidung von Durchmischungen“. Die individuelle Gruppengröße spiele dabei eher eine untergeordnete Rolle [Anm.: Das sehen die Virologen der AD-HOC-Kommission anders, da mit steigender Gruppengröße auch die Anzahl der potenziell infektiösen Aerosole zunimmt.]. 

An dieser Stelle noch ein wichtiger Hinweis: Mittags- und Nachmittagsbetreuungsangebote (Hort, offener Ganztag) für Schülerinnen und Schüler sollten unbedingt das Hygienekonzept der Schulen aufgreifen. Es ergibt ja wenig Sinn, wenn die Kinder in der Schule streng nach Gruppen getrennt lernen und sich nachmittags beim freien Spiel – oft ohne die AHA-Regeln einzuhalten – in gemischten, oft auch täglich wechselnden Gruppen treffen.

Weitere Infos zum Thema:

Das Infektionsgeschehen in Deutschland verläuft dynamisch und auch die individuellen Hygienemaßnahmen an den Schulen sollten möglichst schnell und flexibel an die aktuellen Gegebenheiten angepasst werden. Die Gefährdungsbeurteilung der gesetzlichen Unfallversicherung bricht die erforderlichen Präventionsmaßnahmen auf Handlungsebene herunter. Systematisch gegliedert nach grundsätzlichen, generellen, technischen, organisatorischen und personenbezogenen Maßnahmen, mit Praxishinweisen und differenziert nach drei Stufen des regionalen Infektionsgeschehens: „Hoch“ (Notbetreuung), „Mittel“ (Eingeschränkter Regelbetrieb) und „Gering“ (Regelbetrieb mit vollumfänglichem Unterricht ohne Einhaltung des Mindestabstands während des Unterrichts). – Ideal als Checkliste für das Hygieneteam Ihrer Schule.

Das Lehr-, Erziehungs- und Betreuungspersonal sollte untereinander Abstand wahren, Mund-Nasen-Schutz tragen und die Möglichkeit zur situationsabhängigen Handdesinfektion haben. Auch eine „regelmäßige Pooltestung“ wird empfohlen. 

Wie und in welchen Situationen können wir Kontakte reduzieren? Diese Frage stellt sich zum Beispiel in Pausen, während Bring- und Abholphasen oder beim Wechsel von Unterrichtsräumen. Kommuniziert werden sollten dabei auch „Empfehlungen für den privaten und außerschulischen Bereich“, besonders wenn Schülerinnen und Schüler mit Angehörigen der Risikogruppen (Großeltern etc.) im selben Haushalt leben.

In vielen Schulen fehlt es für einen adäquaten Infektionsschutz an Ressourcen: technischen bei der digitalen Ausstattung, räumlichen, um im vollbesetzten Klassenraum den empfohlenen Mindestabstand einzuhalten und personellen, um die Corona-bedingten Ausfälle auszugleichen, weil Lehrer zu Risikogruppen gehören und keinen Präsenzunterricht machen können.

Risiko einer Aerosolübertragung minimieren

Die virologische Bewertung der Infektionswege hat sich in den letzten Wochen grundlegend geändert: Während „die Übertragung durch Oberflächen wahrscheinlich initial überschätzt“ wurde, hat man „die aerogene Übertragung unterschätzt“, schreiben die Experten der AD-HOC-Kommission (Link s. o.). Und weil sich infektiöse Aerosole auch für mehrere Stunden in der Raumluft halten können, gilt: „Je mehr Personen sich in einem geschlossenen Raum befinden und je länger die dort verbrachte Zeitspanne ist, desto grösser ist das Risiko einer Übertragung.“ Deshalb raten die Virologen der AD-HOC-Kommission zur Definition von festen „Kleingruppen inkl. Lehrpersonal“ (ebd.). 

Zudem sollten die Unterrichtsräume unbedingt in regelmäßigen Abständen stoß- oder querbelüftet werden: Der Bayerische Rahmenhygieneplan (zu finden auf der Website www.km.bayern.de) etwa empfiehlt, mindestens alle 45 Minuten „mindestens 5 Minuten“ lang die Fenster „vollständig“ zu öffnen, möglichst auch „öfters während des Unterrichts“. – Bei gekippten Fenstern wird übrigens „kaum Luft ausgetauscht“ (ebd.). Ideal hingegen wäre es, „wenn einfach ein konstanter Luftzug in einem Raum ist“, sagt Ulrike Potzer auf der Website des BR.

Bisher ist das Coronavirus mit seinen Übertragungswegen und gesundheitlichen Auswirkungen nicht ausreichend erforscht, um genau die richtigen Maßnahmen zu treffen bzw. zu priorisieren. Deshalb sollten aktuelle Studien und virologische Empfehlungen laufend verfolgt und in die individuellen Schulkonzepte „eingepreist“ werden.

Martina Niekrawietz

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