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Offener Unterricht

Selbstgesteuertes Lernen in der Lernwerkstatt

Lernwerkstätten sind bei vielen Grundschülern und Lehrern beliebt. Fördern sie doch die Selbstständigkeit und intensivieren das Lernen. Durch die Bewegungsfreiheit und die Auswahl von Material, Lernpartnern, Tempo und Rhythmus beim Arbeiten motiviert und inspiriert der Unterricht alle Schüler.

Offener Unterricht: Selbstgesteuertes Lernen in der Lernwerkstatt Auch eine Pantomime kann Teil einer Lernwerkstatt sein. Hier stellen die Kinder gerade ein Tier vor © highwaystarz - Fotolia.com

„Kannst du mir das Angebot erklären?“, fragt Julius den „Chef“ Markus der Experimente-station zum Luftwiderstand. Während Markus Julius zum Experimentetisch folgt, wird an den anderen Gruppentischen erklärt, gebastelt, geschrieben und geforscht. Alle Kinder arbeiten motiviert und konzentriert. Jeder Schüler der Klasse ist regelrecht in sein Tun versunken und lässt sich nur durch Fragen zu seinem Betreuungsangebot ablenken.

Lernwerkstatt — Was ist das?

Die Lernwerkstatt geht zurück auf Jürgen Reichen, der durch sein Konzept „Lesen durch Schreiben“ bekannt ist. Mit Werkstatt ist dabei nicht ausschließlich handwerkliches Tun gemeint, sondern vielmehr eine Form offenen Unterrichts. In einer Lernumgebung mit viel Material werden die Kinder zu praktischem, eigenaktivem Lernen angeregt. Im klassischen Sinne sollen sie hier ihren eigenen Fragen nachgehen und selbst Lernwege durch freies Forschen und Experimentieren beschreiten.

In der Praxis variieren Lernwerkstätten in Inhalt, Form, Zeitdauer und Selbstständigkeitsgrad. Möglich sind thematisch gebundene Lernwerkstätten oder freies Forschen. Ebenso besteht die Möglichkeit zu festen Angeboten zum Material oder das eigenständige Aufgabenerfinden mit einer Fülle von Materialien. Je nach gewählter Form besteht mehr oder weniger Selbstständigkeit beim Lernprozess.

Die Lernwerkstatt kann durch andere Unterrichtsformen wie frontale Phasen eingeführt und begleitet oder eigenständig durchgeführt werden. Sie kann fächergebunden oder fächerübergreifend angelegt werden. Die Zeitdauer kann sich über eine Stunde oder den ganzen Schultag erstrecken. In allen Fällen stellt das Konzept der Lernwerkstatt eine Öffnung des Unterrichts dar.

Nach Claus Claussen besteht bei der Lernwerkstatt immer die freie Entscheidung über Reihenfolge, Zeitpunkt und Dauer der Angebote. Ebenso ist das Klassenzimmer während des Werkstattunterrichts in verschiedene Arbeitsbereiche eingeteilt. Mit der Förderung von Selbstständigkeit, Eigeninitiative und Selbstverantwortung sollen die Kinder Qualifikationen wie Leistungsbereitschaft, Teamfähigkeit und Verantwortungsübernahme erwerben.

Einsatzmöglichkeiten in der Grundschule

Im Grundschulunterricht bieten sich Lernwerkstätten im Sachunterricht, aber auch im fächerübergreifenden Unterricht an. Oft werden die Fächer Sachunterricht, Deutsch, Musik und Kunst verknüpft. In der Regel besteht die Lernwerkstatt aus Angeboten zu verschiedenen Bereichen, die durch die Kinderideen ergänzt werden können.

Zum Thema „Wetter“ beispielsweise könnten Angebote zum Gestalten von Wettermusik, Wettergedichten, Basteln eines Windmessers, Erfahren von Luftwiderstand und Temperaturexperimenten vorbereitet sein. Ergänzend kann ein Büchertisch zu eigenen Experimenten, Informationsbeschaffung etc. die Kinder auf eigene Ideen bringen.

In einer Klasse entstand als freie, eigene Idee beispielsweise ein Wettertagebuch, das ein Kind führte. Es wurde ein Wettergedicht mit Rhythmusinstrumenten eingeübt und das Wettergeschichtenbuch wurde an die Schulgemeinde verkauft, um davon ein Klassenthermometer zu kaufen. Ein selbst erfundenes Wetter-Gesellschaftsspiel wurde mit der Parallelklasse an einem gemeinsamen Nachmittag gespielt. Idealerweise dienen die Angebote wie im Beispiel nur als Anregung für weitere Ideen der Kinder.

Was der Lehrer zu beachten hat

Die Rolle des Lehrers definiert sich in der Lernwerkstatt anders als im Frontalunterricht. Seine Arbeit liegt in der Vorbereitung und Bereitstellung von Anfangsmaterial. Bereits die Aufstellung von Regeln und das Gestalten der Arbeitsbereiche kann gemeinsam mit den Kindern erledigt werden. Sinnvolle Regeln sollten hier zu angemessenem Umgang mit dem Material, entsprechender Arbeitsruhe, sinnvoller Beschäftigung während der Werkstattarbeit und höflichem Miteinander aufgestellt werden.

Während der Arbeitszeit ist der Lehrer Berater und Unterstützer bei Angeboten, da die Kinder weitestgehend selbstständig arbeiten. Ebenfalls die Kontrolle ihrer erledigten Arbeiten können die Kinder durch bereitgestelltes Material zur Selbstkontrolle eigenständig übernehmen. Dem Lehrer fällt die Endkontrolle und gelegentlich die Motivation zur Weiterarbeit oder Schlichtung in einer Gruppenarbeit zu.

Inklusion und Lernwerkstatt?

Die Lernwerkstatt bietet durch ihre Offenheit eine unkomplizierte Möglichkeit inklusiv beschulte Kinder zu integrieren. Sollte ein „Chefsystem“ mit Experten zu jedem Angebot vom Lehrer überlegt und gewünscht sein, so ist darauf zu achten, dass die entsprechenden Kinder ein Angebot, das ihrem Leistungsvermögen entspricht, betreuen. Durch die nicht zwangsläufige Bearbeitung aller Angebote können sich leistungsschwächere Kinder einfache Angebote zur Bearbeitung auswählen. Durch die eigenständige Wahl der Sozialform bietet sich für diese Kinder auch die Möglichkeit, mit leistungsstärkeren Mitschülern zusammenzu-arbeiten. Hier sind bereits gute Lerntandems entstanden und durch die Vielfalt der Handlungen sind erstaunliche Fähigkeiten der Kinder entdeckt worden.

Material für Lernwerkstätten

Wer sich auf den Weg zur Arbeit mit Lernwerkstätten begibt, kann grundsätzlich eine Fülle von Material und passendes Mobiliar gebrauchen: Regale sind ideal als Ausstellungsorte, durchsichtige Kisten zum Entdecken von Material ebenso wie viele Schachteln und Dosen. Neben Arbeitsblättern und Angebotskarten mit Aufgabenstellungen werden gestalterische Materialien und Bastelanleitungen, Spielanleitungen, Spiele und Alltagsgegenstände benötigt.

Neben der klasseninternen Lernwerkstatt bietet sich auch eine für alle zugängliche „Schul-Lernwerkstatt“ an. Haben Sie einen Kellerraum frei? Dann sammeln sie hier alle Materialien und bieten den Kindern an, in der sogenannten „Lernwerkstatt“ zu schnuppern und zu forschen. Sicher werden die Schüler vom Material für neue Lernideen inspiriert. — Und das ist auch das Erfolgsrezept fürs Lernen überhaupt.

Marion Keil

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