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Respekt

Eine Atmosphäre gegenseitiger Achtung schaffen

Schüler wollen Lehrer, vor denen sie wirklich Respekt haben. Das meinen Schüler auch, wenn sie sich „strenge“ Lehrer wünschen. Keine letztlich hilflosen Tyrannen, Zyniker, Brüller oder Unterdrücker, sondern Persönlichkeiten, vor denen man wirklich Achtung haben muss. Was können Lehrer tun, um echten Respekt zu erlangen und um eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts im Klassenraum herzustellen? 

Respekt: Eine Atmosphäre gegenseitiger Achtung schaffen Schüler wollen Lehrer, vor denen sie Respekt haben © contrastwerkstatt - Fotolia.com

Natürlich gab und gibt es Lehrer, die sich im Unterricht „Respekt“ verschaffen, indem sie ein Klima der Angst und Unterdrückung erzeugen, wie zum Beispiel in dem in der Presse ausführlich berichteten Fall einer Realschule, in der Sechsen wie am Fließband bereits für das geringste Fehlverhalten verteilt wurden. Wenn Schüler dann spuren, ist das allerdings kein Ausdruck von Respekt. Auch wenn es manchmal sehr schwerfällt: Wer Respekt von anderen erwartet, muss anderen respektvoll begegnen. Das ist natürlich überaus schwierig, wenn einem beispielsweise ein pubertierender türkischer Super-Macho frech und provozierend mit der Ausstrahlung begegnet: „Von Ihnen lass ich mir gar nichts sagen!“ oder sich ein Jung-Nazi mit rassistischen Pöbeleien in den Mittelpunkt stellt. Das sind Extreme, aber auch hier gilt: Der (erwachsene!) Lehrer muss es schaffen, cool zu bleiben und trotz allem auch diesen Jugendlichen korrekt, höflich und respektvoll zu begegnen. Das ist erstens wichtig, weil das laute, unangemessene, provozierende Verhalten mancher Jugendlicher ja gerade Ausdruck eigener Unsicherheit ist und des Gefühls oder der Angst, selbst nicht wirklich oder nicht genügend respektiert zu werden, vor allem, wenn sie mitten in der Pubertät stecken.

Und zweitens: Wer als Lehrer Respekt erlangen will, muss seinen Schülern auch ein Vorbild sein, ein Vorbild für sachlichen, korrekten Umgang, auch wenn es hoch hergeht, ein Vorbild für das respektvolle Verhalten, das der Lehrer in der Regel ja selbst immer predigt. Kinder und Jugendliche haben ganz feine Antennen dafür, was der Lehrer von ihnen hält. Und sie werden nur schwer Respekt für jemanden empfinden, der wenig von ihnen hält, der sie vielleicht für dumm, frech oder faul hält. Und schlimmer noch: Die „self-fulfilling prophecy“, die „sich selbst erfüllende Prophezeiung“, wirkt! Das heißt: Wen der Lehrer — und sei es nur unterschwellig oder sogar nur unbewusst — als destruktiv, langsam, frech, schwierig und so weiter ansieht, der ist es auch wirklich und wird es weiter bleiben! Glücklicherweise wirkt die „self-fulfilling prophecy“ auch anders herum: Wer vom Lehrer implizit mit positiven Attributen bedacht wird, verstärkt diese positiven Verhaltensweisen und Eigenschaften!

Aufrichtiges Interesse zeigen

Entwickeln Sie aufrichtiges Interesse für den anderen: Versuchen Sie, Ihre Schüler wirklich kennenzulernen: Wer ist das hinter dieser harten, distanzierten, vielleicht sogar unangenehmen und unsympathischen Fassade? Seien Sie offen und aufrichtig interessiert — ohne jede therapeutische Attitüde, die den anderen und sein Verhalten „wissend“ interpretiert — und dem anderen damit wiederum unausgesprochen Unterlegenheit, ja Minderwertigkeit attestiert.
Aufrichtiges Interesse zeigen heißt vor allem: aufmerksam zuhören können — ohne jedes vorschnelle „ja, aber …“, heißt auch Sichtweisen und Darstellungen zunächst ohne Interpretation und Stellungnahme stehen lassen zu können. Aufrichtiges Interesse bedeutet weiterhin, sich auch mit Themen, Auffassungen, Vorlieben, Sichtweisen, Hobbys, die einem selbst sehr fremd sind, die man möglicherweise selbst ablehnt, so auseinandersetzen zu können, so dass der andere nicht das Gefühl erhält, als Person abgelehnt oder pädagogisch beeinflusst zu werden. Diese Haltung des aufrichtigen Interesses, des aufmerksamen Zuhörens und des unvoreingenommenen Blicks zu entwickeln, erfordert ein hohes Maß an persönlicher Veränderungsbereitschaft, an Selbstdisziplin und selbstkritischem Blick. Das ist aber eine zentrale Voraussetzung dafür, Respekt zu erhalten und dafür, selbst tatsächlich erzieherischen Einfluss nehmen zu können! Diese essentielle Notwendigkeit des aufrichtigen Interesses heißt also überhaupt nicht, disziplin- und respektloses Verhalten von Schülern zu entschuldigen, nach dem Motto „schwere Kindheit …“. Sie ist aber der Zentralschlüssel für Respekt und dafür, als Lehrer wirklich Einfluss nehmen zu können.

Emotionen kontrollieren

Damit dies gelingen kann, sollte der Lehrer üben, seinen nur zu verständlichen Ärger und die damit verbundenen Emotionen zu kontrollieren! Wer sich von seinen Gefühlen bei seinem professionellen Handeln (also in der Rolle des Lehrers) übermannen lässt, läuft immer Gefahr, dem anderen respektlos zu begegnen, ironisch, vielleicht sogar zynisch, unter Umständen beleidigend und meistens viel zu laut zu sein. Natürlich gibt es immer wieder Situationen im Unterricht, in denen einen einzelne Schüler zur Weißglut bringen können. Und die meisten Lehrer meinen die Erfahrung gemacht zu haben, dass es dann nützt, so einen Störer mal so richtig zusammenzufalten. Der kurzfristige Erfolg täuscht aber. Wer Schüler beleidigt, öffentlich bloßstellt, beschimpft oder anschreit, verliert nachhaltig Respekt und damit die Möglichkeit, wirklich Einfluss auszuüben. Zusätzlich bedarf es immer größerer Kraftanstrengungen, der letztlich wachsenden Respektlosigkeit des Schülers zu begegnen. Erschwert wird der notwendige konstruktive Kontakt zu „schwierigen“ Schülern dadurch, dass viele geradezu über ein Elefantengedächtnis verfügen, wenn es darum geht, respektlos behandelt worden zu sein, dass sie entwürdigende Situationen buchstäblich nie vergessen. Deshalb ist es so enorm wichtig, dass der objektiv überlegene (erwachsene!) Lehrer seine Emotionen kontrolliert.

Praktisch bedeutet das zum Beispiel, in aufgeregten Situationen, in denen man merkt, dass mit dem Ärger der eigene Puls steigt, ganz bewusst leise zu sprechen, ein Pokerface aufzusetzen und kühl-distanziert, geschäftsmäßig zu agieren. Es kann auch hilfreich sein, sich bewusst zu machen, wie man den Ärger über die andere Person zum Ausdruck bringen würde, wenn es sich statt einer Lehrer-Schüler-Interaktion um eine geschäftsmäßige Situation handeln würde, etwa eine Reklamation oder um eine Situation, in der man Ärger oder Unzufriedenheit dem besten Freund gegenüber zum Ausdruck bringt.
Ebenfalls hilfreich ist es, wenn es gelingt, einen Perspektivwechsel vorzunehmen, sich also kurzfristig in die „Haut“ des störenden Schülers und in seine Sichtweise der Situation hineinzuversetzen. Sich zumindest kurz vorzustellen, wie der andere in diesem Moment dieselbe Situation erlebt, die mich gerade so wütend macht, kann ungeheuer entspannend und klärend wirken. In jedem Falle ermöglicht es, sich bewusst zu machen, dass es bei jedem Konflikt objektiv zwei „Wahrheiten“ gibt — egal wie überzeugt ich (natürlich!) von der „Wahrheit“ meiner Sichtweise bin. Wer wirklich souverän ist, kann es vielleicht sogar schaffen, das störende Schülerverhalten zu „reframen“, es also gedanklich in einen anderen Rahmen zu setzen, es positiv umzudeuten.

In Sachen Respekt plädiere ich also vehement für einen gelassenen, coolen, sachlichen, erwachsenen Umgang und gegen die in den 70er-Jahren so angesagte, als „Ich-Botschaften“ missverstandene „Betroffenheitslyrik“ („Ich bin jetzt ganz traurig, dass du so frech bist …“) und gegen das ungehemmte Rauslassen eigener Emotionen, das statt die erhoffte Ventilfunktion („Dampf ablassen“) zu erfüllen nur die eigene Aufregung erhöht und obendrein ein häufig eher lächerliches Bild eines letztlich kindlichen, unreifen Verhaltens vermittelt. Beide Strategien sind — das hat die jahrzehntelange Erfahrung gezeigt — mit Sicherheit kontraproduktiv, wenn es darum geht, Respekt zu erlangen.

Die sich selbst erfüllende Prophezeiung

Und wie bekommt man die starke Wirkung der „self-fulfilling prophecy“ in den Griff?
Das gelingt nur, wenn man immer wieder seinen Blick für die objektiven und tatsächlichen Stärken und Kompetenzen selbst der nervigsten und schwierigsten Störer in der Klasse schärft — die auch diese ja tatsächlich haben! Natürlich sind Lehrer in der Regel vor allem darin geübt, Fehler zu finden und Fehlverhalten und Probleme wahrzunehmen. Und mancher Schüler macht es einem wahrlich nicht leicht, einen Blick für dessen Stärken und Kompetenzen zu entwickeln. Aber auch schwierige Schüler haben Stärken — und manchmal gar nicht so wenige! Beim Entdecken der anderen Seite dieser „Lieblings“-Schüler können Kollegen und Mitschüler gut behilflich sein, die denjenigen, den man selbst so sehr auf dem Kieker hat, emotionsloser und damit objektiver sehen können und manchmal besser kennen.
Von großer Bedeutung ist es, gerade schwierige Schüler nicht zu schonen, sondern auch und gerade ihnen Anstrengungen und herausfordernde Aufgaben zuzumuten. Auch das hat natürlich mit der mächtigen Wirkung der „self-fulfilling prophecy“ zu tun. Die nur unbewusste negative Erwartungshaltung hinsichtlich des Leistungsvermögens der Problemschüler (die auf tatsächlichen Erfahrungen, aber oft auch nur auf interpretierten „Erfahrungen“ beruht!) löst eine klassische „self-fulfilling prophecy“ aus. Und noch schlimmer: Der schonende Umgang mit schwierigen Schülern verstärkt auf deren Seite unbewusst das Gefühl von Schwäche, was wiederum das Risiko weiterer Störungen erhöht. Störungen, mit denen diese Schüler zeigen wollen, dass sie keineswegs schwach sind, sondern ganz tolle Typen!

Überprüfen Sie Ihr Auftreten vor der Klasse

Es ist nicht immer leicht, in bestimmte Klassen zu gehen. Nicht nur für Berufsanfänger, selbst für manch gestandenen Lehrer ist es ein Graus, in einigen Klassen zu Beginn des Unterrichts viele Minuten damit zu verbringen, Ruhe herzustellen und sich als Lehrer Respekt zu verschaffen, sich „durchzusetzen“, wie Schüler es gern nennen. Man sollte den Schülerwunsch „Setzen Sie sich doch mal durch“ (oder — über Kollegen — „Der kann sich überhaupt nicht durchsetzen“) als ein Signal sehr ernst nehmen, dass etwas im Argen liegt und der dringenden Veränderung bedarf. Noch einmal: Sich durchsetzen meint nicht, als Lehrer rumzubrüllen, Strafarbeiten zu verteilen oder auf eine andere Weise diktatorisch zu agieren. Es meint nichts anderes, als dass der Lehrer in der Lage sein sollte, sich echten Respekt zu verschaffen und auch in der Klasse ein Klima gegenseitigen Respekts herzustellen.
Neben dem im vorherigen Abschnitt angesprochenen so wichtigen Respekt des Lehrers vor seinen Schülern und seiner (Erwartungs-) Haltung ihnen gegenüber gibt es eine Reihe weiterer Aspekte, die wichtig sind, um Respekt zu erlangen.
Schüler jeder Alterstufe verfügen fast immer über allerfeinste Sensoren für nicht ausgesprochene Botschaften, Gedanken, Gefühle und Befindlichkeiten ihrer Erzieher, Eltern und Lehrer. Sie spüren intuitiv, ob ihr Lehrer gern in den Unterricht kommt, ob er seine Schüler mag, ob er sein Fach und das aktuelle Thema mag — oder eben nicht. Manchmal muss man das gar nicht erst großartig intuitiv erspüren, denn leider gibt es auch Lehrer, die der Klasse mit einem hochgradig missmutigen oder gar genervten Gesichtsausdruck begegnen, Lehrer, denen förmlich ins Gesicht geschrieben steht, was sie von ihren Schülern halten: absolut gar nichts nämlich. Sie vermitteln ihren Schülern genau das, was sie gerade noch in der Pause unter Kollegen lauthals beklagt haben: wie dumm, faul und nichtsnutzig ihre Schüler seien. Dies ist – wie ich aus sehr vielen Gesprächen mit Referendaren weiß, die solche Äußerungen gerade zu Beginn ihres Referendariats stark verunsichern, in einigen Schulen leider Realität.
Ebenso gibt es den Fall, dass Lehrer ihren Stoff durchziehen, weil er halt dran ist, weil er im Lehrplan steht, und zugleich überdeutlich vermitteln, dass es sich dabei um ein langweiliges, trockenes Thema handelt, das sie selbst nur überaus ungern unterrichten. Wer Respekt von seinen Schülern erwartet und wer erwartet, dass seine Schüler lernen (und zwar am liebsten, dass sie gern lernen!), hat die Pflicht, seine Schüler für die Themen, die er unterrichtet, zu begeistern, sie anzustecken, ja, mitzureißen! Und der Lehrer vermittelt unterschwellig nicht nur, ob er gern unterrichtet, seine Schüler, sein Fach, sein Thema mag, er vermittelt ebenso — und auch das zumeist unterschwellig — , ob er weiß, was er will, ob er einen Plan hat, einen klaren Plan für die Unterrichtsstunde und einen klaren Plan für den Umgang mit Störungen oder Regelverstößen. Wer keinen Plan bei Regelverstößen hat, lässt seine Schüler unbewusst spüren, dass er eigentlich Angst davor hat, dass etwas passiert, weil er nicht wirklich weiß, was er dann tun könnte oder tun müsste. Wer keinen richtigen Plan für die Unterrichtsstunde hat, verliert Respekt, weil die Schüler genau merken, dass der Lehrer schlecht vorbereitet ist oder — noch schlimmer — von der Sache, die er unterrichtet, wenig Ahnung hat, seinen Schülern bestenfalls gerade mal ein halbes Kapitel voraus ist.

Videofeedback der eigenen Wirkung

Das alles zeigt der Lehrer seinen Schülern, auch wenn er gar nichts davon sagt: Er zeigt es durch seinen Gesichtsausdruck, durch seine Körperhaltung, durch seine Stimme, seine Organisation, ja, manchmal sogar durch seine Kleidung. Wer meint, dass er als Lehrer keinen echten Respekt von seinen Schülern erhält, dass er Probleme damit hat, sich durchzusetzen, sollte deshalb unbedingt einmal seine Ausstrahlung vor der Klasse kontrollieren, am besten, indem er eine Videoaufzeichnung des eigenen Unterrichts macht oder, indem er einen wohlgesonnenen Kollegen bittet, sehr genau die eigene Ausstrahlung vor der Klasse zu beobachten, zu protokollieren und rückzumelden:
• Welche Botschaften sendet mein Gesichtsaudruck? Zeige ich Begeisterung, Gelassenheit, positive Erwartungshaltung oder schlechte Laune, Ärger, Angst?
• Welche Botschaften sendet meine Körperhaltung? Stehe ich klar, aufrecht, sicher und offen vor der Klasse oder verstecke, verkrieche ich mich, tigere ich aufgeregt im Klassenraum umher, lümmele ich mich auf das Pult oder einen Schülertisch, nach dem Motto: „alles egal“?
• Welche Botschaften sendet meine Stimme? Spreche ich mit wenigen klaren Worten, deutlich, fest und bestimmt, aus dem Bauch heraus oder rede ich viel zu viel (und zeige so unbewusst meine Unklarheit und Unsicherheit)? Ist meine Stimme zu hoch, zu schrill, zu laut, kommt sie nur aus dem Hals und wirkt dadurch nicht tragend?
• Welche Botschaften sendet meine Organisation? Beherrsche ich sicher den Umgang mit technischen Medien (z. B. OHP, Kassettenrecorder, Computer, Beamer …), gestalte und verteile ich übersichtliche, klare und lesbare Tafelbilder, Arbeitsblätter, Listen? Oder muss ich mich im Umgang mit technischen Medien entschuldigen („eben ging es noch …“, „kann man das erkennen …?“). Eröffne ich durch langes Hantieren mit Medien ein Spielfeld für Störungen jeder Art und zeige ich meine technische Inkompetenz coram publico? Was für ein Vorbild bin ich in Sachen Gestaltung von Tafelbildern, Folien, Arbeitsblättern für meine Schüler?
• Und schließlich: Welche Botschaften sendet meine Kleidung und meine äußere Erscheinung? Vermittele ich, dass ich meinen Unterricht und meine Schüler ernst nehme, indem ich meine äußere Erscheinung und meine Kleidung diesem professionellen Anlass entsprechend gestalte? Oder zeige ich, dass ich Unterricht und Schule keineswegs als professionelle Veranstaltung verstehe, indem ich im Unterricht im Campingplatz- bzw. Freizeit-Outfit erscheine?
Eine kleine Ergänzung in Sachen Outfit: Selbstverständlich gibt es Lehrer, die trotz (und manchmal sogar wegen!) ihrer z. T. skurrilen Erscheinung oder ihres wenig professionellen Outfits hohen Respekt bei den Schülern genießen, weil sie mit Leib und Seele hochkompetente Lehrer sind, die ihre Schüler mögen und respektieren und weil sie „Typen“ sind!

Überprüfen Sie Ihre Sprache

Natürlich ist es vor allem die Sprache, die bestimmte Botschaften vermittelt — sowohl erwünschte als auch unerwünschte. Lehrer sind von Natur aus Vielredner. Davon kann so mancher Nicht-Lehrer im privaten Umfeld ein trauriges Lied singen. Lehrer glauben einfach an die Macht des gesprochenen Wortes. Sie glauben so sehr daran, dass sie unbewusst davon überzeugt sind, dass mehr Worte gleichbedeutend wären mit mehr Klarheit: Je ausführlicher ich eine Sache erkläre, umso klarer würde sie.
Wir wissen heute sicher, sowohl aus der Verständlichkeitsforschung als auch aus eigener Erfahrung: Es ist genau umgekehrt! Je mehr Worte, desto unklarer! Woran liegt das und was hat das mit Respekt zu tun?
• Es ist ermüdend, lange zuzuhören, weil das Zuhören in der Schule sowieso schon eine so große Rolle spielt und weil es meistens keine aufmerksamkeitsfördernde Visualisierung gibt.
• Die unterschwellige Botschaft langer, ausführlicher Erklärungen lautet: Du (Schüler) musst nicht so genau aufpassen, weil alles sowieso noch einmal und noch einmal erklärt wird (vielleicht sogar noch einmal von einem Schüler wiederholt wird).
• Wer in der Sache selbst unklar ist, wer „schwimmt“, hat die unbewusste Tendenz, die eigene Unsicherheit und Unklarheit durch einen Wortschwall zu überdecken. Jeder Lehrer, der ehrlich mit sich selbst ist, kennt dieses Phänomen. Und genau diese Unsicherheit spüren die Schüler mit ihren feinen Antennen. Wem das ab und an passiert: kein Problem! Wer aber regelmäßig zu viel redet, um damit die eigene Unklarheit zu übertünchen, ist in Gefahr, Respekt zu verlieren.

Die erste Lösung heißt deshalb ganz schlicht: Benutze wenige Worte! Dazu kann es sehr hilfreich sein, sich ab und zu genau aufzuschreiben, was man wirklich sagen will und das dann ggf. nur vorzulesen. Dann allerdings muss ich auch meiner Vorbereitung trauen und darf konsequent kein weiteres Wort dazu sagen. Das ist das beste Trainingsprogramm zur Reduzierung des eigenen Redeschwalls.
Besonders wichtig ist die Verwendung möglichst weniger Worte bei Ansagen und Arbeitsaufträgen: Tu erst das, dann das und dann das! Die Verwendung klarer, knapper Aufträge und Anweisungen ist ein geeignetes Mittel, sich als Lehrer im Unterricht klar durchzusetzen und Störungen und Irritationen schon im Vorfeld zu vermeiden. Weil sie klarer, eindeutiger sind und direkt zum Handeln auffordern, sollten Arbeitsaufträge i. d. R. als freundlich-bestimmte Anweisung statt als Frage formuliert werden: „Bitte lies die ersten drei Zeilen vor!“ statt: „Wer kann denn bitte mal die ersten drei Zeilen vorlesen?“
Noch stärker verwässern kann man Arbeitsaufträge durch die Verwendung von Konjunktiven und unterschwellige Entschuldigungen für den Auftrag: „Ich würde euch bitten, vielleicht erst mal die ersten drei Zeilen vorzulesen.“ Wer regelmäßig in dieser gewundenen Art mit seinen Schülern spricht, begibt sich in höchste Gefahr, den Respekt seiner Schüler zu verlieren. Deshalb: Indikativ statt Konjunktiv!
Sehr wirksam ist die Erteilung von Arbeitsaufträgen, wenn man mit eindeutigen, gut zu merkenden und möglichst noch als Bild visualisierten Ankerbegriffen arbeitet. Besonders wichtig ist dieses Verfahren im Fremdsprachenunterricht („Listen … !“ — Symbol Ohr / „Read … !“ — Symbol Brille / „Write … !“ — Symbol Stift), kann aber hervorragend auch in anderen Fächern verwendet werden und ist ein sehr guter Weg, sich selbst als Lehrer darin zu trainieren, kurze, eindeutige Arbeitsaufträge zu geben.
Doch auch knapp formulierte Anweisungen und Ansagen lassen sich noch weiter verkürzen und damit noch wirksamer machen: durch den völligen Verzicht auf Sprache! Viel zu selten benutzen gerade Berufsanfänger die Möglichkeiten der Körpersprache: den Zeigefinger unter ein Auge legen, die Hand ans Ohr oder auf den Mund halten und dabei auf etwas oder auf jemanden zeigen … Wer das kann — und macht —, zeigt damit auch seine Souveränität, auf viele Worte verzichten zu können und eröffnet ganz nebenbei neue Möglichkeiten, auch Schüler zu erreichen, die gegenüber der Dauerberieselung durch Worte im Laufe der Zeit immun geworden sind.

Überprüfen Sie Ihre Selbstsicherheit und Gelassenheit

Der große Respektsfaktor Nummer vier ist eine Frage der eigenen Persönlichkeit und ist deshalb besonders schwer erlern- und trainierbar. Dennoch kommt niemand, der ein Respektsproblem hat, darum herum, auch die eigene Persönlichkeit auf den Prüfstand zu stellen: Bin ich mit mir selbst im Reinen, finde ich mich selbst okay, so wie ich bin oder brauche ich die Zuwendung meiner Schüler? Könnte ich ihren „Liebesentzug“ überhaupt ertragen, wenn ich vielleicht zu streng und zu konsequent war?
Letztlich geht es um die Frage, inwieweit bin ich eine reife, erwachsene Persönlichkeit, die beispielsweise in der Lage ist, Störungen, mangelnde Aufmerksamkeit oder geringes Interesse für mein Fach oder Thema nicht persönlich zu nehmen. Verfüge ich über den Mut zur Strenge und Konsequenz und gleichzeitig über die Souveränität, dann, wenn es sinnvoll ist, auch ein Auge zuzudrücken und Fünfe gerade sein lassen zu können, also bei Störungen im Unterricht auch — wie ein guter Schiedsrichter — „Vorteil“ geben zu können? Und kann ich es mir, bei aller Klarheit und Bestimmtheit, leisten, meinen Schülern genügend Raum für Lachen und Pausen zu geben — ohne Angst davor, dass sie über die Strenge schlagen oder nichts mehr geschafft wird?
Diese Fragen sollte sich jeder Lehrer von Zeit zu Zeit stellen und seine eigenen ehrlichen Antworten darauf finden. Sollten die Antworten überwiegend negativ ausfallen, kann diese Sprechstunde nur dazu dienen, nötige Ziele und Aufgaben zu formulieren. Für die Umsetzung der Ziele sollte man ggf. professionelle Hilfe, beispielsweise professionelles Coaching in Anspruch nehmen.

Thomas Unruh

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