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Notorische Schulschwänzer

Schulabsentismus: Individuelle Hilfe statt Strafen

Das Schuleschwänzen hat viele Ursachen. Deshalb ist es wichtig, jeden Schüler mit seinen Schwierigkeiten und Problemen wahrzunehmen, auf ihn zuzugehen und individuell zugeschnittene Hilfsangebote zu machen.

Notorische Schulschwänzer: Schulabsentismus: Individuelle Hilfe statt Strafen Wenn Schüler die Schule schwänzen, kann das auch eine Antwort auf negative Erlebnisse dort sein © Sabphoto - Fotolia.com

Die Hamburger „Behörde für Schule und Berufsbildung“ (BSB) setzt auf einen konsequenten Kurs im Umgang mit Schulschwänzern: Die Handreichung „Schulpflichtverletzung“ legt fest, was bei „anhaltenden Schulpflichtverletzungen in allgemeinbildenden Schulen“ zu tun ist (S. 6 f.):

Fruchten alle Bemühungen nicht, entscheidet eine Konferenz „spätestens vier Wochen nach Feststellung der anhaltenden Schulpflichverletzung“ über mögliche rechtliche Sanktionen. Die Rechtsabteilung der Hamburger Schulbehörde versucht dann ggf., eine „Verstetigung des Schulbesuchs (…) mit den Mitteln des Verwaltungszwangs oder durch Verhängung eines Bußgeldes oder die Einleitung eines Strafverfahrens möglichst durchzusetzen“. (S. 8). Bußgeldbescheide gibt es dabei in der Hansestadt nicht nur für die Eltern, sondern seit 2006 auch für die Schüler: Zwischen 75 und 125 Euro müssen sie bezahlen. Für manche notorischen Schulschwänzer hatte das drastische Folgen, wie die taz am 06.08.2012 in ihrem Beitrag „Knast für Schulschwänzer“ berichtete: 41 Schüler nahm der Senat 2011 in Jugendarrest, weil sie Bußgelder nicht gezahlt hatten!

Der Erziehungswissenschaftler Norbert Grewe hält Bußgelder für „sehr ineffektiv und nicht auf dem Stand der Wissenschaft.“ (In: Die Welt online, 22.08.2012) Geldstrafen und Jugendhaft für hartnäckige Schulverweigerer seien Eingriffe am Ende der Schwänzerkarriere. Seine Überzeugung: „Wenn die Polizei vor dem Schulhof steht und ein Kind in der Schule abliefert, ist es zu spät. Da sind viele Stationen, an denen man vorher bereits klare Regeln aufstellen und gleichzeitig Hilfe anbieten könnte, verpasst worden“, so Grewe in der ZEIT.

Intervention auf mehreren Ebenen

Warum kommt ein Schüler der Schule immer mehr „abhanden“? Meist wirken mehrere Faktoren auf unterschiedlichen Ebenen zusammen. Diese „Multiproblemlage“ umfasst nicht nur „den schulischen Kontext“ und „problematische Persönlichkeitsstrukturen“, sondern gründet auch im familiären Umfeld und in fehlenden oder problemverstärkenden Peer-Kontexten, erläutert Dr. Thorsten Bührmann. Auch spielten „wahrgenommene gesellschaftliche Chancen und Ausgrenzungen“ eine Rolle. (In: Themenheft Schulverweigerung 2/2014, S. 19 f.). Wie viele andere Schulabsentismusforscher vertritt er die Auffassung, dass erfolgreiche Ansätze „zeitgleich und aufeinander abgestimmt sowohl bei dem Jugendlichen selbst als auch in den unterschiedlichen Teilsystemen ansetzen“ müssten (ebd., S. 21).

Bausteine zur Prävention

In der Schule sollte ein effizientes Frühwarnsystem installiert werden. Es muss auf jeden Fall mehr leisten, als nur eine lückenlose Kontrolle: Auch die „Reintegration in die soziale Gemeinschaft und die Frage der versäumten Lerninhalte“ sind zu bewerkstelligen. (Vgl. dazu: Prof. Dr. Norbert Grewe (Hrsg.): „Auswege. Praxisprojekte für schulmüde und schulverweigernde Jugendliche in Niedersachsen“, S. 12)

Beispielhaft realisiert wird das bei dem „Ampelprojekt“ im englischen West-Sussex, das bereits seit mehreren Jahren läuft. Hier werden alle auftretenden Fehlstunden, entschuldigt und unentschuldigt, dokumentiert und mit einer speziellen Software ausgewertet. Sobald eine Maßnahme erforderlich ist, wird die Klassenlehrkraft darauf aufmerksam gemacht (zum Beispiel Ampelfarbe Gelb). Zunächst wird dann versucht, das Problem „niedrigschwellig auf der Ebene Klassenlehrer/in ? Schüler/in“ zu lösen. Dabei geht es nicht darum, Fehlzeiten zu verwalten oder zu analysieren, sondern darum, „strikt auf die Zukunft orientiert Zielvereinbarungen über das Nachholen der versäumten Lerninhalte und die zukünftige Anwesenheit“ zu treffen. Erst wenn diese Zielvereinbarungsgespräche nicht fruchten, folgen die nächsten Schritte: Dann werden die Eltern benachrichtigt, eine „Helferkonferenz“ tritt zusammen oder Experten von Jugendhilfe und Polizei werden hinzugezogen.

Außerdem sollten die Jugendlichen erleben, dass unmittelbar und sofort auf Fehlzeiten reagiert wird. Dazu sollte ein schulinterner „Verfahrenskatalog mit einem festgelegten Handlungsplan“ implementiert werden. (Th. Bührmann, Themenheft Schulverweigerung, Link s. o., S. 27)

Dr. Heinrich Ricking von der Universität Oldenburg definiert in seinem umfassenden Konzept weitere Maßnahmen auf der Ebene Schule („Bausteine der schulischen Prävention und frühen Intervention bei Schulabsentismus“, S. 4 ff.):

  • Oft ist Schulabsentismus auf die Angst vor Mobbing oder Gewalt zurückzuführen. Deshalb setzt sein pädagogisches Programm einen Schwerpunkt auf die „Sicherheit in Klasse und Schule“.
  • Auch empfiehlt er, grundsätzlich soziales Lernen zu fördern, etwa durch „Gestaltung eines sozial-integrativen Klassen- und Schulklimas“ oder durch Beratungs- und Mediationsangebote

Die Schülerpersönlichkeit stärken

Schulverweigerer haben „i.d.R. negativ ausgeprägte Deutungen über die eigene Person, die zu einem sehr eingeschränkten Handlungsrepertoire führen“, so Thorsten Bührmann. Auf personaler Ebene gehe es deshalb u. a. darum, „positive Selbstwirksamkeitsüberzeugungen“ zu entwickeln, „kurz: ‚Ich traue mir etwas zu!‘“ Die Schüler sollten außerdem einen respektvollen Umgang mit sich selbst lernen („Ich bin etwas wert!“), eine realistische Selbsteinschätzung („Ich kenne meine Potenziale und Grenzen!)“ und eine „hohe Kontrollüberzeugung (…) ‚Ich kann etwas bewirken!‘“ entwickeln. (Th. Bührmann, Themenheft Schulverweigerung, Link s. o., S. 22)

Bührmanns Empfehlungen zum Umgang mit Schulverweigerung fußen auf Interviews und Auswertungen aus 30 Projekten „schulbezogener Sozialarbeit“. Seine Fragestellung dabei: Was hat sich in der Praxis bewährt und ist dabei gut umsetzbar? Daraus entwickelt er konkrete Handlungsansätze, die Lehrkräft in der Schule direkt umsetzen können: (Ebd., S. 19)

  • Beim „Schaffen von Erfolgserlebnissen“ kommt es auf ein angemessenes Anforderungsniveau an: Nicht zu leicht und nicht zu schwer sollten die gestellten Aufgaben sein, denn Über- oder Unterforderung erzielt den gegenteiligen Effekt.
  • Die Kontrollüberzeugung fördern Sie als Lehrkraft am besten, indem Sie „Anforderungssituationen als ‚vollständige Handlungen‘“ konzipieren: Das heißt, die Jugendlichen sind von A bis Z für ein Projekt verantwortlich: für Planung, Durchführung und Handlungskontrolle. Damit wächst das Vertrauen der Schüler in die eigenen Fähigkeiten. (Ebd., S. 22 f.)

Von zentraler Bedeutung für eine gelingende pädagogische Arbeit sind „einzelne Personen (….), denen es gelungen ist, „eine tragfähige, stabile und vor allem langfristig verlässliche Beziehung aufzubauen“. Relevante Erfolgsfaktoren sind dabei:

  • eine „annehmende Grundhaltung, (…) Echtheit und Empathie“,
  • erreichbarkeit vor Ort,
  • kurze Feedbackbögen für schnelle und transparente Reaktionen,
  • Kontinuität („am Ball bleiben“),
  • ein individuelles Hilfsangebot und Transparenz bei allen Schritten.

Schüler in der Schule halten heißt mit ihnen in Kontakt bleiben

„Niemand öffnet sich oder lässt sich gar von einem Menschen leiten, von dem er glaubt, dass er einem schaden will“, schreibt Dr. Karlheinz Thimm in seiner „Handlungshilfe für Lehrkräfte zum pädagogischen Umgang mit Schulschwänzer/innen in der Sekundarstufe I“. Er hilft mit seinen sehr konkreten Empfehlungen, „die fast immer vorhandenen — wenn auch oft kleinen — pädagogischen Spielräume zu erkennen und auszunutzen, um Schüler/innen in der Schule zu halten“ (S. 1).

Schon bei den „Vorbereitenden Übungen und ersten Schritten“ (S. 2) wird ganz schnell klar, dass das Schüler-halten-wollen oft auch heißt, Menschen zu gewinnen: Schwänzt ein Jugendlicher, sollte zunächst überlegt werden, welche Lehrkraft in der Schule den besten Zugang zum Jugendlichen hat. Dann folgt das „Fallverstehen“ (S. 3): Klärung des Sachverhalts, Sammeln der Fehlzeiten, „Sprechen mit dem jungen Menschen (eventuell ist aufsuchendes Hinterhergehen erforderlich)“, Kontaktaufnahme mit den Eltern, „Ermittlung des elterlichen Wissensstandes“.

Dann folgen Thimms — oft überraschend originellen — Ideen für Interventionen, für deren Wirksamkeit es entscheidend sei, „Interesse und Zuwendung, Anerkennung, Verantwortung [zu] übertragen, ein[zu]beziehen, Vorgehensweisen miteinander [zu] erdenken.“
Er schlägt u. a. vor:

  • Anwesenheit zu belohnen und die individuelle Schulbesuchszufriedenheit zu erhöhen und im Gegenzug
  • die Zufriedenheit mit Schwänzen vermindern bzw. die Abwesenheit zu stören, etwa durch „unmittelbare Hausbesuche“ oder durch die „Zustellung von Arbeitsaufträgen bei Krankheit“,
  • das „Ankommen in der Schule nach Fehlzeiten positiv“ zu gestalten, z. B. indem man die Vorstellungen bzw. Wünsche der Jugendlichen ermittelt und
  • Vereinbarungen zu treffen (schriftliche Verträge oder Förderpläne) (S. 4, Kriterien für gute Verträge und ein einfaches Beispiel dazu auf S. 5).

Thimms „ungewöhnliche Ideen“ (S. 6) erweisen sich als Vorschläge für beziehungsstiftende Maßnahmen: „Man könnte (…) sich fünf anerkennende Botschaften gegenüber dem jungen Menschen für die kommende Woche vornehmen; sich gegenseitig etwas voneinander wünschen und die Realisierung kurz feiern‘‘ oder auch „vor der Stunde fragen: ‚Wie sieht Dein Stresspegel zwischen 0 und 10 aus?‘; ‚Was soll ich heute machen/lieber nicht machen, damit wir ohne >Unfall< durch den Tag kommen?‘“

Die Schüler fühlen sich dann gesehen und gewertschätzt. Das stärkt nicht nur ihr Selbstvertrauen, sondern auch ihre Bindung an die Schule.

Martina Niekrawietz

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