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Lärm im Klassenzimmer

Zu laut zum Lernen

Wissenschaftler stellen der Akustik deutscher Klassenzimmer ein schlechtes Zeugnis aus. Dabei beeinträchtigen hohe Lärmpegel und lange Nachhallzeiten nicht nur das Sprachverstehen, sondern auch wichtige kognitive Prozesse.

Lärm im Klassenzimmer: Zu laut zum Lernen Aufmerksamkeitsleistung und Konzentrationsfähigkeit sinken bereits bei geringeren bis mittleren Lautstärken © Tyler Olson - Fotolia.com

Papierrascheln, Stühlerücken, Husten, Kichern, Schwätzen, Füßescharren – das alles gehört zur unvermeidlichen Geräuschkulisse in Klassenzimmern. Um trotzdem dem Unterricht folgen zu können, müssen Schüler relevante von irrelevanten Geräuschen unterscheiden, Störendes ausblenden und fehlende Informationen ergänzen. Doch gelingt ihnen das?

Bei einer Studie des Hörzentrums Oldenburg sollten knapp 300 Kinder in einem Versuchsraum mit akustischen Optimalbedingungen mehrere Tests lösen: einmal ohne Hintergrundgeräusche und einmal mit typischem Klassenlärm, der vom Band eingespielt wurde. Die Ergebnisse präsentierte das 3sat-Wissenschaftsmagazin „nano“ am 07.05.2013. Mit Störgeräuschen verstanden die Schüler erheblich weniger und ihre Leistungen sanken auf 80 Prozent ab. Eine wichtige Rolle spielte auch, ob die Kinder in der ersten Reihe saßen oder weiter hinten: Ganz vorn verstanden die Kinder ähnlich klingende Wörter („Reh“ – „See“ – „Fee“) zu 100 Prozent. Kamen Störgeräusche hinzu, waren es nur noch 83 Prozent. In den hinteren Reihen konnten die Kinder ohne Lärm nur 83 Prozent auffassen, mit Störgeräuschen waren es sogar lediglich 73 Prozent.

„Wenn Hintergrundgeräusche und Nachhall zusammenwirken, dann haben es die Kleinen ganz schwer“, kommentiert die Entwicklungspsychologin Maria Klatte von der Technischen Universität Kaiserslautern (ebd.): Tatsächlich verstanden unter diesen Bedingungen selbst die Schüler in der ersten Reihe nur noch 70 Prozent, in den hinteren Reihen waren es noch gerade einmal 60 Prozent. Doch entspricht diese Studie „unter Laborbedingungen“ den tatsächlichen Gegebenheiten in Schulen?

Lange Nachhallzeiten in vielen deutschen Klassenzimmern

Bei der akustischen Prüfung von 168 Klassenzimmern in 32 Berliner Schulen im Jahr 2008 zogen die TU Ilmenau und das Berliner Akustikbüro Rahe & Kraft ein trauriges Fazit: „Selbst bei der ‚günstigsten? Betrachtung der untersuchten Räume (besetzter Zustand) liegen gerade einmal 21% der Klassenzimmer innerhalb der zulässigen Toleranzgrenzen der DIN 18041“, der Norm zur Regelung der „Hörsamkeit in kleinen und mittelgroßen Räumen.“ (vgl. dazu: „Berliner Klassenraumstudie 2008“, S. 3) Je nach Größe empfiehlt die DIN 18041 für Unterrichtsräume Nachhallzeiten von 0,6 bis 0,8 Sekunden. „In einer großen Anzahl“ der akustisch geprüften Klassenzimmer wurden jedoch Nachhallzeiten über 1,5 s gemessen, in Extremfällen sogar 2,0 bis 3,8 s (ebd.).

Wenn man „sein eigenes Wort nicht mehr versteht“ ...

Lange Nachhallzeiten erschweren das Sprachverstehen beträchtlich, da „nachfolgende Silben durch den zu langen Abklingvorgang der vorhergehenden verdeckt werden“ (Tielser, Oberdörster, Lärm in Bildungsstätten, Berlin, 2010, a. a. O. S. 14). Zudem bewirkt die langsame Absorption des Schalls einen insgesamt höheren Schallpegel. Besonders bei offenen Lernformen ist das problematisch: Arbeiten zum Beispiel zwei Gruppen in einem Raum, empfinden beide das Gespräch der jeweils anderen Gruppe als Störsignal. Abwechselnd kompensieren sie dies durch zunehmend lauteres Sprechen. Der Lärmpegel schaukelt sich dadurch hoch. Akustiker bezeichnen diese Kettenreaktion als Lombard-Effekt.

Literatur zum Thema:

Gerhart Tiesler, Markus Oberdörster: Lärm in Bildungsstätten, 2. unveränderte Auflage, Berlin, 2010. Die Broschüre betrachtet die Lärmproblematik aus Sicht von Schülern und Lehrern, bietet einen fundierten Überblick über die Forschung zum Thema und zeigt organisatorische, pädagogische und bauliche Lösungen auf.

Maria Klatte und Thomas Lachmann: Viel Lärm ums Lernen: Akustische Bedingungen in Klassenräumen und ihre Bedeutung für den Unterricht. In: Arnold, R., Schüßler, I., & Müller, H.J. (Hg.) : Grenzgänge(r) der Pädagogik. Festschrift für Joachim Münch. Battmannsweiler 2009, S. 141—156

Welche Schüler leiden besonders unter schlechten akustischen Bedingungen?

Denn die Sprachverarbeitung von Kindern und Jugendlichen ist wesentlich störanfälliger als die von Erwachsenen. Ohne Störgeräusche und Nachhall verstehen alle die Sprachsignale nahezu gleich gut. Unter schlechten akustischen Bedingungen zeigen sich jedoch wesentliche Leistungsunterschiede: „Je jünger die Kinder sind, desto stärker werden sie durch Hintergrundgeräusche und/oder Nachhall beeinträchtigt. Erst im Alter von etwa 14 Jahren gleicht sich die Verstehensleistung der von Erwachsenen an“, so resümieren Maria Klatte und Thomas Lachmann die Ergebnisse mehrerer Studien dazu. („Viel Lärm ums Lernen“, Battmannsweiler, 2009, a. a. O. S. 3) Besonders stark beeinträchtigen ungünstige Hörbedingungen „Kinder mit Lernbehinderungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Lese-/Rechtschreibschwierigkeiten oder Sprachentwicklungsstörungen“ (ebd.): Deren Sprachverstehensleistung bei Störgeräuschen lag bis zu 25 Prozent unter der von unauffälligen Kindern. Mit Blick auf Schüler mit Förderbedarf legt die DIN 18041 deshalb für Unterrichtsräume Nachhallzeiten von 0,5 s fest. Solche akustischen Idealbedingungen empfiehlt die Norm auch überall dort, wo Deutsch als Zweitsprache, hörgeschädigte Schüler oder Fremdsprachen unterrichtet werden. (Tielser, Oberdörster, Berlin, 2010, a. a. O. S. 15)

Störgeräusche beeinträchtigen Gedächtnis und Aufmerksamkeit

Wie plötzliche laute oder ungewohnte Geräusche auf Kinder und Jugendliche wirken, weiß jeder Lehrer aus Erfahrung: Sie „ziehen automatisch die Aufmerksamkeit auf sich, lenken von der aktuellen Tätigkeit ab und unterbrechen Denkvorgänge.“ (Klatte, Lachmann, 2009, a. a. O. S. 7) Erst mit zunehmendem Alter lernen Schüler, nicht zu reagieren und „bei der Sache“ zu bleiben. Auch viele kognitive Prozesse sind umso störanfälliger, je jünger die Schüler sind: Zum Beispiel wenn es darum geht, Gesprochenes im Arbeitsgedächtnis zu speichern und mit vorhandenem Wissen in Beziehung zu setzen. Schon „Hintergrundgeräusche geringer bis mittlerer Pegel“ beeinträchtigen die Fähigkeit, sprachliche Informationen „zu verstehen, zu behalten und zu verarbeiten.“ (Klatte, Lachmann, 2009, a. a. O. S. 5) Besonders stark betrifft das jüngere Schüler sowie Schüler mit Lernschwierigkeiten und nicht-deutscher Muttersprache.

Auch unregelmäßige Hintergrundgeräusche wirken kontraproduktiv auf das sprachliche Kurzzeitgedächtnis, das eine zentrale Rolle beim Lesen- und Schreiben-lernen spielt. Dabei genügen schon geringere bis mittlere Lautstärken. (ebd.) Maria Klatte und Thomas Lachmann raten deshalb dazu, besonders bei Aufgaben, die das Kurzzeitgedächtnis beanspruchen, auf eine ruhige Lernumgebung zu achten: bei Lese- und Rechtschreibübungen im Anfangsunterricht, beim Kopfrechnen und beim Lernen von Vokabeln. (ebd., S. 6)

„Laute Schule macht keinen Spaß!“

Lange Nachhallzeiten belasten auch das Lernklima und die Schuleinstellung. (Details dazu: Klatte, Lachmann, 2009, a. a. O. S. 8) Eine typische Konfliktsituation beschreibt eine Schülerin: „Unsere Lehrer schimpfen immer, dass wir leiser sein sollen. Dabei sind wir gar nicht laut.“

Martina Niekrawietz

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