Fach/Thema/Bereich wählen
Einführung

Was ist Kooperatives Lernen?

Gruppenarbeiten sind aus dem modernen Unterricht nicht wegzudenken, doch Arbeit in der Gruppe bedeutet nicht zwangsläufig, dass auch jeder Schüler kognitiv aktiv ist. Das Konzept des „Kooperativen Lernens“ verspricht Abhilfe — durch eine gezielte Kombination von Unterrichts- und Sozialformen.

Einführung: Was ist Kooperatives Lernen? Aktive Schüler in der Gruppenarbeitsphase © contrastwerkstatt - Fotolia.com

„Kooperatives Lernen? Natürlich kooperieren meine Schüler im Unterricht. Dafür brauche ich doch kein neues Konzept!“ Dieser häufig vorgebrachte Einwand scheint plausibel, ist aber falsch. Denn „Kooperatives Lernen“ wird hier mit Gruppenarbeit gleichgesetzt. In Wahrheit handelt es sich jedoch um eine didaktische Idee, die sich durchaus von traditioneller Gruppenarbeit unterscheidet. Entwickelt wurde diese Idee von dem kanadischen Ehepaar Norm und Kathy Green sowie den US-Amerikanern David W. Johnson und Roger T. Johnson. Auch Spencer Kagan, Robert Slavin, Carol Rolheiser oder Barrie Bennett beschäftigten sich theoretisch, empirisch und praktisch mit dem Konzept des Kooperativen Lernens. In Deutschland tragen insbesondere Ludger Brüning und Tobias Saum zur Verbreitung und Weiterentwicklung bei.
Dort begann das Interesse für Kooperatives Lernen, als Bertelsmann den Schulpreis für den weltweit innovatisten Schulbezirk an Durham in Kanada verliehen hatte. Der erwähnte Norm Green, der dort den Lehrerweiterbildungsbereich leitete, begann daraufhin Ende der 1990er-Jahre gemeinsam mit seiner Frau Kathy Green, auch in Deutschland Lehrerfortbildungen und Moderatorenausbildungen durchzuführen. Im Zuge dessen lernten Ludger Brüning und Tobias Saum, damals an einer Hagener Gesamtschule unterrichtend, das Konzept kennen. Sie entwickelten es in ihren 2007 und 2009 erschienenen Bänden für das deutsche Schulsystem weiter.

Links zum Thema:

Auf der Website des Vereins für Kooperatives Lernen, Lehren und Leiten (Mönchengladbach) finden sich zahlreiche Artikel und Anregungen für den eigenen Unterricht.

In dieser Regionalgruppe (Duisburg) wird die Vernetzung ausgebildeter Moderatoren für Kooperatives Lernen gefördert. Zudem werden einige Unterrichtsbeispiele zum Download bereitgestellt.

Die Moderatorengruppe trifft sich regelmäßig in Essen, um sich zu professionalisieren und Fortbildungsangebote zu konzipieren.

Eine seit dem Tod Norm Greens (2009) nicht mehr regelmäßig aktualisierte Website bietet jedoch noch Anregungen für die Umsetzung des Kooperativen Lernens.

Die Summer School an der Westfälischen Wilhelms-Universtät Münster findet jährlich statt und bietet Fortbildungen zum thema Kooperatives Lernen an.

Denken — Austauschen — Präsentieren

Der methodische Dreischritt, auf den das Kooperative Lernen aufbaut, wurde von Norm Green als „Think — Pair — Share“ umschrieben (Green 2005) und von Brüning/Saum als „Denken — Austauschen — Vorstellen“ ins Deutsche übertragen (Brüning/Saum 2007). Es konnte gezeigt werden, dass die Schüler hierdurch kognitiv stärker aktiviert werden als im frontal ausgerichteten Unterricht (vgl. die Untersuchungsergebnisse von Slavin 1995 und Rohrbeck 2003, s. Hänze 2008, 24 f.)
Einer Partner- oder Gruppenarbeit ist demnach zunächst eine Denkphase vorangestellt, in der die Schüler individuell über eine Aufgabe, eine Fragestellung oder ein Problem nachdenken. Anschließend folgt eine Austauschphase, wie man sie auch bei herkömmlichen Gruppenarbeiten hat, und schließlich die Präsentationsphase, die bewusst nach dem Zufallsprinzip organisiert ist.
Die fest verankerte Denkphase hilft dabei, dass auch diejenigen Schüler, die etwas passiver in Gruppenarbeiten sind, gedanklich vorbereitet in die Gruppe gehen. Erst dadurch ist sichergestellt, dass potenziell jeder Schüler kognitiv aktiv ist. Denn in Gruppenarbeiten wird „Team“ nur zu oft missverstanden als „Toll, Ein Anderer Macht’s!“. Wer zuerst einen guten Einfall oder eine Lösung parat hat, prägt die Gruppenarbeit. Durch die individuelle Vorbereitung entscheidet nun aber nicht mehr die Denk- oder Lesegeschwindigkeit der Schüler darüber, wer sich in der Gruppe zuerst beteiligt, sondern die jeweilige Motivation. Anders ausgedrückt: Wer gern seinen Beitrag zur Gruppenarbeit leisten möchte, kann dies auch tun — unabhängig von seinem Lerntempo. Denn er hatte ja schon eine gewisse Vorbereitungszeit und konnte seine Einfälle, Argumente oder Lösungsvorschläge in der vorangegangenen Denkphase vorformulieren.

Doch auch diejenigen Schüler, die nicht von sich aus die Motivation mitbringen, sich zu beteiligen, werden durch die Struktur des „Kooperativen Lernens“ aktiviert. Nach der Denkphase und der anschließenden Austauschphase in der Gruppe folgt dafür die Präsentationsphase. Hier werden die Gruppenergebnisse vorgestellt, miteinander verglichen, auf Richtigkeit oder Vollständigkeit geprüft und so weiter. An dieser Stelle schlägt das Konzept nun vor, regelmäßig das Zufallsprinzip walten zu lassen. Dadurch wissen die Schüler während der Denk- und der Austauschphase nicht, ob sie später in der Präsentationsphase ihre Gruppe vertreten müssen. Wenn prinzipiell jeder dafür ausgewählt werden kann, wird sich nicht nur in der Gruppenphase die Aufmerksamkeit und Mitarbeit erhöhen. Bereits in der Denkphase lässt sich dadurch eine flächendeckendere Konzentration auf die Aufgabe beobachten.

Johnson und Johnson (2002) konnten außerdem zeigen, dass besonders Schüler in leistungsheterogen zusammengestellten Gruppen sowohl fachlich als auch sozial vom Kooperativen Lernen profitieren. Dies zeigt, dass das Zufallsprinzip nicht nur zur Auswahl einzelner Schüler in der Präsentationsphase förderlich sein kann, sondern auch schon in der Zusammenstellung der Arbeitsgruppen. In leistungsgemischten Gruppen profitieren beide Seiten: Eine Studie von Stevens und Slavin (1995) zeigte, dass sich bei leistungsschwächeren sowie -stärkeren Schülern sowohl die Leseleistung als auch die sozialen Beziehungen durch kooperativ gestalteten Unterricht deutlich verbesserten.

Mehr als nur eine Methodensammlung

Literaturangaben:

Ludger Brüning / Tobias Saum (2007): Erfolgreich unterrichten durch Kooperatives Lernen. Essen: NDS-Verlag.

Ludger Brüning / Tobias Saum (2009): Erfolgreich unterrichten durch Kooperatives Lernen. Band 2. Essen: NDS-Verlag.

Norm und Kathy Green (2005): Kooperatives Lernen im Klassenraum und im Kollegium. Seelze: Kallmeyer.

Martin Hänze (2008): Was bringen kooperative Lernformen? In: Individuell lernen – kooperativ arbeiten. Friedrich Jahresheft, Heft 16. 24-25.

David Johnson / Roger Johnson (2002): Kooperatives Lernen. Kooperative Schule. Mülheim: Verlag an der Ruhr.

Die Tatsache, dass „Kooperatives Lernen“ als didaktisches Konzept von mehreren Personen unabhängig voneinander entwickelt wurde, zeigt zweierlei: Erstens sind die Idee und die Vorteile des beschriebenen Dreischritts wissenschaftlich umfassend beleg und zweitens ist das Konzept keineswegs ein einheitliches oder gar festgefahrenes, ganz im Gegenteil. Je nach Autor lassen sich viele sehr unterschiedliche didaktisch-methodische Empfehlungen finden. Demnach sollte das „Kooperative Lernen“ auch nicht als didaktisches Allheilmittel begriffen werden. Ebenso wenig darf es aber als bloße Methodensammlung missverstanden werden, die klassische frontale Unterrichtsformen durch permanente Gruppenarbeit ersetzen will.
Dem Konzept geht es vielmehr um die Veränderung der Lernkultur, in der Kooperationsphasen genauso ihren Platz haben wie Einzelarbeitsphasen, Vorträge oder fragend-entwickelnde Unterrichtsgespräche. Das „Kooperative Lernen“ zielt darauf ab, verschiedene Unterrichts- und Sozialformen miteinander zu kombinieren und als festen Bestandteil des schulischen Lernens zu etablieren. Dadurch sollen nicht nur die fachlichen Kompetenzen der Schüler verbessert werden, sondern auch und ganz besonders die sozialen Kompetenzen. Dabei wird allerdings nicht einfach davon ausgegangen, dass Teamfähigkeit allein schon dadurch gefördert wird, dass der Lehrer sie einfordert. Sozialkompetenzen müssen vielmehr, ähnlich der fachlichen Inhalte, immer wieder zu einem zentralen Thema gemacht und gemeinsam besprochen, erläutert und begründet werden. Nur so lernen die Schüler, worin sich Kommunikationskompetenz, Konfliktfähigkeit oder Kompromissbereitschaft ausdrückt.
Im Endeffekt geht es beim „Kooperativen Lernen“ natürlich auch um die Fähigkeit zur Gruppenarbeit. Doch es lohnt sich, die vielen didaktischen und methodischen Ideen, die das Konzept bereithält, näher kennenzulernen. Denn diese kombinieren neuste lernpsychologische mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen und fügen sie zu einem vielschichtigen didaktischen Konzept zusammen, das der Lehrperson einen sehr flexiblen Umgang damit gestattet.

Dennis Sawatzki


Mehr zu Ratgeber Unterricht
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×