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Geschlechtererziehung

Gendersensibilität im Unterricht – darauf kommt es an

Der Schulalltag ist kein geschlechtsneutraler Raum. Allerdings kann jede Lehrkraft dafür sorgen, dass Schüler und Schülerinnen sich im Unterricht ebenso angenommen wie angesprochen fühlen. Hier erfahren Sie wie. 

Geschlechtererziehung: Gendersensibilität im Unterricht – darauf kommt es an Jungs und Mädchen gleich behandeln im Unterricht © 1STunningART - stock.adobe.com

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.“ – Und? Fühlen Sie sich als Leser/-in gerade angesprochen? Diesen Satz schrieb ich so einige Male während des Studiums im Rahmen von Hausarbeiten oder der Masterthesis. Natürlich sollte sich jede Person jeglichen Geschlechts angesprochen fühlen, aber fühl(t)en sich auch alle angesprochen? Durch den aktuellen Genderdiskurs und als Lehrerin, welche Schüler/-innen jeglichen Geschlechts unterrichtet, sollte ich mir dann nicht vielleicht spätestens jetzt die Frage stellen: „Fühlst du dich in meinem Unterricht überhaupt angesprochen?“

Einfluss der Feminisierung des Lehrberufs

Die aktuelle Datenlage zeigt, dass Schüler/-innen bis zum Wechsel der weiterführenden Schulen vorwiegend von weiblichen Fachkräften unterrichtet wurden. 89,4% aller Grundschullehrkräfte sind weiblich (Statistisches Bundesamt 2019/20). Denken Sie selbst einmal an Ihre Schulzeit zurück: Wie hoch war etwa der Anteil an männlichen Lehrkräften an Ihrer Schule?

Dieser Trend zeigt sich ebenfalls in der Wahl von Fachrichtungen und Unterrichtsfächern. So sagte Hans-Peter Meidinger, Präsident des dt. Lehrerverbandes zur Feminisierung des Lehrberufs der Merkur: „Einzig der hohe Anteil naturwissenschaftlicher Fächer am Gymnasium verhindere eine ähnliche Frauendominanz. Fächer wie Physik oder Chemie sind die letzte Männerdomäne.“ Schulen und damit einhergehende Schulfächer repräsentieren somit mögliche Geschlechterrollen, die wiederum mit Zuschreibungen verbunden werden.

Einfluss der Sprache

Auch unsere Sprache signalisiert in der Regel einen deutlichen Geschlechterbezug. Die deutsche Sprache ist auf das generische Maskulinum ausgelegt. Aus Studien wissen wir jedoch, dass sich Mädchen eher einen typischen Männerberuf zutrauen, wenn dieser auch in der weiblichen Form dargestellt wird, z. B. Ingenieur und Ingenieurin (vgl. Vervecken & Hannover, 2015). 

Schule reproduziert somit bereits in der Grundschule, anteilig geschlechterbezogene Rollenbilder.

Was heißt das für meine Schüler/-innen?

Dem jeweiligen Geschlecht werden Verhaltens- und Persönlichkeitsmerkmale zugeschrieben, die dem individuellen Menschen womöglich nicht gerecht werden und ihn in seinen Fähigkeiten einschränken. Vorgelebte Rollenbilder, Stereotype, nicht vorhandene Sprachsensibilität und geschlechterbezogene Zuschreibungen könnten sich hierdurch negativ auf das Selbstbild von Schüler/-innen auswirken. Die Wahl eines späteren Berufes kann durch Stereotype und vorgelebte Rollenbilder beeinflusst werden. Eine freie und auf individuelle Fähigkeiten und Fertigkeiten ausgelegte Berufswahl ist somit kaum möglich - Ungleichheiten werden gefördert.

Teaching Gender - Was kann ich tun?

Schule bildet keinen geschlechtsneutralen Raum. Wie auch. Allerdings kann jede Lehrkraft dafür sorgen, dass Schüler/-innen sich im Unterricht ebenso angenommen wie angesprochen fühlen.

Was kann ich im Schulalltag machen?

  • Geschlechtergerechte Sprache:
    Es sollte auf eine geschlechtergerechte Sprache geachtet werden. Hierdurch können alle in den Unterricht einbezogen werden. Klischees in der eigenen Sprache sollten gemeinsam mit den Schüler/-innen aufgegriffen werden. Spricht die Lehrkraft bspw. häufig von „ihren Schülern“, kann gemeinsam mit der Klasse korrigiert werden zu „meine Schüler/-innen“ oder „meine Schüler und Schülerinnen“. Im Klassenverband kann über die gewünschte Formulierung abgestimmt werden und ein Gefühl dafür entwickelt werden, ob sich auch jeder angesprochen fühlt.
  • Verallgemeinerungen vermeiden:
    Zuschreibungen und Verallgemeinerungen wie „Mädchen sind meist sensibel“ sollten vermieden werden.
  • Übung Geschlechtertausch:
    Spielen Sie doch mal umgedrehte Welt. Um eine thematische Sensibilität der Schüler/-innen herzustellen, könnten als Übung die Geschlechter sprachlich getauscht werden. Schülerinnen werden zu Schülern, eine Lehrerin zum Lehrer. Anschließend sollte unbedingt eine Reflexion stattfinden.
  • Kinderbücher besprechen:
    Besonders in der Grundschule sind Schüler/-innen mit einer Binarität von Geschlecht konfrontiert. Hierfür bieten sich einige Medien an, die sensibel und behutsam diese Thematik aufgreifen. Dazu gehören die Kinderbücher „PS: Es gibt Lieblingseis“ von Luzie Loda, „AnyBody“ von Katharina von der Gathen & Anke Kuhl oder „Ich“ von Kristina Scharmacher-Schreiber & Tessa Rath.
  • Aufklärungs- und Erklärvideos:
    Folgende Videos helfen für einen visuellen Einstieg in das Thema mit der KLasse: „´Gendern` – Was bedeutet das eigentlich?“ auf Logo.de oder „Gendern: Das sagen Kinder“ von ZDF Kultur.
  • Experiment durchführen:
    Das letzte Video zeigt ein Experiment. Zeichnen Jungs oder Mädchen eher eine Lehrerin oder einen Lehrer, wenn es nicht weiter spezifiziert wurde. Stellen Sie dieses Experiment doch einmal nach und reflektieren es hinterher.
  • Sprichwörter und Aphorismen:
    Thematisieren Sie typische Sprichwörter und Aphorismen wie z. B. „Große Jungs weinen nicht“ oder „Mädchen lieben Puppen, weil sie früher schon Personen mehr lieben als Sachen“ (Johann Paul Friedrich Richter, 1763-1825). Stimmen die Schüler/-innen diesen zu? Lassen sich diese auch umkehren, z. B. anhand einer Kopfstandmethode?
  • Genderbread-Person entwickeln:
     Jede/-r Schüler/-in hat individuelle Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale. Die Schüler/-innen könnten sich entsprechend ihren Fähigkeiten bestimmten Verben und/oder Adjektiven zuordnen. So sollen sie erkennen, dass nicht alle Mädchen sensibel sind oder Jungs auch mal weinen. Hier bietet sich auch das Basteln einer Genderbread-Person an. Können individuelle Fähigkeiten dieser genau zugeordnet werden?
  • Aufgabenverteilung neutral formulieren
    Das Verteilen eine Auftrages, wie einen Tisch tragen oder den Parcours beim Sport aufbauen, sollten nicht dem vermeintlich stärkeren Geschlecht übertragen werden, sondern nach Motivation verteilt werden. Schülerinnen können genauso stark sein oder suchen sich noch eine/-n Helfer/-in dazu.

Weiterführende Hinweise:

Fort- und Weiterbildungsangebote: www.genderundschule.de

Bundesweites Projekt für Antidiskriminierung an Schulen: www.schule-der-vielfalt.de

Tipps & Tools um gendergerecht schreiben und sprechen zu lernen: www.genderleicht.de

Literaturverweis: Vervecken, D., & Hannover, B. (2015). Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status. Social Psychology, 46, 76-92.

Welche Möglichkeiten habe ich darüber hinaus?

  • Austausch mit Kollegen:
    Eigene Rollenbilder, Haltung und den Unterricht reflektieren als ständiger Prozess. Hier bietet sich neben dem Austausch mit Kolleg/-innen auch die Nutzung von Supervision oder kollegialer Fallberatung an.
  • Fort- und Weiterbildungen:
    Genderkompetenz als Element einer geschlechtergerechten Schul- und Unterrichtsentwicklung fördern (GenderundSchule - siehe Infokasten).
    Teilnahme an Fort- und Weiterbildungen (Schule der Vielfalt - siehe Infokasten)

Gendersensible Bildung und Erziehung bildet ein wesentliches Querschnittsthema in der Schulentwicklung und sollte von allen Beteiligten weiter vorangetrieben werden. Bereits in der Lehramtsausbildung muss eine kritisch-reflektierende Auseinandersetzung mit den Gender Studies Einzug halten (vgl. Bartsch & Wedel). Die eigene Haltung und ein reflektierter Umgang bilden hierzu die Basis. Wichtig und vorrangig sollte es für Lehrkräfte bleiben, Schüler/-innen in ihrer kom-plexen und nicht immer einfachen Lebenswelt, gerecht zu werden und jeder/-m Schüler/-in, unabhängig des Geschlechts oder sonstiger Merkmale, die gleichen Möglichkeiten und Chan-cen zu bieten. Das Fundament hierfür bildet bereits die Grundschule. So bleibt abschließend zu sagen:

„Je weniger das Geschlecht vorgibt, desto mehr Möglichkeiten haben alle, sich zu entfalten“
(Meike Watzlawik ist Professorin für Entwicklung und Kultur an der Sigmund Freud Privatuniversität in Berlin)
 

Mareike Willen


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