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Fernunterricht

Sozial benachteiligte Schüler besser mitnehmen – geht das?

Die Corona-Pandemie hat gravierende Folgen für sozial benachteiligte Schüler: Sie werden abgehängt, weil sie weder persönlich noch digital erreichbar sind. Erste Lösungsansätze lassen hoffen, auch diese Schüler zu unterrichten und zu fördern.

Fernunterricht: Sozial benachteiligte Schüler besser mitnehmen – geht das? Nicht jeder Schüler ist so perfekt ausgestattet fürs Homeschooling wie dieser © Sondem - stock.adobe.com

Es sei „eine echte Katastrophe“, zitiert das Onlinemagazin „MIGAZIN“ einen Schulleiter aus Rheinhessen. Von einigen seiner Schüler hätte es „seit Schließung der Schule keinerlei Rückmeldung mehr gegeben“, weder per E-Mail noch telefonisch seien sie zu erreichen. Mittlerweile dürften sich die meisten Kinder und Jugendlichen wieder – zumindest sporadisch – in der Schule eingefunden haben, trotzdem: ein Ende der Homeschooling-Phase ist derzeit noch nicht in Sicht und der Präsenzunterricht beschränkt sich auf einen Bruchteil der Unterrichtszeit vor den Schulschließungen. Viele Lehrkräfte, die zu Risikogruppen gehören, unterrichten nach wie vor von zu Hause aus. Bis das Virus gestoppt ist und Lehrer und Schüler ihren normalen Schulalltag wieder aufnehmen können, wird es wohl noch einige Monate dauern.

Die entscheidenden Fragen sind: Wie hoch ist der Anteil von Kindern und Jugendlichen, die der Fernunterricht nicht erreicht? Was können Sie als Lehrkraft unternehmen, wenn ein Teil Ihrer Schüler nicht mitmachen kann? – Der folgende Beitrag informiert Sie über eine Lehrerbefragung zum Thema und über Ansätze und Ideen in Politik und Schule, um Schüler aus sozial benachteiligten Familien zu unterstützen.

Soziale Ungleichheit – die Einschätzung der Lehrkräfte

Verstärkt sich die soziale Ungleichheit durch Schulschließungen? Ja, befürchten 86 Prozent der Lehrkräfte, wie aus einer von der Robert-Bosch-Stiftung und der Zeit beauftragten Forsa-Lehrerbefragung hervorgeht, deren Ergebnisse das deutsche Schulportal hier zusammenfasst. „Gut ein Drittel“ der über 1030 befragten Pädagogen schätzen zudem, „dass die Schulschließung bei den meisten Schülerinnen und Schülern zu Lernrückständen führen wird“, in Haupt-, Real- und Gesamtschule glauben dies 39 Prozent und im Förderbereich nahezu die Hälfte der Lehrkräfte (49 Prozent).

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang natürlich, wo die Lehrkräfte die Gründe für die wachsende soziale Ungleichheit verorten: Insgesamt 86 Prozent der Lehrer sehen einen wesentlichen Grund in den „unterschiedlichen Unterstützungsmöglichkeiten durch die Eltern“. Und auch der „Mangel an digitaler Ausstattung der Schülerinnen und Schüler“ spielt – besonders in der Grundschule – eine wichtige Rolle.

Kontakt- und Fördermöglichkeiten mit den Schülern eruieren

Obwohl 79 Prozent der Lehrkräfte „jederzeit von Schülerinnen und Schülern kontaktiert werden“ können, stehen in der Grundschule 47 Prozent mit weniger als der Hälfte (19 %) bzw. „sehr wenigen“ (30 %) regelmäßig in Kontakt. In Haupt-, Real- und Gesamtschulen sind es insgesamt 34 Prozent und im Gymnasium 31 Prozent mit Kontakten zu weniger als der Hälfte bzw. zu sehr wenigen Schülern. (Befragung, Link s. o.)

Doch gerade sozial benachteiligte Schüler brauchen oft kleinschrittige Unterstützung und Förderung, und der persönliche Austausch mit den Lehrern ist für erfolgreiches Lernen besonders wichtig.

Lehrkräfte sollten deshalb alle Register ziehen, um mit dieser Schülergruppe – und ggf. mit ihren Eltern – in Verbindung zu kommen. Am besten nutzen Sie die Präsenzphasen in der Schule für kurze Einzelgespräche mit den betreffenden Schülern. Dabei könnten Sie mögliche Kontaktwege (Telefon, WhatsApp, E-Mail, Schulwebsite etc.) und günstige Zeiten ausloten. Oder Sie vereinbaren mit diesen Schülern feste Gesprächstermine am Telefon oder direkt in der Schule.

Fördern Sie auch das Networking innerhalb der Schülerschaft und fragen Sie nach: Wer hat mit wem regelmäßig Kontakt? Beziehungsweise: Über welchen Schüler komme ich an XY heran? Rufen Sie bei schwer erreichbaren Schülern/Familien zu ungewöhnlichen Zeiten an, etwa am Abend oder früh morgens. Und überwinden Sie sprachliche Barrieren, zum Beispiel mithilfe von (älteren) Schülern, Eltern, Kollegen, Dolmetschern aus interkulturellen Vereinen etc., die übersetzen können.

In heterogenen Lerngruppen ließe sich womöglich auch ein Patenmodell umsetzen: Stärkere Schüler unterstützen schwächere per Telefon, E-Mail, WhatsApp & Co. – Peer-Learning genießt bei Jugendlichen ja eine hohe Akzeptanz.

Sozial benachteiligte Kinder in die Schule holen

In einem offenen Brief an die Kultusministerkonferenz forderten im April 2020 zweiundvierzig Bildungsexperten, „Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Lebensverhältnissen (...) bei einer schrittweisen Öffnung der Schulen bevorzugt“ zu berücksichtigen. Es bestehe die „begründete Sorge (...), dass diese Schüler*innen ‚abgehängt“‘ werden: Häufig fehlten „die erforderlichen digitalen Geräte und der Internetzugang“, und auch die Eltern könnten ihre Kinder nur wenig unterstützen, da sie nicht „das in [der] Schule geforderte Deutsch“ beherrschten und auch nicht „mit den Bildungsinhalten“ vertraut seien (ebd.).

Die Unterzeichner, unter ihnen renommierte Bildungsforscher und zahlreiche mit dem deutschen Schulpreis dekorierte Schulleiter, schlagen daher folgendes vor:

  1. Im Zuge der schrittweisen Schulöffnungen sollte „zunächst vor allem denjenigen Kindern und Jugendlichen der Schulbesuch ermöglicht werden, die eine besondere Unterstützung benötigen.“
  2. Man sollte ihnen die Chance geben, bis zur Öffnung für alle „Schüler*innen in den Räumen der Schule beim Lernen von Lehrkräften betreut zu werden.“ Diese „erweiterte Notfallbetreuung“ sollte ein Angebot auf freiwilliger Basis sein.
  3. Zielgruppe für dieses Angebot sollten die Schüler sein, die die Lehrkräfte bisher „mit ihren Lernangeboten nicht oder kaum erreichen konnten“. Auch „Beratungseinrichtungen und die Jugendhilfe“ könnten bei der Auswahl helfen.

Welche Schülergruppen tatsächlich als erste wieder in die Schulen kommen dürfen, differiert von Bundesland zu Bundesland. Die Entscheidung darüber obliegt den Landesregierungen, doch zumindest die oben angesprochene erweiterte Notfallbetreuung lässt sich vereinzelt sicherlich auch auf Schulebene installieren. – Vorausgesetzt natürlich, es gibt genügend personelle Kapazitäten.

Rechner für alle Schüler – mit staatlicher Hilfe

Damit alle Kinder ein digitales Endgerät haben und am Fernunterricht teilhaben können, hat das Bundesbildungsministerium jüngst ein „Sofortausstattungsprogramm“ aufgelegt: 500 Millionen Euro werden dabei nach dem Königsteiner Schlüssel auf die Länder verteilt. Diese entscheiden dann, wer die Geräte bekommt und wie sie beschafft werden. Das deutsche Schulportal hat vorab schon einmal in den Schulministerien einiger Länder (Baden-Württemberg, Hamburg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Schleswig-Holstein) nähere Details erfragt. In den Schulen der meisten Länder wird es ein Leihsystem geben, wobei außerdem noch zu klären ist, „wie sichergestellt wird, dass auch alle Kinder eine Netzanbindung haben“ (ebd.). Dazu wird „der Bund in Absprache mit den Ländern Lösungen mit Mobilfunkanbietern erarbeiten“, so Bundesbildungsministerin Anja Karliczek.

Einige Länder kündigten an, die Mittel noch in 2020 ausgeben zu wollen. – vielleicht kommen die Geräte dann ja tatsächlich bis zum Ausbruch einer möglichen zweiten Corona-Welle bei den jeweiligen Schülern an. In jedem Fall steht damit aber noch ein wichtiger Punkt auf der Agenda für den Präsenzunterricht vor und nach den Sommerferien: digitale Kompetenzen ausbauen, auf Schüler- und auf Lehrerseite. Apropos: Baden-Württemberg möchte mit dem Geld auch eine Lehrerfortbildung finanzieren. Wichtig sei ja, „dass Laptops, Tablets und Co. nicht nur zur Verfügung stehen, sondern auch pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden“, begründet Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) diesen Schritt (ebd.).

Martina Niekrawietz

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