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Integration und DaZ

Sprache als Basis einer gelungenen Integration

Unsere Sprache erfüllt lebenswichtige Funktionen. Sie macht uns handlungsfähig und sorgt für Identität. Im Erstspracherwerb hilft uns die soziale Umgebung, sprachlich zu handeln. Das müssen Schüler in der Zweitsprache noch lernen. Der Unterricht in der Grundschule kann sie darin unterstützen.

Integration und DaZ: Sprache als Basis einer gelungenen Integration Kinder eignen sich ihr sprachliches Inventar im Austausch mit ihrer Umgebung an © Antonioguillem - Fotolia.com

Lange glaubte man, Säuglinge seien sprachlos (lat. infans = stumm). Doch sie lernen nach der Geburt sehr schnell, Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen und sie zur Erfüllung der eigenen Bedürfnisse (Nahrungsaufnahme, körperliches Wohlbefinden und Nähe) für sich zu gewinnen. Im Austausch mit ihrer Umgebung bauen Babys auch das eigene Inventar an sprachlichen Mitteln aus: vom Lallen über Protowörter bis hin zu den ersten Wörtern und Wortkombinationen.

Entlang der sprachlichen Entwicklung im Erstsprachenerwerb verläuft die kognitive Entwicklung, denn bei der Erschließung der Umwelt wirken sprachliche und sinnerzeugende Prozesse zusammen. So eignen sich Kinder, deren Neugier und Wissensdurst unbegrenzt sind, über Erfahrungen in der Welt Sprache an und über Sprache Wissen über die Welt. Sprache erlaubt das Weitergeben von gesellschaftlich relevantem Wissen sowie die Konstruktion von Wirklichkeit über Bezugnahme (sprachliche Darstellung von sinnlich wahrnehmbaren Sachverhalten) oder Konstitution (Erzeugung von sozialen Tatsachen wie Geld, Gesetze usw.).

Mit zunehmendem Alter besucht das Kind Bildungseinrichtungen, eignet sich weitere kommunikative Kompetenzen an, die ihm neue Kontakte erschließen und ihm helfen, immer differenziertere Situationen zu bewältigen. Es spielt und lacht, streitet aber auch und verteidigt sich. Es lernt und hinterfragt, vergleicht und debattiert. Neben der Familiensprache werden so weitere Register entwickelt: Jugendsprache, Bildungssprache, Fremdsprachen, später Fach- und Berufssprachen (vgl. dazu Terrasi-Haufe, Elisabetta / Roche, Jörg: Sprache und Integration. Wie Geflüchtete über den Deutscherwerb ihre Teilhabe sicherstellen können. In DDS 1/2016).

Sprache stiftet Identität

Neben der sozial-kommunikativen, der kognitiven und der konstitutiven hat Sprache auch eine identitätsbildende Funktion. Die Identität eines Kindes entwickelt sich sowohl durch Abgrenzungs- als auch durch Identifikationsprozesse zu bzw. mit anderen Individuen. Dies findet vornehmlich sprachlich statt und das von einer Person an den Tag gelegte Sprachverhalten spiegelt auch die Identifikation mit einer Gruppe wider. Muss ein Mensch unvorbereitet sein sprachliches und kulturelles Umfeld verlassen, wird er gleichzeitig eines Großteils seiner sozialen Kontakte sowie seiner Möglichkeiten beraubt, seine Umgebung zu verstehen und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. All dies gewinnt er erst wieder, wenn er sich neue „Sprachen“ aneignen kann.

Sprachliche Handlungsfähigkeit umfasst viele Kompetenzen

Für zugewanderte Schüler in der Grundschule wirkt die neue Umgebung erst einmal sehr fremd, doch Hörverstehen und Sprechen entwickeln sich schnell, wenn man auf freundliche Interaktionspartner trifft.  Daneben können Kinder in diesem Alter bereits auf vorausgehende Lernerfahrungen zurückgreifen. Sollte dies nicht der Fall sein, können sie sich diese, gemeinsam mit den anderen neu eingeschulten Kindern erarbeiten. In beiden Fällen sind die sprachlichen Anforderungen bei der Wissensgewinnung und -verarbeitung hoch, denn was dabei gefordert wird, sind mehr als „einfache“ Deutschkenntnisse.

Sprachliche Handlungsfähigkeit wird nach Roche & Terrasi-Haufe (Roche, Jörg / Terrasi-Haufe, Elisabetta: Lernziel sprachliche Handlungsfähigkeit. In Günther, Hartmut / Kniffka, Gabriele / Knoop, Gabriele / Riecke-Baulecke, Thomas (Hrsg.): Basiswissen Lehrerbildung, DaZ. Seelze 2017, 70-87:70) bestimmt als die Fähigkeit eines Individuums, sich grundlegend in der eigenen Lebenswelt zu orientieren und alle relevanten Situationen kommunikativ (und zwar nach Bedarf sowohl mündlich als auch schriftlich) erfolgreich zu meistern.

Sie umfasst eine ganze Reihe von physiologischen und kognitiven Voraussetzungen sowie linguistischen, sozialen und methodischen Kompetenzen. Dies bedeutet, dass neben der Fähigkeit, Laute wahrzunehmen und zu artikulieren, auch jene gegeben sein muss, Konzepte auszubilden und Äußerungen zu entwerfen und zu formulieren. Dies allein befähigt Individuen allerdings noch nicht dazu, sprachlich angemessen zu handeln. Benötigt wird dazu auch jede Menge Welt- und Situationswissen, außerdem prozedurales Wissen sowie kulturspezifisches Wissen zum Ablauf von Diskurspraktiken.

Dieses Wissen umfasst sowohl sprachliche als auch soziale Kompetenzen. Letztere wiederum beinhalten die Fähigkeit zu erkennen, wann das eigene sprachliche Handeln nicht jenem der Gesprächspartner bzw. ihren Erwartungen entspricht. In einer solchen Situation müssen strategische Kompetenzen aktiviert werden, die zur Anpassung der eigenen Handlungskompetenz beitragen, z. B. indem fehlendes Wissen in Erfahrung gebracht wird (ebd.).

Handlungsorientierter Unterricht fördert  Zugehörigkeit

All dies kann durch einen handlungsorientierten Unterricht gefördert werden. Die stärksten Antriebskräfte in diesem Alter sind, wie oben dargestellt, der Wunsch nach Anerkennung, die Neugier und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Stellt man den Kindern vielfältige problembasierte Aufgaben, die authentisch wirken und für sie relevant sind, aktiviert man genau diese Instinkte. Die Aufgaben dürfen und können sie zu zweit oder in einer Kleingruppe mit vereinten Kräften lösen.

Durch die Bezugnahme auf vorhandenes Wissen oder Fertigkeiten können sich auch sprachlich schwache Kinder einbringen und als Experten auftreten.

Beim gemeinsamen Erarbeiten einer Lösung können die Schüler sich selbsttätig und im Austausch mit Gleichaltrigen neues Wissen aneignen und zweckbezogen anwenden. Hilfestellungen werden gern angenommen, wenn sie als zielführend erkannt werden. Sowohl zur Planung, Durchführung und Reflexion von Lösungswegen muss Sprache eingesetzt werden: Es wird vorgeschlagen, nachgefragt, angenommen, aber auch kritisiert und zurückgewiesen. Für ein präsentierbares Ergebnis wird geschuftet, überarbeitet, nachgefeilt und schön geschrieben. Durch gemeinsame Erfolge entstehen Zugehörigkeitsgefühle. In einem geschützten Raum können aber auch Misserfolge konstruktiv bearbeitet sowie inhaltliche oder methodische Fehler aufgedeckt und verbessert werden.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung dieser Aspekte finden Sie im Beitrag „Handlungsorientierter Fachunterricht fördert die Sprachbeherrschung“.

Elisabetta Terrasi-Haufe

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