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Konflikttraining

Faires Streiten muss man lernen!

Soziale Kompetenzen müssen Grundschüler erst erwerben. Dazu gehört auch der konstruktive Umgang mit Konflikten. Statt wütend aufeinander loszugehen, lernen sie im Laufe der Schulzeit einen achtsamen Umgang miteinander.

Konflikttraining: Faires Streiten muss man lernen! Kinder müssen erst lernen, dass es andere Möglichkeiten gibt, als gleich aufeinander loszugehen © highwaystarz - Fotolia.com

Wenn Grundschüler miteinander streiten, sehen die Lehrer womöglich nur die „Spitze des Eisbergs“, denn oft verbirgt sich dahinter eine komplexe Geschichte, in die auch die Eltern der Kinder involviert sind. Vera Großeholz schildert mehrere solcher Geschichten in ihrer Broschüre „Konflikterziehung an Grundschulen“, zum Beispiel die der Erstklässlerinnen Annika und Petra: Die beiden haben schon in ihrer Kindergartenzeit sehr häufig miteinander gespielt. Das setzte sich auch in der Schule fort, bis Annika bei Petra zu Hause „den schönen goldglänzenden Schlüssel der Flurkommode“ weggenommen hat (S. 12). Petras Mutter hat ihrer Tochter daraufhin verboten, mit Annika zu spielen. Also spielt Petra nicht mehr mit Annika, obwohl sie es eigentlich möchte. Annika hat nun „so eine unheimliche Wut, dass sie nicht anders kann, als es Petra zu zeigen. (…) Sie hält sie fest und kneift. Denn es soll Petra wehtun, so weh wie es ihr getan hat.“ (S. 13)

Oberflächlich betrachtet übt Annika Gewalt aus, doch von ihrem eigenen Standpunkt aus hat sie das Gefühl, im Recht zu sein. – Kein Grund, hier hart durchzugreifen, denn im Alter von sechs Jahren „ist dies der durchaus normale Ausdruck des Entwicklungsstadiums, in dem sich die Kinder befinden, dem (…) des Egozentrismus“, erläutert Großeholz. Eigen- und Fremdwahrnehmung seien noch nicht entwickelt, eine Sechsjährige könne meist noch „keinen anderen als den eigenen Standpunkt einnehmen“. (S. 16)

Soziale Kompetenzen müssen erst gelernt werden

Um zu einer konstruktiven Lösung gelangen zu können, bräuchten die Kinder die Fähigkeit zum Perspektivwechsel. Zudem müssten sie die Konflikthaftigkeit der Situation erkennen und darüber kommunizieren können. Das „sind gleichzeitig die Kompetenzen, die ein demokratischer Staat von seinen Bürgern braucht. Dazu braucht es starke, selbstbewusste und gruppenfähige Individuen“, so Vera Großeholz (S. 18). In Familie, Kindergarten und vor allem in der Schule erleben sich die Kinder erstmals als Mitglieder von Gruppen. Das seien deshalb die Orte, wo „gegenseitiger Respekt, Einfühlungsvermögen und Toleranz, Verantwortungsübernahme und Konfliktfähigkeit als demokratische Grundtugenden und als Qualitäten des gelebten Alltags“ erlebt und gelernt werden müssen. (ebd.)

Die folgenden Unterrichtsmaterialien für verschiedene Klassenstufen zielen auf diese Kompetenzen und zeigen, dass soziales Lernen und Konflikttraining keine „trockene Sache“ ist, sondern Kindern auch Spaß machen kann.

Fair streiten und die eigene Wut beherrschen

Zwei Unterrichtsvorschläge mit Arbeitsblättern umfasst das Streittraining der Tiroler Fachstelle für Suchtvorbeugung kontakt+co, das sich an Schüler der Jahrgangsstufen 1 bis 4 richtet:

1. „Hab‘ ich eine Wut“: In dieser ersten Unterrichtseinheit lernen die Kinder Wut als „legitimes Gefühl“ kennen. Sie erleben Techniken der Wutkontrolle und probieren sie auch gleich „in einer geschützten Atmosphäre“ aus. Auf Karten notieren die Kinder zunächst ihre persönlichen Wutauslöser und werfen sie in eine Box. Dann überlegen sie sich in Dreiergruppen „Strategien gegen die Wut“. Im Plenum überprüft die Klasse dann, ob unter den „Wuttricks“ Vorschläge sind, bei denen jemandem wehgetan oder etwas kaputtgemacht wird. („Das ist nicht in Ordnung, diese Tricks müssen verändert oder weggelegt werden.“) Anschließend stellt jeder reihum seine Vorschläge vor und klebt sie auf ein großes Plakat („Unsere Wuttricks“).

Im praktischen Teil testen die Schüler ihre Strategien gegen die Wut im Rollenspiel: Dazu zieht jedes Kind aus der Box einen Wutauslöser und provoziert damit einen Mitschüler, der versucht, die Wuttricks anzuwenden. Auch „das Publikum“ darf Lösungsvorschläge machen. Wichtig: Zeit limitieren, damit jeder drankommt, eventuell mit einer Stoppuhr arbeiten.

2. Absicht oder Versehen? Das ist die Frage, wenn zum Beispiel ein Schüler auf dem Pausenhof einen anderen anrempelt. Doch wie klärt man das, ohne gleich loszuschlagen? Auch das ergründen die Kinder mithilfe ihrer eigenen Ressourcen durch Reflexion (Brainstorming) und Rollenspiel. Diesmal allerdingst stellen zwei „geübte Rollenspieler“, vorher vom Lehrer instruiert, die Szene dar, die mit der Frage endet: „Warum hast du mich angerempelt?“

Aus der Box mit den Provokationsgründen werden weitere Karten gezogen, die die Schüler wechselnd nachspielen und dabei versuchen, konstruktiv zu kommunizieren: „Das hat mir weh getan! Warum hast du das gemacht?“ „Das sollst du nicht tun, das will ich nicht!“ Die konstruktiven Formulierungen schreibt der Lehrer auf ein Plakat, das in der Klasse aufgehängt wird.

Konflikttraining für Fortgeschrittene

Unterrichtsmaterialien für die 3. und 4. Klassen, die bereits die Grundlagen der konstruktiven Konfliktlösung beherrschen, finden sich im „Handbuch Gewaltprävention“ des Tübinger Friedenspädagogen Günter Gugl (Hier eine Übersicht der einzeln downloadbaren Kapitel). Das Kapitel 4.2.1 bietet nicht nur fundiertes Hintergrundwissen für Eltern und Lehrer, sondern auch vielfältige Anregungen für eine strukturierte Konflikterziehung im Unterricht: Etwa Merksätze zum Umgang mit Konflikten (S. 15), die zehn Regeln für konstruktive Konfliktverläufe (S. 14), ein vielseitig verwendbares Raster für den Umgang mit Streitgeschichten (S. 25) oder auch ein kleines „Hosentaschenbuch“ zum Selbstmachen (S. 30) mit den wichtigsten Regeln für die konstruktive Konfliktlösung.

Empathie und Perspektivwechsel lernen

Die eigenen Gefühle zu reflektieren und sich empathisch in andere hineinzuversetzen fällt Grundschülern oft schwer: Es fehlen die Worte und meist auch noch die Fähigkeit, auf Anhieb zu erkennen, was sich hinter aggressivem Verhalten eigentlich verbirgt. Hier helfen Gefühlskarten den Kindern, sich selbst und andere besser zu verstehen und sich zu verständigen. Solche Kärtchen lassen sich leicht selbst basteln, zum Beispiel mit Fotos der Kinder in der Klasse, für die die Schüler ein wütendes, ängstliches, glückliches usw. Gesicht machen.

Auch Handpuppen vereinfachen den Perspektivwechsel für die Kinder: Ähnlich wie beim Rollenspiel schaffen die Figuren eine gewisse Distanz beim Betrachter und eignen sich zum Beispiel hervorragend, um verschiedene Handlungsmöglichkeiten in Konfliktsituationen zu verdeutlichen.

Für Kinder ab Mitte der zweiten Jahrgangsstufe kann die Giraffen- und Wolfssprache herangezogen werden, um eine achtsame und konsensorientierte Kommunikation zu üben. Worum es dabei geht, beschreibt der Beitrag „Schritt für Schritt zu einer Kultur der Anerkennung“ (s. Link unter diesem Beitrag), und Unterrichtsbausteine dafür finden sich bei kontact+co und in einer Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (ab S. 42).

Martina Niekrawietz

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