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Drehtürmodell erklärt

Drehtürmodell – die Rettung für den Unterricht mit Flüchtlingen?

Ukrainisch-sprachiger Fernunterricht und gleichzeitig Integration ins deutsche Schulsystem? Dieser Spagat ist schwer zu bewältigen. Bietet das Drehtürmodell eine mögliche Lösung?

Drehtürmodell erklärt: Drehtürmodell – die Rettung für den Unterricht mit Flüchtlingen? Drehtürmodell - die Lösung für den Schulalltag mit Flüchtlingen © Angelov - stock.adobe.com

„Wie sieht denn der Schulalltag ukrainischer Kinder in Deutschland in diesen ersten Wochen (...) so aus?“ fragt Jannis Carmesin den Bildungsexperten Martin Spiewak im ZEIT-Podcast vom 26. März. Es gäbe „immer noch relativ viele Willkommensklassen aus der Zeit von 2015/2016“, die die Kinder aufnehmen. Oder aber man verfahre nach dem Prinzip „in jede Klasse einen neuen Stuhl“, sagt Spiewak. Wie die Kinder hier in Deutschland beschult werden, müsse sich danach richten, wie lange die Schülerinnen und Schüler hier bleiben. Er plädiert dafür, dass Jugendliche, die kurz vor dem ukrainischen Schulabschluss stehen, ihn hier auch „in irgendeiner Weise machen“, um danach zurückzugehen. Anders hingegen sehe es bei einem Drittklässler aus, der vielleicht „auch länger hier bleibt“.

Ganz unabhängig von ihrem Alter weiß niemand, wie lange ukrainische Schülerinnen und Schüler hier leben werden. Deshalb wird man an vielen Schulen nun versuchen, einen gemischten „Stundenplan aus ukrainischen Unterrichtsinhalten sowie digitalen Unterrichtsformen“ auf die Beine zu stellen, wie auch Heinz-Peter Meidinger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes in den Medien vorschlägt. Doch wie kann das in der Praxis funktionieren? 

Das Prinzip des Drehtürmodells

Im oben verlinkten ZEIT-Podcast bringt Martin Spiewak das Drehtürmodell ins Spiel. Auch Dirk Zorn sieht in dem Konzept eine Möglichkeit, um beides zu „verbinden: den muttersprachlichen Unterricht mit ukrainischen Lehrinhalten wie auch die Integration in die deutschen Schulen“, sagt der Co-Bereichsleiter Bildung bei der Bosch Stiftung in einem ZEIT-Interview. Doch was genau versteht man unter einem Drehtürmodell? Und ist es in der speziellen Unterrichtssituation mit ukrainischen Geflüchteten wirklich ein gangbarer Weg?

Die Idee ist einfach: Die Kinder und Jugendlichen lernen in ihren Klassen. Aber für einzelne Aktivitäten und Projekte dürfen einige vorher bestimmte den Unterricht zu festgelegten Zeiten verlassen. Im Idealfall tun sie das dann, wenn sie in den jeweiligen Stunden nicht allzu viel verpassen, also z. B. in Fächern, in denen sie bereits einen Lernvorsprung haben oder die ihnen besonders leicht fallen. Die betreffenden Schüler und Schülerinnen suchen sich in ihrer Klasse einen Lernpaten, der sie dann später über das Versäumte informiert, sodass sie den Stoff nacharbeiten können. That’s it.

Ein Konzept der Begabtenförderung

Praktiziert wird das Drehtürmodell bisher im Rahmen der individuellen Begabtenförderung. Die Website des Deutschen Schulportals zeigt, wie ein Gymnasium in Nordrhein-Westfalen die Drehtür nutzt, um hochbegabten Schülerinnen und Schülern parallel zum Unterricht in ihrer Klasse auch noch die Arbeit in anspruchsvollen Projekten zu ermöglichen. Sie lernen in dieser Zeit etwa eine zusätzliche Fremdsprache, hospitieren im Unterricht höherer Klassen, nehmen an Erweiterungs- und „Forder-Förder-Projekten“ teil oder besuchen die „Junior-Universität“. 

Zusätzliche personelle Ressourcen erforderlich

Klar ist, dass die zusätzlichen Lernangebote erheblichen Mehraufwand für die Lehrenden mit sich bringen. Schon für die Organisation ist pädagogisches Fachpersonal erforderlich, z. B., um den Schülerinnen und Schülern passende Lerninhalte zuzuordnen, um den Austausch zwischen ukrainischen und deutschen Lehrkräften zu befördern. Und für die fachliche Begleitung der ukrainischen Kinder und Jugendlichen beim digitalen Lernen und in den Schulen vor Ort braucht es zusätzlich kompetentes pädagogisch geschultes Personal. 

Doch personelle Ressourcen fehlen ja in den Schulen schon seit Jahren an allen Ecken und Enden. Und noch (?) gibt es viel zu wenige ukrainisch-sprachige Lehrkräfte, Seiteneinsteiger oder Studierende, die in deutschen Schulen unterrichten könnten oder dürften.

Viele weitere Voraussetzungen wären erforderlich

Info

Angesichts der vielen ukrainischen Kinder und Jugendlichen brauchen Lehrkräfte jetzt vor allem ein großes Repertoire „an Materialien und Methoden, die den individuellen Bedarfen entsprechen“, sagt Stefan Brömel, der das DaZ-Zentrum der Fridtjof-Nansen-Schule in Flensburg leitet. Das Kollegium an seiner Schule setzt auf ein teilintegratives System, „das maximal flexibel reagieren kann“. Der Beitrag „DaZ & deutsch-ukrainischer Hybridunterricht flexibel gestalten“ hier in Ihrem Lehrerbüro stellt Ihnen das Konzept vor, das den Praxistest bereits bestanden hat.

Derzeit erarbeitet eine „Gruppe von Praktikern, die von der Robert Bosch Stiftung und der Bertelsmann Stiftung einberufen wurde“, ein „genaues Konzept“, sagt Bildungsexperte Dirk Zorn im oben verlinkten ZEIT-Interview. Dass das ein schwieriges Unterfangen ist, zeichnet sich schon ab, wenn der Bildungsexperte auch nur umreißt, wie er sich die Umsetzung vorstellt: Die ukrainischen Kinder oder Jugendlichen könnten „zuerst gemeinsam mit ihrer deutschen Klasse Sport machen, dann (...) digital zwei Stunden Ukrainischunterricht belegen, bevor sie für den Englischunterricht wieder zur Regelklasse stoßen“, schlägt er vor. Damit das klappt, müssten erst wichtige Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Vor Ort an den deutschen Schulen sollte eine funktionierende digitale Ausstattung zur Verfügung stehen. Ein Laptop für jede Lernende und jeden Lernenden, Internet sowie Zugang zu den erforderlichen ukrainischen Unterrichtsinhalten auf Lernplattformen oder über Konferenz-Tools.
  • Die (digitalen) ukrainischen Lernangebote müssten jederzeit flexibel abrufbar sein, damit sie im Stundenplan verlässlich verankert werden können. – Das könnte sich schwierig gestalten, denn momentan unterrichten häufig ukrainische Lehrkräfte von der Ukraine aus ihre „alten“ Klassen im Fernunterricht. Diese wertvolle Ressource könnte man nur nutzen, wenn der Stundenplan in der deutschen Schule flexibel auf die Unterrichtszeiten abgestimmt wird. Individuell für jede Schülerin und jeden Schüler.
  • Es sollte möglichst homogene Lerngruppen geben, denen bestimmte Lernangebote zugeordnet werden können. Das erleichtert die Organisation, spart Ressourcen bei der Betreuung und ermöglicht den Lernenden, sich untereinander auszutauschen/ zu unterstützen.
  • Damit der digitale ukrainische Unterricht Früchte tragen kann, sollten die mitbringen.

Eine funktionierende digitale Ausstattung, genug Lehrkräfte mit viel Kapazität für zusätzliche Aufgaben, weitgehend homogene Lerngruppen und dazu noch Schülerinnen und Schüler mit der Fähigkeit zu eigenverantwortlichem Lernen und hoher Medienkompetenz? Diese Voraussetzungen sind leider in den wenigsten deutschen Schulen gegeben. Am ehesten noch in Exzellenz-/Eliteschulen, wo das Drehtürmodell ja auch beheimatet ist. Und so wagen wir schon heute eine eher pessimistische Prognose für eine gelingende praktische Umsetzung des Drehtürmodells im Unterricht mit ukrainischen Schülerinnen und Schülern.

Martina Niekrawietz


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