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Best-Practice-Schule

Von null auf hundert: Deutsch lernen im Sprachbad

An der Deutsche Schule „Mariscal Braun“ in La Paz lernen die Schüler Deutsch, indem sie von Anfang an völlig in die Sprache eintauchen. Immersion ist ein inspirierender Weg, eine Fremdsprache ganz natürlich und zwanglos zu lernen.

Best-Practice-Schule: Von null auf hundert: Deutsch lernen im Sprachbad Im alltäglichen Gespräch und in der Zusammenarbeit im Unterricht lässt sich eine Sprache besonders gut lernen © Robert Kneschke - stock.adobe.com

Grammatikalisch ist das Deutsch von Ana Rosa Lopez makellos. Trotzdem verrät der leichte spanische Akzent der Lehrerin an der Deutschen Schule „Mariscal Braun“ in La Paz, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Ihre Schüler kommen zu 95 Prozent aus Bolivien und sie glauben, dass Frau Lopez gar kein Spanisch kann, denn sie spricht mit ihnen ausschließlich Deutsch. – Das findet Frau Lopez „super“, wie sie im Videoporträt im Beitrag „Mit Immersion zur Bilingualität“ auf der Website des Deutschen Schulportals (DSP) stolz erzählt. Schließlich zeigt das ganz klar, dass sie ihren Schülern die deutsche Sprache konsequent mit der Methode der Immersion vermittelt.

Der Begriff Immersion, von lateinisch „immersio“ = eintauchen, untertauchen, bezeichnet das Lernen einer Sprache in einer fremdsprachigen Umgebung. Durch Eintauchen in ein „Sprachbad“ erwerben die Kinder die zweite Sprache genauso zwanglos und natürlich wie eine zweite Muttersprache. Und das gelingt an der „Mariscal Braun“ so gut, dass die Schule im Jahr 2019 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde. – Ein Best-Practice-Beispiel, das auch hierzulande gute Impulse für Sprachunterricht und -förderung geben kann.

Sprachbad: erst einmal ein Sprung ins kalte Wasser

„Sprachbad“ bedeutet in der Deutschen Schule in La Paz, dass die Kinder „so viel konfrontiert werden mit der deutschen Sprache, wie’s nur irgend geht“, sagt Schulleiter Volker Stender-Mengel im Videoporträt. Bereits in den ersten beiden Schuljahren haben die Kinder „weit über 20 [Unterrichts-]Stunden auf Deutsch, (...) von Sachkunde bis Mathematik, das wird alles auf Deutsch gemacht und insofern gibt’s kein Entrinnen“. Dabei beginnen die Erstklässler nicht völlig bei Null: Bereits im schuleigenen Kindergarten werden die Kinder „schon nach zwei bis drei Wochen von den Erzieherinnen und Erziehern sowie den Lehrkräften ausschließlich auf Deutsch angesprochen“, berichtet Antje Tiefenthal in ihrem Beitrag „Das ‚Lernwunder‘ von La Paz“. Hier sprechen die Pädagogen auch schon gezielt wichtige Themen und Inhalte an, die für den Erstunterricht bedeutsam sind.

Trotzdem ist der deutschsprachige Unterricht für die Erstklässler eine große Umstellung: Am Anfang haben die Kinder das Gefühl „ich versteh‘ gar nix“, sagt Lehrerin und Immersions-Projektleiterin Lisa Niemann im Videoporträt auf der eingangs verlinkten DSP-Website, „aber die merken dann auch, wir verstehen doch ganz viel“. Auch für die Lehrer seien diese ersten Schultage nicht einfach, doch man müsse eben „einfach den Mut haben weiterzumachen und den Kindern das zutrauen, die können meistens mehr als man denkt“, so die erfahrene Immersionsexpertin.

Priorität Nummer 1: kommunizieren können

Im Immersionsunterricht und beim täglichen Miteinander mit den deutschen Mitschülern wird die deutsche Sprache für die Kinder zur „Kommunikationsbasis“. Dadurch wächst die produktive Sprachfertigkeit, während die sprachliche Richtigkeit noch nicht so sehr im Vordergrund steht (ebd.). Eine wichtige Rolle spielt in dieser Phase das „Sprachvorbild der Lehrkräfte“. Sie reden – wie das Video zeigt – buchstäblich mit Händen und Füßen und unterstützen so einen ungezwungenen und intuitiven Spracherwerb der Kinder.

Rituale schaffen vielfältige Sprechanlässe. Ganz wichtig ist zum Beispiel der tägliche Morgenkreis, bei dem die Kinder den Stundenplan des kommenden Tages durchgehen, von ihren Freizeiterlebnissen berichten oder über Probleme untereinander sprechen. Hier überwinden selbst die eher schüchternen Schüler die Hemmschwelle, in der für sie noch fremden Sprache zu sprechen.

Weil die Unterrichtssprache in den allermeisten Fächern Deutsch ist, erweitern die Schüler automatisch beständig ihren Wortschatz und können „neue Wort- und Satzstrukturen täglich umfänglich in ihrem Schulalltag einsetzen und dabei üben“ (ebd.) – und das ganz ohne Vokabeln und Grammatik pauken zu müssen, wie das im „klassischen Fremdsprachenunterricht“ der Fall wäre.

Teamarbeit wird großgeschrieben

Damit auch wirklich alle Kinder von Anfang an im Unterricht arbeiten können, erstellen die Lehrkräfte „in sehr enger Teamarbeit“ differenzierte Materialien für die deutschen und bolivianischen Kinder. So sorgen sie zum Beispiel mit Bild- und Wortkarten dafür, dass jedes Kind die jeweilige Aufgabe auch wirklich versteht und in seinem individuellen Tempo lernen kann. Alle Materialien werden „in schulinternen Handbüchern gesammelt, immer wieder evaluiert und dem nachfolgenden Team zur Verfügung gestellt“ (ebd.).

Auf „dem Weg von der Idee zum praxistauglichen Konzept“ suchte das Kollegium auch den Austausch mit der deutsch-peruanischen Schule in Lima, die bereits zwei Jahre mehr Erfahrung mit der Immersionsmethode hatte. Trotz aller Unterstützung sei es aber eher ein „Learning by doing“ gewesen, die „bestmögliche Herangehensweise an das ‚Grundschul-Sprachbad‘ zu finden“, sagt Lisa Niemann rückblickend.

Wie alle Lehrkräfte der Schule spricht auch Schulleiter Volker Stender-Mengel Spanisch. Und manchmal „ertappt“ er sich dabei, „wie er Kinder aus Versehen auf Spanisch anspricht“. Wenn ihm dann die Kinder spontan auf Deutsch antworten, freut er sich, denn er ist auf dem richtigen Weg: Offensichtlich geht den Kindern die deutsche Sprache tatsächlich in Fleisch und Blut über. So sehr, dass etwa die Hälfte der Schüler das deutsche Abitur schafft. – Der Notendurchschnitt kann sich sehen lassen: Er lag zuletzt bei 2,16.

Martina Niekrawietz

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