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Entdeckendes Lernen

Eine Welt voller Wissen selbst entdecken

Kinder sind neugierig — und wer sie durch spannende Lernarrangements für entdeckendes Lernen dazu anregt, sich Wissen selbstständig zu erarbeiten, hat hoch motivierte Grundschüler, die lernen wollen.

Entdeckendes Lernen: Eine Welt voller Wissen selbst entdecken Spannend ist der Blick in die Mikro-Welt: Auf einem Forschertisch stehen Mikroskope bereit © Ilike - Fotolia.com

Im Lehrerzimmer ist eine heftige Diskussion im Gange. „Die Kinder benötigen zuerst einmal einen fundierten Input, sonst fehlt die Grundlage!“ „Aber so kann ich das nicht umsetzen“, ruft die Lehramtsanwärterin erregt. „Heutzutage wird Wert darauf gelegt, dass man den Kindern entdeckendes Lernen ermöglicht! Keiner sagt einem aber genau, wie man das in der konkreten Situation machen kann!“ „Immer dieser neumodische Schnickschnack! Wichtig ist, dass die Kinder etwas lernen!“  

In der aktuellen pädagogisch-didaktischen Diskussion wird dem entdeckenden Lernen eine wichtige Rolle zugeschrieben. Doch was versteht man eigentlich darunter? Und lernen die Kinder dabei tatsächlich? Für das Prinzip einer größtmöglichen Eigentätigkeit in einem problem- und anwendungsorientierten Unterricht traten schon die Reformpädagogen ein.

Die Idee: Umwelt und Wissen selbst entdecken und aneignen

Ursprünglich geprägt wurde der Begriff aber von dem amerikanischen Psychologen Jér?me Seymour Bruner (1915—2016). Seitdem verbindet man damit eine Methode zur Wissensaneignung, die es dem Lernenden ermöglicht, seine Umwelt selbst zu entdecken. Lernen soll demnach nicht durch die Aufnahme von vorgegebenen Regeln und Begriffen bzw. die passive Aufnahme von Wissen erfolgen, sondern im Idealfall durch die aktive, selbstständige Konstruktion eigener kognitiver Strukturen.

Dabei liegt ein Schwerpunkt auf der jeweiligen Fragestellung und dem geweckten Verlangen nach Antworten. Entdeckendes Lernen beginnt somit damit, dass etwas fraglich wird, man irritiert ist oder Zweifel bekommt. Angeregt wird das Lernen durch Beispiele, Experimente oder Konfliktlösungen. Die selbstständig erarbeiteten Erfahrungen und Erlebnisse sollten dabei im Idealfall in konkretem Bezug zur eigenen Lebenswelt der Lernenden stehen. Durch die Gestaltung einer entsprechenden Lernumgebung kann dann aus den sich ergebenden Fragen neues Lernen entstehen.

Studien haben gezeigt, dass Lerninhalte bei einer selbst gemachten Entdeckung besser verinnerlicht und behalten werden, als beim einfachen Kopieren und (Auswendig-)Lernen. Hinzu kommt die Förderung der sozialen Kompetenzen, wenn gemeinsame Ziele im Vordergrund stehen. Aus der eigenständigen Bewältigung einer Fragestellung und dem Zuwachs an Kenntnissen, kann zudem das Selbstbewusstsein des Einzelnen gestärkt und die Kreativität gefördert werden. Die Kinder erleben Selbstbestimmung und Selbstverantwortung im Lernprozess.

Die Voraussetzung: anregende Lernumgebung und der Lehrer als Berater

Damit entdeckendes Lernen gelingen kann, spielen Planung, Impulse, Offenheit, aber dennoch Zielgerichtetheit und Eigenverantwortlichkeit eine große Rolle. Der Pädagoge sollte dabei eine anregende Lernumgebung vorbereiten und als unterstützender, impulsgebender Berater bereitstehen.

In der ersten Phase der entdeckenden Auseinandersetzung sollte die Möglichkeit bestehen, unterschiedliche Ideen auszuprobieren und wieder zu verwerfen, Material zu sichten und weitere Informationsquellen zu suchen. Daraus können sich allmählich neue Fragenkomplexe entwickeln, über die man Neues herausfinden möchte.

Im Idealfall beziehen sich die Angebote zum entdeckenden Lernen auf  interessante Inhalte aus der Lebenswelt der Kinder. Fakten können im weiteren Verlauf überprüft und durch das selbstständige „Arbeiten“ wie Beobachten, Planen, Besprechen und Experimentieren persönliche Erfahrungen gesammelt werden. Diese ermöglichen eine tiefere Auseinandersetzung mit den neuen Inhalten. Die gewonnenen Erkenntnisse sollten den Schülern helfen zu verstehen, was sie im Eigenversuch erfahren haben. Dadurch wird ihnen ermöglicht, Sachverhalte  besser zu begreifen, Schlussfolgerungen zu ziehen und diese eigenständig zu erklären oder zu präsentieren. Somit können im immer stärker kompetenzorientierten Unterricht durch entdeckendes Lernen auch die Entdeckungs-, die Zielfindungs-, die Handlungs- und die Planungskompetenz deutlich gestärkt werden.

Die vier Merkmale für entdeckendes Lernen

Der Psychologe BRUNER formuliert vier entscheidende Merkmale des entdeckenden Lernens, welche ich nachfolgend kurz zusammenfassen möchte:

  1. Die Transferförderung bedeutet, dass das Kind neu gelernte Inhalte mit bereits vorhandenen Wissensstrukturen verknüpft und versucht, Gemeinsamkeiten zu finden und daraus Regeln abzuleiten. Dies gelingt umso besser, je mehr Einzelfälle das Kind kennenlernen kann.
  2. Die Problemlösefähigkeit:  Der Lernende besitzt die Fähigkeit, eine Frage selbstständig zu lösen und Hypothesen zu bilden.
  3. Intuitives Lernen bedeutet, dass durch die Vertrautheit in einem Wissensgebiet „Geistesblitze“ ermöglicht werden, und der Lernende dadurch schneller ans Ziel gelangen kann.
  4. Die intrinsische Motivation entsteht durch die geweckte Neugier gegenüber einem neuen Wissensgebiet. Da das Interesse nicht bei allen Schülern gleichartig ausgerichtet ist, sollten die Lernarrangements so gestaltet sein, dass sie durch neue, überraschende, unstimmige oder komplexe Informationen die Neugier fördern.

Die Grenzen des entdeckenden Lernens

Eine Schwierigkeit bei der Einbeziehung des entdeckenden Lernens in den Unterricht ist die Zeit und die Einteilung eines Zeitschemas. Es ist nur ungenau zu planen, welche Fähigkeiten das jeweilige Kind bereits mitbringt und wie lange es benötigt, um Dinge zu entdecken. Deshalb sollten entsprechende Einheiten großzügig geplant werden, damit man den Lernenden Raum und Zeit zur Entwicklung und Überprüfung eigener Theorien geben kann. Anzustreben ist, dass das Verhältnis zwischen Zeitaufwand und Erkenntnissen bzw. Neuzuwachs an Wissen ausgewogen ist.

Da die Lernenden im Idealfall selbsttätig bestimmen, wie, wann und was sie lernen, sind Lernergebnisse nur schwer vorausbestimmbar und weichen eventuell von der ursprünglichen Planung ab. Dies bietet aber auch eine Chance für viele neue interessante Unterrichtsaspekte.
Häufig wird auch der Anspruch kritisiert, es müsse jetzt „alles“ entdeckt werden. Tatsächlich ist dies kaum umsetzbar. Das sollte jedoch nicht zur völligen Ablehnung dieses pädagogischen Ansatzes führen, sondern ihn als eine Lernmethode neben anderen zulassen, die sich bei manchen Unterrichtsinhalten — wenn auch nicht bei allen — anbietet. Wichtig ist die vorausgehende Vermittlung eines gewissen Vorwissens durch die Lehrperson als Voraussetzung für das entdeckende Lernen, dem später die neuen — selbst gewonnenen ? Erkenntnisse hinzugefügt werden können.

Das Vorgehen, damit entdeckendes Lernen gelingt

Für die Förderung des entdeckenden Lernens sind grundsätzlich Offenheit und die Gestaltung einer anregenden, interessanten und angstfreien Lernumgebung notwendig, die auch Misserfolge zulässt,. Die Rolle des Lehrenden verschiebt sich von der des alleinigen Vermittlers von Unterrichtsstoff zum Organisator der Schüleraktivität. Wichtig ist, dass man …

  • versteht, was Kinder beschäftigt und auf ihre Interessen eingeht. Dies bedeutet, ein besonderes Augenmerk auf die Stoffauswahl zu richten.
  • an die bisherigen Erfahrungen anknüpft.
  • Partner- und Gruppenarbeiten fördert, damit die Kinder voneinander lernen.
  • flexible Organisationsformen ermöglicht.
  • Kinder durch Impulse motiviert oder zum Staunen bringt.
  • als Lehrer Kommunikationsprozesse unterstützt, hinterfragt und anregt, aber nicht autoritär führt.
  • als Lehrer hilft, Entdecktes in einen Stoffzusammenhang einzuordnen.
  • häufig Möglichkeiten zur aktiven Auseinandersetzung mit Lerninhalten bietet.
  • Eigenverantwortlichkeit und Selbstorganisation der Lernenden schult.
  • ermöglicht, die Hilfsmittel selbst auszuwählen.
  • zum Entdecken und Experimentieren ermutigt und eigenständige Versuche zulässt.
  • die Neugier der Kinder weckt und erhält.
  • Vermutungen offen diskutiert und ausprobiert.
  • Fehler zulässt und als Bereicherung für neue Denkimpulse aufzeigt (Versuch und Irrtum ist erlaubt).
  • individuelle Lernstrategien eröffnet.
  • alle Beiträge wertschätzt.
  • Kreativität zulässt.
  • Experten oder besondere Lernorte hinzuzieht.
  • Ergebnisse gegenseitig überprüfen lässt.
  • gemeinsam Lösungswege analysiert.
  • nicht „ein richtiges“ Lernergebnis erwartet, sondern offen für verschiedene Lösungsmodelle bleibt.

Die Umsetzung in der Unterrichtspraxis

Auf konkrete Beispiele zur unterrichtspraktischen Umsetzung des entdeckenden Lernens wird in weiteren Artikeln verwiesen. Nachfolgend deshalb nur eine kleine Auswahl an Anregungen, wie entdeckendes Lernen im Klassenzimmer gefördert werden kann:

  • Entdeckertisch/Forscherecke: Hier werden Materialien, Informationen und Hinweise angeboten, die zum Erkunden anregen.
  • Offene Versuchsaufgaben (z. B. Spielen mit geometrischen Formen, Knobel-quadraten …) fördern das gezielte, aber spielerische Probieren. Durch sie können Erfahrungen ermöglicht und die Fähigkeit zur genauen Beobachtung geschult werden.
  • Experimentieren in freien oder vorstrukturierten Versuchen
  • Lese- und Schreibwerkstatt zur Förderung des entdeckenden Schriftspracherwerbs

Das Fazit

Schon lange werden die schematischen, lehrerzentrierten Lernformen kritisch hinterfragt. Trotz empirischer Untersuchungen, welche die Vorteile des entdeckenden Lernens aufzeigen, gibt es bei vielen Pädagogen immer noch Vorbehalte und Unsicherheiten. Deshalb ist es wichtig aufzuzeigen, dass nicht der ganze bisherige Unterricht verändert werden muss. Es geht vielmehr um ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Steuerung und Offenheit.

Nicht jeder Unterrichtsinhalt (z. B. Bezeichnungen in der Mathematik, Rechenvorschriften etc.) kann aktiv-entdeckend gelernt werden. Neben Standardverfahren sollten aber immer wieder Lernbedingungen geschaffen werden, die die Eigenverantwortung und Selbstorganisation der Lernenden herausfordern und sie somit fördern. Eine Öffnung des traditionellen Unterrichts durch freie und problemorientierte Arbeitsformen sowie die Mischung verschiedener Unterrichtsmethoden ermöglicht die Förderung des entdeckenden Lernens in offenen, aber auch in geleiteten Lernphasen. Und wer weiß? Eventuell werden die Ergebnisse und Lösungsansätze der Kinder auch für Sie zu einer Entdeckung!

Ines Bischoff

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