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Exekutive Funktionen

Konzentration lässt sich gezielt trainieren

Bei vielen Grundschülern hapert es anfangs mit der Konzentration. Doch die lässt sich gezielt trainieren, mit ungeahnten Erfolgen für die Lernleistungen der Schüler und das Lernklima.

Exekutive Funktionen: Konzentration lässt sich gezielt trainieren Schüler träumen zuweilen und haben Schwierigkeiten, sich länger konzentriert mit einer Aufgabe zu beschäftigen © contrastwerkstatt - Fotolia.com

In einem bekannten Lehrerforum bittet eine Grundschullehrerin die Kollegen um Hilfe: Einer ihrer Schüler in der ersten Klasse, der zwar „inhaltlich keine großen Probleme hat“, hinke ständig hinterher, bringe „kaum eine Aufgabe in angemessener Zeit zu Ende“, trödle und lasse sich schnell ablenken. Was tun? Wäre ein Test angezeigt, „um eine Konzentrationsstörung zu diagnostizieren/auszuschließen?“, fragt sie in die Runde.

„Ruhig bleiben“, empfiehlt Berufsschullehrerin „Micky“, „meine Tochter war in der ersten Klasse auch sehr verträumt und langsam. Sie hat einfach [Zeit] gebraucht, bis sie angekommen war.“ Ganz ähnlich sieht das „icke“: In der ersten Klasse seien „unkonzentrierte Schüler (...) erstmal nicht soooo ungewöhnlich“. Er unterrichtet selbst eine zweite Klasse und da hätten „gut ein Drittel“ seiner Schüler — überwiegend Jungs — Konzentrationsprobleme. Der Tenor bezüglich Diagnoseverfahren: Keine Panik, erst einmal abwarten und beobachten, ob es bestimmte Bereiche gibt, wo das Kind sich besser fokussieren kann. Gute Erfahrungen hat ein Grundschullehrer mit Lärmschutzkopfhörern gemacht, eine Kollegin arbeitet mit Sanduhren, womit die Schüler ihr „eigenes Tempo besser kontrollieren“ könnten.

Der folgende Beitrag liefert Ihnen neurowissenschaftliches Hintergrundwissen zum Thema und zeigt auf dieser Grundlage, wie Sie die Konzentrationsfähigkeit Ihrer Schüler gezielt fördern.

Konzentration erfordert komplexe Fähigkeiten

Konzentration ist keine reine Willenssache, sondern — genau wie zum Beispiel das Laufenlernen — das Ergebnis eines vielschichtigen Entwicklungsprozesses: Um sich konzentrieren oder auch nachdenken zu können, brauchen Kinder ebenso wie Erwachsene vielschichtige geistige Fähigkeiten, die sogenannten „exekutiven Funktionen“ (EFs). Sie bilden sich bereits zwischen zweieinhalb und sieben Jahren maßgeblich heraus. Anders als beim Laufenlernen ist die Steuerzentrale für die exekutiven Funktionen, das Stirnhirn, allerdings erst im frühen Erwachsenenalter fertig ausgebildet.

Die exekutiven Funktionen haben für die Lernleistung „während der gesamten Schulzeit einen ebenso hohen Stellenwert wie der IQ“, so Dr. Sabine Kubesch auf der Website des Baden-Württembergischen Landesinstituts für Schulsport, Schulkunst und Schulmusik. Umgekehrt sind „Konzentrationsprobleme, ADS oder ADHS (...) häufig ein Hinweis auf schlecht ausgeprägte exekutive Funktionen“. — Vor diesem Hintergrund wären möglicherweise auch die eingangs geschilderten Probleme des Erstklässlers, der ja auch „inhaltlich keine Probleme“ hatte, erklärbar: Es könnte ein Defizit im Bereich des Arbeitsgedächtnisses, der inhibitorischen Kontrolle oder der kognitiven Flexibilität vorliegen. — Das sind die drei zentralen exekutiven Funktionen, die die Autoren der Website des „TransferZentrums für Neurowissenschaften und Lernen“ (ZNL) der Universität Ulm näher beschreiben.

Arbeitsgedächtnis, Inhibition und kognitive Flexibilität

Insbesondere drei zentrale Hirnfunktionen sind dabei für den Schulerfolg ausschlaggebend. Sie sollen im Folgenden näher beschrieben werden.

  1. Das Arbeitsgedächtnis, das zwar nur fünf bis sieben Elemente über wenige Sekunden hinweg speichern kann, uns damit aber planvolles Handeln, „eine aktive Aufrechterhaltung aufgabenrelevanter Informationen (...) für weitere Operationen“ und die Berücksichtigung von Handlungsalternativen ermöglicht. (Website ZNL, Link s. o.)
  2. Die Inhibition, also die „kontrollierte Verhaltenshemmung“, sorgt dafür, dass wir die Aktivitäten und Handlungen vermeiden, die einem angestrebten Ziel entgegenstehen. Damit „fällt die gezielte Aufmerksamkeitslenkung leichter“ und es gelingt uns, Störreize auszublenden (ebd.)
  3. Die kognitive Flexibilität ermöglicht uns flexibles Verhalten. Das brauchen wir zum Beispiel, um neue Arbeitsanforderungen zu bewältigen, die Perspektive zu wechseln und Fehler zu erkennen.

Alle diese geistigen Prozesse sind für die Konzentration wichtig, bei der es ja zum Beispiel darum geht, den roten Faden zu behalten, sich nicht ablenken oder stören zu lassen oder nach der richtigen Lösung zu suchen und dabei falsche Ansätze zu erkennen und verwerfen zu können.

Effektiv: kognitives und körperliches Training

Die Aufforderung „Konzentrier dich mal!“ bewirkt bei Schülern also herzlich wenig. Es geht vielmehr darum, mit vielseitigen Übungen die exekutiven Funktionen der Kinder zu verbessern. Sabine Kubesch (Universität Ulm) und Laura Walk (Harvard Graduate School of Education 2008/09, Cambridge) befürworten dabei nicht nur kognitives, sondern auch körperliches Training und eine Kombination beider Trainingsarten, wie in ihrem lesenswerten Beitrag in der Zeitschrift Sportwissenschaft zu lesen ist (vgl. dazu: Kubesch S, Walk, L.: Körperliches und kognitives Training exekutiver Funktionen in Kindergarten und Schule. Sportwissenschaft, 4, S. 312 ff.)

Kognitive Trainingseffekte der exekutiven Funktionen stellen sich sehr rasch ein: Schon nach fünf Tagen computerbasierten Trainings (30 bis 40 Minuten pro Tag) waren „Verbesserungen in einem Aufmerksamkeits- und einem Intelligenztest“ nachweisbar. Allerdings bilden sich diese Effekte auch schnell wieder zurück, wenn das Training nach kurzer Zeit beendet wird. (ebd.) Dauerhaft steigt die Leistungsfähigkeit des exekutiven Systems nur, „wenn das kognitive Training nicht nur punktuell erfolgt, sondern mehrmals täglich in den (...) Schultag eingeflochten wird“ (ebd., S. 313).

Auch Bewegung fördert die geistigen Prozesse, die Kinder für konzentriertes Arbeiten brauchen. Das gilt schon für eine „akute muskuläre Beanspruchung“, z. B. bei einer Bewegungspause im Unterricht (vgl. dazu den unten verlinkten Artikel), aber vielmehr noch „fördert (...) eine gesteigerte körperliche Fitness EF vom Kindes- (...) bis zum Erwachsenenalter“ (ebd., S. 314).
Bewegung baut zudem Stress ab und sorgt für emotionale Ausgeglichenheit – zwei wichtige Voraussetzungen für konzentriertes Arbeiten und Lernen.

Spielerische Übungen: Ideen für den Unterricht

Kinder lernen am besten spielerisch bei Beschäftigungen, die ihnen Spaß machen. In der Schule gibt es dazu vielfältige Gelegenheit im Unterricht und in den Pausen. Doch wie lassen sich gezielt die exekutiven Funktionen trainieren? Am besten mit Übungen, die kognitive und körperliche Anteile kombinieren. Anregungen dazu gibt Wolfgang Stöglehner in dem Praxis-Handbuch „Förderung exekutiver Funktionen durch Bewegung“ (hier online zum freien Download):

Das Arbeitsgedächtnis fasst im Durchschnitt sieben plus/minus zwei  Elemente. Man trainiert es am besten durch das Merken oder Ändern von Regeln, Bewegungsaufgaben, Spielaufgaben (ebd., S. 17). Eine praktische Übung könnte dann zum Beispiel Bewegungsaufgaben mit Zahlen verknüpfen, etwa so: „Eins bedeutet einen Strecksprung, zwei eine halbe Drehung, drei eine ganze Drehung, vier einen Liegestütz, fünf eine Hocke und sechs einen Hampelmann.“ (ebd.) Die Schüler bewegen sich „kreuz und quer“ in einem begrenzten Feld, und wenn der Lehrer die jeweilige Zahl mit anzeigt, führen sie die jeweilige Bewegung aus.

Die Inhibition fördert man, indem man Routinen hemmt oder erst erzeugt und dann hemmt, Automatismen durchbricht oder Gewohntes verändert (ebd., S. 16). Bei einer entsprechenden Übung laufen die Schüler im Stand und führen bei Pfiff vom Lehrer angezeigte Bewegungen aus: Hand hoch = springen, Hand nach unten = in die Hocke gehen etc. Während des Spiels ändern sich die Regeln und Hand hoch bedeutet in die Hocke gehen, Hand runter springen etc. „Die Inhibition wird dadurch trainiert, dass der Automatismus, in die Richtung zu reagieren in die gezeigt wird, in der zweiten Übung gehemmt werden muss“, so Stöglehner (ebd., S. 18).

Mit sich in rascher Abfolge ändernden Spielabläufen und Spielsituationen fördert der Lehrer die kognitive Flexibilität der Schüler, die dann auf die neuen Aufgabenstellungen „möglichst flexibel und spontan“ reagieren müssen (ebd., S. 19). Das wäre zum Beispiel bei einem Fangspiel der Fall, wo die Fänger spontan aufgrund bestimmter Eigenschaften (Schuhfarbe, Haarfarbe ...) wechseln.

EF-Training sollte fest im Stundenplan verankert sein

Aus mehreren Gründen lohnt es sich für Lehrkräfte unbedingt, das Training der exekutiven Funktionen in den Schulalltag zu integrieren. Zum einen verbessern tägliche Übungen über einen längeren Zeitraum die Konzentrations- und Lernfähigkeit aller Kinder in der Klasse. Zum anderen haben Studien gezeigt, dass auch Kinder aus einkommensschwachen Familien, deren exekutive Funktionen in der Regel schlechter ausgebildet sind (vgl. dazu: Kubesch S, Walk, L.: Körperliches und kognitives Training exekutiver Funktionen in Kindergarten und Schule. Sportwissenschaft, 4, S. 312), dadurch „aufholen“ können.

Auch Kinder mit ADHS profitieren. So konnte gezeigt werden, dass tägliches, mehrwöchiges Training des Arbeitsgedächtnisses bei Schülern mit ADHS wesentlich wirksamer ist als die Einnahme von Ritalin: Die Arbeitsgedächtnisleistung und auch die Aufmerksamkeitskontrolle verbesserte sich um 18 Prozent, bei Ritalin nur um 10 Prozent (vgl. dazu: Kubesch S, Walk, L.: Körperliches und kognitives Training exekutiver Funktionen in Kindergarten und Schule. Sportwissenschaft, 4, S. 313). — Und das ganz ohne Nebenwirkungen und mit viel Spaß beim Training.

Martina Niekrawietz

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