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Hattie-Studie

Was macht Schule und Lernen erfolgreich?

Um diese Fragen zu ergründen, wertete der australische Erziehungswissenschaftler John Hattie 800 Metaanalysen zu 50 000 Einzeluntersuchungen aus. Ergebnis: 138 Einflussfaktoren, die mehr oder weniger Wirkung auf den Lernerfolg haben — manche Überraschungen bergen und gar nicht so leicht zu interpretieren sind.

Hattie-Studie: Was macht Schule und Lernen erfolgreich? Erfolgreiches Lernen hängt von vielen Einflussfaktoren ab — aber in erster Linie kommt es auf den Lehrer an © Be Ta-Artworks - Fotolia.com

In der Alexander-von-Humboldt-Schule im hessischen Lauterbach setzt man einige wichtige Erkenntnisse von John Hattie bereits um: So geben die Schüler den Lehrern am Ende jeder Unterrichtsstunde Feedback darüber, was sie brauchen: z. B. Ruhe zum Lernen, mehr Zeit, bestimmte Strukturen, gute Erklärungen, interessanten Unterricht. Die Lehrer kämen dadurch mit den Schülern ins Gespräch, erläutert Schulleiterin Gitta Holloch im WDR-Magazin „nano“.

Seit sie vor einigen Jahren John Hatties „Visible Learning“ (deutsch: „Lernen sichtbar machen“) gelesen hat, versucht sie sukzessive, die wichtigsten Erkenntnisse umzusetzen. Zum Beispiel „lernbezogenes Feedback“, das einen immens positiven Einfluss auf erfolgreiches Lernen hat: Auf Hatties Liste der lernwirksamen Faktoren rangiert „Feedback“ ganz weit oben auf Platz 10 (von 138 Plätzen).

Wie kommt das Hattie-Ranking zustande? Und was bedeutet „Lernen sichtbar machen“ überhaupt? Das erklärt Prof. Dr. Klaus Zierer, Erziehungswissenschaftler an der Universität Oldenburg und Mitherausgeber der deutschsprachigen Ausgabe von „Visible Learning“, in einem Vortrag, der auf der Website visible-learning.org zu sehen ist (ab Min. 17:12).

Evidenzbasierung und Effektstärke

Was wirkt? Das ist eine wesentliche Frage hinter Hatties Arbeit, die er mit den 138 Einflussfaktoren beantwortet (hier ein Online-Glossar zu den Faktoren von „Advance Organizer“ bis „Zuschnitt der Methoden auf Schülermerkmale“).

Darüber hinaus ermittelt Hattie mit statistischen Mitteln (Versuchs- und Kontrollgruppe), in welchem Maß ein Faktor auf den Lernerfolg wirkt. Diese Evidenz drückt er mit dem statistischen Maß der Effektstärke aus.

Das Hattie-Barometer: Effekte zwischen „negativ“ und „hoch“

Diese Effektstärke visualisiert John Hattie dann in einem Barometer mit einer speziellen Skala: Sie reicht von - 0,2 bis + 1,2. In der Mitte der Skala, wo sonst der Nullpunkt liegt, findet sich auf dem Hattie-Barometer der „Umschlagpunkt“ von 0,4. Ab diesem Wert beginnen die erwünschten Effekte auf die Lernleistung der Schüler (größer 0,4). In jedem Falle unerwünscht sind die „umkehrenden Effekte“ unter 0,00: Sie verringern die Lernleistung. Zwischen 0,00 und 0,2 liegen die Entwicklungseffekte, die allein dadurch auftreten, dass der Lernende älter wird und damit reifer. Von 0,2 bis 0,4 liegen Schulbesuchseffekte, die ganz einfach schon dadurch auftreten, dass ein Schüler zur Schule geht.

Neben jedem Hattie-Barometer finden sich einige Kennwerte, die laut Klaus Zierer „durchaus beachtenswert sind“ (Min. 24:56). Vor allem empfiehlt er, den Blick auf die Anzahl der Metaanalysen zu lenken: Dieser Wert erlaubt eine Aussage darüber, wie breit und fundiert das Ergebnis letztendlich ist, wobei der Durchschnitt bei 6 bis 7 Metaanalysen liegt.  

Drei Schritte, um die Studie sinnvoll zu interpretieren

Klaus Zierer warnt davor, die Hattie-Studie allzu oberflächlich zu lesen („Fastfood-Hattie“). Dabei könne es leicht zu Fehlinterpretationen und falschen Schlüssen kommen, zum Beispiel beim Faktor „Dauer der Sommerferien“: Hattie hatte herausgefunden, dass sich die langen Sommerferien äußerst negativ auf die Lernleistung auswirken. — Mit einer Effektstärke von - 0,09 liegt dieser Faktor auf der Hattie-Liste an fünftletzter Stelle. Das brachte einen deutschen Bundestagsabgeordneter auf die Idee, die großen Ferien zu verkürzen. Dabei war dem Politiker jedoch entgangen, dass Hattie von der Ferienlänge im US-amerikanischen Raum ausging: In der Regel haben die Schüler dort während der Erntezeit 3 Monate frei!

Dazu muss man wissen: Hattie berücksichtigte ausschließlich englischsprachige Studien zum Lernerfolg. Und diese lassen sich natürlich nicht ohne weiteres auf deutsche Verhältnisse übertragen.  

Um derartige Irrtümer zu vermeiden, empfiehlt Klaus Zierer bei der Interpretation folgendermaßen vorzugehen: (ab Min. 25:44)

  1. Ist der jeweilige Begriff im Barometer auf deutsche Verhältnisse übertragbar?
  2. Wie viele Metaanalysen liegen dem Barometer zugrunde? Über welche Zeitspanne wurden sie durchgeführt? In welchen Ländern? …
  3. Erst in einem dritten Schritt sollte man die Effektstärke ins Auge fassen. Und auch hier sollte man nicht allzu vorschnell urteilen: Der Faktor „Hausaufgaben“ etwa bringt mit 0,29 keinen „erwünschten Effekt“. Sollte man sie also einfach abschaffen? Nein, denn an weiterführenden Schulen erreichen sie schnell Effektstärken von 4 bis 6, sind also ausgesprochen wichtig. Und in der Grundschule kommt es nicht nur auf den Lernerfolg an, sondern auch auf Pflichterfüllung, Gewissenhaftigkeit, Sorgfalt etc., betont Zierer.

Korrelationen, keine Kausalitäten!

Hatties Faktoren verweisen nicht etwa auf Kausalitäten, sondern auf Korrelationen. Dr. Klaus Zierer erklärt den Unterschied in seinem Vortrag so (Min. 31:54): „Eine Kausalität würde bedeuten, wenn ich viel Fernseh schaue, dann bin ich automatisch dumm. Das ist nicht der Fall, (…) sondern es heißt, es sind hier Korrelationen, Zusammenhänge, (…) ausgedrückt, und man kann in der Tat feststellen: Je mehr ein Schüler Fernseh schaut, desto schlechter wird seine schulische Leistung.“

Häufiges Fernsehen ist also nicht zwingend die Ursache für geringen Lernerfolg, sondern der Faktor „Fernsehen“ korreliert mit geringem Lernerfolg. – Das ist ein wichtiger Unterschied.

Sechs zentrale Domänen

Den 138 Faktoren ordnet Hattie sechs Domänen zu, für die er wiederum Effektstärken errechnet:

  1. Lernende
  2. Elternhaus
  3. Schule
  4. Lehrperson
  5. Curricula
  6. Unterrichten


Zierer weist darauf hin, dass zwei Bereiche sehr schwach erforscht sind (wenig Metaanalysen!): „Elternhaus“ und „Lehrpersonen“, dabei sind das die einflussreichsten Domänen.

„Lernende“ und „Elternhaus“: extreme Effektstärken

Die beiden mit Abstand gewichtigsten Einflussfaktoren der gesamten Studie gehören zur Domäne der „Lernenden“: Die „Selbsteinschätzung des eigenen Leistungsniveaus“ rangiert mit 1.44 auf Platz 1 des Hattie-Rankings. Auch die „Kognitive Entwicklungsstufe nach Piaget“ weist eine hohe Effektstärke auf: 1.28 — im Hattie-Ranking der einflussreichsten Faktoren Platz 2. Im Gegensatz dazu rangieren zwei Faktoren in der Domäne „Elternhaus“ ganz unten auf der Skala: „Fernsehen“ mit - 0,18 an vorletzter Stelle und der „Bezug staatlicher Transferleistungen“ (Hartz IV) mit einer Effektstärke von - 0,12 auf Rang 135 an viertletzter Stelle.

Schule: Strukturdebatten zwecklos, Sitzenbleiben auch

Ob das Schulsystem zwei-, drei- oder viergliedrig ist — laut Zierer ist das völlig unerheblich. Ein Überblick der für die Domäne „Schule“ relevanten Einflussfaktoren (Min. 33:04) bietet einige Überraschungen: Praktisch keine Rolle spielt zum Beispiel die finanzielle Ausstattung (0,23), die Klassengröße (0,21), eine interne Differenzierung (0, 16) oder leistungshomogene Klassenbildung (0,04). Und wirklich negativ wirkt sich eine „Nicht-Versetzung“ (0,16) auf den Bildungserfolg aus.

John Hattie dazu in einem Interview in der 3sat-Mediathek: „Einen Schüler zurückzustufen und ihn das Jahr wiederholen zu lassen, ist eines der systematisch schlechtesten Dinge. Es gab so gut wie nie Studien, die hier einen positiven Effekt zeigen.“

Warum ist das so? Hattie vermutet den Grund darin, dass das „Szenario“, in dem diese Schüler nicht erfolgreich waren, noch einmal wiederholt wird: derselbe Lehrer, dasselbe Klassenzimmer et cetera. Was diese Schüler bräuchten, sei eine Förderung auf andere Art.

In der Alexander-von-Humboldt-Schule bekommen deshalb versetzungsgefährdete Schüler speziellen Förderunterricht: „Nicht vom selben Lehrer, mit dem sie eh schon Probleme haben, sondern von einem Schüler der Oberstufe“, so das 3sat-Magazin „nano“ (Link s. o.)

„Auf die Lehrperson kommt es an!“

Eine „plakative Zuspitzung“ der Hattie-Studie auf diesen Satz hält Klaus Zierer für einen vorschnellen Schluss. Zudem sei das „kein Gedanke von Hattie“ (Min. 2:42), der, als er diesen Satz gehört habe, sofort korrigiert hätte: „Teachers matter“, also auf dem Plural bestand.

Die höchste Effektstärke in der Domäne „Lehrperson hat übrigens das „Micro-Teaching“ (0,88), eine Methode in der Aus- und Weiterbildung von (angehenden) Lehrern: Kurze Unterrichtseinheiten oder Lektionen mit einer kleinen Lerngruppe werden aufgezeichnet und anschließend analysiert und besprochen.

Von zentraler Bedeutung ist außerdem die „Klarheit der Lehrperson“ (0,75), dicht gefolgt von der „Lehrer-Schüler-Beziehung“ (0,73). Auch das „Nicht-Etikettieren von Lernenden“ hat mit Effektstärke 0,61 noch einen immensen Einfluss auf die Leistung der Schüler.

Klare Strukturen, klare Kommunikation, die Schüler nicht vorschnell bewerten, mit ihnen in einen Dialog treten und ein gutes Verhältnis aufbauen — die Umsetzung dieser wirkmächtigen Einflussfaktoren hängt maßgeblich von der einzelnen Lehrkraft ab. Wer sich in diese Richtung verändern will, muss möglicherweise grundlegend umdenken.
Befragt was denn gute Lehrer tun müssten, erwidert John Hattie: „Sie müssen verstehen, was ihre Wirkung ist. Und wenn etwas nicht wirkt, müssen  s i e  sich ändern, nicht die Schüler. Die Lehrer müssen etwas anderes ausprobieren und schauen, ob das besser wirkt. Sie müssen permanent die Schüler zum Lernen aktivieren und prüfen, ob sie damit erfolgreich sind. — Das ist entscheidend.“ („nano“,  Link s. o., Min. 2:04)

Martina Niekrawietz

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