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Verstärkersysteme

Mit einem Verstärkerplan erwünschte Verhaltensweisen einüben

Statt negativer Rückmeldung positiv verstärken: Mit einem individuellen Verstärkerplan können erwünschte Verhaltensweisen bei Schülern eingeübt werden, die Probleme mit ihrem Arbeits- und Sozialverhalten haben.

Verstärkersysteme: Mit einem Verstärkerplan erwünschte Verhaltensweisen einüben Klassenklima super! Ein Verstärkerplan beeinflusst Schüler in ihrem Arbeits- und Sozialverhalten positiv © pressmaster - Fotolia.com

„Heute habe ich alle Punkte bekommen und wenn ich morgen auch wieder auf meinem Platz arbeite, bekomme ich die Belohnung“, jubelt Justin am Ende des Schultags. Er arbeitet an dem Ziel: „Ich erledige die Aufgaben an meinem Platz.“ Für jede Stunde, in der er sich an diese Verabredung hält, bekommt er zwei Punkte. Nach 10 Punkten darf er zum ersten Mal in die Schatzkiste greifen und sich eine Belohnung nehmen. Seit er den Verstärkerplan hat, konnte er alle Punkte erreichen und ruhig an seinem Sitzplatz arbeiten, ohne in der Klasse herumzugehen und sich und andere Mitschüler vom Arbeiten abzulenken. Dieses Verhalten war zuvor für ihn schwierig und auch durch Gespräche oder Lob konnte er sich nicht daran halten. Die neue Motivation durch den Verstärkerplan scheint nun endlich zu fruchten.

Trainingsziel muss erreichbar und attraktiv sein

Der Verstärkerplan funktioniert bei allen Schülern, wenn folgende beiden Bedingungen erfüllt sind:

  1. Das zu trainierende Verhalten darf nicht zu schwer sein: Man sollte hier die Verhaltensvereinbarung nach einer Woche kontrollieren, denn wenn zunächst alle Punkte durch das Kind erreicht werden, dann funktioniert der Plan. Ansonsten muss der Lehrer den Plan korrigieren.
  2. Die Preise müssen attraktiv genug sein: Wenn möglich können die Kinder etwas davon mit nach Hause tragen und berichten, dass sie dies wegen der Einhaltung einer Verabredung bekommen haben.

Begonnen wird mit dem Training einer Verhaltensweise, die den Lehrer und die Mitschüler am meisten stört. Im Beispiel von Justin war dies das störende Herumgehen während der Arbeitsphase. Die Vereinbarung wird positiv notiert, um das erwünschte Verhalten zu zeigen. Hier also nicht: „Geh während des Unterrichts nicht durch die Klasse und störe andere Mitschüler“, sondern: „Ich erledige die Aufgaben an meinem Platz.“

Den Zeitraum der ersten Trainingsphase leitet man an der Beobachtung des gezeigten Verhaltens des Schülers ab. Durch die Beobachtung, wie oft und wie lange er das unerwünschte Verhalten zeigt, kann man schließen, wie lange er in der Lage ist, sein Verhalten zu ändern. Dies kann mit einem täglichen kurzen Zeitraum von 10 bis 20 Minuten beginnen. Wichtig ist, dass das Kind das Trainingsziel am Anfang leicht erreichen kann.

Auch die Anzahl der zu erreichenden Punkte wird zu Beginn festgelegt. Ansprechend ist ein Plan mit einem kindgemäßen Bild mit entsprechenden Kreisen zum Ankreuzen. Das Bild kann ausgemalt werden und sollte immer im Ranzen mitgeführt werden, um nach einer Sequenz von einer Schulstunde oder einem Unterrichtstag etc. die Punkte eintragen zu können. Am besten werden immer mindestens 2 Punkte pro Sequenz gegeben, damit das Kind bei nicht korrektem, aber auch nicht ganz falschem Verhalten nicht ganz leer ausgeht und man auch einen Punkt vergeben kann.

In den meisten Fällen gelingt die Verhaltensänderung durch den Plan, doch gibt es immer wieder auch Schüler, die zusätzlich oder darüber hinaus andere externe Unterstützung benötigen. Der Verstärkerplan ist aber in jedem Fall ein vielversprechendes Instrumentarium bei richtiger Anwendung.

Mögliche Trainingsziele

Trainieren kann man Verhaltensweisen aller Art von Sozial- bis Arbeitsverhalten. Hier einige Beispiele für Trainingsziele:

  • „Ich melde mich, wenn ich etwas sagen möchte.“
  • „Ich spreche höflich mit meinen Lehrern und Mitschülern.“
  • „Ich schreibe meine Hausaufgaben auf und packe alles ein, was ich dafür brauche.“
  • „Ich beginne zügig mit meiner Arbeit.“
  • „Ich gehe bei einem Streit zur Lehrerin.“
  • „Ich erledige die an mich gestellten Aufgaben.“

Die Anweisungen sollen positiv auf dem Verstärkerplan notiert werden. Verbindlich ist die gemeinsame Formulierung und Unterzeichnung der Verabredung durch Lehrer und Schüler.
In der Regel  benötigt man sechs Wochen, um ein Verhalten einzutrainieren. Die neuronale Struktur ist so angelegt, dass die Schüler das leisten können. Dann wird dieser Verhaltensplan beendet und geschaut, wie weit das Verhalten besser geworden ist. In der Regel setzt nach zwei Wochen eine Verschlechterung ein. Dieselbe Verhaltensweise kann nach nicht erfolgreichem Abschluss nach sechs Wochen noch einmal geübt werden. Doch sollte es höchstens drei Durchgänge geben.

Anleitung vor dem Training

Die Forschung zeigt, dass ein vorheriges Demonstrieren der vereinbarten Verhaltensweise besser ist als Reden. Die sogenannte „Precorrection“ bedeutet: Das Kind darauf aufmerksam machen: Jetzt fängt es an! Sich anschauen lassen und zeigen: „So sollst du dich melden!“ oder „So sollst du auf dem Stuhl sitzen!“ — und das auch gleich vormachen. Noch einmal deutlich sagen: „Jetzt fängt deine Trainingszeit an!“ Am besten für das Kind eine Sanduhr, Eieruhr oder einen Timetimer aufstellen, um die Zeit auch optisch darzustellen, da viele Kinder Schwierigkeit haben, die Zeit einzuschätzen. Oftmals kommen ihnen drei Minuten zunächst wie drei Wochen vor.

Zudem gilt hier das Motto: „Catch them being good!“ Wenn der Schüler das gewünschte Verhalten zeigt und seine Punkte erreicht, sollte er immer wieder gelobt und bestätigt werden. Jeder Schüler soll durch den Verstärkerplan viel positive Zuwendung erfahren, um nicht mehr durch unerwünschtes Verhalten Aufmerksamkeit erlangen zu müssen.

Punkte einlösen

Eine Auflösung bzw. die Einlösung der Punkte ist am Donnerstag eventuell besser als am Freitag, weil die Kinder dann noch einen Tag (Freitag) vor dem Wochenende zum Transfer haben. Haben die Schüler ihre Punkte erreicht, dürfen sie in die „Schatzkiste“ greifen. Hier befinden sich kleine, nicht zu teure, aber für Schüler attraktive Preise. Dies können neben angesagten Stickern kleine Flummis, Stifte, Radiergummis, Lineale, Scherzartikel, Jojos o. Ä. sein. „Pädagogisch wertvolle Dinge“ wie Bücher sind hier weniger begehrt, auch von Süßigkeiten ist am zuckerfreien Vormittag abzuraten.

Will man es besonders spannend machen, dürfen die Schüler schon nach dem Erreichen weniger Punkte einen Blick in die sonst geheime Schatzkiste werfen.

Eine Kopplung kann auch mit der gesamten Klasse geschehen: Wenn ein Kind alle Punkte erreicht hat, kann eine Spielstunde oder hausaufgabenfrei für die gesamte Klasse dabei herausspringen. So helfen die Mitschüler mit leichtem Gruppendruck mit, damit das Kind seine Vereinbarung erreicht.

Möglich ist auch ein Fairnesspreis bei richtiger Selbsteinschätzung, da Kinder sich meist eher Punkte abziehen als ihre Lehrer das tun und Ehrlichkeit belohnt werden kann.

Mögliche Kritik am Punkteplan

Der Hauptkritikpunkt anderer Kinder und Eltern am Verstärkerplan ist, dass jetzt auch noch die Verhaltensauffälligen eine Belohnung bekommen. Hier muss klargemacht werden, dass eine Verhaltensänderung bei einem Kind, das die Klasse stört, für alle einen Gewinn in Atmosphäre und Ruhe bringt — und das gesamte Lernklima positiv beeinflusst.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die intrinsische Motivation der Schüler abnimmt und die Schüler alles nur noch für eine Belohnung machen. Dies ist aber nur der Fall, wenn Selbstverständlichkeiten trainiert werden und die Verhaltensänderung nicht mit Lob gekoppelt wird. Beim Verstärkerplan werden aber immer für die Schüler schwierige Verhaltensweisen trainiert, die der Schüler nicht kann und ein Lob ist immer dabei.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Verstärkerplan eine Möglichkeit ist, Schüler zu erwünschtem Verhalten zu motivieren und wieder positiv mit ihnen umgehen zu können. Der Lehrer muss allerdings die Trainingsphase genau beobachten und steuern, gegebenenfalls die Verhaltensweise korrigieren und somit die Motivation der Schüler aufrechterhalten. Zudem ist darauf zu achten, dass die Preise nicht zu teuer sind, die Verhaltensweisen kindgerecht und kleinschrittig formuliert sind und die Punktekontrolle nicht zu sehr den Unterrichtsalltag stört. Der Verstärkerplan sollte immer mit Lob und Zuwendung gekoppelt sein.

Marion Keil

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