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Schulpreissieger 2019

Soziales Lernen mit Klassenwetter und Lobkultur

Mit Lobkultur und Klassenwetter schafft es die Gebrüder-Grimm-Schule, die Schüler zu mehr Eigeninitiative und Eigenverantwortung zu motivieren. Ein Modell, das sich gut auch auf andere Schulen übertragen lässt.

Schulpreissieger 2019: Soziales Lernen mit Klassenwetter und Lobkultur Wenn alles gut läuft beim Lernen und in der Klasse, dann gibt es einen Regenbogen © andreusK - stock.adobe.com

Dass die Gebrüder-Grimm-Schule (GGS) in Hamm den Deutschen Schulpreis 2019 bekommen hat, sieht man ihr von außen nicht an: Das rot geklinkerte Schulgebäude in Bockum-Hövel liegt in einem Arbeiterviertel. Über 50 Prozent der insgesamt 226 Kinder an der Schule haben einen Migrationshintergrund. „Knapp 100 Schülerinnen und Schüler erhalten Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket“, erfährt der Leser der Schulpreisbroschüre 2019 (S. 9). Zudem sind viele Eltern alleinerziehend und 10 Prozent der Kinder haben sonderpädagogischen Förderbedarf.

Auch an der Gebrüder-Grimm-Schule beobachten die Lehrkräfte, dass es immer mehr Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf gibt. Deshalb spielt das Sozialkonzept eine zentrale Rolle für die Schularbeit. Es ist fest im Schulprogramm verankert und „muss unbedingt allen Schülerinnen und Schülern transparent sein“, wie es in den Vorbemerkungen heißt (S. 3). Der folgende Beitrag stellt Ihnen konkrete Maßnahmen daraus vor, die sich auch in Ihrer Schule mit wenig Aufwand direkt umsetzen lassen.

Klasse Lernklima mit dem Klassenwetter

In jeder Jahrgangsstufe von der 1. bis zur 4. Klasse der GGS gibt es das sogenannte „Klassenwetter“, das auch die Schulpreisbroschüre 2019  besonders hervorhebt (Link s. o., S. 10 f.): Dabei starten alle Kinder einer Klasse jeden Morgen „auf derselben Gut-Wetter-Position“ und wer „sich an die Klassenregeln hält, leise und mit Sorgfalt arbeitet, kann seinen Platz verbessern“.

Wie man auf dem Foto auf der Kinderwebsite der GGS sieht, braucht man — außer Konsequenz — für das Klassenwetter nicht viel: eine Metalltafel, magnetische Namenskärtchen der Kinder, Kärtchen für die verschiedenen Wetter und ein paar goldene Sterne.

Auf einer Magnettafel wandern die Namen der Schüler Schritt für Schritt nach oben, bis zum begehrten Platz ganz oben auf dem Regenbogen. Wer es fünfzehn Mal bis dahin geschafft hat, bekommt eine Belohnung. Es geht auch in die andere Richtung, wie man auf der Schülerwebsite der GGS erfährt: Wer sich „daneben benimmt“, rutscht über „bewölkt“ und „Regenwetter“ abwärts und landet womöglich auf „Gewitter“. „Das ist nicht so toll“, denn dann bekommen die Eltern einen Gewitterbrief, „damit die wissen, was du gemacht hast“, erläutern die Kinder auf der Schülerwebsite. Und nach dem fünften Gewitterbrief „hast du ein Gespräch mit dem Schuleiter und deine Eltern sind auch dabei“.

Ein Schüler-Coach in jeder Klasse

In der GGS unterstützen sich die Schüler gegenseitig beim sozial-emotionalen Lernen. So können sich zum Beispiel die Kinder der dritten und vierten Jahrgangsstufen zum Schülercoach ausbilden lassen. Sie „geben (...) ihren jüngeren Mitschülerinnen und Mitschülern wohlwollendes Feedback im Hinblick auf das Verhalten in der Schule“, so heißt es im Bewerbungsschreiben für den Deutschen Schulpreis (S. 9). Wie man konstruktive Gespräche führt und andere Kinder berät, trainieren sie in Rollenspielen mit der Schulsozialarbeiterin.

Das Schulprogramm regelt genau, wie es abläuft, wenn ein Schüler-Coach eine Klasse oder Lerngruppe besucht (vgl. dazu das PDF „Schülerberatung“ unter dem Menüpunkt „Schulprogramm“ auf der Schulwebsite): Die Schüler-Coaches vereinbaren einen Termin mit der Klassenlehrkraft, melden sich bei der Klasse bzw. Lerngruppe an und nennen auch gleich das Thema, über das sie mit den jüngeren Kindern sprechen möchten, etwa „Ordnung unter dem Tisch / im Fach“. Mithilfe eines „Reflexionsbogens“ (PDF „Schülerberatung, S. 3) dokumentieren und bewerten sie ihre Beobachtungen und halten die „Tipps“ fest, die sie den Kindern der besuchten Klasse gegeben haben. Zu einem späteren Zeitpunkt kommen die Schüler-Coaches noch einmal in die Klasse, um zu sehen, ob die betroffenen Kinder jetzt Ordnung unter der Bank halten. Die Ergebnisse werden dokumentiert und in der allmonatlichen Schulversammlung „Treffpunkt Grimm“ präsentiert.

Komplimente und Lobbriefe

Die Lobkultur hat an der GGS einen hohen Stellenwert (Preisträgerbroschüre 2019, Link s. o., S. 11): Im Treppenhaus der Schule hängen für die Kinder kleine Spiegel mit Sprüchen wie „Du bist wundervoll“ oder „Du strahlst wie die Sonne“. Und im Schulhaus verteilt stehen Boxen mit „Komplimente-Kärtchen“ zum Verschenken. — Auch das sind Ideen, die sich mit wenig Aufwand direkt umsetzen lassen.

„Ganz besonders bedeutsam für die Leistungsmotivation“ der Schüler an der GGS sind die Lobbriefe, die zum Beispiel „das Aufheben heruntergefallener Jacken im Flur, das geschickte Zusammenbauen von Werkbänken oder das zielorientierte Verfassen und Überarbeiten einer Geschichte“ würdigen: Dabei „gibt es (...) keinen Kriterienrahmen und die Kinder sind immer wieder überrascht, für welche Dinge sie gelobt werden“, so heißt es im Bewerbungsschreiben für den Deutschen Schulpreis (S. 2). In jedem Fall sind es nicht nur „die Erwachsenen“, die nach Lobenswertem Ausschau halten. Sie bekommen ja auch „viele bedeutsame ‚Kleinigkeiten‘“ gar nicht mit. Es sind die Mitglieder des Schülerparlaments, die „regelmäßig die Aufgabe“ haben, „Inhalte für Lobbriefe zu sammeln und zu verfassen“ (ebd.). Sie reichen ihre Vorschläge dann an die Lehrenden weiter, die diese „in vielen Fällen“ übernehmen.

Auf der allmonatlichen Schulversammlung von Kindern, Eltern und Mitarbeitern der Schule, dem „Treffpunkt Grimm“, ist dann die Verleihung der Lobbriefe ein Programmpunkt, den alle mit Spannung erwarten. In feierlicher Atmosphäre werden die Lobbriefe ohne Anrede verlesen und die Schüler versuchen herauszufinden, an wen sich der Brief richten könnte. Wenn die Kinder Lobbriefe bekommen, werden die Eltern oft dezidiert zum Treffpunkt Grimm eingeladen „und dürfen live erfahren, welch tolles Kind sie haben“. Und manchmal werden diese Lobbriefe auch per Post nach Hause geschickt, „um die Eltern zu überraschen“ (ebd.).

Störungen haben Vorrang

Bei den täglichen Pausenbesprechungen nach der Hofpause können „die Kinder einen Streit aus der Pause, aus dem Unterricht oder auch aus anderen, die Schule betreffenden Bereichen klären“ (Sozialkonzept, S. 5). Diese Klärungsgespräche dauern etwa 10 bis 15 Minuten und folgen einem bestimmten Ablauf, der im Sozialkonzept detailliert beschrieben wird: kurzer Einstieg („Wer muss etwas besprechen?“), dann ein Gespräch mit den Kontrahenten, die sich zum Konflikt äußern, anschließend folgt der wichtigste Teil: die Klärung („Was wünscht ihr euch voneinander?“). Dabei können die Kinder „selbstständig aus einem Pool von Konsequenzen wählen“ (ebd.), die im Sozialkonzept aufgeführt sind. „Geht es euch jetzt wieder gut?“, fragt der Gesprächsleiter abschließend und „Möchtest du jemanden loben?“ — Nach dieser Prozedur gemäß Ruth Cohns Grundsatz „Störungen haben Vorrang“ ist der Kopf wieder frei für den Unterricht.

Martina Niekrawietz

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