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Mobbingprävention

Weichen stellen für ein mobbingfreies Schuljahr

20 Prozent der Grundschulkinder fühlen sich in der Schule nicht sicher und fast 30 Prozent erleben Ausgrenzung und Gewalt. Hier lesen Sie, wie Sie die Kinder mit präventiven Maßnahmen schützen.

Mobbingprävention: Weichen stellen für ein mobbingfreies Schuljahr Kinder mit präventiven Maßnahmen vor Mobbing schützen © highwaystarz - stock.adobe.com

„In kaum einem Land auf der Welt können sich Achtjährige in der Schule so sicher fühlen wie in Deutschland.“ Hätten Sie dieser Aussage im Jahr 2019 zugestimmt? Falls ja, wären hätten Sie leider falsch gelegen, wie eine repräsentative internationale Studie der Bertelsmann Stiftung (Abb. S. 72) zeigte: Nur 80 Prozent der deutschen Kinder fühlten sich in der Schule „sehr“ oder „vollkommen“ sicher, 7 Prozent gar nicht, 5 Prozent etwas und 8 Prozent manchmal. Damit landete die BRD im Ländervergleich von 16 Staaten an drittletzter (!) Stelle, weit abgeschlagen hinter Kolumbien auf Platz 1, Algerien und der Türkei.

„Knapp 30 Prozent der Grundschüler*innen“ gaben zudem an, „dass sie im vergangenen Monat gehauen, gehänselt und auch ausgegrenzt wurden“ (ebd., S. 92). Damit lag der „Anteil von Ausgrenzungs- und Gewalterfahrungen“ in der Grundschule „deutlich höher (...), als in allen anderen Schultypen“, auch das war ein Ergebnis der Studie (ebd.). 

Mangelndes Sicherheitsgefühl bei 20 Prozent, Ausgrenzungs- und Gewalterfahrungen bei 30 Prozent der Kinder – es besteht dringender Handlungsbedarf. Der folgende Beitrag gibt Ihnen praktische Tipps und Links für eine entschiedene Antimobbing-Arbeit in Ihrer Klasse an die Hand.

Mobbing-Prävention: Je früher desto besser!

Am besten beginnen Sie mit präventiven Maßnahmen bereits unmittelbar zu Beginn des neuen Schuljahres. Damit stellen Sie von vornherein klar: „Mobbing wird in dieser Schule nicht geduldet!“

Außerdem tritt Mobbing gehäuft in Übergangssituationen auf, wie Mobbing-Fachleute immer wieder betonen (Details dazu finden Sie in dem Beitrag „Diese Bedingungen begünstigen Mobbing“ hier in Ihrem Lehrerbüro). Deshalb sind präventive Maßnahmen in neu zusammengestellten oder ersten Klassen besonders sinnvoll. Auch nach den langen Monaten von Wechsel- und Distanzunterricht während der Corona-Pandemie könnte man von einer Übergangssituation sprechen, wenn die Kinder – quasi plötzlich – wieder regelmäßig in den Präsenzunterricht kommen: Viele Klassen müssen sich dann noch einmal neu zusammenfinden. Oft ist das mit Rangeleien verbunden, und für Sie als Lehrkraft ist es nicht immer einfach, das Verhalten der Kinder richtig einzuordnen. Der Artikel „So erkennen Sie Mobbing rechtzeitig“  bringt für Sie die wichtigsten Warnzeichen auf den Punkt und informiert Sie über Interventionsmöglichkeiten in den verschiedenen Phasen von Mobbing.

Wo Sie genau hinsehen sollten

Die meisten Grundschullehrkräfte verbringen viel Zeit mit ihren Klassen. Mit der Zeit kennen sie „ihre Pappenheimer“ und entwickeln ein Gespür, bei wem, wann und wo man hellhörig sein sollte. Wenn Sie eine Klasse noch nicht lange genug unterrichten, sind die wissenschaftlich fundierten Praxistipps aus der Publikation „Sonst bist du dran!“ der Aktion Kinder- und Jugendschutz in Schleswig-Holstein sicherlich hilfreich. Zum Beispiel, wenn Kinder durch „eher subtile verbale und nonverbale Aktionen“ gemobbt werden. Hier helfen die Beispiele auf S. 5, für sich die Grenzen des Sagbaren bzw. Tolerierbaren zu klären, um dann in der jeweiligen Situation unmittelbar und adäquat zu intervenieren: etwa bei fast beiläufigen Abwertungen in Gestik und Mimik, beim Zurückhalten von Informationen, diffamierenden Spitznamen oder bei Späßen „auf Kosten eines Opfers“. Und wenn Sie mehr über Täter/-innen und typische Orte für Mobbing wissen möchten, werden Sie auf S. 6 oben fündig: Tendenziell mobben eher Jungs („über 50%“) der „gleichen Altersstufe (88%). Überwiegend auf dem Schulhof (zu 70,8%) und im Klassenzimmer („zu 66,9%“), also praktisch „unter den Augen“ der Klassenkameraden und -kameradinnen bzw. der Lehrkräfte und eher selten auf dem Schulflur (26,3%) oder auf dem Schulweg (12,5%) (ebd.).

Mobbingfreie Lerngruppen bei Klassenteilungen

Die Corona-Fallzahlen steigen derzeit (Herbst/Winter 2021) wieder an, und es wird womöglich erneut Präsenzunterricht mit geteilten Klassen geben. Die Einteilung in kleinere Lerngruppen eröffnet dann gute Chancen für die Verbesserung des Klassenklimas und ggf. für eine effektive Mobbing-Intervention. Wie genau das gehen könnte, beschreibt die bekannte Mobbing-Expertin Prof. Mechthild Schäfer von der LMU München in einem Interview auf der Website „Schulpsychologie NRW“.
Mobbing ist ja ein Prozess mit vielen Beteiligten: Neben Täter und Opfer gibt es auf Täterseite Verstärker und Assistenten, und auf Opferseite Verteidiger. Die restlichen Kinder sind neutrale „Außenstehende“. Doch wie verteilt man die Kinder in ihren verschiedenen Rollen am besten auf die zwei verschiedenen, festen Lerngruppen? Prof. Schäfer schlägt vor, durch „gut überlegte Konstellationen bei den Klassenteilungen (...) die alte Gruppendynamik zu durchbrechen“ (ebd.):

  1. Bully (Täter) und Opfer kommen in getrennte Gruppen.
  2. In die Tätergruppe gehen sowohl Verteidiger des Opfers als auch Außenstehende.
  3. In die Opfergruppe werden auch „Assistenten des Täters“ aufgenommen, allerdings weniger als Verteidiger und Außenstehende. (Ebd.)

Dadurch „verlieren die ehemaligen Assistenten ihre Bezugsgruppe (Täter, Verstärker und Assistenten)“. In der neuen Gruppe erleben sie „ein neues Wertesystem“. Das Opfer kann „erstmals selbst seine Rolle wählen“. Der Bully wird in seiner neuen Gruppe „weiterhin dominant“ bleiben, „nur ohne Opfer“. Die Lehrkraft versucht nun, „ihn/sie positiv in die Pflicht zu nehmen“ (ebd.), zum Beispiel, indem sie verantwortungsvolle Aufgaben an ihn/sie delegiert.

Im „normalen“ Präsenzbetrieb sind die Möglichkeiten zur Umstrukturierung von Lerngruppen natürlich sehr begrenzt. Da hilft am besten eines: Konsequente und anhaltende Mobbing-Prävention von der ersten Klasse bis zum Übertritt in die weiterführende Schule. In der oben verlinkten Handreichung „Sonst bist du dran“ finden Sie dazu gute Anregungen und Materialien mit einem umfangreichen Übungsteil – für Lehrkräfte und für Schülerinnen und Schüler!

Martina Niekrawietz


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