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Psychologie

Gedächtnisstützen: Wann sie kontraproduktiv sind

Den Lernprozess bei den Schülern so gut wie möglich zu unterstützen, das ist eine wichtige Aufgabe. Neueste Erkenntnisse aus der Psychologie zeigen, welche Rolle Gedächtnisstützen spielen.

Psychologie: Gedächtnisstützen: Wann sie kontraproduktiv sind Neueste Erkenntnisse wie Schüler sich Sachen am besten merken © contrastwerkstatt - stock.adobe.com

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie haben in der Englischstunde den neuen Wortschatz durchgenommen und geübt. Als Hausaufgabe sollen Ihre Schüler/-innen nun die neuen Vokabeln lernen. In der nächsten Stunde schreiben Sie einen Test. Um es den Kindern leichter zu machen, haben Sie die Hälfte der Lösungen bereits eingetragen. Wie wird der Test ausfallen? Vermutlich erheblich schlechter, als wenn Sie keine Antworten vorgegeben hätten. Denn solche vermeintlichen Gedächtnisstützen führen „entgegen der Erwartungen zum Vergessen der restlichen Begriffe“, wie Thomas John und PD Dr. Alp Aslan von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in einer aktuellen Studie herausgefunden haben.  

Der folgende Beitrag informiert Sie über die interessanten Erkenntnisse der Psychologen und ihre Implikationen für schulisches Lernen. Zudem erfahren Sie, wie Sie Ihre Schüler/-innen dabei unterstützen, nachhaltig das Lernen zu lernen.

Der „part-list-cuing“-Effekt

Der nachteilige Effekt durch „vorgegebene Lösungen“ ist in der Forschung als „part-list-cuing“-Effekt bekannt und wurde bisher nur bei Erwachsenen erforscht. Wie stark das Erinnern dadurch beeinträchtigt wird, hängt bei dieser Personengruppe davon ab, „wie gut im Vorfeld gelernt wurde“ (ebd.):

1. Lernen die erwachsenen Probanden eine Vokabelliste nur einmal, speichern sie die einzelnen Wörter „noch wenig zusammenhängend im Gedächtnis“. Gibt man dann im Vokabel-Test einen Teil der Begriffe vor, so löst das einen aktiven Hemmungsprozess aus, die sogenannte Abrufhemmung (engl. retrieval inhibition). Dieser Effekt wirkt sich langfristig negativ auf die Gedächtnisleistung aus: Sie ist auch bei einem erneuten Test ohne vorgegebene Vokabeln gestört.

2. Sehen sich die Probanden die Wörter beim Lernen hingegen mehrfach an und überprüfen zwischendurch den Lernstand, „werden die Vokabeln eng miteinander verbunden und in einer festen Reihenfolge im Gedächtnis gespeichert“ (ebd.). Vorgegebene Vokabeln stören in diesem Fall dann lediglich „den vorgefertigten Abrufplan“, und es kommt zu einer sogenannten Strategiestörung (engl. strategy disruption). Dadurch verschlechtert sich die Gedächtnisleistung zwar ebenfalls, jedoch nicht langfristig. Wird der Test ohne vorgegebene Informationen wiederholt, können die erwachsenen Lernenden die zuvor gelernte Reihenfolge wieder abrufen.

Kinder vergessen dauerhaft  

Anders als Erwachsene lernen Kinder im Grundschulalter „offenbar nicht strategisch genug“, sagt PD Dr. Alp Aslan. Wie mehrere Studien zeigten, könnten sie „Informationen kaum in einer festen Abrufreihenfolge organisieren“, selbst dann nicht, wenn sie „Gelegenheit zum mehrfachen Lernen bekommen“ (ebd.). Wie wirkt sich in diesem Zusammenhang der „part-list-cuing“-Effekt auf die Gedächtnisleistung von Kindern aus? Das testeten die Psychologen bei Tests mit Zweit-, Viert- und Siebtklässler/-innen.

Bei den Schüler/-innen aller Altersgruppen, die nur einmal gelernt hatten, war die Erinnerungsleistung beeinträchtigt und zwar sowohl im ersten Test mit vorgegebenen Wörtern, als auch in einem zweiten ohne Vorgaben.

Die Schüler/-innen, die „mehrfach gelernt“ (ebd.) hatten, schnitten im ersten Test mit vorausgefüllten Antworten ebenfalls schlecht ab. Bei einem zweiten Test ohne Lösungen kehrte nur bei den Siebtklässler/-innen die Erinnerung zurück. Die Zweit- und Viertklässler/-innen hingegen hatten auch das wiederholt Gelernte dauerhaft vergessen.

Lernen lernen mit dem Lehrerbüro

Mehrmaliges Lernen allein genügt also nicht, um den Lernstoff so zu verinnerlichen, dass er sicher verfügbar und auch bei Irritationen, z. B. durch den “part-list-cuing"-Effekt, abrufbar ist. Richtig Lernen will gelernt sein, und das Lehrerbüro unterstützt Sie bei dieser zentralen schulischen Aufgabe mit vielfältigen Materialien und Praxistipps. Im unten verlinkten Beitrag „Gedächtnistraining in der Grundschule“ erläutert Horst Kasper einige gute mnemotechnische Strategien wie die Nutzung von „Körperliste“ oder Loci-Technik. Der Trick dabei: Durch bildliche Vorstellungen verknüpft der Lernende oder die Lernende den Lerninhalt mit bestimmten Körperteilen oder Orten und aktiviert dabei verschiedene Gehirnregionen und Vernetzungen.  

Sinneswahrnehmungen sind besonders förderlich für das Lernen. Deshalb lernen die Kinder z. B. Vokabeln am besten multisensorisch, also mit allen Sinnen. Speziell beim Vokabellernen ist es hilfreich, die Wörter mit Gesten zu koppeln, die beim Lernen ausgeführt werden, wie Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig herausgefunden haben. (Vgl. dazu den unten verlinkten Beitrag „Mit Gesten und Bildern Vokabeln leichter lernen“.)

Mit den unten verlinkten „14 kreativen Methoden zum Lernen lernen“ vermitteln Sie Ihren Schüler/-innen ein breites Repertoire von Lerntechniken, die sich ganz leicht umsetzen lassen: Die Kinder schreiben ihre eigenen „Lernspickzettel“, arbeiten mit einer Lernkartei, gestalten Lernplakate, üben kooperative Lerntechniken wie „Lernmarktplatz, Kugellager & Co“ u. v. m. Und der Lernen-lernen-Führerschein begleitet die Kinder mit einer Vielzahl von spielerischen Gedächtnis- und Konzentrationsübungen durchs Schuljahr. Als Belohnung für die bestandenen Prüfungen („Bronze“, „Silber“, „Gold“) gibt es dann eine Urkunde. – Das motiviert!

Die Eltern ins Boot holen

Wie lernen Kinder lernen? Diese Frage hat auch bei den Eltern Ihrer Schüler/-innen einen hohen Stellenwert, und die meisten Erziehungsberechtigten werden für Tipps zu diesem wichtigen Thema dankbar sein. Schließlich sind viele von ihnen während der Corona-bedingten Lockdown-Phasen gerade diesbezüglich an ihre Grenzen gestoßen.

Deshalb hier abschließend noch einige Hinweise auf Informationsmaterialien rund um das Thema „Lernen lernen“, auf die sie bei der Beratung der Eltern Ihrer Schüler/-innen zurückgreifen können:

Einen umfassenden Überblick liefert die Broschüre „Lernen lernen“. Eine Arbeitsgruppe von österreichischen Schulpsychologen erläutert hier, wie Lernen funktioniert und welche häufigen Schwierigkeiten dabei auftreten. Was tun, wenn mein Kind lustlos ist? Wie lässt sich die Konzentrationsfähigkeit fördern? Wie der Stoff besser verstehen? Und wie baut man sich eine Lernkartei auf? – Hier helfen konkrete Praxistipps bei einem gezielten Troubleshooting.

Zwei basale Voraussetzungen für schulischen Lernerfolg sind auch genügend Schlaf und eine gesunde Ernährung. Doch wieviel Schlaf brauchen Schulkinder überhaupt? Das beantworten Entwicklungs- und Schulpsycholog/innen in diesem WELT-Artikel. Und zu guter Letzt noch ein Lesetipp: Dr. Astrid Laiminghofer lüftet in ihrem Buch „Schlaue Kinder essen richtig!“ die Geheimnisse einer hirngerechten Ernährung.

Martina Niekrawietz

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