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Feedback-Prozesse

Gewaltfreie Kommunikation unter Schülern

Gewalt lässt sich in physische und psychische Formen der Gewaltanwendung unterteilen. Doch viele Schüler assoziieren mit dem Begriff nur die körperliche Seite. Das Konzept der gewaltfreien Kommunikation hilft dabei, diese Begriffserweiterung zu verdeutlichen. Und um das gewaltfreie Kommunizieren zu üben, bieten sich Feedback-Prozesse an.

Feedback-Prozesse: Gewaltfreie Kommunikation unter Schülern Psychische Gewalt kostet weniger Überwindung: beim Cyber-Mobbing steht der Täter seinem Opfer nicht direkt gegenüber © iStockphoto / Rivendellstudios

Begriffe wie „Cyber-Mobbing“ oder „Happy Slapping“ waren vor rund zehn Jahren noch nicht bekannt. Doch mittlerweile sind laut einer bundesweiten Forsa-Umfrage von 2011 32 Prozent aller befragten Jugendlichen zwischen 14 und 20 Jahren schon einmal Opfer einer Cyber-Mobbing-Attacke geworden. Es gibt verschiedene Begründungszusammenhänge, die hierfür angeführt werden können. Einer davon ist ganz sicher die veränderte Kommunikationskultur unter Jugendlichen.

Kinder und Jugendliche stehen sich in der alltäglichen Kommunikation miteinander nicht mehr zwangsläufig von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Soziale Netzwerke und andere Internetplattformen ermöglichen eine Kommunikation, die – im Gegensatz zum Face-to-face-Gespräch – nicht mehr an Ort und Zeit gebunden ist. Man sieht sich nicht mehr, noch hört man einander. Internetkommunikation ist also von einer gewissen Körperlosigkeit geprägt. Zwar bietet das Internet auch hierfür zahlreiche Möglichkeiten, z. B. über Skype-Telefonie oder Webcams, doch die technisch weniger aufwändige ist zugleich die deutlich verbreitetere Art der Internetkommunikation.

Kommunikation beinhaltet stets Sender und Empfänger. Durch soziale Netzwerke und die damit verbundene Möglichkeit, ‘postings‘ an der eigenen Pinnwand zu veröffentlichen, ist der Kreis der Empfänger bis ins Unüberschaubare angewachsen. Nachrichten richten sich oftmals nicht nur an ein Gegenüber, sondern gleich an alle, mit denen man vernetzt ist. Das Sprechen über Dritte ist somit deutlich einfacher und ‘breitenwirksamer‘ geworden. Private Kommunikation wurde somit in Teilen deprivatisiert und hat sich zu einer öffentlich leicht zugänglichen Sache entwickelt. Damit steigt allerdings die Verantwortung jedes Einzelnen, der auf diese Weise zu kommunizieren pflegt, ohne dass er sich dessen bewusst sein mag.

Psychische und physische Gewalt

Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas hat bereits im 20. Jahrhundert einen Begriff geprägt, der sich auch auf die heutige Internetkommunikation übertragen lässt. Ihm zufolge stünde man durch die neuen Formen der Technik nicht mehr unmittelbar im „Antlitz des Anderen“. Direktes Mobbing kostet den Täter weitaus mehr Überwindung, da er seinem Opfer gegenübersteht und dessen Reaktionen wahrnimmt. Dies kann eine gewisse Empathie zutage fördern, welche den Täter beim nächsten Mal womöglich zögern lässt. Cyber-Mobbing hingegen ist deutlich niederschwelliger, sodass auch weniger selbstbewusste Jugendliche leichter dazu verleitet werden können, andere zu diffamieren.

Körperliche Gewalt setzt Mut, Leichtsinn und/oder körperliche Überlegenheit voraus. Man bringt sich stets selbst in Gefahr, wenn man jemanden angreifen oder verletzen möchte. Psychische Gewalt hingegen ist für den Täter ‘sicherer‘ – besonders dann, wenn man dem Opfer nicht direkt gegenübersteht, sondern aus sicherer Entfernung mobbt und hierbei vielleicht sogar anonym die Möglichkeiten des Internet (aus)nutzt.

Jugendliche haben, insbesondere im Stadium der Pubertät, mit hormonell bedingten und häufig wechselnden, psychosozialen Gefühlslagen zu kämpfen. Da geschieht es leicht, dass ausgeteilt wird, um sich zu positionieren oder zu behaupten. Die Schlagkraft und Reichweite solcher aggressiven Verhaltensweisen steigt jedoch, wenn Jugendliche eben nicht unmittelbar mit dem oben beschriebenen „Antlitz des Anderen“ konfrontiert werden.

Schüler müssen deshalb lernen, dass auch psychische Gewalt eine Form der Gewaltausübung ist - mitunter sogar die schmerzhaftere und nachhaltigere. Schule kann sicher nicht gewährleisten, dass jedwede Form der Gewalt unter Jugendlichen unterlassen wird (außer sie würde selbst repressive Gewalt anwenden). Doch Schule kann Kinder und Jugendliche dafür sensibilisieren, was physische und psychische Gewalt für den Betroffenen bedeuten können. Schule kann Achtsamkeit lehren und dabei helfen, dass man niemanden mehr aus Versehen verletzt.

Feedback zum Einüben gewaltfreier Kommunikation

Damit sich Schüler der Tragweite ihrer eigenen Formulierungen in der zwischenmenschlichen Kommunikation bewusst werden, muss ihnen zunächst der Unterschied zwischen gewaltvollem und gewaltfreiem Kommunizieren deutlich werden. Gerade Feedback-Prozesse stellen eine gute Plattform dar, um das gewaltfreie Kommunizieren zu thematisieren, zu reflektieren und zu trainieren. Wenn Schüler vor der Klasse ein Arbeitsergebnis präsentieren oder ein Referat halten, besitzt ein anschließendes Feedback vonseiten der Klassenkameraden immer eine gewisse Brisanz. Denn die Gefahr ist relativ groß, dass sich einzelne Schüler nicht taktvoll genug auszudrücken wissen und der Feedback empfangende Schüler nicht über die nötige Widerstandsfähigkeit oder das nötige Selbstvertrauen verfügt, um die Rückmeldungen nicht persönlich an sich heranzulassen.

Das Konzept der gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg verfolgt nicht das Ziel, andere Menschen durch die eigenen Aussagen zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, sondern die eigene innere Wahrnehmung zu äußern. Was der Empfänger mit diesen Aussagen letztlich anfängt, bleibt damit ganz allein ihm selbst überlassen. Als konkrete Methode schlägt Rosenberg einen Vierschritt vor. Dabei soll man zunächst...

1. mit einer konkreten BEOBACHTUNG beginnen, die man beim Gegenüber gemacht hat, bevor man 2. das eigene GEFÜHL beschreibt, welches aus dieser Beobachtung resultiert.
3. schildert man ein – zumeist unerfülltes – BEDÜRFNIS, welches man in sich spürt, und leitet hieraus 4. eine BITTE ab, welche das skizzierte Bedürfnis zu erfüllen gestatten würde.

Sich hieran entlang zu hangeln, wirkt zugegebenermaßen besonders zu Anfang recht mechanisch. Doch es kann ja auch im Rahmen von Feedback-Prozessen gerade darum gehen, etablierte und automatisierte Sprachmuster zu durchbrechen und Alternativen zu erproben.

Literatur zum Thema:

Hamacher, Sylvia: Tatort Schule. Gewalt an Schulen. Leipzig: tredition Verlag, 2010.

Rosenberg, Marshall B. / Weidenbach, Karl: Erziehung, die das Leben bereichert. Gewaltfreie Kommunikation im Schulalltag. 4. Auflage. Paderborn: Junfermann, 2011.

Empathie als Grundlage für friedvolles Kommunizieren

Rosenberg geht davon aus, dass Empathie sowohl die Grundlage als auch das Resultat gewaltfreier Kommunikation darstellt. Nur wenn Menschen auf eine bestimmte Weise miteinander kommunizieren, kann gegenseitiges Mitgefühl aufgebaut werden. Und zugleich setzt diese Art der Kommunikation natürlich bereits eine gewisse Empathiefähigkeit voraus. Ausgehend von der These, dass jeder Mensch über eine gewisse Empathiebegabung verfügt, diese aber in unterschiedlichem Maße ausgebildet ist, kann die Vierschritt-Methode der gewaltfreien Kommunikation dazu beitragen, die Fähigkeit des Sich-in-andere-Hineinversetzens auf- und weiter auszubauen.

Da die exakte Unterscheidung zwischen Schritt 2 und 3 (Gefühl und Bedürfnis) allerdings nicht nur Schülern schwerfallen dürfte, kann auch ein Dreischritt ausreichen. Dieser im Feedback oftmals empfohlene Dreischritt, bestehend aus Wahrnehmung – Wirkung – Wunsch, ist nahezu identisch mit den Schritten 1, 2 und 4 aus der gewaltfreien Kommunikation. Ein Beispiel aus dem Kontext eines Referatsfeedbacks verdeutlicht dies:

„Ich hab gesehen, dass du beim Vortragen manchmal so deine Beine überkreuzt hast und dadurch irgendwie etwas wackelig gestanden hast [= Beobachtung/Wahrnehmung]. Dadurch hatte ich den Eindruck, dass du etwas nervös warst [= Gefühl/Wirkung]. Wenn du beim nächsten Mal auf beiden Beinen stehst, würdest du wahrscheinlich sicherer wirken [~ Bitte/Wunsch].“

Solche Formulierungen erlauben es, besser zwischen Beschreibung und Bewertung zu unterscheiden. Denn der Feedbacksender stellt nicht seine Bewertung einer beobachteten Verhaltensweise in den Vordergrund, sondern beschreibt, was die Beobachtung mit ihm selbst gemacht hat. Der Fokus liegt also weniger auf dem Du als vielmehr auf dem Ich. Dies kann dem Feedbackempfänger dabei helfen, die Rückmeldungen und Anregungen leichter anzunehmen, ohne sich persönlich attackiert zu fühlen.

In angespannten Beziehungen hilft kein Fordern

Ein Klassenverband ist aus gruppendynamischen Gründen zwangsläufig immer konfliktgefährdet. Die Schüler bilden eine Gruppe, ohne dass sie sich diese in der bestehenden Form freiwillig ausgesucht hätten. Anforderungen werden an die Gruppe als Ganze, aber immer wieder auch an die Klassenmitglieder als einzelne gestellt, und zuweilen widersprechen sich derlei Anforderungen sogar. Denn wenn Schüler einerseits im Rahmen von Klassenarbeiten, Klausuren und Zeugnissen einzeln geprüft und benotet werden, andererseits aber immer wieder auch ihre Teamfähigkeit in Gruppenarbeiten beweisen sollen, stellt sich die Frage, ob sich eher ein Konkurrenzdenken oder eine Kooperationsbereitschaft entwickelt.

Dieses Spannungsverhältnis lässt sich kaum überwinden, wenn sich Schüler gegenseitig immer wieder moralisch beurteilen oder Forderungen aneinander stellen. Und dennoch bedarf es einer offenen Kommunikation über individuelle Perspektiven und Bedürfnisse, damit sich eine Gruppe aufeinander einlassen und in gegenseitiger Rücksichtnahme üben kann.

Rosenberg selbst bildet den Vierschritt mit folgendem Satz ab: „Wenn ich a sehe, dann fühle ich b, weil ich c brauche. Deshalb möchte ich jetzt gerne d.“ Bei der Beschreibung des Gefühls gilt es zu beachten, dass dies „echte“ Gefühle sein sollen. Echte Gefühle implizieren keinen Vorwurf an ein Gegenüber, sondern schildern lediglich das eigene Befinden.

„Ich fühle mich ausgenutzt“ wäre in diesem Sinne also kein echtes Gefühl, da es ein Gegenüber voraussetzt, welches die betreffende Person ausgenutzt hat. Eine solche Formulierung kann leicht dazu führen, dass sich der Gesprächspartner verteidigt, er sein Gegenüber angreift oder sich innerlich verschließt. Aussagen wie „Ich bin unzufrieden“ oder „Ich fühle mich allein“ hingegen werden als echte Gefühle beschrieben.

Im vierten Schritt sollte darauf geachtet werden, dass es sich um eine Bitte handelt und um keine Forderung. Der wesentliche Unterschied wird darin gesehen, dass eine Forderung alternativlos ist und das Gegenüber unter Handlungsdruck setzt. Bei der Bitte wird der Selbstbestimmung des Gegenübers Rechnung getragen und der Sender muss akzeptieren können, wenn die Bitte abgeschlagen wird.

Was Lehrer in Konfliktsituationen tun können

In einem Schlichtungsgespräch kann darauf hingewiesen werden, dass sich die betreffenden Schüler an das vierschrittige Grundprinzip der gewaltfreien Kommunikation halten sollen. Allerdings bleibt natürlich zu befürchten, dass die Schüler diese künstliche Art der Kommunikation nicht gerade bejubeln werden. Erfolgsversprechender kann es sein, wenn im Rahmen konfliktfreier Schulsituationen das hier beschriebene Verfahren eingeübt wird, wie zum Beispiel im Rahmen von Rollenspielen und Simulationen oder in der Feedback-Phase nach einer Schülerpräsentation.

Wenn Schüler bestimmte Formulierungen verinnerlicht haben, mit deren Hilfe sie bei einer Rückmeldung tatsächlich bei sich selbst bleiben und niemanden attackieren, so kann in realen Konfliktsituationen leichter und authentischer auf diese Kommunikationsweisen zurückgegriffen bzw. von Lehrerseite darauf bestanden werden.

Dennis Sawatzki

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