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Gefühle und Emotionen

Positive Emotionen als Teil von Wohlbefinden im Schulalltag

Kinder und Jugendliche benötigen für ein angenehmes Lernklima eine von Freude und Zuwendung geprägte Atmosphäre. Wie Sie die Basis dafür in Ihrem Unterricht schaffen, erfahren Sie hier.  

Gefühle und Emotionen: Positive Emotionen als Teil von Wohlbefinden im Schulalltag Emotionen beeinflussen die Einstellung zum Lernen © vegefox.com - stock.adobe.com

Positive Bildung in der Schule verfolgt das Ziel, dass jeder Schüler und jede Schülerin aufblühen (flourish) kann und sich in der Schule wohlfühlt (Norrish 2015). Aufblühen in der Schule lässt sich auf vielfache Weise auf unterschiedlichen Ebenen (Lichtinger 2018) realisieren und ist prinzipiell für alle Menschen im System Schule relevant, da sie in gegenseitigen Wechselwirkungen stehen Schülerinnen und Schüler können aufblühen, wenn sie wohltuende Freundschaften und ein positives Miteinander haben, anderen helfen können. Eine Klasse blüht auf, wenn sich alle als Teil der Gemeinschaft fühlen, wenn sie von zufriedenen, humorvollen Lehrkräften unterrichtet werden. Auf Schulebene vollzieht sich Aufblühen, wenn alle sich einer Kultur verpflichtet fühlen, die Wohlbefinden und Verantwortung füreinander fördert (Schaefer et al. 2013). Sich Wohlfühlen wird im Kontext dieses wissenschaftlichen Ansatzes als wichtiger Faktor für Aufblühen verstanden. Er fasst mit vier weiteren das Konstrukt PERMA, welches für Wohlbefinden steht. Konkret steht ERMA als Akronym für  

  • Positive Emotionen (P) 
  • Engagement (E ) 
  • Beziehungen (R für Relations) 
  • Sinn (M für Meaning) Selbstwirksamkeit  
  • Zielerreichung (A für Accomplishment) 

Nachdem im letzten Beitrag der Fokus auf den Beziehungen lag, stehen heute Positive Emotionen im Blickpunkt.  

P wie Positive Emotionen 

Fredrickson unterscheidet zehn Positive Emotionen, zu denen Freude, Dankbarkeit, Interesse, Hoffnung und Liebe bzw. Zuneigung gehören (Fredrickson 2013). Sie bringen uns Menschen in einen Zustand von Wohlfühlen, der von Entspannung und Gelöstsein oder von Tatkraft und Enthusiasmus geprägt sein kann. Für dieses Wohlfühlen ist entscheidend, dass wir das Gute und Gelingende um uns herum wahrnehmen. Aufgrund langer Prägung sind wir Menschen tendenziell in einem Negativity Bias (Rozin und Royzman 2001). D. h. unser Wahrnehmungsfokus ist eher auf das gerichtet, was negativ ist. Dies war früher wichtig, da viele Gefahren lauerten und uns das schnelle Erkennen unser Überleben sicherte. Auch heute benötigen wir diesen Automatismus noch, um beispielsweise nicht kopflos auf die Straße zu laufen, sondern im Verkehr vorsichtig und achtsam zu agieren. Gleichzeitig hilft es uns, wenn uns bewusst wird, dass unser Alltag durch viel mehr kleine positive Erlebnisse geprägt ist als durch negative. Dies erscheint uns in der Regel nur anders, da wir auf das Negative geeicht sind. Gutes wahrzunehmen und dankbar dafür zu sein, ist eine Möglichkeit, aus dem Negativity Bias in den Positivity Bias zu kommen. Dies erzeugt Positive Emotionen in uns, die uns offenes Denken, Aktivität und Präsenz ermöglichen. Wir werden ganz weit im Denken (broaden) und können Probleme lösen, kreative Ideen entwickeln. Dieser Zustand ist wesentlich dafür, dass Lernprozesse stattfinden können. Empfinden wir Angst, sind wir gedanklich eng und lediglich darauf ausgerichtet, der unangenehmen Situation zu entkommen.  

Auf den Unterricht bezogen brauchen Kinder und Jugendliche eine von Freude und Zuwendung geprägte Atmosphäre, das Gefühl, sie selbst sein zu dürfen, um überhaupt lernen zu können. Dies klingt lapidar, ist jedoch mit das Schwierigste im Arbeiten mit der Klasse, da jede Schülerin, jeder Schüler diesbezüglich sehr unterschiedliche Bedürfnisse hat. Befinden wir uns allerdings im Zustand dieses Weiter und Offen Werdens im Denkens (Broaden), sind wir neugieriger und offener für Neues, wollen lernen und uns weiterentwickeln. Dadurch, dass wir Herausforderungen meistern, machen wir die Erfahrung, dass wir etwas schaffen. Das freut uns und versetzt uns wiederum in positive Emotionen. Diese wirken sich nicht nur emotional aus, sondern unterstützen vielmehr unsere psychische und physische Gesundheit (build). Beispielsweise wird unser Immunsystem gestärkt, das Herz schlägt ruhiger.  

All dies trägt zu einer Erhöhung unserer Resilienz bei und bringt uns persönliches Wachstum. Machen Menschen überwiegend Erfahrungen mit positiven Emotionen so gelangen sie in den Zustand des sogenannten Breiter-und Bau (Broaden-and-Build), sie „erweitern“ ihren Denk- und Handlungsspielraum und „bauen“ dadurch Ressourcen auf (Fredrickson 2001).  

Übungen für die Praxis 

Die Australierin Lela McGregor hat für Schulen ein Programm entwickelt, mit dem „Positive Emotionen” verstärkt und in der Klasse oder Lerngruppe geteilt werden können. Positive Detective zielt darauf ab, den Positivity Bias zu fördern und das Gute bewusst wahrzunehmen. Dazu hat sie fünf Unterrichtseinheiten zusammengestellt, die – jeweils angepasst auf die Altersstufe – vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe II genutzt werden können (). www.positivedetective.de). Zwei dieser Unterrichtseinheiten stellen wir hier vor.  
 

Dankbarkeitsglas  

Stellen Sie in Ihrer Klasse ein Dankbarkeitsglas auf. Laden Sie ihre Schüler/innen ein, ein Zettelchen zu schreiben, wenn sie jemandem für etwas dankbar sind, Auf dem Zettel soll der Name des Senders und des Empfängers stehen. Der Zettel soll ins Glas gesteckt werden. Nehmen Sie sich mit Ihrer Klasse regelmäßig Zeit, das Glas zu leeren und die Dankbarkeitsbriefchen laut vorzulesen bzw. vorlesen zu lassen. Es darf auch geklatscht werden. Dem Empfänger wird schließlich die Nachricht ausgehändigt und das Schulkind darf erzählen, wie es sich anfühlt. 

 

Positives Porträt 

Bereiten Sie eine Schale mit Zettelchen vor, auf denen die Namen aller Schüler/innen stehen. Lassen Sie dann jeden einen Namen ziehen und bitten Sie Ihre Schüler/-innen ein „ Positives Porträt” zu zeichnen. Jeder soll denjenigen zeichnen, dessen Namen er gezogen hat und dazu schreiben, was an ihm oder ihr besonders ist. Die Porträts werden dann im Plenum vorgestellt und können um weitere positive Eigenschaften ergänzt werden. Statt zu zeichnen, können alle Schüler/-innen auch ein Foto von sich mitbringen. Der Gezeichnete darf schließlich Feedback dazu geben, was ihn am meisten freut oder besonders überrascht.  

 

Wie bereits im ersten Beitrag zu den Beziehungen angemerkt, wirken Aktivitäten in der „Positiven Bildung” dadurch, dass sie über einen Zeitraum von mehreren Wochen habitualisiert werden. Hier haben sich fünf Wochen bewährt. Zudem sind Reflexionen zu den Emotionen hilfreich, da der Bewusstseinsprozess Wirkungen erhöhen kann.  

 

Literaturverzeichnis 

Fredrickson, Barbara (2013): Love 2.0. How our supreme emotion affects everything we feel, think, do, and become. New York, NY: Hudson Street Press. 

Fredrickson, Barbara L. (2001): The role of positive emotions in positive psychology: The broaden-and-build theory of positive emotions. In: American Psychologist 56 (3), S. 218–226. DOI: 10.1037//0003-066x.56.3.218. 

Lichtinger, Ulrike (2018): Positive Schulentwicklung: Flourishing SE. Theoretische Grundlagen. 1. Aufl. Regensburg: VffL. 

Norrish, Jacolyn (2015): Positive education. The Geelong Grammar School journey (Oxford positive psychology series). 

Rozin, Paul; Royzman, Edward (2001): Negativity bias, negativity dominance and contagion. In: Personality and Social Psychology Review (5), S. 296–320. 

Schaefer, Stacey M.; Morozink Boylan, Jennifer; van Reekum, Carien M.; Lapate, Regina C.; Norris, Catherine J.; Ryff, Carol D.; Davidson, Richard J. (2013): Purpose in life predicts better emotional recovery from negative stimuli. In: PloS one 8 (11), e80329. DOI: 10.1371/journal.pone.0080329. 

Ulrike Lichtinger

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