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Farbpsychologie

Wie Farbe das Lern- und Arbeitsklima beeinflusst

Die Farbe macht’s, ob Schüler friedlich, ruhig und konzentriert arbeiten — oder eben nicht. Mit der richtigen Farbwahl für Klassenzimmer und Schulräume kann viel zu einem guten Lernklima beigetragen werden. Erkenntnissen der Farbpsychologie sei Dank.

Farbpsychologie: Wie Farbe das Lern- und Arbeitsklima beeinflusst Ein roter Pullover signalisiert: Achtung! Alle Aufmerksamkeit ist auf mich gerichtet! © Kuprevich/Shutterstock.com

Eigentlich unterscheiden sich die beiden Bilder auf der Website „Lehrerinnenfortbildung Baden-Württemberg“ nur geringfügig: Auf beiden sieht der Betrachter einen Strand mit Palme, dahinter das dunkelblaue Meer unter Sonne und blauem Himmel. Doch im linken Bild dominiert der blaue Himmel, im rechten der orangefarbene Sand. „In welcher der beiden Landschaften würden Sie sich lieber aufhalten?“ — Diese Frage beantwortet der Betrachter mit einem Klick auf den präferierten Ort. Die meisten Betrachter entscheiden sich für das linke Bild, das ein Strandszenario suggeriert. Bei der rechten Abbildung mit dem großen Orangeanteil assoziiert man hingegen Wüste, Sand und Hitze.

Möglicherweise würden Versuchspersonen in einem blau gestrichenen Raum mit einer Temperatur von 15° Celsius sich mehrheitlich lieber im „Wüstenbild“-Szenario aufhalten. Denn wie wir eine Farbe empfinden, ist auch situationsabhängig. Trotzdem: „Es gibt wenige Zuordnungen, für die sich ein Konsens finden lässt“, zitiert der ZEIT-Beitrag“Schön! Färberei!“ den Wahrnehmungspsychologen Heiko Hecht von der Universität Mainz. Einig ist man sich jedenfalls darin, dass blau als kühle und rot als warme Farbe empfunden wird, was auch bei Versuchen messbar war: So fröstelten Probanden in einem blau gestrichenen Raum bereits bei 15 Grad Raumtemperatur, während ein orangerot gestrichener Raum „auch dann noch nicht als kalt empfunden“ wurde, wenn das „Thermometer bereits auf Kühlschranktemperatur gefallen“ war.

Wie farbpsychologische Erkenntnisse (womöglich) das Lehrerleben ein wenig leichter machen können, lesen Sie im folgenden Beitrag.

Wandfarben im Klassenzimmer wirken lernfördernd

Der Klassenraum ist der dritte Pädagoge, postulierte der norditalienische Erziehungswissenschaftler Loris Malaguzzi. Doch wie sollten Schulen gestaltet sein, um möglichst lernförderlich zu wirken? Martin Müller-Bialon bringt es in der Frankfurter Rundschau so auf den Punkt: „Helle Räume, freundliche Farben, Naturmaterial, kleine Einheiten im großen Gefüge“ (Details dazu im unten verlinkten Beitrag „Low-Budget-Lösungen für ein perfektes Klassenzimmer“).

Nicht nur freundlich, sondern auch „lernauffordernd“ sind die Farben, die Physik- und Kunstlehrer Volker Gülich für Klassenräume bevorzugt. Mit den Teilnehmern eines Workshopangebots am Studienseminar Fritzlar gestaltete er ein Klassenzimmer an der Ortenbergschule im Hessischen Frankenberg/Eder. Für „Bereiche der besonderen Aufmerksamkeit“ empfiehlt er „Orange bis Orangerot“ und wählte diesen Farbton entsprechend für die Fläche hinter dem Lehrerpult. Aus farbpsychologischer Sicht erlange die Lehrkraft hierdurch „in kurzen frontalen Unterrichtsphasen“ Aufmerksamkeit. Abzuraten sei dabei allerdings von zu großen orangeroten Flächen, da sie bei den Schülern zunächst Überaktivität und anschließend Ermüdung auslösen würden (S. 3 des PDFs).

Rückzugsbereiche im Klassenzimmer, zum Beispiel Still-Arbeits- oder Leseecken, sollten durch „Elemente“ gekennzeichnet sein, die himmelblau und braun gestrichen sind. Hier könnten die Schüler „in Ruhe arbeiten“ (ebd.).

Als Wandfarbe im Klassenraum eignen sich „vorzüglich“ Vanille- und Ockertöne: „Sie vermitteln Heiterkeit, Wärme, Optimismus, Offenheit, Beweglichkeit und wirken kommunikativ“, so Gülich (ebd., S. 2 des PDFs). Das bestätigt ein Foto des gemütlichen Klassenzimmers, dessen sonnengelbe Vorhänge harmonisch mit den zarteren Wandfarben korrespondieren. Die Decke ist übrigens in helleren Farbtönen gehalten, wodurch der Raum nach oben lichter wirkt.

In manchen Schulen, zum Beispiel in denkmalgeschützten, sind im Innenraum nur bestimmte Farben zugelassen. Hier könnte man alternativ mit großflächigen farbig gestrichenen Wandelementen arbeiten. Dazu verwendet Gülich gehobelte Kanthölzer, die zu einem Rahmen zusammengeschraubt und mit Stoff bespannt werden. Sie können mobil im Klassenraum umgesetzt werden und verbessern gleichzeitig auch noch die Akustik.

Blau und Grün machen kreativ

Bestimmte Farben scheinen einen „positiven Einfluss auf die Generierung kreativer Ideen“ zu haben. Die Forschungsergebnisse dazu fasst Heike vom Orde im Beitrag „Was fördert Kreativität?“ zusammen: Lichtenfeld u. a. präsentierten Testpersonen jeweils verschiedene Farbtöne (grün, blau, rot, grau). Anschließend mussten die Probanden sich innovative Verwendungsmöglichkeiten für Blechdosen ausdenken. Zwei Personen bewerteten dann unabhängig voneinander das kreative Potenzial der Ideen. In vier Tests waren die mit grün stimulierten Gruppen die kreativsten.

Ravi Mehta und Rui Juliet Zhu fanden hingegen in ihrer Studie, dass Blau zu höheren kreativen Leistungen führt, während Rot unsere Leistungen bei detail-orientierten Aufgaben, zum Beispiel beim Korrigieren von Rechtschreibdiktaten, verbessert. Hier dazu ein kurzes Abstract in englischer Sprache.

Schüler bei der Farbgestaltung einbeziehen

In Waldorfschulen spielt die Wandfarbe seit jeher eine wichtige Rolle: Im Verlauf ihrer Schulzeit gehen die Schüler in den einzelnen Jahrgangsstufen durch das gesamte Farbenspektrum, wobei die verbindlich vorgegebene Farbgestaltung von Klassen- und Funktionsräumen natürlich dem pädagogischen Konzept und der Farbenlehre Rudolf Steiners entspricht.

Volker Gülich hingegen bezieht die Schüler in die Farbplanung ein: Anhand von Modellen des Klassenraums mit verschiedenfarbigen Wänden notieren die Jugendlichen ihre Gefühle und Assoziationen zu den jeweiligen Farben und beschreiben ihre Wirkung im Raum. Anschließend tauschen sie sich in Gruppenarbeit über ihre Eindrücke aus und halten Übereinstimmungen fest (Link s. o., S. 3 f. des PDFs). Außerdem ordnen sie die verschiedenen Farben bestimmten Unterrichtssituationen zu: Welche Farbe würde mir helfen, kreativ, aufmerksam etc. zu sein, zu entspannen usw. — Sind die Schüler an der Entscheidung für die Farbgebung des Klassenzimmers beteiligt, steigt auch ihre Akzeptanz — und vielleicht ja auch ihre Bereitschaft, beim Streichen bzw. Renovieren mitzuhelfen.

Farb-Signale setzen mit der Kleiderwahl

Wenn Sie als Lehrkraft exponiert vor der Klasse stehen, bewirken natürlich auch die Farben Ihrer Kleider etwas bei den Schülern. Der unbekannte Verfasser des Beitrags „Farbpsychologie: Welcher Pullover für welche Klasse?“ nähert sich diesem spannenden Thema mit einem Augenzwinkern: Zunächst erläutert er — mit Belegen aus wissenschaftlichen Studien und Versuchen — die Wirkung verschiedener Farben: Rot fördere die Konzentration und wirke anregend, zum Beispiel auf eine passive Klasse oder im Mittagsunterricht. Für einfallslose Klassen eigne sich kreativitätsförderndes Blau oder Grün, nicht aber für jedes Elterngespräch:
„Vermeiden Sie Blau und Grün, wenn Sie die Eltern nicht unnötig kreativ haben wollen (‚Ich habe eine Idee — Könnten Sie nicht einfach eine zusätzliche Arbeit schreiben?‘).“

Besonders interessant ist das sogenannte „Baker-Miller-Pink“, dem eine beruhigende Wirkung nachgesagt wird: Die beiden Gefängnisdirektoren Baker und Miller hatten bei dem rosafarbenen Farbton festgestellt, dass er eine positive Wirkung auf renitente Häftlinge hat. Der Wissenschaftler Alex Schauss fand zudem heraus, dass die Betrachtung einer Fläche in „Baker-Miller-Pink“ die Atem- und Herzfrequenz senkte. — Das wäre dann die ideale Farbe bei lauten, unbeherrschten und aggressiven Schülern: „Tragen Sie (...) am besten das klassische Baker-Miller-Pink, um die Schüler/innen etwas zu beruhigen. In hoffnungslosen Fällen streichen Sie das ganze Klassenzimmer in Baker-Miller-Pink“, rät der Autor des Artikels, und: „Falls die Schüler/innen dann zu apathisch werden, ziehen Sie zum Ausgleich eine rote Hose und ein rotes Oberteil an.“

Martina Niekrawietz

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