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Streitschlichtung

Die sechs Phasen der Mediation: eine Anleitung

Konflikte sind wichtig für die Entwicklung von Kindern, besonders dann, wenn sie ihren Lehrer als „allparteilichen“ Vermittler und Mediator erleben. Sie lernen dadurch, gewaltfrei zu kommunizieren und eine einvernehmliche Lösung zu finden.

Streitschlichtung: Die sechs Phasen der Mediation: eine Anleitung Streiten sich Schüler, sollte der Lehrer nicht Partei ergreifen, sondern als Vermittler auftreten © highwaystarz - Fotolia.com

Grundschullehrerin Vera Großeholz schildert in ihrer Anleitung zur „Konflikterziehung an Grundschulen“ eine Erfahrung als Junglehrerin: Bei ihrer ersten Pausenaufsicht hatte sie in einen Streit zweier Schüler eingegriffen und war grandios gescheitert: „Es zählte nicht nur einfach die Wahrheit, nein, es kam beiden darauf an, ihre eigene Unschuld und die Schuld des anderen zu beweisen, dieses Anliegen wurde von den Zeugen tatkräftig unterstützt — ich war froh, als es klingelte“, schreibt sie. (S. 46)

Was war falsch gelaufen? Sie hatte „aus der Rolle einer Richterin und schließlich sogar einer Detektivin heraus agiert“ und wollte eine gerechte Lösung herbeiführen. Doch anstatt zu einer konstruktiven Win-win-Situation für die beiden Konfliktparteien zu gelangen, rückten die Voraussetzungen dafür während des Gesprächs in immer weitere Ferne. Die streitenden Schüler hatten das Vertrauen in die eigene Lösungskompetenz und in die Lösungsbereitschaft des Kontrahenten aufgegeben. Es war eine Struktur entstanden, bei der es ein hierarchisches Verhältnis von Richter, Opfer und Täter gab. Statt Kooperationsfähigkeit „lernen die Kinder schnell, dass es darauf ankommt, die eigene Unschuld zu beweisen“, wer etwas zugibt, verschlechtert die eigene Position. (S. 48)

Die richtige Haltung finden: die Lehrkraft als Vermittler

Ein Lehrer, der auf eine einvernehmliche Lösung für alle Beteiligten abzielt, nimmt eine ganz andere Rolle ein: die eines unparteiischen Vermittlers, der sich in die Streitpartner hineinversetzen kann und ihnen hilft, „das eigene und das fremde Verhalten zunächst einmal wertfrei zu betrachten“ (ebd.). Auch sollte der Vermittler „lösungsabstinent“ sein, also „kein eigenes Interesse am Ausgang des Verhandlungsprozesses haben“: „Die Lehrkraft unterstützt in der Klärung des Konfliktes beide Streitparteien — so als würde sie bei einem Match beiden Kontrahenten die Daumen drücken“, erläutert Großeholz und räumt ein, dass es eine „für unsere Kultur ungewohnte Haltung“ sei, zwei Wahrheiten nebeneinander stehen zu lassen. (ebd.) Mit einer kleinen Übung zur „Allparteilichkeit“ (S. 50 ff.) ermutigt sie Pädagogen dazu, den empathischen Perspektivwechsel zu üben und die eigene Rolle zu reflektieren.

Die sechs Phasen des Mediationsverfahrens

Vera Großeholz, selbst qualifizierte „Mediatorin B. M.“ (Bundesverband Mediation) beschreibt in ihrer Broschüre (Link s. o.) das von ihr selbst entwickelte Konzept „Schlichten statt Streiten“, dessen Kern ein sechsphasiger Mediationsprozess ist: 

  1. Einleitung: Die Lehrkraft verdeutlicht den Streitenden ihre eigene Rolle als neutrale Vermittlerin, der es nicht um eine rückwärtsgewandte Schuldzuweisung geht, sondern um Zukunfts- und Lösungsorientierung. Zudem überträgt sie den Kindern die Verantwortung für ihren Konflikt („Ihr selber sollt eine Lösung finden, […] mit der beide zufrieden sind.“ S. 58 f.)
  2. Klärung der Sichtweisen der beiden Streitparteien: Beide Konfliktparteien erzählen den Vorfall aus ihrer Sicht. Regeln dabei sind, den jeweils anderen ausreden zu lassen und nicht verletzend zu werden. Der Mediator hört zu, fragt ggf. freundlich nach, um alles genau zu verstehen, und gibt den Sachverhalt mit eigenen Worten wieder (Hinweise zum aktiven Zuhören auf S. 68!). Anschließend fasst er die Streitpunkte in einer Liste zusammen.
  3. Klärung der eigentlichen Gefühle, Bedürfnisse und Wünsche: In dieser Phase geht es darum, den Streitenden eine positive Beziehungserfahrung zu ermöglichen. Wichtig ist dabei das Modell des Lehrers, der ihnen mit einfühlsamer (gewaltfreier) Kommunikation begegnet und damit vorlebt, wie man die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrnimmt und sich empathisch in die Gefühle und Bedürfnisse des anderen versetzt. — Beim Erlernen des aufrichtigen und einfühlsamen Miteinander-Sprechens unterstützt Großeholz die Lehrkräfte mit Erläuterungen, Beispielen und diversen Übungen (S. 72 ff.).
  4. Sammlung von Lösungsmöglichkeiten: In dieser Phase überlegen die Streitparteien erstens, „was sie sich selbst vom anderen wünschen“ und zweitens, „was sie für den anderen tun können“. (S. 103) Großeholz empfiehlt hier, mit verschiedenfarbigen Karten zu arbeiten, auf die die Kinder zum einen ihre eigenen Wünsche schreiben, zum anderen das, was sie für den anderen tun wollen. In dieser Phase sollte der Vermittler „sich ruhig verhalten“, aber mit der „Aufmerksamkeit ganz bei den Kindern sein“, rät Großeholz, und die „dichte und intensive Atmosphäre (…) durch keinerlei ‚Nebentätigkeit‘“ stören. Die Kärtchen werden dann, den Namen der Streitenden zugeordnet, aufgehängt oder gelegt. – Erstaunlicherweise entsprechen die Wünsche und Absichtserklärungen einander dann oft schon weitgehend, so die Erfahrung von Vera Großeholz.
  5. Vereinbarung: Beim „Vertragsabschluss“ werden die Vorschläge einer Realitätsprüfung unterzogen und dann die gemeinsamen Ziele und Strategien abgestimmt (S. 108). Anschließend hält die Lehrkraft die „Konsenslösung“ schriftlich fest. Diesen Vertrag inklusive vereinbartem Kontrolltermin unterschreiben sowohl die Streitparteien als auch der Mediator.
  6. Eine Überprüfung zum im Vertrag vereinbarten Termin gewährleistet, dass die Lösung auch wirklich umgesetzt und eingehalten wird.

Nachhaltige Mediation als grundlegende Erziehungsaufgabe

Der Mediationsprozess nach Vera Großeholz ist wesentlich mehr als eine Technik, mit der bei Konflikten eine konstruktive Lösung herbeigeführt wird. Die damit verbundene Haltung der „Allparteilichkeit“ erfordert, das „Nebeneinander von zwei Wahrheiten stehen lassen zu können“, und „ist eine für unsere Kultur ungewohnte Haltung“, die „einen Paradigmenwechsel im Wertesystem“ darstellt, betont Großeholz (S. 49). Und der konsensorientierte gewaltfreie Umgang der Schüler untereinander, der aus gegenseitigem Zuhören und achtsamem Umgang mit den eigenen Bedürfnissen und denen des Gegenübers resultiert, ist ein zentraler Bestandteil der sozialen Entwicklung im Kindesalter. In diesem Sinne wird Mediation und der Erwerb aller damit verbundenen Kompetenzen zu einer Aufgabe, die im Idealfall alle an Erziehung Beteiligten mit einbezieht: Lehrer, Schüler, Eltern und die bildungspolitisch Verantwortlichen im näheren Umfeld der Schule.

Konkrete Umsetzung des Mediationskonzeptes an Schulen

Mit welchen Mitteln (Fortbildung der Lehrer, Schüler-Mediationsprogramme, Sozialkompetenztraining, Elternarbeit, Mediationsraum, Integration ins Schulprogramm …) sich ein als nachhaltiges Konzept in der Schule implementieren lässt, umreißt der Bundesverband Mediation in einer Handreichung für Schulen.

Die Verantwortlichen des Pilotprojektes „Konfliktfähige Kinder in Kindergarten und Grundschule“ realisierten an drei Kindergärten und -Tagesstätten und zwei Grundschulen ein „präventives Bausteinkonzept“. Der ausführliche Projektbericht dokumentiert alle Phasen von der Projektbeschreibung bis zur Evaluation und liefert dabei praktische Anregungen für die konkrete Umsetzung vergleichbarer Projekte.

Martina Niekrawietz

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