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Kooperativer Dreischritt

Die Bedeutung der Denk- und Austauschphase

Der kooperative Dreischritt setzt auf individuelles Denken ebenso wie auf gemeinsamen Austausch. Dahinter stehen konkrete wissenschaftliche Erkenntnisse über Wissens- und Kompetenzerwerb bis hin zur Identitätsbildung. Theoretischer Ausgangspunkt ist dabei der Konstruktivismus.

Kooperativer Dreischritt: Die Bedeutung der Denk- und Austauschphase Jeder Schüler benötigt eine Chance sich aktiv in den Unterricht einbringen zu können, dabei helfen vorgeschaltete Einzelarbeitsphasen © helix - Fotolia.com

Das Konzept des Kooperativen Lernens basiert auf einem Dreischritt aus Denken (Einzelarbeit), Austauschen (Gruppenarbeit) und Vorstellen (Präsentation). Ausgangspunkt für diesen kooperativen Dreischritt ist gewissermaßen der Konstruktivismus. Denn dieser geht davon aus, dass sich jeder Mensch durch Sinneswahrnehmung und neuronale Verarbeitung ein individuelles Bild von der Außenwelt macht (vgl. Konrad/Traub 2010, S. 14 ff.). Lernen gilt insofern als ein hochindividueller Prozess, der sich im Kopf eines jeden Schülers auf je unterschiedliche Weise vollzieht. Aus dieser Annahme ergibt sich auch das „Learning by doing“-Prinzip von John Dewey, in dessen Tradition das Kooperative Lernen steht. Immer wieder wird dabei die Bedeutung der individuellen Denkphase betont — sei es zur Aktivierung von Vorwissen, zur eigenständigen Problemdimensionierung, zur Erarbeitung eigener Lösungsansätze, zur Förderung individueller Kreativität oder zur Diagnose eigener Wissenslücken. Genau darin liegt ein zentraler Unterschied zu herkömmlichen Gruppenarbeitsformen: Während die Mitglieder in traditionellen Lerngruppen unmittelbar und ohne individuelle Vorbereitung an einem Thema arbeiten, wird im Kooperativen Lernen stets eine solche Einzelarbeitsphase der Austauschphase vorgeschaltet. Neurodidaktisch betrachtet ist dies durchaus sinnvoll: Neues Wissen lässt sich demnach leichter und nachhaltiger aneignen, wenn es mit bereits vorhandenem Wissen in Verbindung gebracht wird. Es bedarf dafür also zunächst einer Aktivierung des Vorwissens.

Individuelles Denken

Zugleich dient die Denkphase aber auch der Egalisierung vorhandener Lerntempounterschiede. Während eine Gruppenarbeit häufig von schnelleren und engagierteren Schülern geprägt wird, kann sich im Kooperativen Lernen auch der langsamere Schüler besser einbringen. Er ist nicht auf einen plötzlichen Geistesblitz angewiesen, wenn er die Gruppenarbeit maßgeblich mitgestalten möchte, sondern hatte bereits in der Einzelarbeitsphase Gelegenheit, seine Einfälle, Argumente und Vorschläge in Ruhe vorzubereiten und gedanklich zu sortieren.
Schulisches Lernen bedeutet den Erwerb neuer Wissensbestände, die mit vorhandenen Wissensnetzen verknüpft werden müssen. Um überprüfen zu können, ob die zu lernenden Inhalte in diesem Sinne anschlussfähig sind, benötigt man Zeit. Genauer gesagt: individuelle Zeit. Denn was die Schüler schon über ein Thema wissen, welches Wissen ihnen noch fehlt und wie sie einen Zugang zu diesem neuen Wissen finden, ist selbst in Gruppen gleichen Alters und vergleichbaren Intellekts höchst unterschiedlich.

Literaturangaben:

Brüning, Ludger / Saum, Tobias: Erfolgreich unterrichten durch Kooperatives Lernen. Strategien zur Schüleraktivierung, 3. überarb. Aufl., Essen 2007.  (Der „Klassiker“ in der deutschsprachigen Literatur zum Kooperativen Lernen.)

Konrad, Klaus / Traub, Silke: Kooperatives Lernen. Theorie und Praxis in Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung, 4. Aufl., Baltmannsweiler 2010.
(Detailliertes Buch in wissenschaftlichem Schreibstil, das zahlreiche Hintergrundtheorien des Kooperativen Lernens erörtert.)

Individuelle Kompetenzen

Allerdings geht es im schulischen Lernen nicht nur um die Aneignung von Wissen, sondern auch und zunehmend um den Auf— und Ausbau von Kompetenzen. So verschieden allein schon das Wissen der Schüler innerhalb einer Klasse ist — bei den Kompetenzen unterscheiden sie sich in noch viel gravierenderem Maße. Während Schüler A beispielswiese über gute Texterschließungskompetenzen verfügt, hat Schüler B ein besonderes Geschick in der Formulierung relevanter Fragen. Schüler C hingegen mag einen guten Blick für anschauliche und leicht zugängliche Visualisierungen haben, während Schüler D genau weiß, wie er verschiedene Sichtweisen seiner Mitschüler diplomatisch zusammenzuführen kann.
All diesen Kompetenzen liegen individuelle neuronale Muster zugrunde, die auch in anderen Bereichen wirken: Schüler A weist bei neuen Unterrichtsthemen möglicherweise generell einen strukturierenden, analytischen Zugang auf, hat auf der anderen Seite aber regelmäßig große Schwierigkeiten mit Aufgaben, die seine Kreativität fordern. Und Schüler C fallen im Deutschunterricht immer wieder sehr treffende Metaphern und Bilder ein, im Mathematikunterricht findet er jedoch nur selten einen Weg, um sich neue Formeln und Funktionen anzueignen.

Identitätsbildung durch Austausch

Durch die fest etablierte Einzelarbeitsphase im kooperativ gestalteten Unterricht werden die Schüler dort abgeholt, wo sie sich jeweils befinden. Sie denken über die Aufgabe nach und können sich dabei zunächst uneingeschränkt ihrer jeweiligen Denkmuster und Lernmethoden bedienen. Erst danach erfolgt die Öffnung der eigenen kognitiven Vorarbeit gegenüber den Gruppenmitgliedern: In der Austauschphase gleichen die Schüler ihre individuellen Erarbeitungen miteinander ab.
Dabei werden nicht nur Gemeinsamkeiten ersichtlich, denn die Schüler sind nun mit ihren unterschiedlichen Einfällen, Herangehensweisen, Lösungen und Sichtweisen konfrontiert. Erst dies, so eine These von George Herbert Mead, eröffnet dem Einzelnen letztlich den Weg zur Identitätsbildung. Sinngemäß: Wenn mein „Ich“ auf ein entgegengesetztes „Anderes“ trifft, weiß es sich selbst besser von Anderen abzugrenzen. Für die Persönlichkeitsentwicklung, aber auch für die Meinungsbildung der Schüler bedeutet dies: Nur wenn ich mir meine eigenen Denkwege und Lösungsansätze bewusst mache, kann ich sie mit denen Anderer vergleichen. Ich selbst erlebe mich dann aufgrund der Unterschiede als Individuum, aufgrund der Gemeinsamkeiten aber auch als Teil einer Gemeinschaft.
Beides, das Erleben der Individualität ebenso wie der Gemeinschaft, ist für das Lernen enorm wichtig. Konstruktivistisch gesehen entsprechen sie der sogenannten Konstruktions- und der Ko-Konstruktionsphase (vgl. Brüning/Saum 2007, S. 21). Und genau deshalb treten die individuelle Denk- und die gemeinsame Austauschphase im „Kooperativen Lernen“ stets in Kombination auf.

Dennis Sawatzki

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