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Entdeckendes Lernen

Sprache entdecken in einer Lese- und Schreibwerkstatt

Selbst Sprache und sprachliches Handeln lässt sich entdecken und das schon ab der ersten Klasse. Eine Lese- und Schreibwerkstatt ermöglicht durch entdeckendes Lernen neue Lernerfahrungen im Fach Deutsch — und das auch für schwächere Schüler.

Entdeckendes Lernen: Sprache entdecken in einer Lese- und Schreibwerkstatt Eine kleine Kiste voller Schätze, zu denen man sich Geschichten ausdenken kann © Ines Bischoff

„Sofa“ schreibt man am Anfang mit einem „s“ wie Sonne, nicht mit „z“!“, ruft Lisa Amelie zu. „Aber wie geht das „s“ nochmal?“ Eifrig suchen beide das Regal ab und während Amelie zum Bildwörterbuch greift, schnappt sich Lisa die Anlauttabelle. Stolz zeigt sie kurz darauf ihren geschriebenen Satz der Freundin, die diesen laut vorliest. Amelie  hat entdeckt, wie man so schreibt, dass ihr Text auch gelesen werden kann.

Dem entdeckenden Lernen wird in der aktuellen pädagogischen Diskussion eine wichtige Rolle zugeschrieben. Man möchte damit den Prozess des Problemlösens bei den Kindern unterstützen und ihre Methodenkompetenz ausbauen. Häufig wird mit dem Begriff  in der Grundschule das Anbieten von Experimenten oder das spielerische Ausprobieren im Rahmen des Sachkunde- oder Mathematikunterrichts assoziiert. Doch ist entdeckendes Lernen auch im Rahmen des Deutschunterrichts der Grundschule möglich. Wie kann es konkret umgesetzt werden?

Motivierende Lese- und Schreibumgebung, die neugierig macht

Um den heterogenen Voraussetzungen durch die unterschiedliche Lese- und Schreibsozialisation der Kinder gerecht werden zu können, liegt es in der besonderen Verantwortung des Lehrers, dafür zu sorgen, dass alle Schüler gelingende Lese- und Schreiberfahrungen machen können. Dazu benötigen besonders „förderbedürftige“ aber auch „starke“ Kinder eine motivierende, Interesse weckende Lese- und Schreibumgebung mit anregenden Materialien und unterschiedlichen Angeboten zur individuellen Lernentwicklung.

Nachfolgend möchte ich deshalb auf die Möglichkeiten des entdeckenden Lernens bei der Einrichtung einer Lese- und Schreibwerkstatt verweisen. Deren Konzept berücksichtigt den heterogenen Entwicklungs- und Lernstand sowie die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder. Sie ermutigt dazu, die schriftsprachlichen und mündlichen Fähigkeiten auszubauen und eigenständig individuelle Fortschritte zu erzielen. Kinder sollen hier das Lesen und Schreiben als für sie persönlich bedeutsam und erstrebenswert erfahren.

Mit dem Medium Sprache experimentieren

Wie kann eine solche Schreibwerkstatt konkret aussehen? Grundsätzlich sollte sie gemeinsame Lese- und Schreiberfahrungen ermöglichen und die Kinder dazu anregen, mit dem Medium Sprache allein und in der Gruppe zu experimentieren und sich Schrift durch vielfältige Anregungen und Handlungen zu erschließen. Die vorbereitete Lernumgebung sollte dabei vorstrukturiert und ansprechend eingerichtet werden. Zudem müssen im Vorfeld die dort geltenden Regeln klar vereinbart werden, denn nur so kann Öffnung von Unterricht gelingen.

Durch die Bereitstellung von anregendem, motivierendem Material, soll die Lese- und Schreibwerkstatt auch Kinder unterstützen, die bisher Schwierigkeiten mit dem schriftlichen Ausdruck hatten. Ziel ist es, sie zum Schreiben und Lesen zu animieren, Materialien zur Umsetzung bereitzustellen und Hilfen anzubieten.

Während in der Schuleingangsphase der Schwerpunkt auf dem Schriftspracherwerb liegt und dementsprechendes Material angeboten werden sollte, liegt der Schwerpunkt ab Klasse drei eher auf dem Ausbau des Textverständnisses, der Schreibkompetenz sowie der Förderung des kreativen Schreibens.

In der Schuleingangsphase sollten die bereitgestellten Materialien und Anregungen zunächst einen offenen, sinnlichen und kreativ-ästhetischen Umgang mit Schrift ermöglichen. Da der Schriftspracherwerb ein sehr individueller Prozess ist und die Kinder einer Klasse auf sehr unterschiedlichen Entwicklungsstufen stehen können, sollten unterschiedliche Materialien angeboten werden. Diese ermöglichen, die einzelnen Stufen des Schriftspracherwerbs in unterschiedlicher Zeit zu durchlaufen.

Lust und Zutrauen wecken, selbst zu schreiben und zu lesen

Das Lesen- und Schreibenlernen sollte als eigenaktiver Konstruktionsprozess der Kinder stattfinden können und gleichzeitig zum Experimentieren mit Sprache anregen. Beim entdeckenden Lernen werden erste Schreiberfahrungen ermöglicht und Umsetzungshilfen angeboten.

Dabei geht es darum, dass die Kinder Lust und Zutrauen am Verfassen eigener Texte gewinnen, z. B. durch folgende Übungen, die ihnen aufgezeigt werden:

  • Kinder malen Bilder und erzählen oder schreiben dazu.
  • Sie diktieren zunächst Texte zu ihren Bildern (z. B. anderen Kindern, die schon schreiben können) und schreiben später selbst dazu (erst einzelne Buchstaben, Silben, Worte, dann Sätze).
  • Sie schneiden Bilder aus und schreiben Wörter oder Sätze dazu.
  • Sie stempeln Bilder oder erhalten entsprechende Vorlagen und schreiben Wörter oder Sätze dazu.
  • Sie schreiben selbstständig erste Briefe, Witze oder schließlich ganze Geschichten-

Dafür brauchen sie Hilfsmittel, z. B.:

  • unterschiedliche Papiere, Pappen, Postkarten, Briefumschläge …,
  • eine große Auswahl an Stiften (z. B. dicke und dünne Wachsstifte, Glitzerstifte, Tintenroller, Gelstifte, Federn etc.),
  • Wasserfarben, Pinsel …,
  • Stempel, Stempelkissen, Schreibmaschine, evtl. Computer, Laptop …,
  • Locher, Klebeband, Scheren, Lineale, Anspitzer, Radiergummi, Knete, Ton, Pfeifenputzer …,
  • Bildwörterbücher, Bilderbücher, Bücher, Zeitschriften, Wörterbuch …,
  • Anlauttabellen, Anlautbilder, Geheimschriften …,
  • Schablonen, Lesefächer, Wortfächer, Bildimpulse, Kalender, Comics mit gefüllten und leeren Sprechblasen etc.

Sie benötigen also Materialien, die zum Malen und Schreiben benötigt werden oder die zum kreativen, endeckenden Umgang animieren. Zusätzlich regt zum Beispiel ein gebastelter Klassenbriefkasten, ein gemeinsames Geschichten- oder Witzebuch, ein Montagsblatt etc. zum ersten Schreiben an.

Legosteine, Steckwürfel oder Bauklötze können z. B. mit Bildern bzw. Worten beklebt und so zu unterschiedlichen Sätzen oder Erzählgeschichten zusammengesetzt werden. Die Kinder haben dabei die Möglichkeit, die Struktur von Sprache zu erkennen („Der Satz stimmt ja auch, wenn ich den Stein an den Anfang lege!“) und Geschichten zu entwickeln. Auch Handpuppen, Tierfiguren, Muscheln, Materialkisten etc. regen zum Spielen und Aufschreiben von Erlebtem an.

Fantasie und kreative Schreibprozesse herausfordern

Ab Klasse drei sollten die angebotenen Materialien so angelegt sein, dass den Schülern im Rahmen ihres Schreibprozesses Freiraum zugestanden und kreative Prozesse sowie das Spielen mit der Fantasie zugelassen werden. Dies kann z. B. durch:

  • motivierende Fotos, Bildimpulse, Kalender …,
  • Bücher, Zeitschriften, Comics, Anfänge von Geschichten, Überschriften, Briefe, Zeitungsausschnitte …,
  • Geschichten aus der Kiste (Kisten mit verschiedenen Inhalten wie beispielsweise „Tiger  Stein – Auto“. Nun soll überlegt werden, was hier wohl passiert ist und dazu gemalt oder geschrieben werden),
  • Geschichten von der Rolle mit Stichpunkten oder Bildern,
  • Geschichten aus der Streichholzschachtel (Streichholzschachtel, die mit einem Bild beklebt wurde und passende Bilder, Worte oder Satzanfänge enthält),
  • unterschiedliche Schatzkisten, Ideensammlungen … initiiert werden.

Zudem sind ausliegende Hilfen wie Wörterbücher, Satzfächer, Wortfelder, unterschiedliche Satzanfänge, Anleitungen zum Schreiben von Geschichten etc. wichtig.

Ziel sollte sein, dass die Kinder Lust und Zutrauen am Schreiben und Lesen eigener und fremder Texte gewinnen. Dabei bleibt es ihnen überlassen, wie sie mit bestimmten Anregungen umgehen bzw. welche sie für ihr eigenes Tun aufgreifen. Somit kann jedes Kind schreiben, wozu es in der Lage ist. Alle Kinder haben dadurch die Möglichkeit, im Rahmen ihrer Möglichkeiten und im Rahmen dieses Erprobungsraumes ihre Möglichkeiten zu entdecken, Lernfortschritte zu erreichen und Erfolge zu erleben.

Ines Bischoff

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