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Unterrichtsideen

Flucht und Asyl kindgerecht erklärt

Wie beantwortet man Kindern Fragen über Flüchtlinge? In den Schulbüchern findet sich dazu nichts. Doch im Internet gibt es kindgerechte Themen-Spezials, Geschichten von Flüchtlingskindern und eine Stationenarbeit, die mit einem geheimnisvollen Koffer beginnt.

Unterrichtsideen: Flucht und Asyl kindgerecht erklärt Wie fühlen sich Flüchtlingskinder? Was haben sie erlebt? — Fragen, die man gut im Unterricht besprechen kann © Lydia Geissler - Fotolia.com

Eigentlich ist das Thema Flucht und Asyl eher im Politikunterricht der Sekundarstufe angesiedelt. Doch jetzt, da Tausende von Flüchtlingen nach Europa kommen und zu Nachbarn und Mitschülern werden, haben Schüler der Primarstufe immer mehr Berührungspunkte und natürlich auch viele Fragen dazu.

Aber wie vermittelt man Kindern das komplexe Thema Krieg und Flüchtlinge? Roland Krüger, Nachrichten-Redakteur der Kindersendung „Kakadu“ gibt in Deutschlandradio Kultur einige Tipps dazu: „Wir müssen versuchen, die Sprache der Kinder zu finden“, betont er. Klare, einfache Sätze ohne Fremdwörter, „keine ellenlangen Vorträge, und vor allem nicht so, dass es ihnen Angst macht.“

Viele TV-Kindersendungen und Kinder-Webseiten treffen den richtigen Ton und bereiten das komplexe Thema so auf, dass es für Kinder anschaulich und verständlich wird. — Eine ergiebige Quelle auch für Lehrer: Sie finden dort nicht nur Anregungen für das richtige „Wording“, sondern auch Texte, Bilder und Filmbeiträge für ihren Unterricht.

Themen-Spezials beantworten Fragen der größeren Kinder

Die Website HanisauLand der Bundeszentrale für politische Bildung erklärt Kindern Politik. Ein umfangreiches Themen-Spezial beantwortet mit prägnanten Texten, vielen Fotos, Illustrationen und Filmen die häufigsten Fragen der Kinder im Forum: Sie möchten wissen, woher und warum die Flüchtlinge zu uns kommen, warum es so viele sind, wie sie leben und wie man ihnen helfen kann.

In den FAQs klingen auch Ängste und Vorurteile an: Manche befürchten etwa ein Platzproblem und zwei 10-jährige Mädchen interessiert, wie viel Geld Flüchtlinge bekommen, was sie damit machen und wofür „die die neuesten Handys“ brauchen. Die Redakteure antworten politisch korrekt und räumen mit gängigen Vorurteilen auf („Ob die Flüchtlinge ‚die neuesten Handys‘ haben, wissen wir hier in HanisauLand nicht. Das wird manchmal einfach behauptet, um einen Grund zu haben, auf die Flüchtlinge zu schimpfen“).

Auch „KiKa“, der Kinderkanal von ARD und ZDF, widmet dem Thema „Flucht nach Europa“ ein Online-Dossier für Kinder. Besonders ergiebig für den Unterricht ist hier die umfangreiche Mediathek mit überwiegend kurzen Filmbeiträgen (1 bis 3 Minuten), die Begriffe und Kinderfragen erläutern.

Im KiKa-Spezial kommen häufig auch Flüchtlingskinder selbst zu Wort. In einem Beitrag erzählen Kinder beispielsweise, welche Vorstellungen sie von Deutschland hatten und was sie positiv überrascht hat: „Wenn wir hier falsch lesen oder rechnen, schreien uns die Lehrer nicht an. Die Lehrerin sagt ‚Noch lernst du‘“, erzählt zum Beispiel Aliaa. Bevor sie nach Deutschland kam, dachte sie, dass dort immer Schnee liegt und die Sonne niemals scheint. Aliaas Geschichte könnte eine Stunde einleiten, in der die Klasse über Vorurteile spricht. In diese Stunde passt auch der Beitrag „Ängste wegen Flüchtlingen“, der erklärt, dass Ängste uns schützen, der aber auch übertriebene Ängste oder die von rechtsextremen Gruppierungen lancierten Gerüchte kommentiert.

Weiterführende Hinweise:

Auf der Website frieden-fragen.de berichten Flüchtlingskinder aus aller Welt über ihren Alltag und über ihre Erfahrungen mit Gewalt und Krieg. Die einfachen Texte sind für Grundschüler leicht verständlich.

Auch Flüchtlingskinder haben Fragen, manchmal ziemlich überraschende: „Warum sind die Kinder in Deutschland so frech?“ Antworten dazu sucht ein 15-jähriger Schülerpraktikant im Stern.

Grundschulkinder aus Brandenburg wurden beim Kinderrechte-Filmfestival 2015 mit dem Publikumspreis für ihr Video „Das Boot ist voll“ ausgezeichnet. Der unterhaltsame Beitrag könnte die Schüler dazu anregen, ein eigenes Filmprojekt zu starten.

Krieg und traumatische Erlebnisse in Geschichten von Flüchtlingskindern

In vielen Grundschulklassen sitzen bereits Flüchtlingskinder. Viele von ihnen sind traumatisiert, und auch dazu haben die Kinder Fragen. Warum kommen die Flüchtlinge nach Europa? Was haben sie auf der Flucht erlebt? Das erzählt die 12-jährige Amal aus ihrer Sicht: Es hat viel geregnet, ihre Familie und sie mussten auf der Straße schlafen und „viele Leute waren böse, weil sie uns nicht da haben wollten“.

Auch die „Sendung mit der Maus“ spricht Fluchtgründe und -risiken kindgerecht an: Im ersten Teil der Geschichte des „Flüchtlingskindes Tiba“ erfahren die Kinder, dass Tibas Familie in Syrien in einer Trafostation wohnen musste, nachdem ihr Haus zerstört wurde („Gefährlich! Eigentlich kein Ort zum Spielen!“). Auf einem Foto hat Tibas Oma „eine Verletzung an der Hand — von einem Bombensplitter“, und der Vater hat — wie man im Film sehen kann — an den Händen Brandverletzungen, weil sein Auto von einer Rakete getroffen wurde.

„Stationen einer Flucht“: sich in Flüchtlingskinder einfühlen

Sitzkreis in einer 1. Klasse: Die Lehrerin legt einen verschlossenen Koffer in die Mitte. „Woran denkt ihr, wenn ihr diesen Koffer seht?“, möchte sie von den Kindern wissen. Viele der Erstklässler assoziieren damit Urlaub, Ferien, eine Reise, Meer, Sommer usw. Dann darf eines der Kinder den Koffer öffnen, in dem ungewöhnliche Gegenstände liegen: Scherben, ausgetretene Schuhe, eine Wasserflasche, ein Beutel Reis, eine Decke und eine Puppe mit zerrissenen Kleidern. Mithilfe dieser seltsamen Dinge, die entlang eines Weges durch das Klassenzimmer ausgelegt werden, erzählt die Lehrerin den Schülern die Geschichte von Hala, einem syrischen Mädchen, das vor dem Krieg aus seiner Heimatstadt Aleppo fliehen musste.

Es folgt eine Stationenarbeit, bei der die Kinder eine Ahnung davon bekommen, wie es ist, auf der Flucht zu sein: Sie gehen eine markierte Wegstrecke barfuß ab, müssen sich mithilfe einer Decke eine Minute lang verstecken, sodass niemand sie sehen kann, gehen eine markierte Wegstrecke mit geschlossenen Augen ab („Dein Partner schubst dich leicht“), fassen sich mit den Händen an den Knöcheln und legen einen bestimmten Weg zurück und müssen mit geschlossenen Augen so lange abwarten, bis gefühlte zwei Minuten um sind („Wie lange hast du es ausgehalten, die Augen geschlossen zu haben?“)

Im Misereor-Blog berichtet eine Hospitantin, wie die Kinder auf die Stunde reagiert haben: Schon beim Öffnen des Koffers zeigten sich viele betroffen. Unangenehm fanden mehrere auch, barfuß zu gehen, und mit geschlossenen Augen im Klassensaal sitzen „machte eine Schülerin ‚traurig, weil es so dunkel war‘“.

Diese Reaktionen führen auch Erwachsenen einmal mehr vor Augen, wie verletzlich und zerbrechlich Kinderseelen sind: Wie müssen sich erst die Flüchtlingskinder fühlen, die doch sehr viel Schrecklicheres erlebt haben?

Die Kinder der ersten Klasse hatten nach der Stunde spontan das Bedürfnis, Flüchtlingskindern eine Freude zu machen: Ein Schüler schlug vor, den Flüchtlingskindern ein Bild zu malen, „und alle stimmten sofort mit einem lautstarken ‚Ja!‘ ein. Sie waren gepackt von dem Thema.“ (ebd.)

Martina Niekrawietz

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