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Reformpädagogik

Lernen von der Reform- und Alternativpädagogik

Schon lange und immer wieder wird das „ungerechte Schulsystem“ in Deutschland kritisiert (siehe OECD-Studien). Auch deutsche Pädagogen fordern seit Jahren, dass jedes Kind in der Schule seine Potentiale unabhängig vom Elternhaus entfalten kann. Es geht um Kompetenz und Herkunft. Es ist ein Armutszeugnis, dass jährlich bis zu zwanzig Prozent eines Jahrganges am Ende der Schulzeit nicht „ausbildbar“ sind. Können die Konzepte der Alternativ- und Reformpädagogik für Lehrer der Regelschule hilfreich sein?

Reformpädagogik: Lernen von der Reform- und Alternativpädagogik Viele Methoden der Reformpädagogik lassen sich auch auf den Alltag in der Regelschule übertragen © contrastwerkstatt - Fotolia.com

Kurz vor und nach der Wende zum 20. Jahrhundert entstand fast gleichzeitig in vielen Ländern eine pädagogische Bewegung, die sich gegen die konventionelle Erziehung an den Schulen wandte und neue Wege des Lernens aufzeigte. Es war eine internationale Bewegung, ausgehend von England Ende des 19. Jahrhunderts, in Frankreich war es die „éducation nouvelle“, im anglo-amerikanischen Bereich die „progressiv education“, in Italien der attivismo“ und in Deutschland die „Reformpädagogik“. Bis heute hat diese Bewegung immer wieder gezeigt, wie Schule auch unter veränderten sozialen und politischen Gegebenheiten  sich positiv reformieren kann. Es waren und sind die Schulen der Reformpädagogik, die aufzeigten, dass Schule mehr sein kann als „Drillstätte“ und auch mehr sein muss als Instruktionsanstalt.

Wegbereiter – und auch Schulgründer – für die Überwindung der bisher „verkopften Zwangsanstalten“ (Röhrs 1998 ) waren, um nur einige zu nennen, vor allem Berthold Otto, Ovide Decroly, Maria Montessori, Peter Petersen, Paul Geheeb, Hermann Lietz, Gustav Wyneken, Kurt Hahn und Rudolf Steiner.

Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg und auch in Opposition zu den Regelschulen wurden neben den bestehenden bzw. nach dem Nationalsozialismus wieder entstandenen Schulen der Reformpädagogik eine Vielzahl von Schulen mit alternativer Pädagogik gegründet. Diese Schulen machen bis heute deutlich, dass Bildungsreform keinen Abschluss darstellen, sondern ein stetiger Prozess sein muss. Immer wieder muss es darum gehen, Formen des Lernens und Lehrens zeitgemäß weiter zu entwickeln. Sie sind heute noch in „ihrer gegenwärtigen Gestalt Zeugnisse originärer pädagogischer Ideen und ihrer modellhaften Gestaltungsfähigkeit“ (Röhrs 1998).

Zusammengefasst sind gemeinsame pädagogische Prinzipien und Grundlagen all dieser Schulen:

  • Kinder und Jugendliche sind während ihrer Schulzeit schon Menschen, sie wollen nicht erst welche werden
  • Sie befinden sich in einer eigenen Lebensphase und haben das Recht auf eine glückliche Schulzeit (kindgemäßer Unterricht)
  • Schule muss mehr sein als Instruktionsanstalt. Schulbildung darf sich nicht nur auf Spezialfertigkeiten und Spezialkenntnisse beschränken
  • Schule muss etwas sein, in dem ich gebraucht werde und mich beteiligen kann
  • Schule muss Ort der Mitbestimmung, Verantwortung und Partizipation sein
  • Kinder müssen Kompetenzen zur Handlungsfähigkeit erwerben
  • Bildung muss Anregung aller Kräfte sein (Kopf, Herz, Hand)
  • Schule wird in unserer Welt mit organisierter Freizeit und in Konsumspielwelten ein immer wichtiger werdender Lebensort
  • Schule soll ein Ort sein, an dem weniger durch Belehrung, sondern durch Beteiligung gelernt wird
  • Unterricht muss fächerübergreifend stattfinden.

Die Alternativschulen und die Schulen der Reformpädagogik arbeiten fast ausschließlich unter Bedingungen, die es an öffentlichen Schulen nicht gibt. Es sind in der Regel Privatschulen, vielfach Internatschulen (z.B. Landerziehungsheime), Gemeinschaftsschulen, Ganztagsschulen, Schulen mit altersheterogenen Klassen und Lerngruppen usw. mit unterschiedlichen organisatorischen und auch pädagogischen Prinzipien. Wichtig ist es auch vor allem, dass die Lerngruppen und Klassen mit ganz wenigen Ausnahmen deutlich kleiner sind als an den Regelschulen.

Empfohlene Literatur:

Ulrike Köhler u.a.: Die Glocksee-Schule. Geschichte – Praxis – Erfahrungen. Bad Heilbrunn 2000.

Hartmut von Hentig: Bildung. Weinheim und Basel 1999.

Hermann Röhrs: Die Schulen der Reformpädagogik heute. Düsseldorf 1986.

Hermann Röhrs: Lernen – Lehren – Erziehen im Geiste der Reformpädagogik. Lüneburg 1998.

Heinz-Elmar Tenorth: Geschichte der Erziehung. Einführung in die Grundzüge ihrer neuzeitlichen Entwicklung. Weinheim 2010.     

Übertragbarkeit der Methoden auf die Regelschule

Auch wenn sie sicherlich kein „Supermarkt für Methoden“ (Röhrs 1986) sind, in denen man sich einfach bedienen kann. Sie können aber, was Menschenführung, Unterrichtsgestaltung, Unterrichtsorganisation, Motivation, demokratische Erziehung, soziale Kompetenz angeht, für jeden Lehrenden hilfreich sein.

Können die Konzepte der Alternativ- und Reformpädagogik für Lehrer der Regelschule hilfreich sein?

Schon lange und immer wieder wird das „ungerechte Schulsystem“ in Deutschland kritisiert (siehe OECD-Studien). Auch deutsche Pädagogen fordern seit Jahren, dass jedes Kind in der Schule seine Potentiale unabhängig vom Elternhaus entfalten kann. Es geht um Kompetenz und Herkunft. Es ist ein Armutszeugnis, dass jährlich bis zu zwanzig Prozent eines Jahrganges am Ende der Schulzeit nicht „ausbildbar“ sind.

Um Schüler nicht zu passiven Konsumenten von Wissen zu machen, müssen Lehrer mit pädagogischen Grundsätzen vertraut gemacht werden, die den Schülern helfen eine selbsttätige Arbeitsweise zu erlernen, d.h. von der Grundschule an schrittweise mit methodischem Denken und Planen vertraut werden.

Die Kinder müssen wach, interessiert und kooperationsfähig (Gruppenlernen) gemacht werden, sie müssen Probleme lösen lernen, Verantwortung übernehmen können und lernen können aus eigener Motivation. Sie müssen sich schon frühzeitig mit Themen beschäftigen können, die sie mit der Lebenswirklichkeit zusammenbringen, begleitet von Lehren, die leiten und lenken.

Die Reform- und Alternativpädagogik hat schon vor vielen Jahren gezeigt, wie man Kindern helfen kann eigene Fähigkeiten zu erkennen, zu entfalten und zu formen. Sie hat immer wieder neue Formen des Lernens und des Zusammenlebens entwickelt und auch zur Verfügung gestellt. Man sollte sie als Lehrer kennen.    


Jürgen Meng


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