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Interventionsmöglichkeiten

So reduzieren Sie Unterrichtsstörungen

Schimpfen, drohen und bestrafen hilft bei Unterrichtsstörungen wenig. Viel wirksamer sind klare Regeln, dezente Stoppsignale und ein Unterricht ohne Leerlauf und mit viel Lehrerpräsenz.

Interventionsmöglichkeiten: So reduzieren Sie Unterrichtsstörungen Lachen und laute Gespräche stören ungemein den Unterricht. Hier ist konsequentes Handeln gefragt © contrastwerkstatt - Fotolia.com

„Nett sein bringt nichts“ — diese Auffassung vertritt Frau Freitag in ihrem Lehrerblog auf SPIEGEL ONLINE. Als Referendarin hat sie es versucht und ist grandios gescheitert: „Es wurde immer schlimmer. Irgendwann konnte ich nicht mehr und schrie die Klasse an. Ich schrie und drohte und fühlte mich dabei total schlecht“, erinnert sie sich. Und nein, sie wurde nicht „ so eine Lehrerin, die immer schreien muss“. Sie fing an, Regeln durchzusetzen. „Nicht alle auf einmal, aber (...) in jeder Stunde ein paar mehr“. Heute weiß sie, welche Regeln für sie wichtig sind. Diese kommuniziert sie ihren Schülern gleich am Anfang und achtet „in den ersten Stunden besonders auf die Einhaltung“.

Dabei sind Unterrichtsstörungen keineswegs nur ein Junglehrerproblem. Bei Lehrerbelastungsstudien tauchen sie regelmäßig als gravierender Stressor auf, der nicht nur die Lehrergesundheit beeinträchtigt, sondern auch die Effizienz des Unterrichts: Schätzungsweise 35 Prozent der jährlichen Unterrichtszeit bleiben ungenutzt, „weil Störungen das Lernen verhindern“, so Erziehungswissenschaftlerin Karla Trimborn in ihrer Präsentation zum Vortrag „Wer stört wen? — Unterrichtsstörungen erkennen und damit umgehen“

Für Lehrer ist der Umgang mit den unvermeidlichen Unterrichtsstörungen ein Dauerthema. Auch erweisen sich bei manchen Schülern oder Klassen die persönlichen Strategien als wenig wirkungsvoll. Hilfreich kann es dann sein, die eigene Haltung zu Unterrichtsstörungen zu überdenken und zugleich das Interventionsrepertoire zu erweitern. Im Folgenden dazu einige Anregungen.

Ursachen von Unterrichtsstörungen

„Der ungestörte Unterricht ist eine Fiktion, da Lernen ein komplizierter, psychophysischer Prozess ist, der in hohem Maße störanfällig ist“, so Karla Trimborns Erfahrung als langjährige Lehrerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der PH Freiburg (Trimborn, Link s. o.). Stillsitzen, motiviert sein, zuhören und denken, das alles geht nicht „auf Knopfdruck“. Viele mögliche Ursachen von Unterrichtsstörungen haben auch gar nichts mit dem Lehrer zu tun, z. B. aktuelle Entwicklungskrisen (Pubertät) oder Familienprobleme, Erziehungsfehler, neurobiologische Störungen, etc. 

Auch der Lehrer kann Störungen begünstigen, zum Beispiel durch eintönigen Unterricht, ineffektive Klassenführung und sogar durch kontraproduktiven Umgang mit Störungen: Das ist zum Beispiel der Fall, wenn der Lehrer Störungen ignoriert, übermäßig oder willkürlich sanktioniert, ungeduldig wird oder Schüler provoziert. 

Hier ist es unbedingt sinnvoll, das eigene Verhalten im Umgang mit Unterrichtsstörungen zu reflektieren. Auch eine kollegiale Hospitation kann dabei helfen, eingefahrene oder wenig wirksame Routinen zu erkennen.

Eine veränderte Sicht auf Störungen

Wichtig sind auch Gelassenheit und eine grundsätzlich wertschätzende Sicht auf Schüler und deren Verhalten. In der Begleitbroschüre zur 31. Pädagogischen Woche der Universität Oldenburg (S. 2) finden sich dazu „12 hilfreiche Sichten“, die Gerrit Schnabel von der Unfallkasse Nordrhein Westfalen zusammengestellt hat. Zum Beispiel „Kinder und Jugendliche sind keine Erwachsenen und verfolgen andere Ziele und leben in einer anderen Welt.“, oder „Störende Schülerinnen und Schüler sind keine Gegner“, oder auch — im Hinblick auf die demokratische Regelfindung in der Klasse interessant — „Die Verantwortung für die Lösung der Störung liegt bei Allen [sic!].“

Wut und Ärger kontrollieren

Permanentes Störverhalten löst bei Lehrern trotzdem manchmal Ärger und Wut aus. Die Ausbilder am Staatlichen Studienseminar für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen Trier empfehlen in ihrem Handout zu Unterrichtsstörungen dann erst mal: „Schweigen statt reden“ (S. 3), um dann die eigenen negativen Gefühle in den Griff zu bekommen. Hilfreiche Strategien dazu: „Cool bleiben“ und eine Außenperspektive einnehmen, z. B. die eines Kollegen oder die der Eltern; humorvoll reagieren, aber ohne dabei den Schüler bloßzustellen; auf Gardinenpredigten und Machtkämpfe verzichten, und auch mit Kommentaren keine Steilvorlage für Gegenkommentare bieten (ebd.) 

Lehrerverhalten, das Unterrichtsstörungen reduziert

Den meisten Lehrkräften ist die „Bedeutung von klaren Regeln für den alltäglichen Unterrichtsablauf“ bewusst, schreibt der Psychologe und Aggressionsforscher Hans-Peter Nolting in seinem lesenswerten Beitrag „Unterrichtsstörungen. Möglichkeiten zur Störungsprävention und Konfliktlösung“. Dennoch bestehe zwischen „pädagogischem Alltagsdenken und Forschungsbefunden eine große Kluft“, und so seien vielen Lehrern zwei weitere wesentliche Einflussfaktoren kaum bewusst: die nonverbale Beeinflussung und die Aufrechterhaltung des Unterrichtsflusses. Diese beiden Aspekte seien jedoch „nach eindeutigen empirischen Befunden eine wahre Fundgrube für die Verringerung von Störungen“ (S. 1).

Bei einem gut organisierten Unterrichtsfluss (S. 3 f.) geht es vor allem darum, Verzögerungen und Unterbrechungen zu vermeiden. Also z. B. kein langes Aufbauen von Geräten oder Versuchen, Austeilen von Blättern etc. Auch sollten Lehrer nicht lange auf eine Unterrichtsstörung eingehen. Weitaus effektiver sei eine kurze Intervention mit Akzent auf die zu erledigende Aufgabe: „Schreib weiter!“

Laut Nolting sind „kleine nonverbale Signale oder knappe Aufforderungen“, z. B. ein kurzer Blick oder zwei Schritte auf schwätzende Schüler zuzumachen, weitaus wirkungsvoller als „Schimpfen“. Allerdings wollen diese „Präsenz- und Stoppsignale“ geübt sein: „Man muss zeigen, dass man buchstäblich alles im Blick hat, dass man sogar ‚Augen im Hinterkopf‘ besitzt“, betont der Erziehungswissenschaftler, und man muss schon in dem Moment reagieren, wo Störungen aufkommen, und dabei unbedingt den „Richtigen“ treffen.

Beim Unterricht sollte man zudem auf eine „breite Aktivierung“ achten. Dabei kommt es darauf an, „möglichst viele Schülerinnen einzubeziehen“ und auch diejenigen bei der Stange zu halten, die gerade nicht „dran“ sind. Das erreiche man am besten durch einen interessanten Unterricht mit lebendigem Lehrervortrag, anregenden Methoden und Medien, so Nolting. Auch „durch wandernde Blicke bei einer Lehrerfrage an die ganze Klasse, durch gut verteiltes Aufrufen oder durch breitgestreute kleine Leistungskontrollen zwischendurch“ ließen sich die Schüler gut mobilisieren (S. 4).

Klare Regeln vereinbaren und konsequent einfordern

Wichtig ist laut Nolting auch, dass Schüler und Lehrer sich vorher auf eine überschaubare Anzahl von Verhaltensregeln und Sanktionen verständigt haben. Diese sollten „einleuchtend und fair erscheinen“ (S. 4, Link s. o.). Um die Regeln selbst nicht zu untergraben, sollte die Lehrkraft möglichst konsequent auf deren Einhaltung achten. Gilt etwa in der Klasse „Erst melden, dann sprechen“, dürfen Zurufe auch nicht berücksichtigt werden.

Bei Unterrichtsstörungen gibt es natürlich graduelle Unterschiede: Schwätzen, dazwischenrufen, den Banknachbarn ablenken, nicht aufpassen, zappeln — das sind normale Begleiterscheinungen des Unterrichts. Reagiert ein Schüler nicht auf nonverbale Signale, raten die Ausbilder des Studienseminars Koblenz dazu, gestuft zu intervenieren (vgl. „Intervention bei Unterrichtsstörungen“, S. 7 f.): Blickkontakt aufnehmen, ansprechen („Anna!“), auf die Regel verweisen, die Regel benennen (lassen), das Störverhalten beschreiben, aber nicht kommentieren. Wenn das alles nicht nützt, folgt eine kurze Auszeit, eine schriftliche Mitteilung an die Eltern, ein Gespräch nach der Stunde und schließlich ein Gespräch in Gegenwart der Eltern. 

Auch Lehrerblogger Kubiwahn reagiert gemäß einer mehrstufigen Eskalationsleiter. „Schon nahezu die Höchststrafe“ ist es dabei, den Schüler „zum Chef/ins Sekretariat“ zu schicken. 

Kubiwahn gibt schon auch mal das Rumpelstilzchen, ohne dabei jedoch die Fassung zu verlieren. Seine Erfahrung: Kontrollierter „Theaterdonner“ ist bei manchen Schülern heilsam.

Martina Niekrawietz

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