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Impulskontrolle

Mit Wenn-dann-Plänen lernen impulsive Kinder Regeln leichter

Impulsive Schüler stören häufig im Unterricht, weil sie sich nicht an Regeln halten können. Hier bietet sich ein kleines Training mit Wenn-dann-Verhaltensregeln zur Impulskontrolle an.

Impulskontrolle: Mit Wenn-dann-Plänen lernen impulsive Kinder Regeln leichter Mal eben schnell der Sitznachbarin etwas ins Ohr flüstern — das kann den gesamten Unterricht stören © Angelov - stock.adobe.com

Am 28.03.2018 machte sich eine bayerische Grundschullehrerin in dem Magazin Focus tüchtig Luft: „Ich komme mit den Kindern nicht mehr zum Lernen“, so die Überschrift ihres langen Artikels, in dem sie das „Chaos im Klassenzimmer“ und die Gründe dafür beschreibt.

Eine viel zu große Klasse mit 26 Kindern, die Hälfte davon „verhaltensoriginell“, Inklusion, Migration und „bürokratischer Papierkrieg“ — permanent bringe sie das alles an den Rand des Burn-outs. „Viele sind in der Trotzphase eines Kleinkindes stehengeblieben“, und die Kinder „wollen ihre Bedürfnisse sofort erfüllt sehen, haben kaum Geduld und eine geringe Frustrationstoleranz. Sie nehmen nur sich selbst wahr und merken gar nicht, wenn sie andere stören, anrempeln, zutexten [sic!].“
Viele Lehrkräfte in der ersten Klasse beobachten große Erziehungsdefizite bei ihren Abc-Schützen. Und dann gilt es erst einmal, Regeln und Struktur zu etablieren. Eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Voraussetzung dafür ist es, dass die Kinder lernen, ihre Impulse zu kontrollieren. Im Folgenden dazu einige Anregungen für Ihren Unterricht.

Lernen vom Wolf und von Walter Mischel

Wie können impulsive Kinder Regeln lernen? Diese Frage beantworten die Pädagogen der Züricher „Akademie für Lerncoaching“ mit einem kurzen Video auf ihrer Website. Es erzählt in knapp acht Minuten die Geschichte vom Wolf, der einfach nicht warten kann. Wenn er die Antwort weiß, schreit er sie einfach in die Klasse, ohne aufgerufen worden zu sein. Wenn er beim Fußball in der Pause mitspielen will, stürmt er ohne zu fragen aufs Feld und schießt ein Tor. Seine Klassenkameraden sind davon ziemlich genervt. Doch sein Lehrer ist sich ganz sicher, dass der Wolf Warten lernen kann.

Der Lehrer, Herr Dachs, verrät dem Wolf einen einfachen Trick, den auch Walter Mischel zur Impulskontrolle empfiehlt (vgl. dazu: Walter Mischel, „Der Marshmallow-Effekt. Wie Willensstärke unsere Persönlichkeit prägt“, 3. Auflage, München 2016, S. 321): Der bekannte US-amerikanische Psychologe hatte bei seinen Marshmallow-Experimenten erforscht, mit welchen Techniken Kinder erfolgreich lernen können, sich selbst zu kontrollieren. Und er hatte herausgefunden, dass diese Strategien ganz einfach zu vermitteln und zu lernen sind.

Mit „Wenn-dann-Plänen“ zur Selbstkontrolle

Impulsive Kinder agieren spontan und haben keine Techniken in ihrem Repertoire, um ihr Verhalten zu kontrollieren. Mischel hat herausgefunden, dass Selbstkontrolle besonders gut mit „Wenn-dann-Plänen“ funktioniert. Wie das geht, erklärt der Lehrer „Herr Dachs“ im Video auf der Website der Akademie für Lerncoaching (Link zur Website s. o.) mit einfachen Worten: „Man muss nur im richtigen Moment zu sich selbst sagen, was man tun möchte.“ Gemeinsam mit dem Wolf und dessen Freund, dem Bären, entwickelt der Lehrer Alternativen zum impulsiven Verhalten: „Wenn ich die Antwort weiß und nicht dran bin, dann schreibe ich sie auf.“ Oder: „Wenn ich beim Fußball mitmachen will, dann setze ich mich an den Spielfeldrand und frage bei der nächsten Unterbrechung, ob ich mitspielen darf.“

Wichtig ist bei den Wenn-dann-Plänen, dass die Regeln klar den Auslöser für das impulsive Verhalten mit einer konkreten Handlung koppeln. Mit der Zeit und viel Übung wird dann „die Reaktion der Selbstkontrolle automatisch durch den Reiz ausgelöst, mit dem sie verknüpft ist“, so Mischel in seinem Buch (S. 321).

Wenn-dann-Pläne entwickeln

Einen „Wenn-dann-Plan“ erarbeiten Sie als Lehrkraft am besten in einer ruhigen Minute im Gespräch mit dem jeweiligen Kind. Das ermöglicht Ihnen, zusammen mit dem Kind, die „Hotspots“ zu ermitteln, also die „situativen Auslösereize“ für die impulsiven Reaktionen. Oft haben auch mehrere Kinder der Klasse ein ähnliches Problem. Dann ist es sinnvoll, mit der Gruppe eine gemeinsame Wenn-dann-Klassenregel zu erarbeiten.

Ob im Einzelgespräch oder im Plenum: Immer sollte den Kindern der Sinn dieser Regel einleuchten. Also zum Beispiel: „Wenn ich ungefragt die Antwort vorsage, können die anderen Schüler, die sich gemeldet haben, nicht drankommen. Und das ärgert sie.“

Es motiviert die Kinder, wenn sie sehen, dass sie auch selbst davon profitieren, wenn sie ihren Wenn-dann-Plan verfolgen. Deshalb sollte man „die Attraktivität des Ziels erhöhen“, raten die Pädagogen von der Akademie für Lerncoaching. Mögliche Vorteile für den kleinen Wolf wären beispielsweise, dass er bei den anderen Tieren beliebter ist und dass sie lieber mit ihm spielen, wenn er seine Wenn-dann-Vorsätze einhält.

Schüler üben Selbstmotivation und Selbstkontrolle

„Üben, üben, und nochmals üben!“ Das ist laut Walter Mischel das Rezept, um Selbstbeherrschung zu lernen („Der Marshmallow-Effekt“, S. 324). Wie können Sie nun als Lehrkraft die Kinder dabei unterstützen? Hilfreich ist es zunächst, dass Sie und Ihre Schüler die Pläne bzw. Verhaltensregeln schriftlich festhalten. Dafür genügt ein einfaches EXCEL-Sheet, in dem Sie alle Wenn-dann-Formulierungen Ihrer Schüler notieren und auch, was Ihnen während des Unterrichts auffällt. Die Kinder schreiben sich ihre jeweilige Regel zum Beispiel auf ihr Hausaufgabenheft, sodass sie sie nicht aus den Augen verlieren.

Wie auch im Video mit Lehrer Dachs und dem kleinen Wolf ist es hilfreich, wenn Ihre Schüler merken, dass Sie den Kindern zutrauen, dass sie ihr Verhalten ändern. Eine weitere stützende Taktik, die Sie den Kindern an die Hand geben können, ist Selbstmotivation: „Ich kann das! Ich schaff das!“

„Je öfter wir Umsetzungspläne [Anm.: = Wenn-dann-Pläne] auswendig lernen und einüben, desto stärker automatisiert werden sie, sodass die Kontrolle uns nicht mehr so anstrengt“, betont Walter Mischel (ebd., S. 322). Damit sich Ihre Schüler die Regel gut einprägen können, sollte diese möglichst kurz und prägnant sein: „Wenn ich wütend werde, zähle ich langsam bis 20“. Auch Imaginationen, bei denen sich die Kinder in die Auslösesituation versetzen, sind eine gute Übung. Eine weitere Möglichkeit sind kleine Rollenspiele, wenn möglich mit Kindern, die ähnlich gelagerte Probleme haben. Sie helfen dabei, sich Regeln einzuprägen und deren Sinnhaftigkeit zu verstehen.

Richtiges Verhalten positiv verstärken

Eine Schwierigkeit beim Üben des Wenn-dann-Planes ist es, „die Veränderung langfristig zu verankern“, schreibt Mischel in seinem Buch (ebd.). Schaffen Sie deshalb Gelegenheiten, um die Kinder (und sich selbst) an das Vorhaben zu erinnern: So könnten Sie die Regeln regelmäßig im Morgenkreis thematisieren oder mit einzelnen Schülern Feedbackgespräche nach der Stunde verabreden und „das Kind ermutigen, dranzubleiben“ (Website der Akademie für Lerncoaching, Link s. o.).

Gelingt es dem Kind, sich selbst zu steuern, ist ein Lob wichtig. Warum, das erklären die Mitarbeiter der Akademie für Lerncoaching: Die Kinder kostet es große Anstrengung, entgegen ihren Impulsen eine Wenn-dann-Regel anzuwenden. Und weil es dabei oft um Verhaltensweisen geht, die vom Umfeld als „nichts Besonderes“ empfunden werden, wird die Leistung der Kinder manchmal gar nicht registriert. Impulsive Kinder brauchen deshalb Bezugspersonen, die auch „kleine Fortschritte in der Impulskontrolle sehen und wertschätzen“ (ebd.). — Lehrer „Dachs“ im Video etwa vereinbart mit dem kleinen Wolf ein „Geheimzeichen“: eine kleine Geste, mit der er dem kleinen Wolf signalisiert, dass er die Bemühungen seines Schülers sieht und anerkennt.

Eine entspannte Lernumgebung schaffen

Und noch eine Anregung von Walter Mischel: Starker Stress wirkt kontraproduktiv auf die Selbstkontrolle. Mischel erklärt dazu, dass bei impulsivem Handeln und bei der Impulskontrolle unterschiedliche Hirnregionen aktiv sind: Das „heiße, emotionale System“ ruft „schnelle, heiße Los!-Verhaltensweisen“ hervor (S. 62). Es ist „eng verbunden“ mit dem „kühlen, kognitiven System“, das „maßgeblich an zukunftsorientierten Entscheidungen beteiligt“ ist und bei der Selbstkontrolle hilft (S. 64). In dem Maße, wie das eine System agiert, fährt das andere System zurück. Stress beeinträchtigt unser „kühles System“ zusätzlich. Deshalb ist eine entspannte Unterrichtsatmosphäre für impulsive Schüler besonders wichtig. Und wenn Sie merken, dass der Stresspegel in der Klasse steigt, nutzen Sie einfach die unter diesem Beitrag verlinkten Unterrichtsmaterialien zu „Finger-Yoga, Mudras oder 5-Minuten-Konzentrationspausen“ oder die Ideen für kurze Bewegungspausen im Artikel „Drei Minuten Pause — alle wieder voll da!“ hier in Ihrem Lehrerbüro.

Martina Niekrawietz

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