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Achtsamkeit

Schritt für Schritt zu einer Kultur der Anerkennung

Grundschullehrer vermitteln ihren Schülern einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit anderen am besten, indem sie mit gutem Beispiel vorangehen. Hilfreich sind außerdem sieben konkrete Vorschläge für ein besseres Klassenklima, die sich sofort umsetzen lassen.

Achtsamkeit: Schritt für Schritt zu einer Kultur der Anerkennung Wenn Schüler respektvoll miteinander sprechen und Informationen austauschen, hat der Lehrer schon viel erreicht © Ingo Bartussek - Fotolia.com

Wie steht es um die Qualität pädagogischer Beziehungen in deutschen Schulen? Im Durchschnitt ist jede vierte Lehrer-Schüler-Interaktion mit einer Verletzung verbunden, „und in durchschnittlich jeder sechzehnten pädagogischen Interaktion erleben die Lernenden die starke Missachtung eines Mitschülers durch eine Lehrkraft“, so fasst die Erziehungswissenschaftlerin Prof. em. Annedore Prengel von der Universität Potsdam die Ergebnisse ihrer aktuellen Studien zusammen. (Vgl. dazu: Brigitte Schuhmann: „Viele Schüler erleben Missachtung und Verletzungen“, bildungsklick.de) Ein bestürzendes Ergebnis, denn Anerkennung unterstützt Lernprozesse, während Verletzungen oder Missachtung durch den Lehrer das Lernen tendenziell blockieren. Und nicht nur das: Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung sind auch die Basis für ein gutes und demokratisches Schulklima, das durch Toleranz, Respekt und gegenseitige Verantwortung geprägt ist. Ein solches Schulklima kommt nicht von ungefähr, sondern wächst langsam in einem gemeinsamen Lernprozess aller am Schulleben Beteiligten.

Neun Bausteine für ein Klima der Achtsamkeit und Anerkennung

Für Lehrer bietet der Unterrichts- und Schulalltag vielfältige Ansatzpunkte, um mit den Schülern, den Kollegen und den Eltern eine Anerkennungskultur voranzubringen. Schritt für Schritt und in den unterschiedlichsten Situationen: zum Beispiel, um herauszufinden, was die Schüler oder Eltern über das Klassenklima und die Lehrer-Schüler-Beziehung denken oder um etwas gegen Hänseleien oder Mobbing zu unternehmen. Oder auch, um die eigenen Reaktionen auf erziehungs- und unterrichtsschwierige Situationen zu reflektieren und einen produktiveren Umgang mit Fehlern und schwachen Leistungen der Schüler zu fördern.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat dazu Anregungen und Materialien entwickelt, mit denen Lehrer situationsbezogen arbeiten und reagieren können: Die über 100 Seiten starke Handreichung „Achtsamkeit und Anerkennung — Materialien zur Förderung des Sozialverhaltens in der Grundschule“ bietet neun Bausteine mit Vorschlägen und Ideen zu fest umrissenen Themen, wie z. B. „klasseninterne Streitschlichtung“, „Ablehnung und Mobbing“, „Schülermitbestimmung“ oder „Kollegiale Fallbesprechung“. Die direkt übernehmbaren Ideen und Materialien wurden im Vorfeld an mehreren Grundschulen praktisch erprobt und danach noch einmal entsprechend optimiert.

Sieben Vorschläge, die sich sofort umsetzen lassen

Der erste Baustein bietet sieben Vorschläge für mehr Achtsamkeit und Anerkennung in der Klasse, die das Klassenklima unmittelbar und spürbar positiv beeinflussen können (S. 14 bis 23):

  1. Für das Klassentagebuch genügt ein einfaches liniertes Büchlein oder Heft, in das Schüler oder Lehrer schreiben können. Typische Situationen dafür: Ein Kind will sich nach der Pause bei der Lehrerin beschweren, doch diese hat momentan keine Kapazität dafür. Oder es dient bei länger andauernden Konflikten dazu, die Streitpunkte festzuhalten, was die Situation entschärfen kann. Lehrer könnten das Tagebuch für Lob nutzen oder auch um – „in achtungsvollen Formulierungen“ – Kritik zu üben. (S. 15)
  2. „Die freundlichen 10 Minuten“ schaffen gezielt Raum für eine wertschätzende und freundliche Kommunikation und sind ideal, um eine unangenehme Beschwerde- und Kritikatmosphäre zu verändern. Formulierungshilfen (Satzanfänge auf einem Plakat in der Klasse aufhängen!) und drei einfache Regeln (nur Gutes sagen, gut zuhören und vor allem: es genießen, „wenn über uns etwas Schönes gesagt wird“) unterstützen die Kinder bei der praktischen Umsetzung.
  3. Eine „wöchentliche und schülergeleitete Gesprächsstunde“ sollte fest in den Wochenablauf eingeplant werden und Raum für konstruktive Konfliktbearbeitung bieten. (Vorschläge zur Organisation auf S. 17)
  4. Ebenfalls wichtig: „Lern- und Prüfungssituationen bewusst trennen“, denn nur offene Lernsituationen gestatten es Schülern, „Fehler zu machen, riskante und neue Lösungswege zu gehen und sich bei Bedarf unbeschränkte Hilfe zu holen“. (S. 17)
  5. Eine fehlerfreundliche Atmosphäre erleichtert es den Schülern, Fehler als „Helfer für das Weiterlernen“ zu nutzen. Konkrete Vorschläge dazu sind z. B. kein „selbstwertschädigendes ‚Ranking‘ (ständige Leistungsvergleiche zwischen Schülern gemäß ihrer Fehlerzahl)“, das Eingeständnis, dass auch Lehrer Fehler machen oder das Aufzeigen von Wegen, um aus Fehlern zu lernen (mehr dazu auf S. 19)
  6. Ein achtungsvoller Umgang mit schlechten Noten (S. 19 f.) zielt darauf, negative Auswirkungen auf die Lernmotivation zu mildern (z. B. durch zeitnahe Absprache von Förder- und Übungsvorschlägen), ein Klassenklima zu schaffen, das Notenangst verringert und den Kindern eine zweite Chance zu geben, wenn etwas schiefgegangen ist. Einfach und sehr wirkungsvoll sind dabei unter anderem die „Einführung eines Talismans“, „Beruhigungssteine“, die in der Hand gehalten werden, oder „Unterstützungskärtchen“ mit aufmunternden Texten („Du hast gut gelernt – Du weißt viel – Schreibe es auf“).
  7. Ein bewusster Umgang mit Self-Fullfilling-Prophecy (SFP) seitens der Lehrkraft hilft einerseits Urteilsfehler und damit verbundene Teufelskreise zu vermeiden und andererseits den Schülern positive Erwartungen entgegenzubringen und dadurch „Engelskreise“ zu fördern. Die Lehrer erfahren, woran sie einen professionellen Umgang mit SFP erkennen (S. 21) und können mithilfe eines Selbstreflexionsbogens (S. 23) mögliche SFP-Effekte in Bezug auf einzelne Schüler erkennen.

Sich in andere hineinversetzen können

„Situationen mit den Augen der anderen sehen und so besser verstehen lernen“ – das ist die zentrale Voraussetzung für einen achtsamen Umgang miteinander, der alle Beteiligten zufrieden stellt. Ab Mitte der 2. Jahrgangsstufe kann dafür die Giraffen- und die Wolfssprache eingeführt werden (Baustein 3, S. 42 ff.). Diesen beiden „Sprachen“ korrespondieren bestimmte Kommunikationstypen und Grundhaltungen: Wölfe operieren zwischen den Dichotomien von gut und schlecht, richtig und falsch, Recht und Unrecht, normal und unnormal, Strafe und Belohnung. Ihre Sprache „lebt von Urteilen und Bewertungen und klassifiziert Menschen auf Grund ihres Verhaltens“. Verantwortung wird auf andere geschoben, man „beruft sich dann auf (…) scheinbar unveränderbare Ordnungen“ (S. 43). Giraffen hingegen bemühen sich um einen achtsamen Umgang, um Zugang zu ihren eigenen Bedürfnissen und um Einfühlungsvermögen gegenüber dem anderen. Sie äußern ehrlich, wie ihnen zumute ist und was sie brauchen, ohne dabei ihr Gegenüber zu kritisieren oder pauschal zu werten. Niemand muss sich bedroht oder genötigt fühlen. Jeder Mensch kann „seine Aktionen und Reaktionen frei wählen“, muss dafür aber dann auch die Verantwortung übernehmen.

Um die Giraffensprache zu lernen, üben sich die Kinder darin, über Gefühle zu reden (S. 46 f.): Sie suchen Wörter dafür und erweitern auf diese Weise ihren Wortschatz; und sie erleben in Rollenspielen, wie sie mit Giraffensprache Konflikte lösen und dass sich durch Wolfssprache die Fronten eher verhärten.

Martina Niekrawietz

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