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Marshmallow-Experimente

Selbstkontrolle kann man lernen

Willensstarke Kinder sind als Erwachsene erfolgreicher und glücklicher. Das zeigen die Marshmallow-Experimente von Walter Mitschel. Die Botschaft des weltbekannten Psychologen: Willensstärke lässt sich auch lehren und lernen.

Marshmallow-Experimente: Selbstkontrolle kann man lernen Manchmal lohnt sich das Warten und dann darf man genießen © pololia - stock.adobe.com

„Ich wollte verstehen, was im Kopf eines Kindes vor geht, wenn es beginnt, zur Selbstkontrolle fähig zu sein“, erzählt Walter Mischel in der Sendung „Sternstunde Philosophie“ in SFR Kultur. Als junger Psychologieprofessor an der Stanford University hatte er in den frühen 1960er-Jahren u. a. bei seinen eigenen drei Töchtern beobachtet, dass Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren bereits Impulsen widerstehen können, um dann ein größeres, ferneres Ziel zu erreichen. — Diese Fähigkeit zum Belohnungsaufschub ist eine zentrale kognitive Kompetenz, die starke Auswirkungen auf das spätere Leben der Kinder hat, wie Walter Mischel bei den „Marshmallow-Experimenten“ herausfand, die später Wissenschaftsgeschichte schrieben.

Marshmallow-Experiment: eines jetzt oder später zwei

Welche Strategien wenden Kinder an, wenn sie auf etwas für sie sehr Verlockendes warten? Das wollte Walter Mischel mit seinen Studenten eigentlich ergründen. Dazu unterzog er 563 Kinder der Vorschule auf dem Campus der Stanford University dem folgenden Versuch: Jedes einzelne Kind wurde in ein „Überraschungszimmer“ gebeten. In diesem fensterlosen, kahlen Raum stand nichts als ein Tisch und ein Stuhl in Kindergröße. Auf dem Tisch gab es eine Tischglocke und in einer Ecke des Tisches eine kleine Belohnung, die das Kind sofort haben könnte (etwa ein Marshmallow) und in der anderen eine größere Belohnung (zwei Marshmallows), die das Kind nur dann bekommt, wenn es ihm gelingt, darauf 15 bis 20 Minuten zu warten.

Der Versuchsleiter erklärte die Regel des nun folgenden Spiels: „Wenn du mit der Glocke läutest, komme ich zurück und du kannst das eine Marshmallow sofort essen. Oder du wartest, bis ich wiederkomme und dann gehören diese zwei Marshmallows dir.“ Dann wurden die Kinder in dem Raum allein gelassen, wobei sie natürlich unbemerkt von Mischel und seinen Studenten beobachtet wurden.

„Es trieb uns fast die Tränen in die Augen (...), wie sich diese Kinder regelrecht (...) quälten, um die Glocke nicht zu läuten“, schreibt Mischel später in seinem Buch „Der Marshmallow-Effekt. Wie Willensstärke unsere Persönlichkeit prägt“ (3. Auflage, München 2016, S. 13). Und wer sich dieses Video ansieht, das nur einen kleinen Ausschnitt der von Walter Mischel beobachteten kindlichen Strategien zeigt, kann das sofort nachvollziehen.

Belohnungsaufschub nicht ohne Weitblick

Die Versuchsanordnung im Video weicht allerdings in einem wichtigen Punkt von dem Setting bei Walter Mischel ab: Die Kinder warteten mit drei Stück. „Sie hatten somit beim Warten den Überblick über das Ganze“, sagt Mischel in der Sendung „Sternstunde Philosophie (Link s. o.). Sie sahen gleichzeitig das eine Marshmallow und die zwei Marshmallows, die sie bekommen würden, wenn sie abwarten. Das gibt ihnen das Vertrauen, dass sie die spätere Belohnung wirklich bekommen, und das ist wichtig, damit sie das für sie sehr unangenehme Warten auf sich nehmen.

Wie vielen der Kinder gelang es, sich zu beherrschen? Etwa 30 Prozent der Kinder warteten, bis der Versuchsleiter sie erlöste, berichtet Walter Mischel viele Jahre später in der Sendung „Sternstunde Philosophie“ (Link s. o.). 25 Prozent läuteten schon nach weniger als einer Minute und der Rest lag irgendwo dazwischen.

Impulskontrolle — Schlüssel zu Glück und Erfolg

Eines der Kinder im Alter zwischen 4 und 6 Jahren ist also zum Belohnungsaufschub fähig, zwei greifen zur schnellen Belohnung — dieses Verhältnis wiederholte sich auch in weiteren Versuchen anderer Wissenschaftler. Und das unabhängig von der sozialen Herkunft und von der Kultur der kindlichen Probanden: So war die Verteilung der Entscheidungen bei den eher privilegierten Kindern der Campus-Kita von Stanford „nicht signifikant anders“, als in anderen Bevölkerungsgruppen überall auf der Welt, so Mischel in „Sternstunde Philosophie“.

Als Walter Mischel nach ein bzw. zwei Jahrzehnten nachforschte, wie sich die damals kindlichen Probanden von Stanford im Jugend- bzw. Erwachsenenalter entwickelt hatten, war er überrascht: Je länger sie als Vier- oder Fünfjährige hatten warten können, umso besser schnitten sie als Jugendliche und junge Erwachsene „bei Studierfähigkeitstests ab und umso höher wurden ihre soziale Kompetenz und ihr kognitives Leistungsvermögen (...) eingestuft“. Zwischen 27 und 32 Jahren verfolgten sie „ihre Ziele konsequenter und kamen besser mit Frustrationen und Stress zurecht“ und „sie hatten ein höheres Selbstwertgefühl und (...) einen niedrigeren Body-Mass-Index“ („Der Marshmallow-Effekt“, a. a. O. S. 13). Bei Hirnscans im mittleren Alter war bei den „guten Belohnungsaufschiebern“ „das Areal im präfrontalen Cortex aktiver, das für effektives Problemlösen, kreatives Denken und die Kontrolle impulsiven Verhaltens beansprucht wird“, während bei den anderen das ventrale Striatum aktiver war, das „mit Verlangen, Lust und Sucht assoziiert“ ist (ebd., S. 41).

Die Kinder, die bereits im Vorschulalter über hohe Kompetenz beim Belohnungsaufschub verfügten, waren offensichtlich in späteren Lebensphasen gesünder, glücklicher und erfolgreicher. — Diese Ergebnisse bestätigten sich auch in zahlreichen Folgeexperimenten.

Willensstärke kann trainiert werden

Heißt das letztlich, Willensstärke ist angeboren? „Einer von dreien hat’s, die anderen zwei: ‚Pech gehabt‘?“, fragt der Moderator des Fernsehmagazins „Sternstunde Philosophie“. Mischel verneint entschieden: Es gebe zwar „sehr wohl genetische Einflüsse“, doch wie sie sich auswirkten, „welche Teile der DNA aktiviert“ würden, hänge auch davon ab, „was wir tun, wie wir denken, wie wir die Welt auffassen und wie wir uns selbst wahrnehmen (...) und was das Leben mit uns macht“.

Die wichtigste Erkenntnis aus 50 Jahren Forschungsarbeit zum Belohnungsaufschub ist, „dass die Strategien zur Entwicklung von Willenskraft und Selbstkontrolle gelehrt und gelernt werden können“, sagt Mischel, „und zwar leichter, als man lange angenommen hat“. „Nichts könnte falscher sein“ (ebd.) als die deterministische Annahme, dass Glück und Erfolg im Leben aufgrund von genetischer Disposition vorbestimmt oder je nach Fähigkeit zur Selbstkontrolle im Vorschulalter vorhersagbar ist, so Mischel.

Einer der Gründe dafür ist, wie Mischel mit den Marshmallow-Versuchen auch zeigen konnte, dass Kinder (und Erwachsene!) durch Anwendung bestimmter, einfacher Strategien besser warten können. Diese Strategien lassen sich auch leicht vermitteln und erlernen.

Kühles Denken gegen heißes Verlangen

„Erfolgreiche Belohnungsaufschieber dachten sich alle möglichen Kniffe aus, um sich abzulenken und den Konflikt und Stress, den sie erlebten, abzukühlen“, schreibt Mischel in seinem Buch (a. a. O., S. 46). Die Kinder konnten länger warten, wenn der Versuchsleiter ihnen Tipps mit konkreten Beispielen zur Überbrückung der Wartezeit gab: Sie sollten sich etwa die Zeit „mit ein paar lustigen Gedanken“ vertreiben und sich schon vor dem Warten ein paar Beispiele einfallen lassen (ebd., S. 47). Hilfreich war es auch für viele, sich selbst zu ermahnen: „Ich warte auf die beiden Marshmallows!“

Manche versuchten wegzusehen oder hielten sich die Augen zu. Denn die duftenden Marshmallows, direkt vor ihrer Nase und in Reichweite, lenkten die Aufmerksamkeit der Kinder auf die „heißen, verlockenden Merkmale“ der Süßigkeit.

Tatsächlich zeigte sich bei einem Versuch auch, dass Vorschulkinder „im Schnitt weniger als eine Minute“ warten konnten, wenn die Süßigkeiten offen vor ihnen lagen. Waren die Belohnungen hingegen verdeckt, konnten sie „fast zehnmal so lange warten“ (ebd., S. 45).

Auch wenn die Kinder statt des „verlockenden Objekts“ ein realistisches Dia davon betrachteten, konnten sie wesentlich länger warten. Warum? „Ein Bild kann man nicht essen!“, antwortete auf diese Frage ein vierjähriges Mädchen (ebd., S. 48). — Und wie wäre es, wenn man den Kindern angesichts der süßen Verlockungen vorschlägt, sich nur vorzustellen, dass „sie nicht wirklich, sondern nur Bilder“ mit einem Rahmen drumherum seien? Im Versuch konnten die Kinder mithilfe dieser Vorstellung ebenso lange warten, wie die Kinder vor dem Dia: statt durchschnittlich eine Minute ganze 18 Minuten!

Ähnlich erfolgreich waren die Kinder, wenn sie sich vorstellten, dass vor ihnen statt der Marshmallows Wattebäuschchen oder Wölkchen lägen. Oder aber sie lenkten ihre Aufmerksamkeit von den „heißen Merkmalen“, die „Lust“ auf die Marshmallows machten (Duft, süßer Geschmack ...), auf die „kühlen, abstrakten, faktischen Merkmale“ (rund, weiß, dick, essbar).

Kognitive Neubewertung — der Schlüssel zur Selbstkontrolle

Den Kindern war es gelungen, den — wie Mischel sagt — „heißen, verlockenden Reiz“ dadurch „abzukühlen“, dass sie ihn „kognitiv neu bewerteten“. Und dazu brauchen sie eine ganz bestimmte Hirnregion: den präfrontalen Kortex, wegen seiner Lage hinter der Stirn auch „Stirnhirn“ genannt. Er ermöglicht es uns, „unsere Aufmerksamkeit neu auszurichten und Strategien an sich verändernde Situationen flexibel anzupassen“. Zudem ist der präfrontale Kortex „die Quelle von Kreativität und Fantasie, und er hemmt auch maßgeblich Handlungen, die mit der Verfolgung bestimmter Ziele unvereinbar sind“, schreibt Mischel in seinem Buch (a. a. O., S. 65). In den Vorschul- und ersten Grundschuljahren wird das Stirnhirn „allmählich aktiver“, bis es schließlich mit Anfang zwanzig vollständig ausgereift ist.

Walter Mischels Buch beschreibt ein breites Spektrum von Strategien für kognitive Neubewertungen, die schon Kindern helfen, Versuchungen zu widerstehen. Wie die Marshmallow-Experimente auch zeigen konnten, müssen Kinder diese Strategien zur kognitiven Neubewertung nicht unbedingt selbst erfinden, um sie erfolgreich anzuwenden. Genau hier können Sie als Lehrkraft bei der Vermittlung eines gewissen Repertoires von Möglichkeiten ansetzen. Der unten verlinkte Beitrag „Selbstkontrolle: Wie Schüler warten lernen“ hier im Lehrerbüro unterstützt Sie bei der konkreten Umsetzung im Unterricht.

Kritik an Mischels Forschung

Am 8. Juni 2008 berichtete Jakob Simmank in der ZEIT über den New Yorker Psychologen Tyler Watts, der die Marshmallow-Studie noch einmal „mit einer deutlich diverseren Kinderschar“ von 900 Probanden wiederholte: Anders als bei den ersten Stanford-Experimenten waren nun „verschiedene Hautfarben und Einkommensklassen“ vertreten. Zudem begutachteten die Psychologen unter anderem bei Hausbesuchen das Lernumfeld und den Bildungshintergrund der Eltern. Wie Mischel unterzog auch Watts die Kinder nach 10 Jahren verschiedenen Tests und fand, dass deren Willensstärke im Marshmallow-Test „nichts über ihr späteres Verhalten“ aussagte, „wohl aber über ihr Abschneiden in der Schule“. Doch auch dieser Zusammenhang brach weg, wenn Herkunft und Lernumgebung in die Analyse einflossen (ebd.).

Tyler Watts empfiehlt daher, die Vorhersagbarkeit des Marshmallowtests für den späteren Lebenserfolg nicht überzubewerten. Und in einem Artikel in The Guardian an die Adresse von Eltern viereinhalbjähriger Kinder gerichtet: Wenn deren Kinder ohne zu warten nach dem Marshmallow greifen, sollten sie nicht „allzu besorgt“ sein.

Martina Niekrawietz

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