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Lern- und Arbeitsklima

Große Klassen vs. kleine Klassen — wer hat die Nase vorn?

Ist das Lern- und Arbeitsklima in kleineren Klassen immer besser als in größeren? Lernen Schüler dort intensiver? Welche Vor- und Nachteile bietet die Klassengröße für den Lehrer?

Lern- und Arbeitsklima: Große Klassen vs. kleine Klassen — wer hat die Nase vorn? Auch in großen Klassen lässt es sich gut lernen, wenn das Lernklima stimmt und der Lehrer ein offenes Ohr für die Schüler hat © contrastwerkstatt - Fotolia.com

„Hast du es gut, du hast nur so wenige Schüler in deiner Klasse“, merkt eine Lehrerin gegenüber ihrer Kollegin an. Kurz vor dem Elternsprechtag macht sich der zeitliche Aufwand bei ihr mit 25 Schülerinnen und Schülern besonders bemerkbar, will sie doch allen Schülern mit gleichem zeitlichen Engagement gerecht werden. Bereits die Vorbereitungen dazu erfordern mehr Aufwand, ebenso wie für die Zeugnisse, die Korrekturen der Klassenarbeiten und das Nachschauen der Hefte. Vom Gewicht der Bücher- und Heftestapel für ihre Klasse ganz abgesehen. Doch die Kollegin kann diesen Neid gerade nicht teilen, hat sie doch täglich heftige Auseinandersetzungen mit Schülern in ihrer Klasse und würde gern die Klasse tauschen.

Organisation kleinerer Klassen — einfach leichter

Tatsächlich haben kleinere Klassen viele Vorteile und jeder Lehrer wünscht sich eine geringe Schülerzahl in seiner Klasse. Zu nennen sind hier zunächst die organisatorischen Vorteile. Für eine kleine Klasse benötigt man weniger Kopien und steht weniger lange am Kopierer.

Im Klassenraum werden weniger Tische und Stühle gebraucht, auch Bänke für den Sitzkreis sind günstiger und realistischer in der Anschaffung. Die Freiräume, die durch den Platz in der Klasse entstehen, kann man durch weitere funktionale Ecken wie Leseecke, Schreibecke nutzen. Noch dazu können freie Tische als Rückzugsorte in Arbeitsphasen oder für Differenzierungsmaterial für schnell arbeitende und leistungsstarke Schüler genutzt werden.

Der gesamte Klassenraum ist durch weniger Material der Schüler übersichtlicher und alle Schüler finden sich besser zurecht. Im Sitzkreis kann man die Schüler besser um sich scharen. Alle können besser in die Kreismitte schauen und es ist einfach eine gemütlichere Atmosphäre.

Neben den Materialien im Klassenraum muss der Lehrer für alle Korrekturen und Klassenarbeiten weniger Zeit aufwenden, ebenso wie für Elterngespräche am Elternsprechtag. Egal ob er Sitzplatzkarten, Adventskalenderbeutel oder Listen anfertigt: Es sind immer weniger Handgriffe als für mehr Schüler.

Lernklima in kleineren Klassen häufig besser

Weniger Schüler verursachen in der Regel auch weniger Lärm. Ob bei Werkstatt-, Stations- oder Wochenplanarbeit: Es laufen einfach weniger Schüler durch den Raum, um sich Material zu holen oder zurückzubringen. Durch weniger Schüler an den Tischen und viele Rückzugsmöglichkeiten lenken sich die Schüler gegenseitig weniger ab und das Arbeitsklima scheint produktiver zu sein. Hinzu kommt die statistisch längere Zuwendungszeit durch den Lehrer.

Natürlich hat er bei weniger Schülern mehr Zeit für die Sorgen, Probleme, Fragen und Lösungsschritte einzelner Schüler. Differenzierung ist mit ebenfalls besser möglich. Ebenso gibt es bei weniger Schülern theoretisch auch weniger auffällige Schüler, sei es im Verhalten oder bei der Leistung. Diese können durch mehr Zuwendung leichter aufgefangen werden. Für Schüler mit ADS oder ADHS ebenso wie für inklusiv beschulte Schüler bietet die überschaubare Schülerzahl mehr Differenzierungs-, Unterstützungs- und Hilfsmöglichkeiten. Zudem kennt jeder Schüler jeden Mitschüler besser, weil er intensivere soziale Kontakte mit ihm hat als in großen Klassen. Kleinere Klassen sind in den Punkten Klassenorganisation und -management, Zuwendung und Überschaubarkeit die klaren Sieger gegenüber großen Klassen.

Auch große Klassen bieten viele Vorteile

Neben den beschriebenen Vorteilen in kleinen Klassen gibt es allerdings auch bei größeren Gruppen Vorteile. Mehr Schüler bieten mehr Möglichkeiten zur Gruppenbildung. Bei einer Klasse von 12 Schülern bieten sich nur zwei bis drei Gruppen für Gruppenarbeit an. Bei gleichem Thema gelingt die Erarbeitung leicht und kommt auch mit weniger Material aus.

Möchte der Lehrer aber beispielsweise Wasserexperimente gruppenteilig anbieten, so besteht hier nur die Möglichkeit drei verschiedene Experimente gleichzeitig durchführen zu lassen, während größere Klassen in der gleichen Zeit mehr Experimente behandeln können. Dies ist ebenso bei Haustierplakaten o. Ä. möglich. Die Themenvielfalt bleibt in kleinen Klassen mehr oder weniger eingeschränkt bzw. lässt sich schwieriger erarbeiten.

Ein weiterer Vorteil von einer größeren Schülerzahl ist die Chance, gleichgeschlechtliche Freunde in der Klasse zu finden. Gibt es in der 25-Schüler-starken Klasse 4 zehn Jungs und 15 Mädchen, so findet man in der 13-Schüler-starken Klasse 3 nur 5 Jungs und 9 Mädchen. Für Schüler, die nicht mit den anderen wenigen Jungs in ihrer Klasse klarkommen, bleibt meist nur der Rückzug als Einzelgänger.

Gleichzeitig gibt es bei großen Klassen statistisch gesehen mehr Charaktere, die aufeinandertreffen. Dies kann durchaus fruchtbar sein, weil in dieser Klasse mit Sicherheit hilfsbereite, freundliche, fröhliche, aufmerksame, aufgeschlossene Schüler ebenso wie laute, wilde und aggressive Schüler zu finden sind und die Mischung ausgleichend wirkt.

In kleineren Klassen besteht die Gefahr, dass sich aggressive, laute Schüler durchsetzen und die schüchternen, leisen Schüler aufgrund fehlender Mehrheit überstimmt werden. Daher ist immer die Frage, welche Mischung an Schülern und wie viele jeden Charakters man in seiner Klasse hat.

Auf die Zusammensetzung kommt es an

Kleine Klassengrößen bieten viele zeitliche und organisatorische Vorteile, oft auch beim Lernklima. Doch kann das Lernklima auch in größeren Klassen durchaus angenehmer, friedlicher und freundlicher sein ? eben wie im oben beschriebenen Beispiel der beiden Lehrerinnen. Gibt es unter den wenigen Schülern der Klasse permanent Streit und sind Schüler im Umgang miteinander nicht kompatibel, so schwinden die Vorteile der kleinen Klasse im Gegensatz zu der harmonischen großen Klasse der Kollegin.

Das Lernklima und die Klassenatmosphäre sind für den Stresslevel und das Wohlbefinden von Lehrer und Schülern auf Dauer doch wichtiger als weniger Korrekturzeit. Daher kann eine größere Klasse durchaus weniger Stress mit Schülern und Eltern bedeuten und ist nicht pauschal anstrengender als eine kleine Klasse, denn schlussendlich kommt es auf die Zusammensetzung der Schüler an.

Marion Keil

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