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Sozialkompetenztraining

Handpuppen als Co-Lehrer und Schüler-Buddy

Der neue Mitschüler und gleichzeitig neuer pädagogischer „Mitarbeiter“ ist eine Handpuppe — gespielt vom Lehrer. Mit der ulkigen, agierenden Figur können sich die Kinder so identifizieren, dass ein Sozialkompetenztraining fast von selbst funktioniert.

Sozialkompetenztraining: Handpuppen als Co-Lehrer und Schüler-Buddy Handpuppen haben großen Aufforderungscharakter. Mit ihrer Hilfe sprechen Kinder auch über Dinge, über die sie sonst nicht so gern reden © ehrenberg-bilder - Fotolia.com

In der inklusiven Paul-Gerhardt-Grundschule (PGS) in Dülmen lernen die Kinder in der Schuleingangsphase nicht nur ihre neuen Mitschüler und Mitschülerinnen und Lehrkräfte kennen. Sie begegnen auch „Lubo aus dem All“, einer 40 Zentimeter großen, grünen Handpuppe mit bunten, hahnenkammähnlichen Haaren und einer blauen Brille. Lubo möchte von den Kindern wissen, „wie er auf der Erde Freunde finden kann und wie Kinder es schaffen, gut miteinander auszukommen“, erläutern die Autoren der Schulwebsite der PGS.

Gemeinsam mit Lubo erkunden die Erst- und Zweitklässler, im sonderpädagogischen Bereich auch die Drittklässler, ihre eigenen Gefühle und die der anderen, bauen Freundschaften auf und entwickeln „angemessene Problem- und Konfliktlösungsstrategien“ (ebd.) sowie vier grundlegende Regeln für ein reibungsloses Miteinander.

Der folgende Beitrag stellt Ihnen zwei Trainingsprogramme zur Förderung sozial-emotionaler Kompetenzen vor, die mit Handpuppen und einer festen Rahmengeschichte arbeiten. Beide Programme erstrecken sich über mehrere Monate und schulen frühzeitig und systematisch soziale Basiskompetenzen. Und weil der Umgang mit Handpuppen für viele Lehrer ungewohnt ist, finden Sie am Schluss des Beitrags dazu noch Hinweise auf theaterpädagogische Anregungen für eine ansprechende „Puppenspieler-Performance“.

Mit Handpuppen „kriegen“ Sie die Kinder

Handpuppen eignen sich besonders gut für Sozialkompetenztrainings mit Kindern im Grundschulalter, „weil sie einen hohen Aufforderungscharakter besitzen und die Aufmerksamkeit der Kinder unterstützen“, erläutert Prof. Dr. Franz Petermann auf der Website der Universität Bremen. Auch bei dem von ihm entwickelten „Verhaltenstraining für Schulanfänger“ steht eine Handpuppe im Mittelpunkt: Das Chamäleon Ferdi, das die Kinder bei einer Schatzsuche begleitet und „als Identifikationsfigur mit Vorbildcharakter“ fungiert. Es ist „anpassungsfähig, ruhig und sehr aufmerksam“ und verkörpert damit drei wesentliche Eigenschaften, die auch die Kinder brauchen, um in der Schule klarzukommen.

Das Lubo-Schultraining nutzt das Buddy-Prinzip: Als „Buddy“ (engl. für „Kumpel“) unterstützen die Kinder Lubo beim sozialen Lernen. Sie üben dabei den Perspektivwechsel, übernehmen Verantwortung und verbessern in der Rolle als Coach gleichzeitig ihre eigenen sozial-emotionalen Kompetenzen.

Weiterführende Hinweise:

Fortbildungen zum Lubo-Schultraining bietet die Heilpädagogische Akademie für Erziehungshilfe & Lernförderung e.V. an.

Wer einen Handpuppenspiel-Workshop buchen möchte, findet die aktuellen Termine auf der Website von Olaf Möller.

Jens Mollenhauer, Vater, Polizist und Pädagoge, bietet im Raum Hamburg kurze Sozialtrainings mit Handpuppe an. Die Themen reichen dabei von Anti-Aggressivitäts-Training bis Zivilcourage, wie seine Website zeigt.

Die drei Bausteine des Lubo-Schultrainings

Das „Lubo-Schultraining“ wurde von Wissenschaftlern der Universitäten Köln und Oldenburg als Präventionsprogramm für die Schuleingangsphase entwickelt und evaluiert. Es eignet sich sowohl für den Einsatz in Regelschulen als auch in sonderpädagogischen Settings und kann universell für alle Kinder, selektiv „für Kinder mit erhöhten sozial-emotionalen und kognitiven Risiken“ oder auch indiziert für Kinder mit besonderen Verhaltensproblemen eingesetzt werden, schreibt Frederick Groeger-Roth auf der Website ctc-info.de des Landespräventionsrats Niedersachsen.

Mit zwei bis drei vollen Trainingsstunden pro Woche und insgesamt 30 Trainingsstunden erstreckt sich das Lubo-Schultraining über einen Zeitraum von 5 bis 6 Monaten und umfasst drei aufeinander aufbauende Bausteine:

  1. Ein Grundlagentraining (12 Stunden), bei dem die Kinder u. a. Aufmerksamkeit, Selbst- und Fremdwahrnehmung und die Interpretation sozialer Hinweisreize üben. Dabei stehen auch die Basisemotionen (Trauer, Freude, Angst und Wut) im Fokus.
  2. Beim sechsstündigen Emotionsregulationstraining lernen die Kinder, „die Funktion von Gefühlen sowie die Notwendigkeit ihrer Regulation nachzuvollziehen“ (Website ctc-info.de, Link s. o.). Zudem vermittelt dieser Baustein „altersgerechte Regulationsstrategien für emotional schwierige Problemsituationen“ (ebd.), z. B. Entspannungstechniken.
  3. Beim Transfer- und Problemlösetraining (12 Stunden) üben die Kinder „die angemessene Lösung alterstypischer, sozialer Problemsituationen“ (ebd.), wobei sich der Blick in den letzten Stunden zunehmend auf die eigenen Problemsituationen richtet.

Über diese 30 Trainingsstunden hinaus gehören noch 23 Vertiefungsstunden, Spiele und weiteres ergänzendes Material für den Schulalltag zum Programm. Das eröffnet der Lehrkraft die Möglichkeit, bei Bedarf gezielt einzelne Trainingsinhalte nochmals aufzugreifen bzw. diese im Förderunterricht mit einzelnen Schülerinnen und Schülern zu intensivieren.

Eine typische Lubo-Trainingsstunde

Für die wöchentlichen Lubo-Trainingsstunden ist keine Vorbereitungszeit erforderlich: Mit dem Lehrer-Trainingsmanual und dem Schülerarbeitsheft mit direkt übernehmbaren Arbeitsblättern kann man direkt starten. Dennis Hövel und Thomas Hennemann, die Autoren des Trainingsprogramms, schildern in einem Zeitschriftenartikel (ZEIF, 2016, Nr. 2, S. 4 f.) den Ablauf einer Einzelstunde. Er folgt einem festen Muster mit Ritualen, die in der Einstiegsphase aktivierend wirken (Mitmachlied, RUBO-Ruf, Stimmungs-Check mit dem „Stimmungsherz“ ...), und in der Schlussphase dabei helfen, Gelerntes zu vertiefen: Auf ein akustisches Signal hin gibt es eine kurze Inhaltszusammenfassung, danach eine Verstärkung von regelgerechtem Verhalten („Sternenstaubvergabe“) und zuletzt schließlich die Verabschiedung. Dazwischen erarbeiten sich Schüler, Lehrer und Lubo in stetig wechselnden Sozialformen und mit vielfältigen Methoden die jeweiligen Förderziele.

Die klare, durch wiederkehrende Elemente geprägte Struktur der Trainingsstunden erleichtert es besonders den „Kindern mit Aufmerksamkeits- und Verhaltensstörungen (...) sich angemessen zu verhalten“, da sie genau wissen, was auf sie zukommt, so die Autoren des Beitrags (S. 4). Apropos Wiederkehr: Bei der Evaluation des Präventionstrainings stellte sich heraus, dass die Trainingseffekte besonders hoch waren, wenn die Trainingsinhalte auch in den Unterrichtsalltag integriert wurden und die Kinder die neu gelernten Strategien immer wieder anwenden konnten (ebd., S. 9).

Grundschüler gehen auf Schatzsuche mit Ferdi

Anders als „Lubo aus dem All“ wendet sich das an der Universität Bremen entwickelte „Verhaltenstraining für Schulanfänger“ an Erst- und Zweitklässler der Regelschule und in Ganztagseinrichtungen. Das primärpräventive Trainingsprogramm umfasst 26 Einheiten, die an zwei Wochenstunden in 13 Wochen innerhalb eines Schulhalbjahres durchgeführt werden sollten.

Auch hier motiviert die Kinder eine altersgerechte, spannende Rahmengeschichte zur kontinuierlichen Mitarbeit: Die Schüler begeben sich auf Schatzsuche, was bei den Kindern die „Ergebniserwartung“ weckt und zudem das Anstrengungs- mit dem Belohnungsprinzip verbindet, wie Prof. Dr. Franz Petermann bei einem Vortrag an der LMU München (Powerpoint-Präsentation) erläutert (S. 19).

Aufbau des Trainings:

  • Stufe 1: In den ersten drei Stunden führt die Lehrkraft „die Trainingsgrundlagen“ ein: eine „Atempause“ für motorische Ruhe und Entspannung, die Rahmengeschichte und zum Motivationsaufbau die „altersgemäße Identifikationsfigur“ in Gestalt der Handpuppe Ferdi. Mit einem Verstärkerplan (eingebunden in die Schatzsuche) erkennen die Kinder den Zusammenhang zwischen Verhalten und Konsequenzen, und mit einem von allen unterschriebenen Trainingsvertrag wird ein „Verpflichtungsgefühl“ aufgebaut. (ebd., S. 17)
  • Stufe 2: In den folgenden drei Stunden lernen die Kinder einen Schatzsucher-Ruf und steigern mit spielerischen Übungen ihre visuelle und auditive Aufmerksamkeit.  
  • Stufe 3: Die Kinder üben sechs Stunden lang mit Bild- und Textanalysen, Gefühle bei sich selbst und anderen wahrzunehmen und bauen sozial-emotionale Fertigkeiten und prosoziales Verhalten auf (Empathie, Hilfeverhalten und Kooperation). (ebd., S. 30)
  • Stufe 4 vermittelt soziale Fertigkeiten in alltäglichen Problemsituationen – eine Aufgabe, die die restlichen 14 Stunden beansprucht. Für methodische Abwechslung sorgen dabei unterschiedliche Sozialformen und ein bunter Medienmix: Bei Spielen, Rollenspielen, Comicgeschichten, Hörspielen, Gruppenarbeitsaufträgen und Unterrichtsgesprächen geht es um Regelverständnis, angemessene Selbstbehauptung, Strategien zum Umgang mit Misserfolg, Übungen zur Selbstkontrolle und noch einmal um Kooperation und Hilfsbereitschaft.

Dass die Schatzsuche mit Ferdi den Schülern Spaß macht, demonstrieren die Schülerinnen und Schüler der Klasse 2 b der Sperberschule in Nürnberg in diesem Video, das auch gleich Einblick in die vielfältigen Materialien und Methoden gibt.

Mut zur Puppe

In beiden Sozialtrainings haben die Handpuppen Ferdi und Lubo einen festen Platz in der Trainingsstunde. Ferdi führt zum Beispiel die Schatzsuchergeschichte ein, initiiert die Arbeitseinheiten und verteilt die Belohnungspunkte am Schluss der Stunde. Diese wiederkehrenden Rituale könnte man mit bestimmten Bewegungen, Gesten oder Worten koppeln, was für die Kinder den Wiederkennungswert erhöht und für die Lehrkraft die Puppenspiel-Aufgabe vereinfacht.

Wie man eine Puppe mit Leben erfüllt, weiß der Theaterpädagoge Olaf Möller. In seinem Vortrag am Religionspädagogischen Institut in Loccum fasst er die wichtigsten Praxistipps für den Einsatz von Klappmaulpuppen im Unterricht zusammen.

Hilfreich ist es in jedem Fall, vor dem Auftritt erst einmal vor dem Spiegel oder mit einem Partner zu üben. Denn um „lebendig zu spielen“, muss der Puppenspieler auf die Augen und die Kopfhaltung achten, den Mund synchron zur eigenen Stimme bewegen, falls möglich die Hände der Puppe gestikulieren lassen, und dann auch noch die Stimme verstellen.

Dass die meisten Lehrkräfte dabei erst einmal über ihren eigenen Schatten springen müssen, ist ganz normal: „Am Anfang fühlt es sich idiotisch an, die Stimme zu verstellen“, erläutert Olaf Möller in diesem kurzen Video über sein Seminar zum Thema „Große Handpuppen ins Spiel bringen“. Und er ergänzt: „Wenn es sich idiotisch anfühlt, seid ihr genau auf dem richtigen Weg“.

Martina Niekrawietz

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